Literatur & Lyrik ·Privates

Schwimmen und Bücher

Piscine Pontoise, Paris - © Franck Bohbot

Die liebe Frau Indica hat gerade einen schönen Blogeintrag über das Schwimmen und Bücher, geschrieben. Eine überaus glückliche Kombination, wie ich finde. Als ich heute morgen kurz vor sechs Uhr in »unseren« See stieg, um dort alleine meine Bahnen zu ziehen, dachte ich über diesen Eintrag nach und wie ich da so vor mich hin schwamm, fühlte ich mich plötzlich inspiriert, mich Frau Indica mit einem eigenen Beitrag anzuschließen.

Meine Liebe zum Schwimmen wäre beinahe schon im Keim erstickt worden. Ich wurde nämlich als Kind in einen Schwimm-Verein gesteckt. Eigentlich ja keine dumme Idee. Wohl dem, der als Kind das Schwimmen lernt und gleich auch richtig lernt.

Allerdings ging es, kaum dass man schwimmen konnte, nur noch um eines: Leistung, Leistung, Leistung! Wettbewerb um Wettbewerb. Ich hatte ziemlich schnell keine Lust mehr auf ständigen Konkurrenzkampf im Wasser und das (pädagogisch absolut kontraproduktive) Vorgehen der Trainer, um uns zu Höchstleistungen anzustacheln. Es dauerte allerdings noch eine ganze Weile, bis ich sowohl meine Trainer als auch meinen Eltern überzeugen konnte, dass ich wirklich wirklich wirklich aus dem Verein austreten wollte.

Als es endlich soweit war, war’s das auch erstmal mit dem Schwimmen. Aber bald stellte ich fest, dass ich das Schwimmen an sich doch liebte. Ich bin ein absoluter Wassermensch. Am liebsten im menschenleeren Schwimmbad (oder wenigstens mit ganz wenig Mitschwimmern). Volles Hallen- oder Freibad, ist mir bis heute eher ein Graus. Aber in einem relativ leeren Schwimmbad meine Bahnen ziehen und Kacheln zählen … herrlich. Ein eigenes kleines Schwimmbad (vor allem im Winter), das wäre es!

Im Meer schwimmen, ist nicht ganz so mein Ding. Da geht es mir wie Frau Indica. Wer weiß, welcher weiße Hai da vielleicht gerade unter mir schwimmt und denkt »Oh toll, da ist ein Snack! Mal ein bisschen anknabbern!« Nee, ich weiß natürlich, dass in unseren Breiten kein weißer Hai herumschwimmt. Aber trotzdem, dieses diffuse Unbehagen, weil man nicht sehen kann, was unter einem los ist, trübt mir das Schwimmvergnügen im Meer doch ziemlich.

Dieser Tage ist Ines Balcik, die ich über das Internet schon viele Jahre kenne, zum wiederholten Mal durch den (offenbar sehr quallenreichen) Bosporus von Europa nach Asien geschwommen. Wieso, warum und wie sich das anfühlt, dazu mehr hier, hier und hier! Ich muss sagen, vor so einer Leistung habe ich höchsten Respekt. Könnte ich mir bei aller Wasser- und Schwimmliebe für mich selbst aber eher nicht vorstellen.

Tatsächlich bin ich, seit ich hier in Mecklenburg-Vorpommern lebe, zu einer Outdoor-Schwimmerin avanciert. Schwimmbäder gibt es hier zwar, aber tatsächlich sind es eher »Bade-Oasen« als klassische Schwimmbäder. D.h. relativ viele eher kleinere Becken, die sich nicht wirklich zum Bahnenziehen eignen. Schon gar nicht, wenn es etwas voller wird.

Alternativ gibt es hier aber Seen über Seen. Fast jedes kleine Dorf verfügt über einen mehr oder weniger großen See. Auch unser Dorf hat seinen eigenen See, der wegen seiner erhaltenen Natürlichkeit plus guten Größe plus bester Wasserqualität einen guten Ruf in der ganzen Gegend hat. 98% der Besucher bleiben allerdings in Ufernähe, so dass man als Schwimmer den Rest des Sees fast vollständig für sich hat.

Im ersten Sommer beäugte ich den See noch mit einer guten Portion Misstrauen. Ich meine, wer weiß, was da so alles rumschwimmt, in diesem See?! Fische ja schon mal auf jeden Fall, und da weiß man nicht so genau was die, wenn sie nur hungrig genug sind, mit einem anstellen! Aber auch anderes Getier tummelt sich natürlich in so einem Gewässer (z.B. schwimmende Schlangen, was ich aber zum Glück erst nach einigen Jahren sah!).

