Privates ·Tagesprosa

Tagesprosa

Die Ohren waren als erste wach an diesem Morgen. Kinderstimmen aus der Ferne. Langsam regte sich auch das Gedächtnis und erinnerte sich; es sind Gäste im Haus. Noch etwas unwillig öffnen sich schließlich auch meine Augen und erblicken Sonnenstrahlen, die durch die Schlitze im Rollladen fallen und auf dem Fußboden Lichtminiaturen malen. Als der Laden hochgezogen ist, präsentiert sich eine rechte Wettermelange. Ich weiß nicht recht, was ich wettermäßig für den Tag erwarten soll

»Mehr Optimismus!« lautet meine Devise seit einiger Zeit, und so beschließe ich, den gestrigen Wetterbericht in Kombination mit dem, was ich tatsächlich vor Augen habe (was dem metereologischen Geschwurbel zu entsprechen scheint), optimistisch auszulegen. Das bedeutet, wir legen einen morgendlichen Schnellstart hin, packen unsere sieben Sachen und verlassen so früh wie möglich das Haus.

Wir begegnen uralten Lebewesen, bei deren Anblick ich nur Demut und Ehrfurcht empfinden kann. Wie winzig müssen wir ihnen erscheinen, wie kleine Kinder, die unter ihnen herumstolpern. Wie viele von uns (Kindern) sie im Laufe ihres Lebens schon haben kommen und gehen sehen.

Die älteste von ihnen war schon alt, als Kolumbus Amerika entdeckte, und noch älter, als ein Martin Luther seine Protestthesen an eine Kirchentür hämmerte.

Sie haben Stammeskriege, Kriegszüge und Weltkriege gesehen. Unzählige Stürme und Unwetter sind über sie hinweggezogen und haben ihre Kronen durchweht. Die Blitze, die sie gesehen hatben, keiner hat sie gezählt. Niemand weiß, haben sie mehr Sonnen- oder mehr Regentage in ihrem Leben erlebt. Unzähligen anderen Lebewesen haben sie ein Leben ermöglicht, haben sie genährt und ihnen Zuflucht geboten. Eine barg in ihrem hohlen Inneren den berühmten Schimmelhengst Herodot, als die Franzosen heranrückten. Sie hätte ihn nie verraten. Er hat sich selbst durch sein Wiehern verraten, wurde herausgeführt und kein anderer als Napoleon ritt ihn weiter durch das Land und durch den Krieg, den er in das Land hineintrug. Ein anderer Soldat, Marschall Blücher, brachte Herodot schließlich acht Jahre später zurück nach Mecklenburg.

Die Ivenacker Eichen haben ihr Teil Schweres erlebt und Wunden davon getragen. Bei manchen sind wulstige Narben zurückgeblieben, bei anderen Verstümmelungen, die sie aber mit großer Würde tragen. Manchen sieht man an, dass sich ihre Lebenszeit dem Ende zuzuneigen scheint, andere wirken noch überraschend rüstig. Vermutlich werden sie alle oder doch wenigstens einige immer noch da sein, wenn wir längst nicht mehr über diese Erde toben.

Ich bin überrascht von dem Verlangen, mich einfach nur eine Weile still unter sie zu setzen, mich mit dem Rücken an ihren Stamm zu lehnen, die Augen zu schließen und einfach nur still zu atmen und zu hören. Ich bin sicher, ihre Rinde wird sich warm und lebendig anfühlen. Doch die Menschen (besonders die von heute) sind immer noch Kinder. Wild und unbedacht, selbstsüchtig und rücksichtslos. Darum gibt es Gebote, die es uns heutigen Menschen verbieten, uns den Uralten zu sehr zu nähern. So bezwinge ich mein Verlangen. Ich weiß, die Gebote machen Sinn und die Uralten verdienen den Respekt und Schutz, der ihnen so gewährt wird. Vielleicht schmunzeln die Eichen einander aber auch zu und amüsieren sich, dass wir Menschenkinder wirklich glauben, sie mit ein paar auf Holz geschriebenen Geboten schützen zu müssen, zu können.

Schließlich wandern wir weiter, entdecken tatsächlich ein paar schlafende Schweine im Hutewald und freuen uns an der freilaufenden Damwildherde. Weiter geht es durch kühlen Wald hinaus in das weite Land über dem jetzt zur Mittagszeit die Sonne brütet. Zu unserer Linken kräuselt ein Wind die Wellen des Sees und lässt das Schilf rauschen. Unzählige weiße Wicken säumen seine Ufer. Rechts strecken sich die Felder, manche schon gemäht, andere noch in goldenem Ornat. Auf einem der abgemähten Felder sehen wir zwei wilde Rehe die Haken schlagend Fangen spielen, bis sie schließlich wieder im schützenden grünen Dunkel des Waldes verschwinden.

Schließlich haben wir den See umrundet und betreten wieder den Ort Ivenack. Aufgeräumt und friedlich liegt er da am See, in wahrlich sonntäglicher Ruhe. Backsteinhäuser, pittureske Bauerngärtchen, das alte Schloß, der Marstall, der Park. Wir schlagen uns durch die Büsche hinab ans Ufer des Sees, finden einen alten Anglersteg. Kichernd wie Kinder und ein bisschen zaghaft wagen wir uns über die morschen Planken. Wir setzen uns hin und lassen die Beine knapp über dem dunklen Wasser baumeln. Kein Mensch weit und breit. Nur wir, der See, das Schilf, die Wasservögel und über uns der Himmel voller Wolkenbilder.

Am Abend lese ich noch die Zeilen des Heimatdichters Fritz Reuter

»Ick weit einen Eikbom, de steiht an de See
de Nurdsturm de brust in sin Knäst;
stolz reckt hei de mächtige Kron in de Höh,
so is dat all dusend Johr wäst«
.

Ivenacker Eiche - © Liisa

Ivenacker Eiche - © Liisa

Ivenacker Eiche - © Liisa

Ivenacker Eiche - © Liisa

Ivenacker Eiche - © Liisa

1. Ivenacker Eichen
2. Ivenacker Eichen

3 Gedanken zu „Tagesprosa

  1. Wunderschön poetisch geschrieben ;-) und bildhaft … ich habe alles ziemlich klar vor Augen, durch deine Worte allein.

    Schön, dass ihr diesen Ausflug gemacht habt. Wenn man auf stabiles Wetter hofft, kann man lange warten. Aber es gibt ja Regenjacken und Schirme.

    Alte Bäume finde ich auch immer beeindruckend. Man spürt sie regelrecht. Neulich im Stammheimer Schlosspark habe ich mal die Arme ausgebreitet und die Rinde gespürt … ein wenig später sah ich von oben, wie Kinder das auch machten. Entweder hatten sie das beobachtet oder der Baum hat sie angelockt - wie auch immer.

  2. Genau, die Regenjacken hatten wir mit, aber haben sie glücklicherweise nicht gebraucht.

    Ähm, Du sahst von oben, wie Kinder das auch machten? Bist Du etwa auf den Baum hochgeklettert? ;o) Aber Spaß beiseite; es ist schon irgendwie interessant und erstaunlich, was für eine Wirkung Bäume auf viele Menschen haben und ganz besonders eben so alte mächtige Bäume. Das zieht sich ja durch alle möglichen Kulturen in aller Welt.

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