Fotografie ·Liisas Fotos ·Mecklenburg-Vorpommern ·Privates ·Tagesnotizen 2019

Sonntagsimpressionen vom Gespensterwald in Nienhagen

Gespensterwald

Schon vor Jahren bekam ich den Tipp, doch mal nach Nienhagen an der Ostsee zu fahren, und mir dort den sogenannten Gespensterwald anzuschauen. Dieser Wald wird so bezeichnet, weil der Wald dort bis an die unmittelbare Küstenlinie bzw. den Strand reicht. Durch die Wellen und vor allem dem Wind, den die Buchen dort ausgesetzt sind, sind sie zum Teil sehr gebeugt und verformt, was ihnen ein bizarres Aussehen gibt. In der Dämmerung oder bei Regenwetter und vor allem bei Nebel, können sie dann manchmal schon etwas unheimlich wirken.

Ich hatte also fest vor, dort mal hinzufahren, aber immer und immer wieder klappte es nicht, weil irgendetwas dazwischen kam. Nachdem ich dieses Ausflugsvorhaben Jahr um Jahr aufs nächste Jahr verschieben musste, beschloß ich zu Beginn dieses Jahres, dass ich dieses Jahr dorthin fahren würde, und wenn es der einzige Ausflug sein würde, den ich mache.

Gestern war es nun endlich so weit! Eigentlich ist Nienhagen gar nicht so weit weg von uns, etwa eine Stunde Autofahrt, allerdings muss man aufpassen, dass man nicht aus Versehen ins falsche Nienhagen fährt. An der Strecke liegen nämlich noch zwei Nienhagen, durch eins davon fuhren wir sogar hindurch. ;-) Aber wir wussten ja, wo wir hin wollten. Wir waren frühzeitig genug da, so dass noch nicht ganz so viele Menschen dort unterwegs waren, wie am Sonntagnachmittag. So konnten wir ziemlich ungestört durch den tollen Wald laufen und auch am Strand zogen sich die paar Menschen gut auseinander.

Gespensterwald

Bei herrlichem Sonnenschein spazierten wir also durch den Wald und bestaunten die alten Buchen. Ab und an hat sich mal eine Birke eingeschlichen oder andere kleinere Bäume. Der Wald bei Nienhagen ist ziemlichem Stress durch die Umweltbedingungen ausgesetzt. Während ich da so spazierte und mir die Bäume beguckte, dachte ich bei mir, dass es schon erstaunlich ist, dass diese bedrohten und gestressten Bäume trotzdem so schön sind und uns Menschen so faszinieren. Und ich war beeindruckt von ihrer Kraft, mit der sie den Elementen ihr Leben abtrotzen. Ich fand das irgendwie auch für mich selbst mutmachend.

Gespensterwald

Die ganze deutsche Ostseeküste hat in den gerade zurückliegenden Jahren schwere Stürme erlebt und zum Teil ziemlich darunter gelitten. Direkt am bzw. durch den Gespensterwald führt auch der Radfernweg EuroVelo 10, er wird auch als Ostsee-Radweg bezeichnet, meistens direkt an der Ostsee entlang. Durch die Schäden der letzten Jahre, ist der EuroVelo 10 allerdings ab Nienhagen Richtung Börgerende-Rethwisch zur Zeit nicht befahrbar, weil es zu gefährlich geworden ist. Die ganze Steilküste ist von Abstürzen bedroht. Dort müssen die Radfahrer jetzt eine ausgeschilderte Ersatzroute etwas weiter weg von der Küste nehmen.

Ostsee bei Nienhagen

Aber wir waren ja zu Fuß unterwegs. Natürlich wird überall davor gewarnt, nicht zu nahe an die Abbruchkante heranzugehen und darauf hingewiesen, dass man sich auf eigene Gefahr dort bewegt. Nicht nur eventuelle Abbrüche könnten gefährlich werden, sondern je nach Windstärke kann es durchaus auch im Wald gefährlich sein, denn man muss dort dann jederzeit mit umstürzenden Bäumen bzw. herabstürzenden großen Ästen rechnen. Gestern war es ziemlich windig und der Wind war noch empfindlich kalt. Wir hatten uns eigentlich kleidungstechnisch auch darauf eingestellt, aber merkten dann im Laufe der Zeit, dass wir - ständig diesem kalten Wind ausgesetzt - doch begannen langsam auszukühlen. Zum Glück schien auch die schon starke Frühlingssonne, so dass wir uns an den Stellen wo die Sonne hin kam wieder etwas aufwärmen konnten.

