Fragmente ·Nachdenkliches

Fragmente #17

Wenn es einem in dieser Pandemie-Zeit gut geht, und sei es nur für einen Tag, oder eben mehr, dann scheinen viele zu denken, das muss einem in den Schoß gefallen sein. Dass es einem nur gut gehen kann, weil man über wer weiß was für Privilegien verfügt. Oder, dass man ignorant durch diese Welt und das Leben gehen muss, weil sonst könnte es einem ja gar nicht gut gehen.

Es ist dieses schwarz-weiß-Denken, dieses entweder-oder-Denken, das hinter vielen aktuellen Konflikten zwischen Menschen steckt.

Und natürlich, wie könnte irgendjemand in dieser Weltgegend behaupten, dass Privilegien keine Rolle spielten. Aber sie sind eben nicht alles, denn dann müssten wir alle super drauf und glücklich sein.

Wir sind alle miteinander süchtig. Süchtig nach dem Drama. So süchtig, dass wir es ohne Drama kaum aushalten. So süchtig, dass wir das Drama notfalls selbst inszenieren, oder die von anderen inszenierten Dramen dankbar aufnehmen. Nur Dauerdrama ist anstrengend und ermüdet. Aber wir können und wollen oft auch gar nicht anders. Wer Drama um sich hat, ist ja auch viel interessanter, als diejenigen, die Tag ein, Tag aus, ganz undramatisch ihr Leben leben. Die werden oft als langweilig verunglimpft.

Wir wollen die Geschichtenerzähler, vor allem die, die dramatisch erzählen können, inklusive Cliffhanger und am besten natürlich auch noch mit Happy End.

Nichts gegen Geschichten, nichts gegen gute Geschichtenerzähler, das ist Teil der Menschheits-(Achtung!)Geschichte. Aber wenn alles von möglichst allen irgendwie zur Geschichte, zum Cliffhanger und zum Drama aufgeblasen werden muss, dann stimmt irgendwas nicht mehr. Und erst recht nicht, wenn wir nicht mehr unterscheiden können, was Geschichte und was Fakt ist, was erzähltes oder gar erfundenes Drama ist, und was nicht. Wenn alle Energie, alles Engagement, alle Zeit und alles Geld dafür verbraucht werden, mit diesen Scheindramen zu agieren und umzugehen, müssen wir uns nicht wundern, wenn andere Dinge übersehen, vernachlässigt und nicht angegangen werden. Dinge, die uns wirklich weiterbringen würden, die wirklich etwas verbessern würden. Auch das können wir im Kleinen wie im Großen beobachten. Sei es im öffentlichen Leben, in der Politik oder auch im privaten Bereich.

Dieser Drama-Ansatz, diese Sucht nach Drama ist überall zu beobachten. Auf Twitter, auf Facebook und anderen Plattformen, in den Talkshows, in Nachrichtensendungen und Zeitungsartikeln, in persönlichen Gesprächen. Das schürt viel unnötige Unruhe, Ängste und auch Konflikte. Und am Ende wundern wir uns, wenn es uns allen eben nicht mehr gut geht, und fühlen uns wohlmöglich sogar irgendwie schuldig, wenn wir nicht mit Drama aufwarten können.

Manche, sind dann irgendwann so erschöpft und ermüdet von dem ganzen Drama, dass sie sich zurückziehen, dass sie die Notbremse ziehen, ihre Twitter- und Facebook-Accounts schließen, und von nichts mehr irgendwas wissen wollen. Auch über sie werden häufig vernichtende Urteile gefällt. Ignorant ist noch harmlos. Du engagierst Dich nicht? Du schürst das Feuer des Dramas nicht weiter mit an? Wie kannst Du nur?!

Warum trauen sich viele Menschen kaum zu sagen, dass es ihnen (gerade) gut oder schlecht geht? Warum können sich so wenige mitfreuen, oder aufrichtig Anteil nehmen, wenn jemand sagt, es geht im gut oder schlecht? Ist dieser jemand zufällig die beste Freundin, der beste Freund, oder jemand, der uns sympathisch ist, dann schaffen wir es vielleicht, uns mitzufreuen und das sogar zu sagen, oder demjenigen beizustehen, aber je fremder uns der oder die andere sind, desto schneller regen sich Missgunst und Anschuldigungen.

