Tagesnotizen
Ich entschuldige mich schon jetzt. Es tut mir leid, Schwarzbrotkost gibt’s heute hier. Mehr Fragen als Antworten und vermutlich auch jede Menge Irrtümer. Am Ende werde ich vermutlich alle in die Flucht geschlagen haben. Wer will schon solche Textwüsten? Und dann auch noch im Internet! Vielleicht gar am Ende eines langen anstrengenden Tages? Mein Kopf ist schuld!
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Heute hauptsächlich nachgedacht über den Hochmut des Verstandes und der Vernunft. Natürlich hält sich (fast) jeder für vernünftig und gesunden Verstandes. Zugleich nehmen wir uns von dieser Ansicht ausgehend, das Recht heraus, alles was uns begegnet, mit unserem Verstand und unserer Vernunft zu beurteilen.
Ein Teil der Aufklärung war ja das Hinterfragen dessen, was man allgemein für wahr hielt. Für die allermeisten Menschen bedeutete es damals ein echtes Wagnis, Fragen zu stellen. Das was ihnen als gegeben vermittelt war, nicht mehr so ohne Weiteres hinzunehmen. Nicht wenige, bezahlten dieses Wagnis tatsächlich mit ihrem Leben.
Für die damaligen »Hüter des Wissens« war diese Entwicklung natürlich eine Katastrophe. Ihnen wurde zunehmend nicht mehr fraglos abgenommen, was sie verkündeten. Sie wurden aus ihrem Paradies der Exklusivität vertrieben, sie verloren zumindest teilweise ihre elitären Positionen innerhalb der Gesellschaften, denn nun sollte Wissen plötzlich allen zugänglich sein. Ihr Mittlertum schien obsolet geworden zu sein. Wie wir wissen, haben sie es aber doch geschafft, bis heute zu überleben. Die Eliten die noch heute behaupten, mehr zu wissen als alle anderen und die davon ihr Recht Elite zu sein ableiten. Damit verbunden natürlich auch das Recht Entscheidungen zu treffen, die unser aller Leben betreffen, verändern und lenken.
Die Kunst des Fragens und Hinterfragens haben wir jedenfalls seit der Aufklärung gründlich verfeinert und eingeübt. In den 2. Weltkriegs-Nachkriegsgenerationen galt es geradezu als Tugend zu hinterfragen und alles »bis ins (angeblich) Letzte« auszudiskutieren. Ob das nun tatsächlich eine Tugend ist, wird sich noch erweisen müssen. Ich hege allerdings inzwischen den Verdacht, dass wir es wieder mal übertrieben haben.
Die Menschheit an sich scheint mir infiziert mit dem Hang zur Übertreibung. Wir finden kein Mittelmaß. Wir fallen immer nur auf beiden Seiten des Pferdes herunter. Mal auf der einen, mal auf der anderen. Das große Pendel, das in der Menschheitsgeschichte hin und her schwingt. Was gestern noch gut war, ist heute verworfen. Und was morgen gut sein wird, wird übermorgen ebenfalls wieder verworfen, um wohlmöglich wieder zu dem zurückzukehren, was vorgestern gut war. So wiederholt sich alles nur immer wieder, abweichend höchstens in kleinen Nuancen, die nicht groß ins Gewicht fallen.
Aber zurück zum Hochmut des Verstandes und der Vernunft. Wir stellen also heute mit großer Selbstverständlichkeit Fragen und erwarten natürlich auch Antworten. Leider stellt sich aber bei den meisten irgendwann der Moment ein, in dem wir wieder aufhören zu hinterfragen. Natürlich nicht, weil alle Fragen schon gestellt, geschweige denn beantwortet worden wären. Wir hören auf weiter zu hinterfragen, weil wir allen Ernstes meinen nun (ausreichend) zu wissen, was es zu wissen gibt bzw. was wir wissen wollen.
Wir entwickeln eine Hybris des Zutrauens. Des Zutrauens in uns selbst, bzw. in unsere Vernunft und unseren Verstand. Wir trauen uns zu, urteilen zu können. Und wir urteilen gemäß unseres Verstandes und unserer Vernunft. Was uns nicht einleuchtet, wird verworfen. Was uns unvernünftig erscheint, wird abgelehnt. Was sich partout nicht mit unserem Verstand und unserer Vernunft in Einklang bringen lässt, was uns also fremd bleibt, wird als Bedrohung empfunden und abgelehnt oder gleich mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft.
Gegen das Fragen an sich ist gar nichts einzuwenden. Problematisch wird es in dem Moment, in dem wir uns ein Urteil zutrauen bzw. anmaßen. Besonders, wenn es das Urteil über andere Menschen ist. Wir hören nicht mehr wirklich zu, wir versuchen nicht mehr uns wirklich einzufühlen. Wir hören einige Worte und zack, unsere Einschätzung ist da, unser Urteil ist gefällt. Wer etwas zivilisierter ist, ziert sich noch eine kleine Weile und führt vielleicht sogar noch ein paar Argumente zugunsten des anderen Menschen an. Aber insgeheim ist das Urteil längst gefallen. Da ist er, der Hochmut des Verstandes und der Vernunft.
Ich frage mich, warum können wir uns des Urteils nicht enthalten? Sind wir wirklich dazu verdammt ständig Urteile zu fällen? Müssen wir immer entscheiden zwischen Schwarz und Weiß? Und komme mir keiner mit denen, die auch an das Grau denken. Kaum ein Mensch scheint es zu schaffen, wenigstens in den meisten Fällen, ein »Grau« stehen zu lassen. Es ist nur eine Frage des »früher oder später«, bevor das Pendel des Urteils doch eindeutig Richtung Schwarz oder Weiß ausschlägt. Wir wollen das Absolute! Nicht das Vage, das Offene, das Ungewisse.
Wir halten uns für vernünftig, für klug oder sogar hochintelligent. Wenn das aber stimmen würde, wie können wir dann allen Ernstes glauben, wir könnten uns erlauben zu urteilen? Wie können wir feste Standpunkte einnehmen, wie Prinzipien (die wohlmöglich auf fehlendem Wissen und Fehlurteilen basiseren) oder Systeme verteidigen, im Schlimmsten Fall mit Waffen und blutigen Fanatismus und Extremismus? Warum glauben wir dann, das Wissen Macht ist? Warum setzen wir alles daran, Wissen zu erlangen? Oder wenigstens unsere Kinder mit so viel Wissen wie irgendmöglich auszustatten, damit sie es mal »zu etwas bringen«? Und warum nutzen wir unser Wissen (wie rudimentär es auch sein mag) um es gegen (angeblich oder tatsächlich) weniger Wissende einsetzen, im Großen wie im Kleinen? Warum überheben wir uns über die (angeblich oder tatsächlich) weniger »Gebildeten« und machen uns lustig über sie?
Vielleicht ist die Wahrheit, dass wir alle nur Irrende sind, die sich wegen ihrer Irrtümer gegenseitig die Köpfe einschlagen und das Leben schwer machen. Warum können wir nicht einfach nur eine große Gemeinschaft der Irrenden sein? Einer Gemeinschaft, in der wir nachsichtig und verständnisvoll miteinander sind, weil wir wissen, wir irren alle, dauernd.
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Die Ihr noch da seid am Ende dieses Textes, an meine Brust!