Die Ostsee war entsprechend lebhaft, mit schönen schaumbekrönten Wellen. Es war so schön, mal wieder an der Ostsee zu sein, die Luft zu atmen, die Weite zu empfinden und das Rauschen der Wellen zu hören. Wir genossen den Strandspaziergang sehr. Wir hatten am Ortsende von Nienhagen geparkt und liefen dann von dort zurück Richtung Hauptstrand. Bis zum Mittag waren wir dort, bezahlten brav am Automaten den kleinen Obolus, sprich die Kurtaxe für den Tag. Viele schimpfen über die Kurtaxen an der Ostseeküste, aber wenn man sieht, wieviel Müll die Gäste dort oft zurücklassen und was es z.B. kostet, die Wege instandzuhalten, wenn wieder ein schwerer Sturm die Küste heimgesucht hat, dann denke ich, diese kleinen Beträge sollte es einem schon wert sein. In Nienhagen habe ich den Obolus auch deshalb gerne gezahlt, weil der Hauptstrand barrierefrei angelegt ist. Das ist nicht überall selbstverständlich und kostet die Gemeinde natürlich extra Geld.

Wir suchten uns eine Bank, schauten auf die sonnenbeschienene Ostsee und genossen unsere mitgebrachten Käsebrötchen und heißen Tee.

Dann liefen wir durch den Gespensterwald zurück Richtung Ausgangspunkt unserer Wanderung und genossen die vielen Durchblicke auf die Ostsee und freuten uns auch an den Waldszenen, die sich immer wieder eröffneten.

Ausblick vom Gespensterwald Richtung Ostseeim GespensterwaldWeg im GespensterwaldTeil des Weges durch den GespensterwaldAusblick vom Weg durch den Gespensterwald auf die OstseeBuchenreihe im Gespensterwald

Überall entlang der Wege durch den Gespensterwald, gibt es Hinweise, dass man nicht unbedingt vom Weg abweichen soll, denn man möchte herabgefallenen Bucheckern oder auch Eicheln die Möglichkeit geben, Wurzeln zu schlagen und zu neuen jungen Bäumen zu werden. Die meisten Besucher scheinen sich daran zu halten, und das wiederum hat einen Nebeneffekt, der mich sehr gefreut hat. Nämlich den, dass es auch große Flächen mit schönem Moos gibt. Moos braucht unglaublich lange, bis es zu Mooskissen wird. Ein Tritt in ein Mooskissen, macht das Wachstum vieler Jahre zunichte. Das ist den meisten Menschen gar nicht bewusst. Und Moose sind wichtig für den Wald, denn sie speichern Feuchtigkeit und gerade der Küstenwald ist darauf angewiesen, denn der ständige Wind trocknet den kargen Sandboden schnell aus. Ich freute mich also sehr über all die Mooskissen, die ich unterwegs sah.

Mooskissen im Gespensterwaldumgestürzte Bäume im Gespensterwald

Zum Abschluß des Weges gab es nochmal einen besonders schönen Platz mit herrlichem Ausblick auf die Ostsee.

Bank und kleine Schutzhütte mit Blick auf die Ostsee im Gespensterwald bei Nienhagen

Glücklich, zufrieden und mit vielen schönen Eindrücken, machten wir uns dann auf den Heimweg. Ein Ausflug zum Gespensterwald bei Nienhagen lohnt sich auf jeden Fall!

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Mecklenburg-Vorpommern ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Eine unscheinbare Gabe. Kein Nachruf, sondern ein Nachwinken.

Da, wo man von der Bundesstraße abfährt, auf den kopfsteingepflasterten Weg, hin zum Dorf mit seinem See und Schloß, die unvermittelt nach einem kurzen Stück durch den alten Wald vor einem auftauchen, war es immer ein Moment der vorfreudigen Spannung, auf dem Heimweg von wo auch immer. Würde sie da sein?