Und überhaupt dieser furchtbare Mechanismus, der überall ebenso zu beobachten ist. Jemand sagt, ihm geht es gut und schon regen sich zig andere, denen es vielleicht gerade - aus guten Gründen nicht gut geht - auf und fühlen sich angegriffen. Warum fällt es immer mehr Menschen offensichtlich immer schwerer zu ertragen, dass beides möglich ist? Warum wird auch das gleich wieder zum Konfliktfeld? Du darfst Dich nicht gut fühlen, wenn es mir gerade nicht gut geht und umgekehrt, Dir darf es nicht schlecht gehen, wenn es mir doch gerade gut geht! Tue das oder lass das, damit es Dir wie mir geht! Dass beides parallel sein kann übersteigt mittlerweile bei vielen den Vorstellungshorizont. Dass der bloße Fakt, dass es jemandem gut oder schlecht geht, noch kein Angriff auf den eigenen Befindlichkeitszustand bedeutet, kein Vorwurf ist, dass man etwas »falsch« macht, weil man nicht auch gut drauf ist (oder eben schlecht), das begreifen viele nicht (mehr).

Ja, für viele ist es schon undenkbar, dass es einem innerhalb eines Tages gut und schlecht gehen kann. Wir sind Menschen mit Gefühlen und Emotionen und die kommen und gehen. Ich kann morgens aufwachen, und es geht mir gut, und ich bin glücklich. Und dann passiert irgendeine Kleinigkeit, und es geht mir unter Umständen schon nicht mehr ganz so gut, und ich bin nicht mehr ganz so glücklich.

Dummerweise haben wir Menschen die Tendenz, dass uns das Negative stärker in Erinnerung bleibt, als das Positive. Psychologen können das ganz gut erklären und belegen. Wir haben die Tendenz, uns am Negativen festzuhaken. Das kann man ganz leicht überprüfen. Man hat eigentlich einen schönen Tag, es geht einem gut, und dann sagt oder tut irgendjemand etwas, das uns ärgert, oder verletzt, und den Rest des Tages ärgern wir uns weiter, denken daran herum und haben schlechte Laune. Fünf Minuten, oder lass es eine Stunde sein, die unangenehm und unschön war, lassen uns den ganzen Tag »in die Tonne treten«.

Wir vergessen oft, dass wir diese Tendenz haben, und so verbringen wir viel Zeit in und mit diesem Negativen.

Übrigens, wenn wir die Sucht nach dem Drama in den Griff bekommen, graben wir gleichzeitig auch all jenen das Wasser ab, die mit voller Absicht die Dramen schüren, um alle und alles zu destabilisieren und zu zerstören. Aber es ist eben leider bei vielen schon lange nicht mehr nur eine schlechte Angewohnheit, das Drama zu mögen und zu zelebrieren. Es ist eine Sucht und Menschen, die süchtig sind, verhalten sich nun mal leider meist nicht mehr rational und vernünftig. Selbst wenn sie ahnen oder wissen, das ihnen etwas sehr schadet, sie können und wollen nicht davon lassen.

Die gute Nachricht ist: Wir können uns selbst entscheiden. Wir haben eine Wahl. Wir können selbst entscheiden, wie viel Zeit und Raum wir den Dingen einräumen, wie lange wir im negativen Bereich bleiben wollen. Wir können uns entscheiden und sagen, »Okay, das war jetzt wirklich sehr unerfreulich, das hat mich geärgert oder was auch immer, aber jetzt ist auch gut damit« und uns wieder dem Positiven zuwenden.
Es geht nicht darum, das Negative zu verneinen oder nicht anzuerkennen. Es geht darum, es nicht künstlich zu verlängern, nicht aus jedem noch so kleinen Anlaß ein Drama zu machen und dann ständig das Drama weiter zu befeuern.

Wenn es uns gelingt, unsere Sucht nach dem Negativen und dem Drama zu überwinden, wird es uns besser gehen, den Menschen um uns herum ebenso, viele Konflikte werden beigelegt oder entstehen gar nicht erst, und wir haben es alle miteinander leichter.
Es sich nicht unnötig schwerer zu machen, als es gerade eh schon ist, sollte doch eigentlich unser aller Ziel sein.

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Nachdenkliches ·Soziales

Intellectually dead by choice

“The saddest part about getting older is seeing how intellectually dead some of my friends have chosen to become.”

