Nachdenkliches ·Politik ·Soziales

Stell Dir vor, es ist EM (WM, Olympiade, Eurovison Song Contest, etc.) und keiner geht / guckt hin

Früher habe ich Großevents mal ganz gerne am Fernseher verfolgt: WMs, EMs, Olympiaden, hier und da mal Formel-1-Rennen oder auch den Eurovision-Songcontest. Langsam aber sicher will ich das alles nicht mehr sehen und zwar nicht, weil es mich plötzlich nicht mehr interessieren würde (naja, gut einiges muss ich auch nicht mehr unbedingt haben), sondern wegen der Begleitumstände.

Mich nervt extrem, dass es zunehmend so läuft, dass einige Wenige sich mit sowas eine goldene Nase verdienen, Korruption (z.B. in den obersten Sportgremien und in den Ländern, in denen die Veranstaltungen stattfinden) ganz normal zu sein scheint, angeblich solche Ereignisse (vor allem Sport) ja sowas von »unpolitisch« sein sollen, tatsächlich aber sehr wohl politisch sind bzw. Spuren und zwar leider eher negative in der Politik der jeweiligen »gastgebenden« Länder hinterlassen und die »normalen« Menschen in den Ländern eher Nach- als tatsächlich Vorteile davon haben und am Ende unter Umständen sogar noch mit einer Menge Schulden, weil sich die Länder an den Events finanziell verhoben haben.

Als 2008 die Olympischen Spiele in Peking stattfanden, wurden z.B. von der Regierung Häuser zwangsgeräumt und abgerissen, weil man den Platz für Stadien und andere Einrichtungen brauchte. Auch Ni Yulan und ihr Mann waren davon betroffen und wagten es, zu protestieren und sich für die Opfer dieser Landenteignungen zu engagieren. Die chinesische Regierung machte kurzen Prozeß und sperrte sie noch vor Beginn der Olympiade für zwei Jahre ins Gefängnis. Aufgrund physischer Misshandlungen und mangelhafter medizinischer Versorgung in der Haft ist Ni Yulan heute auf den Rollstuhl angewiesen. Anfang des Monats wurde sie erneut zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt worden, ihr Ehemann Dong Jiqin muss für zwei Jahre ins Gefängnis.

Und die entsprechenden verantwortlichen Gremien des Olympia-Zirkus? Sind längst weitergezogen, fühlen sich dafür nicht verantwortlich und kümmern sich nicht (soweit ich recherchiert habe). Warum auch? Sie haben ihre Spiele gehabt, ihr Geld verdient und die nächste Olympiade steht ja schon vor der Tür. Was juckt die, ob da in China ein Reissack (eine Frau, die sich gegen die Ungerechtigkeit wehrt) umfällt?

In Aserbaidschan findet bald der Eurovision Song Contest statt und ja, ich weiß, da ist schon einiges zu geschrieben worden. Und was sind die Vorwürfe? Korruption, Zwangsräumungen und Menschen, die weil sie sich wehren dafür ins Gefängnis wandern. Aber egal: Hauptsache die Party steigt, da kann man mal in ein exotisches Land reisen, wo doch die Menschen so freundlich und hilfsbereit sind und das so schöne Landschaften hat und überhaupt, sooo schlimm wird es schon nicht sein. Für viele scheint die größte Sorge zu sein, dass kein schwuler Eurovison Song Contest-Tourist in Baku zusammengeschlagen wird. Das gäbe dann echt schlechte Presse und die will doch keiner, oder?? Ein bisschen kritische Berichterstattung durch die Medien und wir haben unser Feigenblättchen fein angelegt und können einen lustigen Abend verbringen und dann wieder ab nach Hause (ob die Häftlinge nach dem Abend auch wieder nach Hause dürfen - vorausgesetzt natürlich, ihr Zuhause ist nicht inzwischen platt gemacht worden?).

Letztes Wochenende das umstrittene Formel-1-Rennen in Bahrain, während es im Hintergrund zu blutigen Zusammenstößen kommt und das Volk gegen seine politische Führungsclique demonstriert und aufsteht. Aber bitte, es geht ja schließlich nicht »nur« um Autorennen, es geht um viel viel Geld und da kann man dann wirklich nicht so zimperlich sein und so ein Rennen nicht stattfinden lassen. Und am Ende hat ja sogar Vettel gewonnen und für »uns Deutsche« hat sich das Wochenende damit ja auf jeden Fall gelohnt! Wie schön, es gab auch ein wenig kritische Berichterstattung. Na, dann ist ja alles in Ordnung!