Kaum biegt man also von der Bundesstraße ab, da liegt rechterhand das kleine Häuschen. Jetzt ist es mit einem neuen Farbanstrich versehen und scheint aufrechter zu stehen und auch der Vorgarten ist entrümpelt und aufgeräumt. Vorher wirkte der Garten immer etwas verwildert und chaotisch, also ob ein Teil des Hausrats, oder was sich sonst so ansammeln kann, dort vorübergehend abgestellt, und dann vergessen worden wäre.
Das Häuschen selbst sah ein bisschen geduckt und heruntergekommen aus, mit windschiefen alten Fenstern und einer Tür, die über die Jahre etwas verwittert war.

Die einzige Bewohnerin des Häuschens, das immer ein bisschen verloren wirkte, weil es so weit vom eigentlichen Dorf und ganz allein da stand, war die alte kleine Frau. Da waren zwei miteinander alt geworden und schienen nun in trauter Zweisamkeit zu existieren und sich einander angeglichen zu haben. Hager und abgearbeitet, passte sie gut zu ihrem Häuschen.

Dünnes, schlohweißes Haar über dem leicht verzogenen Gesicht mit dem ebenfalls schiefgezogenen Mund und den zusammengepressten Lippen. Ob das Alter ihr das Gesicht so verzogen hatte, oder vielleicht ein früherer Schlaganfall, ich weiß es nicht. Auf den ersten Blick wirkte sie dadurch fast etwas verbittert oder misanthropisch. Ich stellte mir vor, dass sich kleine Kinder vielleicht sogar vor ihr fürchteten, wenn sie plötzlich um die Ecke kam. Vielleicht fürchtete ich mich sogar selbst ein bisschen vor ihr.

Doch es geschah etwas Überraschendes, als ich die ersten Male an ihr und ihrem Häuschen vorbeifuhr. Die alte Frau richtete sich plötzlich kerzengerade auf, hob ihren Arm und ihre Hand machte eindeutig winkende Bewegungen. Das erste Mal war ich so verblüfft, dass ich völlig vergaß zurückzuwinken, und als es mir einfiel, war ich längst an ihr vorbeigefahren. Aber das war längst noch nicht alles. Wie sie da so winkend stand, veränderte sich ihr Gesicht vollkommen. Es schien sich gleichsam zu verjüngen, die Falten schienen sich zu glätten, ihr Mund richtete sich und verzog sich zu einem breiten Lächeln, dessen Ausläufer bis zu den Augen reichten und sie regelrecht erstrahlen ließen.

Die alte Frau also verwandelte sich in ein herzerwärmendes, strahlendes Wesen, in eine kleine Sonne, deren Strahlen unverhofft auch noch durch die dickste Wolkendecke brechen und einen goldenen Schein über die Landschaft legen. Ich bin unzählige Male Zeugin dieser wundersamen Verwandlung geworden und war jedesmal tief berührt davon.

Mit der Zeit erfuhr ich, dass sie wirklich jedem, der an ihrem Häuschen vorbeifuhr, auf diese Weise zuwinkte. Wir nannten sie die »Winke-Oma«. Es schien, als sei das der eigentliche Grund ihres Daseins. Schlicht und einfach dort vor ihrem Häuschen zu stehen oder entlang des verrosteten Gartenzauns zu spazieren, oder irgendetwas in ihrem Garten zu werkeln und auf vorbeifahrende Autos (oder ab und an mal Radfahrer) zu warten, um dann diese wunderhafte Metamorphose zu durchlaufen und zu winken und zu lächeln.

Nie sah ich ein nachlässiges oder beiläufiges Winken von ihr. Sie winkte und strahlte mit jeder Faser ihres Körpers. Sie war ganz und gar anwesend, nicht abgelenkt von dem, was sie eben noch getan hatte, oder als nächstes zu tun vorhatte. Sie war denen, denen sie winkte völlig zugewandt, egal ob sie diejenigen kannte oder nicht. Sie winkten allen unterschiedslos, auf dieselbe hingegebene Art und Weise, und ihr Lächeln wirkte niemals müde oder aufgesetzt, sondern immer frisch, wie das erste Lächeln, das die Welt je sah.