Ich las kürzlich diesen Satz, gesprochen von einem alten Vater, und dachte bei mir, dass das auch so ein Aspekt des Älterwerdens ist, den einem kaum einer (vorher) erzählt. So etwas sagt man doch nicht! Das denkt man sich höchstens. Eine unangenehme Wahrheit. Ein Aspekt des Alters, über den man selten überhaupt mal etwas hört oder liest.

Vielleicht erzählt es einem aber vorher auch niemand, weil man es sich als junger Mensch oder mindestens als Mensch, der noch nicht in die Kategorie »alter Mensch« gehört, schlicht nicht vorstellen kann, und schon gar nicht von sich selber. Wir glauben doch alle, dass wir bis ins hohe Alter geistig frisch und interessiert an allem und jedem bleiben.

Aber die Wahrheit ist: dem ist nicht so. Die Masse hört früher oder später auf, sich zu interessieren, immer noch dazu lernen zu wollen, das Diskutieren, das Kreuzen der intellektuellen Klingen. Ich bin nicht sicher, woran es liegt. Vielleicht ist es auch ein Bündel an Gründen.

Vielleicht wird der Körper mit seinen zunehmenden Altersgebrechen einfach zu fordernd, und es bleibt nicht mehr genügend Zeit und Kraft für das Geistige.

Vielleicht wird einem alles fade, weil »Es gibt nichts Neues unter den Sonne«, alles ist schon mal dagewesen, es reiht sich Wiederholung an Wiederholung und der Geist ist es müde, sich immer wieder neu damit auseinanderzusetzen.

Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass irgendwann der Effekt einsetzt, dass einen vieles nicht mehr betreffen wird. Nach mir die Sintflut! Also, warum noch groß darüber nachdenken, sich damit im Detail auseinandersetzen, Zeit und Kraft dafür aufwenden, wo doch beides am Ende eines langen Lebens so rar ist?

Vielleicht ist am Ende irgendwann einfach zu selten noch Gelegenheit, sich mit anderen über intellektuell anspruchsvolle Themen auszutauschen. Wenn die Freunde (aus der gleichen Altersklasse) nur noch von ihren körperlichen Gebrechen und ihren Kindern und Enkelkindern (so die überhaupt vorhanden sind) zu berichten wissen, vielleicht noch über den Schrebergarten oder ab und an eine unternommene Reise. Und wenn ein Teil der Freunde, mit denen man früher wunderbare Gespräche über intellektuell anspruchsvolle Themen führen konnte, unwiderruflich in der Demenz verschwinden.

Oder man vereinsamt schlicht und einfach, weil man das hohe Tempo der Jüngeren für sich nicht mehr aufrechterhalten kann. Und dann verstummt man nach und nach, und es scheint nicht mehr viel Sinn zu machen, sich intellektuell beweglich zu halten. Für wen denn noch - ausser für sich selbst. Ja, reicht das denn nicht? Wenigstens für sich selber?

Aber man selber kämpft dann vielleicht auch schon mit körperlichen Einschränkungen. Und dann sitzt man in seinen vier Wänden und weiß irgendwann nicht mal mehr, wie man sich intellektuell noch füttern soll. Das Lesen ist anstrengend geworden, weil die Augen nicht mehr recht wollen oder können. Radiobeiträge oder Podcasts anhören ist auch viel anstrengender als früher, wenn die Ohren nachlassen. Und wenn es - je nach körperlichem Zustand oder finanziellen Möglichkeiten - auch nicht mehr oder nicht mehr oft - möglich ist, eigenständig zum Beispiel zu Ausstellungen, in Konzerte oder nur zur nächstgelegenen (hoffentlich gut bestückten) Bibliothek zu fahren, um sich ein bisschen zu »füttern«, was dann?

Ich frage mich, wie es sich anfühlt und was es in einem auslöst, wenn man bemerkt, dass Freunde, mit denen intellektuell anspruchsvolle Gespräche möglich waren, daran plötzlich oder schleichend kein Interesse mehr haben. Ich kann mir vorstellen, dass einen das traurig macht. Dass es eine echte Enttäuschung sein kann, zumal wenn man selber noch nicht in diesem Stadium angekommen ist, und vielleicht bei sich denkt, der Freund, die Freundin könnte/müsste/sollte doch … nur um dann feststellen zu müssen, dass sie nicht mehr können und wollen.

Und überhaupt, was macht eine solche Entwicklung mit einer Freundschaft, die neben der persönlichen Sympathie, von diesem regelmäßigen angeregten intellektuellen Austausch geprägt war. Wenn man sich ein Leben lang gegenseitig mit und durch diese Gespräche befeuert und angetrieben hat? Wenn man das Kreuzen der intellektuellen Klingen gemeinsam immer so genossen hat?

