Fragmente ·Literatur & Lyrik

Fragmente #15

To Begin With, the Sweet Grass

1.
Will the hungry ox stand in the field and not eat
of the sweet grass?
Will the owl bite off its own wings?
Will the lark forget to lift its body in the air or
forget to sing?
Will the rivers run upstream?

Behold, I say—behold
the reliability and the finery and the teachings
of this gritty earth gift.

2.
Eat bread and understand comfort.
Drink water, and understand delight.
Visit the garden where the scarlet trumpets
are opening their bodies for the hummingbirds
who are drinking the sweetness, who are
thrillingly gluttonous.

For one thing leads to another.
Soon you will notice how stones shine underfoot.
Eventually tides will be the only calendar you believe in.

And someone’s face, whom you love, will be as a star
both intimate and ultimate,
and you will be both heart-shaken and respectful.

And you will hear the air itself, like a beloved, whisper:
oh, let me, for a while longer, enter the two
beautiful bodies of your lungs.

3.
The witchery of living
is my whole conversation
with you, my darlings.
All I can tell you is what I know.

Look, and look again.
This world is not just a little thrill for the eyes.

It’s more than bones.
It’s more than the delicate wrist with its personal pulse.
It’s more than the beating of the single heart.
It’s praising.
It’s giving until the giving feels like receiving.
You have a life—just imagine that!
You have this day, and maybe another, and maybe
still another.

4.
Someday I am going to ask my friend Paulus,
the dancer, the potter,
to make me a begging bowl
which I believe
my soul needs.

And if I come to you,
to the door of your comfortable house
with unwashed clothes and unclean fingernails,
will you put something into it?

I would like to take this chance.
I would like to give you this chance.

5.
We do one thing or another; we stay the same, or we
change.
Congratulations, if
you have changed.

6.
Let me ask you this.
Do you also think that beauty exists for some
fabulous reason?

And, if you have not been enchanted by this adventure—
your life—
what would do for you?

7.
What I loved in the beginning, I think, was mostly myself.
Never mind that I had to, since somebody had to.
That was many years ago.
Since then I have gone out from my confinements,
though with difficulty.
I mean the ones that thought to rule my heart.
I cast them out, I put them on the mush pile.
They will be nourishment somehow (everything is nourishment
somehow or another).

And I have become the child of the clouds, and of hope.
I have become the friend of the enemy, whoever that is.
I have become older and, cherishing what I have learned,
I have become younger.

And what do I risk to tell you this, which is all I know?
Love yourself. Then forget it. Then, love the world.

Mary Oliver

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Fragmente ·Literatur & Lyrik

Fragmente #14

Don’t Hesitate

If you suddenly and unexpectedly feel joy,
don’t hesitate. Give in to it. There are plenty
of lives and whole towns destroyed or about
to be. We are not wise, and not very often
kind. And much can never be redeemed.
Still, life has some possibility left. Perhaps this
is its way of fighting back, that sometimes
something happens better than all the riches
or power in the world. It could be anything,
but very likely you notice it in the instant
when love begins. Anyway, that’s often the
case. Anyway, whatever it is, don’t be afraid
of its plenty. Joy is not made to be a crumb.
Mary Oliver

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Fragmente

Fragmente #13

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es Mitglieder der englischen Oberschicht, die sich sogenannte Schmuckeremiten oder auch Ziereremiten »hielten«. Wenn so ein englischer Adeliger, seinen eigenen Schmuckeremiten wünschte, setzte er eine Stellenanzeige in die Zeitung und wartete dann auf geeignete Bewerber. Es gab aber auch Menschen, die sich von sich aus bei reichen Mitgliedern der Oberschicht andienten und manchmal dann tatsächlich engagiert wurden.

Die Schmuckeremiten wohnten gegen Kost und Logis in den Landschaftsparks der Adeligen. Meist wurden sie für sieben Jahre verpflichtet. Manchmal unter Vorgabe, wie genau sie in ihrer Eremitage zu leben hatten, was sie zu tun und zu lassen hatten, bis hin zur Festlegung wie die Körperpflege auszusehen hatte (z.B. Haare, Bart und Fingernägel nicht schneiden, etc.).