Und die anstehende Fußball-Europameisterschaft? Die findet ja in Polen und der Ukraine statt und was hören wir aus der Ukraine? Korruption ohne Ende und man sch*sst auf die einfachen Bürger. Wer das Maul aufmacht und sich gegen Ungerechtigkeit wehrt, wandert ins Gefängnis. ARD und ZDF haben brav schon angekündigt, sie wollen »kritisch« über die Situation in der Ukraine berichten. Na, dann ist ja wieder alles in Butter und die Fußballfans können sich ganz auf das »schönste Spiel der Welt« konzentrieren. Und die Verantwortlichen der UEFA blasen eifrig mit den führenden Politikern der Ukraine ins Horn, das der Welt verkündet, dass Sport ja vöööllig unpolitisch ist und naja, vielleicht vielleicht ja sogar einen positiven Effekt auf die politische Lage im Land haben könnte (ein schon oft gemachtes Versprechen von Sportfunktionären, das meines Wissens nach selten auch wahr wurde), was die Masse von uns anscheinend immer noch gerne glauben möchte.

Ansonsten glaube ich nicht, dass die Sportfunktionäre (egal welcher Verbände) und für solche Großevents Verantwortlichen sich um solche »Peanuts« viele Sorgen machen. Sie wissen doch ganz genau, wie das Spielchen läuft. Bisschen Unruhe im Vorfeld, die man schnell mit ein paar Beruhigungstropfen in den Griff kriegt, dann das Event und große Party, ein paar wenige machen den großen Reibach und die Karawane zieht weiter … ob verbranntes Land und in Gefängnissen verrottende Menschen hinterlassen werden, interessiert die Masse dann eh nicht mehr groß. Den paar »radikalen« Menschenrechtlern von Amnesty oder Menschenrechtsbeauftragten mancher politischer Gremien, geht die Arbeit wenigstens nicht aus und gut ist. Ich könnte k*tz*n!!

Wo bitte findet das nächste gigantische, grandiose, super-duper Großevent statt??

Ehrlich, mir ist die Lust auf diese ganzen Veranstaltungen längst vergangen. Ich will kein (noch so passiver) Teil von solchen Szenarien sein. Allein der Gedanke, dass ich daheim auf dem Sofa rumlümmele, mir ein paar Chips (oder was auch immer) reinschiebe und begeistert Sport sehe oder irgendwelchen Sängern lausche, während Menschen, die wegen genau dieser Veranstaltungen ins Gefängnis gewandert und im schlimmsten Fall sogar gerade zeitgleich von irgendwelchen sadistischen Ärschen misshandelt (gefoltert) werden, dreht mir den Magen um. Es ist so leicht, diese Wahrheiten zu verdrängen und sich auf diese »Events« mit all ihrem Glitter und Glanz einzulassen, es ist so verlockend, besonders wenn man sich für die jeweiligen Sportarten auch noch interessiert aber hier ist längst etwas mächtig schief gelaufen und ich habe kein Lust mehr, Teil der weiterziehenden Karawane zu sein (weder aktiv noch passiv).

Da kann man halt nix machen? So ist es halt das Leben? Was juckt es die Verantwortlichen, wenn ich (oder einige wenige andere) uns diesen Events verweigern, wenn die Masse doch mitzieht? Egal, aber ich will mir im Spiegel noch ins Gesicht sehen können und das fällt mir in diesen Zusammenhängen immer schwerer. Was wäre, wenn immer mehr Menschen die Live-Übertragungen einfach nicht mehr anschauen? Irgendwann rechnen sich die Kosten dann auch für die Fernsehsender nicht mehr. Millionenbeträge werden da gezahlt, um Olympiaden, WMs, EMs und andere Großevents live übertragen zu dürfen. Wie tief müsste die Quote sinken, bevor die Senderverantwortlichen anfingen, sich zu fragen, ob sie wirklich diese Millionen (übrigens von unseren Gebühren bezahlt!) weiter rausfeuern wollen?

Liest noch jemand mit, oder seid Ihr inzwischen längst alle ausgestiegen und habt müde abgewunken? Ich weiß, es gibt nix Neues unter der Sonne und »Brot und Spiele«, das hat schon bei den Römern bestens gezogen, selbst wenn in der Arena die Christen oder andere »Volksfeinde« von Raubtieren zerrissen oder ans Kreuz genagelt oder bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Was soll’s? Hauptsache es gab vernünftige Snacks und man traf seine Freunde und hatte Spaß zusammen. Wer will denn da ein Spielverderber, eine Spaßbremse oder Kassandra sein?

