Fragmente

Fragmente #11

Am Amazonas lebt ein indigenes Volk, dessen Menschen sich nicht über Dinge aus der Vergangenheit unterhalten, oder über Dinge, die sie nicht selbst erlebt haben. Es soll ein ungewöhnlich glückliches Volk sein. Das berichtet jedenfalls ein Sprachforscher, der lange unter diesem Volk gelebt hat.

Was bliebe von unseren Unterhaltungen übrig, wenn wir nur noch über das reden würden, was aktuell passiert und auch nur das, was wir tatsächlich selbst erleben?

Ich habe mal versucht einen Tag lang darauf zu achten, worüber ich rede, und ob diese Dinge in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft verortet waren, und ob sie tatsächlich mich selbst betrafen bzw. mein unmittelbares eigenes Erleben betrafen.
An einem zweiten Tag, habe ich versucht, das ganze zu wiederholen, diesmal aber nichts zu sagen, wenn nicht beide Kriterien (nur was gerade passiert und nur wenn ich es selbst erlebe) erfüllt waren. Das war ziemlich schwierig, weil es unserer gewöhnlichen Kommunikation völlig entgegenläuft. Aber es ist ein Experiment, das ich durchaus empfehle mal auszuprobieren.

Ich spiele mit dem Gedanken, das mal länger als einen Tag durchzuziehen, und zu schauen, wie sich das auf mich, mein Befinden und meine Umwelt auswirkt. Ich habe den Verdacht, dass das eine Menge Stress aus meinem Leben nehmen würde (und auch aus dem Leben anderer, die ja dann auch nicht via Kommunikation mit vielem »belastet« werden), und ich am Ende auch ungewöhnlich glücklicher sein könnte.

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Fragmente #9

Gefühlt sind es so viele, die sehr achtsam unterwegs sind, oder sich zumindest sehr darum bemühen. Und ebenso viele, die ständig dazu aufrufen »be kind«. Manche tragen sogar T-Shirts mit diesem Aufruf, oder haben wenigstens eine Postkarte irgendwo an der Wand oder am Kühlschrank hängen, auf der steht »If you can be anything, be kind!« oder so ähnlich.

Da frage ich mich dann doch immer öfter, wieso das offensichtlich kaum Auswirkungen hat. Also jedenfalls nicht in dem Teil der Welt, den ich überschauen kann. Da scheint es immer rücksichtsloser und kälter zu werden. Also nicht die Welt an sich, sondern die Menschen darin.

Ich frage mich, wo bleiben die ganze Achtsamkeit und Freundlichkeit? Wo versanden die? Oder sind diese Achtsamkeit, die ja quasi die »Rücksicht« mit im Rucksack trägt, und Freundlichkeit eben doch nur Tropfen auf den eiskalten (Welten)Stein und erstarren und erfrieren da fast sang-, klang-, und wirkungslos?

Gut, ich könnte mich auch fragen, ob alles nicht noch viel viel schlimmer wäre, wenn es nicht wenigstens diese paar Achtsamkeits- und Freundlichkeits-Tropfen gäbe, diese paar, Menschen, die sich tatsächlich in Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Freundlichkeit üben.

Gerade in der jetzigen Situation könnten wir doch alle etwas mehr Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme und Freundlichkeit gebrauchen, aber mir scheint, immer mehr Menschen werden immer unaufmerksamer, genervter, rücksichtsloser, gereizter und wütender. Manche wahren nur noch mühsam die Contenance und die geäußerten und gelebten Freundlichkeiten klingen und wirken eher gequält, als freudig und selbstverständlich.

Ja, gut, es gibt auch diejenigen, die gerne Achtsamkeit und Rücksichtnahme und Kindness (also Freundlichkeit) im Munde führen, aber das mehr so als Forderung im Sinne von »Seid mir gegenüber achtsam, rücksichtsvoll und freundlich!« Oder auch im Sinne von »Ich bin mit mir achtsam, nehme ständig Rücksicht auf meine Bedürfnisse und bin überaus freundlich zu mir selbst« Die praktizieren das dann so durchschlagend, dass »America first« nix dagegen ist. Da schallt es einem dann ständig entgegen »Susanne first!«, »Thomas first!«, »Antje first«, »Karim first«!

Vielleicht führen ja auch viele die Achtsamkeit und die Aufrufe zur Kindness nur wie Beschwörungen im Munde? Beschwörungen von vom Untergang bedrohter Selbstverständlichkeiten.

Es könnte natürlich auch sein, dass die, die da ständig von Achtsamkeit und Kindness reden, darauf warten, dass erstmal die anderen anfangen. Erstmal gucken, ob das wirklich so viel bringt, ob es sich lohnt. Man will ja am Ende nicht wie der Dumme dastehen.

Denn ja, die, die tatsächlich achtsam und freundlich durch diese Welt unterwegs sind, die werden oft beguckt, wie die letzten Dummen. Sie werden belächelt, wie früher die Dorftrottel. Wie naiv kann man bitte sein? Mit Achtsamkeit und Freundlichkeit gegen die Gewalten in dieser Welt? Als ob ein bisschen Achtsamkeit und Freundlichkeit irgendetwas grundlegend ändern würde. Das sind ja fast schon Befindlichkeitsesoteriker, oder sowas in der Art. Die haben den Schuss noch nicht gehört! Wer überleben und sich durchsetzen will, der muss ganz andere Seiten aufziehen.

Okay, wenn man zufällig selber von der Achtsamkeit und Freundlichkeit anderer profitieren kann, nimmt man das natürlich gerne mit - man ist ja nicht komplett verblödet. Aber selber in das Lager der Achtsamen und Freundlichen wechseln, so ganz wirklich, praktisch und in echt? Nee, nee, lieber nicht. Da kommt man am Ende selber zu kurz und wird nach Strich und Faden über den Tisch gezogen. So nicht, Freundchen!

Tja, es braucht schon Mut und Überzeugung, um tatsächlich jeden Tag neu achtsam/rücksichtsvoll und freundlich unterwegs zu sein, und damit zu leben, als naiver Dorftrottel oder Befindlichkeitsesoteriker belächelt zu werden.

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Fragmente #8

Ich hörte in den vergangenen Tagen so gerne die Reihe »Fensterblicke – Die Welt vor und hinter der Scheibe« von Fabian Saul, dem Schriftsteller und Chefredakteur des Flaneur Magazins, in der Sendung Fazit im Deutschlandradio Kultur. Echte kleine Lichtblicke - in diesen hier bei uns sehr grauen Januar-Corona-Tagen - waren diese jeweils etwa 5 Minuten, in denen Fabian Saul erzählt und sinniert. Wunderbar!

Wer mal reinhören mag, hier entlang.

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