Oder wie es sich anfühlt, wenn man bemerkt, dass man selber kein gesteigertes Interesse mehr an solchen Gesprächen hat, obwohl man sich das nie hat vorstellen können, weil man doch in jüngeren Jahren sicher war, dass man so nie nie werden würde!

Ich frage mich, wie es sich anfühlt, wenn man sich irgendwann vom Grab des letzten Freundes, der letzten Freundin, mit dem/der noch intellektuell anspruchsvolle Gespräche möglich waren, abwendet und weiß: das war es jetzt für mich mit dieser Art Gesprächen. Weil nur noch ein Wunder einem nochmal einen Menschen ins Leben führen würde, mit dem solche Gespräche regelmäßig möglich wären.

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Allgemein ·Nachdenkliches

Sichtweisen

Ich lernte heute, dass die Farbe Blau - meine Lieblingsfarbe - im Mittelalter als eine warme Farbe galt, während wir sie heute zu den kalten Farben zählen.

Blau wurde als niedere, ja barbarische, Farbe angesehen. Deshalb dauerte es bis zum 12. Jahrhundert, bis die Farbe in adeligen Wappen auftauchte, und erst im 13. Jahrhundert wurde sie zum Königsblau.

Faszinierend! So ändern sich die Dinge bzw. Sichtweisen. Darüber kann man mal nachdenken.

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Nachdenkliches

Nachklapp zur Sprachlosigkeit

Mir fiel plötzlich das Sprichwort »Reden (und Schreiben?) ist Silber, Schweigen ist Gold« ein.

Vielleicht erlebe ich ja gerade eine goldene Zeit und merke es nicht?

Vielleicht würden wir alle ja wieder goldenere Zeiten erleben, wenn wir alle nur wieder mehr schweigen würden?

Schweigen kann ja manchmal durchaus klug sein. Sich nicht vom großen Geschrei mitreißen lassen.
Den Mut haben zu schweigen, gerade dann, wenn viele sagen: Gerade jetzt muss man sprechen!
Den Mut haben, zu schweigen, weil man weiß, dass das, was man sagen würde, so oder ähnlich schon hundertfach gesagt ist?
Oder weil man weiß, dass das, was man zu sagen hätte, gerade kaum einer hören will?
Oder weil man weiß, dass jedes weitere Wort nur noch mehr Öl ins falsche Feuer gießen würde?
Die Kraft zu haben, das Schweigen aus- und durchzuhalten.
Nicht zu glauben, zu allem seinen Senf dazugeben zu müssen.
Die Haltung zu haben, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, dass man glaubt, andere müssten unbedingt hören/lesen, was man zu sagen hätte.

Schweigen kann auch eine Form von Widerstand sein - vielleicht gerade in einer Zeit, in der viele sich gegenseitig mit Geschrei zu übertönen suchen.

Die Weisheit haben, zu wissen, wann zu reden und wann zu schweigen. Nicht reden, um des Redens willen. Nicht schweigen, um des Schweigens willen.

Vielleicht wäre mehr Schweigen nicht nur Gold, sondern eine Art von Optimismus?!

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Nachdenkliches ·Politik ·Privates ·Soziales

Vom Balancieren und Stürzen und der schrecklichen Sprachlosigkeit

Das neue Jahr ist da.

Ich frage mich, was wird es uns allen bringen? Das fragt man sich natürlich jedes Jahr aufs Neue, und am Ende bleibt doch nichts anderes, als einfach abzuwarten, was kommen wird.

Ich übe mich also in Optimismus, und kippe doch dauernd vom dünnen Optimismusseil. Dann klettere ich langsam wieder aufs Seil, nur um kurz darauf erneut, wild mit den Armen rudernd, herunterzufallen.

Schön ist das nicht. Ich wünschte, ich könnte die optimale Optimismus-Balance finden, und mich wenigstens etwas länger auf diesem Seil halten. Wie oft muss man vom Optimismusseil fallen, bis man die Balance heraus hat. Wann ist man einmal zu viel vom Optimismusseil gefallen, und findet sich damit ab, dass das nichts mehr wird mit dem Optimismus?