Kommentar hinterlassen

Nachdenkliches ·Politik ·Soziales

Aufreger

In den deutschen Bundesländern werden in Kürze rund 15 Tonnen Impfstoff-Dosen des Mittels Pandemrix vernichtet. 34 Millionen Impf-Dosen zum Preis von 303,2 Millionen Euro waren im Zusammenhang mit der Schweinegrippe vor zwei Jahren gekauft worden. Eigentlich sollte sich mindestens jeder 3. Deutsche impfen lassen, doch zum einen fiel die Schweinegrippe längst nicht so schlimm aus, wie erwartet und zum anderen ließen sich nur wenige tatsächlich impfen. Von den insgesamt 34 Millionen erworbenen Impfstoff-Dosen sind 28,7 Millionen übrig geblieben, die nun als Sondermüll vernichtet werden sollen. Damit bleiben die Länder auf Kosten von rund 250 Millionen Euro sitzen. Die Krankenkassen zahlten nämlich nur für Dosen, die auch genutzt wurden. Alle Versuche, den Impfstoff Pandemrix ins Ausland zu verkaufen, sind gescheitert, weil es weltweit keinen Bedarf gab.

Regt sich da eigentlich außer mir sonst noch jemand drüber auf? Was für eine Verschwendung von Steuergeldern! Was hätte man mit dem Geld alles sinnvolles anfangen können?! Natürlich wenn eine Epidemie droht, muss der Staat (zumindest wenn er so organisiert ist wie unserer) angemessen (!) Vorsorge treffen aber mir kam es schon damals so vor, als ob die verantwortlichen Politiker eher Panik geschoben und basierend darauf hektisch agierten, als tatsächlich aufgrund von Fakten und sachlichen Analysen Entscheidungen getroffen haben.

Ich frage mich, wer ist für diese Fehlentscheidungen (und die damit verbundenen Kosten) eigentlich verantwortlich? Wer wird zur Rechenschaft gezogen. Mir kommt es vor, als ob jetzt alles (fast heimlich) in den (Sonder)Müll gekippt wird und gut ist. Schwamm drüber, was soll’s, etc.

Deutschlands Bürger sollen für alles mögliche zahlen. Die eigenen Schulden sollen abgebaut werden (richtig so!), der Rettungsschirm für die EU mitfinanziert werden, wir zahlen immense Kosten auch für die Auslandseinsätze unserer Soldaten in Afghanistan und wo sie sonst noch zum Einsatz kommen, etc. Derweil fehlen z.B. in Kindergärten, Schulen und Universitäten die Gelder für vernünftige Materialien, Einrichtungen etc. Fehlt es in den Ländern und Städten an Geldern, um dringend nötige Investitionen zu machen und und und … können wir es uns echt leisten, dass Steuergelder so verpulvert werden, wie gerade jetzt wieder in Form von Impfdosen?

Kommentar hinterlassen

Kulinarisches ·Politik ·Soziales

Frisch auf den Müll

Unsere Großeltern auf jeden Fall und unsere Eltern, so sie Kriegskinder waren, vermutlich auch, gehörten noch zu denen, die unmöglich oder nur sehr schwer Lebensmittel wegwerfen konnten. Sie hatten am eigenen Leib erfahren, was Hunger ist. Diese Lektion haben sie den Rest ihres Lebens nicht mehr vergessen.

Meine Generation und die nachfolgende kennen keinen Hunger. Wir sind inmitten des Lebensmittelwohlstands aufgewachsen. Es gab immer mehr, immer günstiger, immer exotischer, immer, immer, immer … gibt es nicht. Irgendwann schlägt das Pendel auch wieder zurück. Jedenfalls, heute werden Lebensmittel schnell fortgeworfen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Unmengen Lebensmittel werden vernichtet, bevor sie überhaupt in den Läden oder gar auf unserem Tisch landen. Die Dokumentation »Frisch auf den Müll« befasst sich mit diesem Thema und ist sehenswert. Nehmen Sie sich die Zeit! Teil 1, Teil 2, Teil 3

»Taste The Waste« nennt sich die Plattform, auf der man mehr zum Hintergrund des Films erfahren kann und die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen.

via Anke Gröner

Kommentar hinterlassen

Fotografie ·Politik ·Soziales

Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Serie Fort Europe part 1 - Calais, France - © Carsten Snejbjerg

Der Däne Carsten Snejbjerg ist ein renommierter Fotojournalist, der immer wieder beeindruckende Geschichten aufgreift und Fotoserien erstellt, in denen er die Augen des Betrachters auf die Ecken der Welt lenkt, die wir sonst häufig ausblenden.

So fotografierte er in dem »Dschungel«, wie das Areal in Calais genannt wird, wo Flüchtlinge auf der Straße leben, sich in Abwässern duschen und auf den Absprung in die westliche Wohlstandsgesellschaft hoffen. Die Serie trägt den Titel »Fort Europa« und er erhielt im vergangenen Jahr den von der Hilfsorganisation CARE gestifteten Preis für humanitäre Fotografie. Die komplette Serie mit den dazugehörigen informativen Details, ist auf seiner Webseite zu sehen, wie natürlich auch seine anderen Arbeiten.

Kommentar hinterlassen