Nachdenkliches ·Soziales

Intellectually dead by choice

“The saddest part about getting older is seeing how intellectually dead some of my friends have chosen to become.”

Ich las kürzlich diesen Satz, gesprochen von einem alten Vater, und dachte bei mir, dass das auch so ein Aspekt des Älterwerdens ist, den einem kaum einer (vorher) erzählt. So etwas sagt man doch nicht! Das denkt man sich höchstens. Eine unangenehme Wahrheit. Ein Aspekt des Alters, über den man selten überhaupt mal etwas hört oder liest.

Vielleicht erzählt es einem aber vorher auch niemand, weil man es sich als junger Mensch oder mindestens als Mensch, der noch nicht in die Kategorie »alter Mensch« gehört, schlicht nicht vorstellen kann, und schon gar nicht von sich selber. Wir glauben doch alle, dass wir bis ins hohe Alter geistig frisch und interessiert an allem und jedem bleiben.

Aber die Wahrheit ist: dem ist nicht so. Die Masse hört früher oder später auf, sich zu interessieren, immer noch dazu lernen zu wollen, das Diskutieren, das Kreuzen der intellektuellen Klingen. Ich bin nicht sicher, woran es liegt. Vielleicht ist es auch ein Bündel an Gründen.

Vielleicht wird der Körper mit seinen zunehmenden Altersgebrechen einfach zu fordernd, und es bleibt nicht mehr genügend Zeit und Kraft für das Geistige.

Vielleicht wird einem alles fade, weil »Es gibt nichts Neues unter den Sonne«, alles ist schon mal dagewesen, es reiht sich Wiederholung an Wiederholung und der Geist ist es müde, sich immer wieder neu damit auseinanderzusetzen.

Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass irgendwann der Effekt einsetzt, dass einen vieles nicht mehr betreffen wird. Nach mir die Sintflut! Also, warum noch groß darüber nachdenken, sich damit im Detail auseinandersetzen, Zeit und Kraft dafür aufwenden, wo doch beides am Ende eines langen Lebens so rar ist?

Vielleicht ist am Ende irgendwann einfach zu selten noch Gelegenheit, sich mit anderen über intellektuell anspruchsvolle Themen auszutauschen. Wenn die Freunde (aus der gleichen Altersklasse) nur noch von ihren körperlichen Gebrechen und ihren Kindern und Enkelkindern (so die überhaupt vorhanden sind) zu berichten wissen, vielleicht noch über den Schrebergarten oder ab und an eine unternommene Reise. Und wenn ein Teil der Freunde, mit denen man früher wunderbare Gespräche über intellektuell anspruchsvolle Themen führen konnte, unwiderruflich in der Demenz verschwinden.

Oder man vereinsamt schlicht und einfach, weil man das hohe Tempo der Jüngeren für sich nicht mehr aufrechterhalten kann. Und dann verstummt man nach und nach, und es scheint nicht mehr viel Sinn zu machen, sich intellektuell beweglich zu halten. Für wen denn noch - ausser für sich selbst. Ja, reicht das denn nicht? Wenigstens für sich selber?

Aber man selber kämpft dann vielleicht auch schon mit körperlichen Einschränkungen. Und dann sitzt man in seinen vier Wänden und weiß irgendwann nicht mal mehr, wie man sich intellektuell noch füttern soll. Das Lesen ist anstrengend geworden, weil die Augen nicht mehr recht wollen oder können. Radiobeiträge oder Podcasts anhören ist auch viel anstrengender als früher, wenn die Ohren nachlassen. Und wenn es - je nach körperlichem Zustand oder finanziellen Möglichkeiten - auch nicht mehr oder nicht mehr oft - möglich ist, eigenständig zum Beispiel zu Ausstellungen, in Konzerte oder nur zur nächstgelegenen (hoffentlich gut bestückten) Bibliothek zu fahren, um sich ein bisschen zu »füttern«, was dann?

