Ehrlich, es regt mich auf …
… die Aufregung um den Fall Polanski. Dieser Mann hat eine 13jährige mit Alkohol und Drogen gefügig gemacht und sie dann mißbraucht bzw. vergewaltigt. Das hat er selbst zugegeben. Später ist er geflohen und hat sich einer Bestrafung entzogen. Der Haftbefehl gegen ihn in den USA blieb in Kraft und wurde zwischenzeitlich in einen internationaler Haftbefehl umgewandelt. Nun ist er in der Schweiz von den Behörden festgesetzt worden und ein Auslieferungsverfahren läuft. Was passiert? Ein Aufschrei von Künstlern, Politikern und Freunden.
Freunde von Polansky betonen, was für ein netter Kerl er doch ist, was für eine Seele von Mensch etc. etc. Andere verweisen darauf, das damalige Opfer hätte ihm schließlich längst vergeben und »finde es Strafe genug, dass er die USA nie wieder betreten konnte/durfte«, andere verweisen auf seine schwierige Kindheit, die er teilweise mit seiner Familie im Konzentrationslager verbrachte, wo seine Mutter ermordet wurde. Er selbst konnte flüchten und überlebte als katholischer Pole getarnt. Verwiesen wird auf seine herausragenden Leistungen als Schauspieler und Regisseur (er hat sogar einen Oscar bekommen!), auf sein (hohes) Alter, etc. etc.
Alles schön und gut, aber alles aus meiner Sicht keine Rechtfertigung für das, was er getan hat. Es ist gut, dass sein Opfer seit den Geschehnissen vor dreißig Jahren über das Vorgefallene hinweggekommen und nicht daran zerbrochen ist. Es ist gut - für das Opfer! - dass sie vergeben konnte und so von ihrer Seite aus, das innere Band, das sie sonst immer mit Polanski verbunden hätte, zertrennen konnte. Es ist verständlich, dass das Opfer nicht den Rest seines Lebens immer und immer wieder auf die damaligen Vorkommnisse angesprochen werden möchte (schon gar nicht von sensationsheischenden Medien). Es ist auch gut, dass Polanski sein Opfer offensichtlich hat wissen lassen, dass es ihm leid tue, was er getan habe.
Trotzdem aber heißt das alles nicht, dass er deshalb ungestraft davon kommen sollte. Wird heute irgendwo ein Kind mißbraucht, schreien alle empört auf und fordern strenge Bestrafung. Wird ein Kinderschänder nach Jahren oder Jahrzehnten gefaßt, wollen alle, dass er bestraft wird. Nur bei Roman Polanski soll plötzlich alles anders sein? Weil er inzwischen ein geachteter Familienvater ist? Weil er so begabt ist? Weil er Oscar-Preisträger ist? Weil er schon so alt ist? Weil er hochrangige und bekannte Freunde und Bewunderer hat? Und wissen wir eigentlich sicher, dass der damalige Mißbrauch wirklich der einzige war? Vielleicht gibt es weitere Opfer, die aus welchen Gründen auch immer geschwiegen haben? Wer weiß das schon?
Wenn Roman Polanski wirklich aufrichtig bereut hätte, was er getan hat, dann hätte er sich seiner Schuld wirklich stellen müssen und damit auch dem Verfahren gegen sich. Das wäre ein sauberer Schnitt gewesen. Wäre er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden hätte er das als Konsequenz seiner Tat akzeptieren müssen. Ja, sein Leben wäre dann anders verlaufen. Er hätte höchstwahrscheinlich nie seine Filme gemacht, er hätte höchstwahrscheinlich nicht solche bekannten Freunde und Bewunderer. Er hätte vermutlich sehr darunter gelitten eingesperrt zu sein. Ja, das stimmt alles, aber so ist das nun mal, wenn ich ein Verbrechen begehe. Dann kann ich nicht ernsthaft erwarten, mich hinterher hinstellen zu können und zu sagen »Oh, es tut mir leid!« und einfach mein Leben weiterzuleben, als ob nichts geschehen wäre.
Wenn man Roman Polanski einfach stillschweigend davon kommen ließe, wäre das Messen mit zweierlei Maß und hat mit Gerechtigkeit nichts mehr zu tun. Dann muß ich auch andere Kinderschänder, die vielleicht erst nach Jahrzehnten gefaßt werden (z.B. aufgrund der heute möglichen Gentests), nachdem sie inzwischen liebevolle (?) Familienväter geworden sind und von Nachbarn und Kollegen geachtet und respektiert sind, zukünftig laufen lassen.
Ehrlich ich verstehe die Proteste nicht und ehrlich, es regt mich auf, weil hier die Debatte nicht um das eigentliche Thema geht und ein Mann reingewaschen werden soll, der schuldig ist und sich dieser Schuld nie verantwortungsvoll gestellt hat.