Lena, von der Leyen, Mittelmeer und Köhler
Deutschland im Freudentaumel, weil Lena den European Song Contest gewonnen hat, was ihr gegönnt sei. Landauf, landab äußern sich diverse Experten zu der Frage, woran es lag. Lenas Natürlichkeit sei der Schlüssel gewesen, meinen sie ziemlich unisono, über die Qualität ihres Gesangs und des Songs gehen die Meinungen etwas auseinander. Mag durchaus sein, ich glaube allerdings der Hauptgrund ist, dass sie einfach eine ziemlich perfekte Projektionsfläche liefert. Die ganzen jungen Mädels, die gerne selber über Nacht zu kleinen Stars werden würden, identifizieren sich mit ihr, die jungen Kerle träumen von einem Mädel wie ihr, ältere Männer fallen ihr anheim, weil sie so eine Art »Kindfrau« ist und ältere Frauen … schwanken vermutlich zwischen Neid und Nostalgie.
Lena, ein nettes unverbrauchtes junges Mädchen, das einigermaßen singen und sich bewegen kann war als Gewinnerin für die anderen Teilnehmerländer akzeptabel und zugleich stellt man so sicher, dass Deutschland als einer der größten Geldgeber des Wettbewerbs nicht wegen fortgesetzter Mißerfolge und klammer Kassen aussteigt, sondern sogar im nächsten Jahr die Zeche übernimmt.
Die Medien greifen das Thema natürlich begeistert auf und beginnen gleich schon mal den WM-Hype anzuheizen.
Derweil macht Frau von der Leyen einen überaus (Achtung Ironie-Modus an)originellen und frischen(Achtung Ironie-Modus aus) Vorschlag, wie man Langzeitarbeitslosen »helfen« kann. Die können ihrer Meinung nach zukünftig zur Park- und Straßenreinigung eingesetzt werden. Offenbar ist ihr entgangen, dass schon jetzt vielerorts Langzeitarbeitslose als 1-Euro-Jobber diese Arbeit tun, was für die Kommunen überaus praktisch ist, denn so müssen sie nicht teure Löhne für städtische Reinigungskräfte ausgeben. Die Bekanntgabe dieses Vorhabens ist taktisch überaus geschickt gemacht, denn mindestens dreiviertel der Bevölkerung sind ja im Freudentaumel und werden den Vorschlag gar nicht groß zur Kenntnis nehmen oder zumindest wird ihnen nicht auffallen, dass diese als neu deklarierte Maßnahme, alles andere als frisch ist, wenn sie nicht - so noch in Arbeit - eh glauben, das alle Langzeitarbeitslosen im Grunde faule Säcke sind, die man mal ordentlich ran nehmen sollte.
Im Mittelmeer schießen die Israelis mal eben auf Aktivisten auf einem Schiffskonvoi. Noch ist zu wenig an echten Fakten über die Abläufe bekannt und ob man je wirklich erfahren wird, was sich an Bord des oder der Schiffe abgespielt hat, ist noch längst nicht sicher, aber allein dass es überhaupt zu einem solchen Zwischenfall kommen kann, ist tragisch und traurig genug.
Und dann auch noch die Hiobsbotschaft: Bundespräsident Köhler tritt mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück (wer jetzt den Kalauer »Lena for President« bringt, hat den Ernst der Lage nicht begriffen).
Köhlers Rücktritt ist für das Volk ein Verlust, passt aber ins momentane Bild, das die deutsche Politik abgibt. Mir scheint, es ist nicht eine spontane oder gar übersensible Reaktion von Horst Köhler, sondern vielmehr waren die Reaktionen diverser Politiker und Medien in den vergangenen Tage auf seine kritisierte Aussage, wohl nur der letzte Tropfen auf ein schon volles Fass.
Die Opposition, die zwar mit allem Recht kritisierte aber leider mit Freuden dabei deutlich unter die Gürtellinie zielte, die eigenen Leute, die ihm nicht wirklich beisprangen und ihn gegen diese Angriffe in Schutz nahmen. Es war nicht das erste Mal, dass ihn die, die ihn hätten unterstützen müssen, allein im Regen stehen ließen. Die in der jetzigen Kritik implizierte Anschuldigung, Köhler würde einem nicht verfassungskonformen Einsatz der Bundeswehr das Wort reden, war dann für diesen aufrechten Mann, endgültig genug.
Wer den (Bundes-)Politik-Betrieb nicht von innen kennt, macht sich keine Vorstellung davon, mit welchen Mitteln, Intrigen und Bandagen da teilweise gearbeitet wird und wie schwierig es ist, dort mit aufrechter Haltung zu agieren. Dass ein korrekter und aufrichtiger Mann, wie Köhler, der zudem als Quereinsteiger an das Amt gekommen ist und dem diese Mechanismen daher nicht vertraut waren, daran leiden würde, ist nachvollziehbar. Ohne entsprechende Unterstützer, ist eine solche Haltung nicht auf Dauer durchzuhalten und auch von daher, sind seine Entscheidung und sein Rücktritt nur logisch.
Jetzt die Betroffenheitserklärungen vieler Politiker zu hören, ist schwierig aber noch mehr, wie die sog. Experten nun nur Teilaspekte, des Gesamtpakets herausgreifen und sich herausnehmen darüber zu urteilen, ob der Rücktritt angemessen ist oder nicht.
Es gibt so Tage, da könnte man verzweifeln … aber hey, Lena wir haben den European Song Contest gewonnen und bald beginnt die Fußball-WM. Brot und Spiele für das Volk hat in Krisenzeiten schon immer gut funktioniert.