Ich liebe Worte. Ich lese gerne Worte. Ich höre gerne Worte. Ich schreibe gerne Worte. Ich spreche gerne Worte. Aber seit einer Weile scheue ich zurück vor den Worten. Ich scheue zurück vor Worten, die ich lese(n muss), vor Worten die ich höre(n muss).

So viele Worte, die durch die Luft fliegen, die mir geschrieben werden, die mir ins Auge springen oder ins Ohr geflüstert werden, handeln von schrecklichen Dingen, erzählen traurige Geschichten oder düstere Geheimnisse, flüstern von Ängsten, Sorgen und Albmahren.

Manche der Worte sind hässlich wie die Nacht, manche Wörter reißen in düstere Abgründe, verletzen mit ihren scharfen Kanten und Ecken. Manche Worte sind hohl und leer, oder verlogen oder verächtlich.

Ich bin randvoll mit Worten, aber sie weigern sich über meine Zunge zu kommen, oder durch den Stift oder die Tastatur aufs Papier oder den Monitor.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich ersticke an all diesen unausgesprochenen und ungeschriebenen Worten. Ich frage mich, welchen Sinn macht es, zu all den Worten die schon da sind, nur noch mehr hinzuzufügen? Sind nicht längst zu viel der Worte gemacht?

Viele Menschen glauben ja, wer nicht spricht oder schreibt, hat nichts zu sagen. Das kann natürlich manchmal sein, aber viel öfter stimmt es eben nicht.

Ich habe mir gedacht: Wenn es mit den Worten nicht klappt, auch nicht weiter schlimm. Lass Taten sprechen!
Manchmal klappt das tatsächlich. Aber längst nicht in dem Ausmaß, wie ich es mir wünschen würde. Denn auch die Taten erscheinen mir immer lächerlicher. Der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. So klein und unscheinbar, so lächerlich, so viel zu kurz, so … .

Und dann ermahne ich mich wieder zum Optimismus. Viele kleine Tropfen ergeben am Ende ein Rinnsal, ein Rinnsal kann zum Bach werden, der Bach zum Fluß und am Ende das große weite wilde schöne Meer.

Wenn viele Menschen kleine Tropfen beisteuern, das wäre doch hoffnungsvoll! Wenn jeder denken würde, ach, es ist nur ein Tropfen, das hat keinen Sinn, dann, ja dann kann es nichts werden mit der Hoffnung und dem Optimismus und dem Gegenhalten und Widerstand leisten und das Ruder herumreißen und ach so vielem.

Ich klettere also wieder auf das Optimismusseil und versuche ein paar Schritte.
Ich übe mich darin Worte auszusprechen oder zu schreiben. Optimistische, positive, gute, konstruktive, ermutigende, tröstende Worte.

Ich öffne meinen Mund, um sie auszusprechen, denn sie sind ja da in mir, und es kommt: nichts. Nur ein großes hallendes Schweigen.

Ich versuche es mit dem Schreiben. Ich ringe um Worte, um Sätze, um Formulierungen, und am Ende sitze ich inmitten zerknüllter und zerrissener Zettel, oder mein Finger fällt am Ende doch wieder schwer und gnadenlos auf die Delete-Taste, weil die Worte nicht passen wollen.

Ein Spaß ist das alles nicht. Ich leide darunter.
Ich leide darunter, Menschen, denen ich nur zu gern Mut machen würde, keine Mut machen zu können.
Ich leide darunter keine Worte des Trostes zu finden, für diejenigen, die Trost brauchen.
Ich leide darunter, nicht mal mehr ein simples »Es tut mir so leid!«, herauszubringen.
Ich leide darunter, für unbeteiligt oder desinteressiert zu gelten, für unempathisch oder (am schlimmsten) für treulos gehalten zu werden,
weil ich schweige.

Ich habe von einer Freundin erfahren, dass es ihr ähnlich geht. Und irgendwann haben wir uns gemeinsam darüber gewundert, warum dieses Schweigen nicht zur Abwechslung mal über all jene kommt, die so viel Hass und Gift in ihren Worten verspritzen. Aber die scheinen überhaupt keine Probleme zu haben, Worte zu finden, auszusprechen oder auf Papier und Monitore zu bringen.

Das neue Jahr ist da.
Ich übe mich darin, aufs Optimismusseil zu klettern, mir beim Herunterfallen nicht sämtliche Knochen und den letzten Rest Mut zu brechen, und wieder und wieder aufzustehen, um wiederum aufs Optimismusseil zu klettern …

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