Fast immer, wenn ich an ihrem Haus vorbeifuhr, war sie da, und sie versäumte nie, mir zu winken. Und natürlich winkte ich zurück. Fast alle, die an ihr vorbeifuhren, winkten zurück. Man konnte gar nicht anders, als zurückwinken. Selbst hartgesottene Kerle, die sonst alles daransetzen, sich keine Blöße zu geben, winkten ihr wenigstens schnell und verstohlen zu.

Irgendwie hatte sie etwas von einer Dorfwächterin, aber einer überaus freundlichen. Wer ins Dorf wollte, musste an ihr und ihrem Winken vorbei. Manchmal schien sie mir aber auch wie eine Dorfmutter, die morgens ihre Kinder (die Dorfbewohner) mit ihrem Winken verabschiedete und sie nachmittags oder abends inklusive eventuell mitgebrachter Freunde wieder mit ihrem Winken und einem Lächeln für jede und jeden in Empfang nahm.

Kam ich angespannt, erschöpft oder gestresst von irgendwo wieder und sah sie stehen, winken und lächeln, war alles - wenigstens für den Moment - wie weggewischt, und ich winkte und lächelte selber. Kam ich von einer mehrtägigen Reise zurück und bog in die Kopfsteinstraße ein und sah sie stehen und winken und lächeln, hatte ich das Gefühl von Nachhausekommen. Die Welt war wieder in Ordnung.

Stand sie einmal nicht vor ihrem Haus und winkte und strahlte nicht, fehlte etwas, war ich beunruhigt. Vor wenigen Jahren, geschah das immer öfter. Besorgt unterhielten wir uns darüber, ob es ihr wohl nicht gut ginge? War sie krank geworden? Vielleicht zu alt und schwach, um immer noch jeden Tag (gefühlte 24 Stunden bei jedem Wetter) dort zu warten, zu winken und zu strahlen?

Nun hatte es ein bisschen etwas von einer Lotterie, wenn man wegfuhr oder heimkam. Würde sie dort stehen und winken oder nicht. An manchen Tagen zog man das große Los (sie stand da, winkte und lächelte wie eh und je) und freute ich doppelt, an anderen Tagen zog man eine Niete (sie stand nicht dort, kein Winken, kein herzerwärmendes Lächeln) und gleich fühlte sich die Welt etwas feindseliger und trauriger an. Immer öfter zogen wir nun Nieten, nur ab und an noch ein Gewinnerlos. Und dann irgendwann waren die Lose zuende, stand sie eben gar nicht mehr dort.

Wir erfuhren, dass sie tatsächlich nicht mehr allein in ihrem Häuschen leben konnte, und dass ihre Kinder sie zu sich in eines der Nachbardörfer geholt hatten. Auch wenn wir dafür natürlich Verständnis hatten, war es doch ein wirklich tiefer und schmerzlicher Verlust. Als hätte das Dorf ein großes Stück seiner Seele verloren. Wir hörten, dass es Ihr gut ginge, dort bei ihren Kindern in dem anderen Dorf. Ich stellte mir immer vor, dass sie nun dort vor einem Haus stand oder saß und allen winkte, aber genau weiß ich das nicht.

Vor kurzem kam die Nachricht, dass sie gestorben ist. Dieser Tage dann war die Danksagung ihrer Familie für die Beleidsbekundungen zu ihrem Tod in der Zeitung. Ich weiß fast nichts über diese Frau und ihr Leben. Ich weiß nur, dass sie eine auf den ersten Blick unscheinbare Gabe hatte, aber diese Gabe hat sie eingesetzt und damit ein Vorbild und eine leuchtende Spur in vielen Herzen hinterlassen. Ich bin sicher, dass die Winke-Oma noch lange vielen in Erinnerung bleiben wird. Es müssen nicht immer die großartigsten Dinge und Errungenschaften sein, die wir hinterlassen. Es kann etwas so Schlichtes wie ein Winken und ein Lächeln sein.

Mich hat die Nachricht von ihrem Tod zu spät erreicht. Sonst wäre ich vielleicht sogar zu ihrer Beerdigung in den Nachbarort gefahren. Wenn ich herausbekomme, auf welchem Friedhof, und wo genau dort, sie begraben ist, fahre ich vielleicht im Frühjahr einmal dorthin, und lege ein paar Blumen auf ihr Grab. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich ihr dann ein letztes Mal dankbar winken werde.

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