Ich frage mich, wie es sich anfühlt und was es in einem auslöst, wenn man bemerkt, dass Freunde, mit denen intellektuell anspruchsvolle Gespräche möglich waren, daran plötzlich oder schleichend kein Interesse mehr haben. Ich kann mir vorstellen, dass einen das traurig macht. Dass es eine echte Enttäuschung sein kann, zumal wenn man selber noch nicht in diesem Stadium angekommen ist, und vielleicht bei sich denkt, der Freund, die Freundin könnte/müsste/sollte doch … nur um dann feststellen zu müssen, dass sie nicht mehr können und wollen.

Und überhaupt, was macht eine solche Entwicklung mit einer Freundschaft, die neben der persönlichen Sympathie, von diesem regelmäßigen angeregten intellektuellen Austausch geprägt war. Wenn man sich ein Leben lang gegenseitig mit und durch diese Gespräche befeuert und angetrieben hat? Wenn man das Kreuzen der intellektuellen Klingen gemeinsam immer so genossen hat?

Oder wie es sich anfühlt, wenn man bemerkt, dass man selber kein gesteigertes Interesse mehr an solchen Gesprächen hat, obwohl man sich das nie hat vorstellen können, weil man doch in jüngeren Jahren sicher war, dass man so nie nie werden würde!

Ich frage mich, wie es sich anfühlt, wenn man sich irgendwann vom Grab des letzten Freundes, der letzten Freundin, mit dem/der noch intellektuell anspruchsvolle Gespräche möglich waren, abwendet und weiß: das war es jetzt für mich mit dieser Art Gesprächen. Weil nur noch ein Wunder einem nochmal einen Menschen ins Leben führen würde, mit dem solche Gespräche regelmäßig möglich wären.

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Allgemein ·Nachdenkliches

Sichtweisen

Ich lernte heute, dass die Farbe Blau - meine Lieblingsfarbe - im Mittelalter als eine warme Farbe galt, während wir sie heute zu den kalten Farben zählen.

Blau wurde als niedere, ja barbarische, Farbe angesehen. Deshalb dauerte es bis zum 12. Jahrhundert, bis die Farbe in adeligen Wappen auftauchte, und erst im 13. Jahrhundert wurde sie zum Königsblau.

Faszinierend! So ändern sich die Dinge bzw. Sichtweisen. Darüber kann man mal nachdenken.

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Nachdenkliches

Nachklapp zur Sprachlosigkeit

Mir fiel plötzlich das Sprichwort »Reden (und Schreiben?) ist Silber, Schweigen ist Gold« ein.

Vielleicht erlebe ich ja gerade eine goldene Zeit und merke es nicht?

Vielleicht würden wir alle ja wieder goldenere Zeiten erleben, wenn wir alle nur wieder mehr schweigen würden?

Schweigen kann ja manchmal durchaus klug sein. Sich nicht vom großen Geschrei mitreißen lassen.
Den Mut haben zu schweigen, gerade dann, wenn viele sagen: Gerade jetzt muss man sprechen!
Den Mut haben, zu schweigen, weil man weiß, dass das, was man sagen würde, so oder ähnlich schon hundertfach gesagt ist?
Oder weil man weiß, dass das, was man zu sagen hätte, gerade kaum einer hören will?
Oder weil man weiß, dass jedes weitere Wort nur noch mehr Öl ins falsche Feuer gießen würde?
Die Kraft zu haben, das Schweigen aus- und durchzuhalten.
Nicht zu glauben, zu allem seinen Senf dazugeben zu müssen.
Die Haltung zu haben, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, dass man glaubt, andere müssten unbedingt hören/lesen, was man zu sagen hätte.

Schweigen kann auch eine Form von Widerstand sein - vielleicht gerade in einer Zeit, in der viele sich gegenseitig mit Geschrei zu übertönen suchen.

Die Weisheit haben, zu wissen, wann zu reden und wann zu schweigen. Nicht reden, um des Redens willen. Nicht schweigen, um des Schweigens willen.

Vielleicht wäre mehr Schweigen nicht nur Gold, sondern eine Art von Optimismus?!

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