Kamen dann der Eigentümer, oder Gäste, hatten sie zu erscheinen, weise Worte zu sprechen, oder eben auch nur zu schweigen und erleuchtet vor sich hin zu lächeln oder was eventuell in ihrem Arbeitsvertrag als Verhalten eines Eremiten festgelegt war.

In Deutschland sind zumindest zwei Schmuckeremiten historisch belegt. 1795 ist ein Schmuckeremit im Flottbecker Garten des Hamburger Bürgers Caspar Voght bekannt, und ein weiterer Schmuckeremit im Hinüberschen Garten in Hannover.

Da schau her! Ich warte jetzt auf die Renaissance der Schmuck- und Ziereremiten. Angeblich kommt ja alles wieder, und mich dünkt, die Zeit könnte reif für die Wiederkehr der Schmuckeremiten sein! Denkt mal darüber nach!

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Fragmente

Fragmente #12

Überaus wohltuenden Trost erfährt der vor Gram gebeugte oder von Sorgen geplagte Geist auf einer Pilgerreise zu diesen schattigen Wallfahrtsstätten. Blicket auf zu den immergrünen Wipfeln der Bäume, die den Stürmen von mehr als dreitausend Jahren widerstanden haben! … Während man in Staunen und Bewunderung versunken ist, scheinen die Wirren des irdischen Kampfes sich aufzulösen.
Edward Vischer, The Mammoth Tree Grove,
Calaveras County, California, 1862

Ich pilgere schon seit meiner Kindheit gerne zu Bäumen, je mächtiger und älter, je lieber. Es ist etwas Geheimnisvolles an der Beziehung zwischen einem Mensch und einem Baum. Es sind aber nicht viele Menschen, die sich wirklich auf einen oder gar mehrere Bäume einlassen. Das ist etwas anderes, als sie im Vorübergehen nur kurz zu bewundern, und sie kurz darauf schon wieder vergessen zu haben. Und ganz gewiss etwas ganz anderes, als sie nur nach ihrem Holz- und Geldwert zu taxieren. Und auch wenn einer einem Baum einen ästhetischen, klimatischen, nostalgischen oder romantischen Wert zuschreibt, ist das weit entfernt von dem, was eine Beziehung zwischen einem Mensch und einem Baum sein kann. Die meisten Menschen haben das vergessen und können sich darunter nichts mehr vorstellen. Sie haben es so grundlegend vergessen, dass sie nicht einmal mehr ahnen, welchen Verlust sie erlitten haben.

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Fragmente

Fragmente #11

Am Amazonas lebt ein indigenes Volk, dessen Menschen sich nicht über Dinge aus der Vergangenheit unterhalten, oder über Dinge, die sie nicht selbst erlebt haben. Es soll ein ungewöhnlich glückliches Volk sein. Das berichtet jedenfalls ein Sprachforscher, der lange unter diesem Volk gelebt hat.

Was bliebe von unseren Unterhaltungen übrig, wenn wir nur noch über das reden würden, was aktuell passiert und auch nur das, was wir tatsächlich selbst erleben?

Ich habe mal versucht einen Tag lang darauf zu achten, worüber ich rede, und ob diese Dinge in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft verortet waren, und ob sie tatsächlich mich selbst betrafen bzw. mein unmittelbares eigenes Erleben betrafen.
An einem zweiten Tag, habe ich versucht, das ganze zu wiederholen, diesmal aber nichts zu sagen, wenn nicht beide Kriterien (nur was gerade passiert und nur wenn ich es selbst erlebe) erfüllt waren. Das war ziemlich schwierig, weil es unserer gewöhnlichen Kommunikation völlig entgegenläuft. Aber es ist ein Experiment, das ich durchaus empfehle mal auszuprobieren.

Ich spiele mit dem Gedanken, das mal länger als einen Tag durchzuziehen, und zu schauen, wie sich das auf mich, mein Befinden und meine Umwelt auswirkt. Ich habe den Verdacht, dass das eine Menge Stress aus meinem Leben nehmen würde (und auch aus dem Leben anderer, die ja dann auch nicht via Kommunikation mit vielem »belastet« werden), und ich am Ende auch ungewöhnlich glücklicher sein könnte.

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