Andererseits, reizte mich das kühle Nass aber auch. Der Tag kam, an dem ich vorsichtig dann doch mal das Experiment wagte, und das war der Beginn meines Outdoor-Schwimmerinnen-Daseins. Inzwischen freu ich mich immer schon auf den Sommer, weil ich dann endlich wieder im See schwimmen kann. Hin und wieder beschleicht mich immer noch für Momente ein diffuses Unbehagen aber dann gelingt es mir, es zu verdrängen und mich lieber wieder auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Auch andere Seen hier in der Umgebung habe ich mir inzwischen schon »erschwommen«. Was für ein herrlicher und vor allem kostenloser Luxus!

Kacheln zählen kann ich beim Schwimmen im See natürlich nicht, alternativ kann ich Bäume oder Wasservögel zählen, was auch schön ist. Bei einer See-Länge von 730 Metern und einer See-Breite von 370 Metern (Seetiefe bis zu 10 Meter) kann ich wunderbar meine Bahnen ziehen, je nach Tagesform. Bei mir fremden Seen bin ich immer noch etwas zurückhaltender, besonders, wenn sie flacher sind und es ordentlich Unterwasserpflanzen gibt. Das mag ich nämlich gar nicht, wenn da was an meinem Körper entlang streicht, und ich weiß nicht, was!

Aber gut, es hiess ja »Schwimmen und Bücher« und so komme ich jetzt zu den Büchern. An John von Düffel komme auch ich da natürlich nicht vorbei. Schon mit seinem ersten Roman »Vom Wasser«, indem es zwar nicht nur aber auch um das Schwimmen geht, hat er mich nämlich komplett am Haken gehabt.

Etliche Jahre später las ich, wie auch Frau Indica, seinen Roman »Houwelandt«, der mich nicht ganz so zu überzeugen vermochte, wie »Vom Wasser«, aber die Roman-Teile, die sich um das Schwimmen - diesmal im Meer - drehten, fand ich wieder toll.

Über die Kaltmamsell, deren Blog ich ebenfalls schon seit einer gefühlten Ewigkeit lese, und die eine passionierte Schwimmerin ist, was in schöner Regelmäßigkeit in ihre Blogeinträgen einfließt, wurde ich auf das Buch »Swimming Studies« von Leanne Shapton aufmerksam. Seither steht es auf meiner Liste noch zu lesender (Schwimm)-Literatur. Shapton war in ihrer Jugend Leistungsschwimmerin und hat da eine richtige Karriere hingelegt, bis sie ausstieg aus dem Leistungssport. Das Schwimmen selbst hat sie aber nie aufgegeben. In dem Buch erzählt sie von beiden Phasen ihres Schwimmlebens. So richtig traue ich mich allerdings noch nicht an das Buch, weil ich ein wenig fürchte, es könnte mein altes Leistungsschwimmen-Trauma wieder aufwühlen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, so langsam könnte ich mich doch daran wagen. Mal schauen.

Dieses Jahr im April hab ich dann entdeckt, dass im Februar das Buch »Wassererzählungen« von John von Düffel erschienen ist. Das wanderte natürlich sogleich auf meinen Wunschzettel bzw. auf meine schon erwähnte Liste noch zu lesender Schwimm-Literatur. Von diesem Buch hoffe ich sehr, dass ich es noch dieses Jahr, vielleicht sogar noch diesen Sommer, lesen werde, und ich bin schon sehr gespannt darauf.

Charles Sprawson verbrachte seine Kindheit in Indien, wo er im unterirdischen Gewölbe eines Prinzenpalastes das Schwimmen lernte und dem Schwimmen verfiel. Viel später schrieb er ein ebenfalls zu empfehlendes Buch zum Thema: »Ich nehme dich auf meinen Rücken, vermähle dich dem Ozean. Die Kulturgeschichte des Schwimmens« (übrigens übersetzt und herausgegeben von John von Düffeln im Marebuchverlag; als Taschenbuch »Schwimmen - Eine Kulturgeschichte« bei Piper). Sprawson legt dabei einen Hauptfokus auf die Beziehung zwischen Literaturschaffenden und das Schwimmen, was natürlich höchst reizvoll ist.

Soweit zu den Büchern. Ansonsten vertrete ich ja die Ansicht:
Wer Literatur (Bücher) und Schwimmen als feste und regelmäßige Bestandteile in sein Leben integriert hat, der ist auf eine sehr spezielle Weise ein glücklicher Mensch, egal was ihm das Leben sonst noch austeilen mag.

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