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1000 Tode schreiben - der Bonustext

Als ich mich entschieden hatte, für »1000 Tode schreiben« einen Text beizusteuern, begann ich zu schreiben. Am Ende hatte ich insgesamt drei Texte. Einen davon verwarf ich später komplett. Einen sandte ich für die 2. Version von »1000 Tode schreiben« ein, und der wurde inzwischen im e-book veröffentlicht. Und der letzte Text, blieb hier bei mir und bisher unveröffentlicht. Nun soll er also seinen Platz wenigstens hier im Blog finden.

Der Bonustext

Als ich dem Tod das erste Mal begegnete, da hat er nicht mich mitgenommen. Er wählte meine jüngere Schwester. Von diesem Tag an wurde er mir zu einem steten Begleiter. Vielleicht, weil ich die einzige Zeugin gewesen war. Er folgte mir, wohin ich auch ging. Manchmal hielt er sich für eine Weile im Hintergrund, aber ich konnte seinen Schatten immer ausmachen, selbst an einem strahlenden Sommertag oder in den dunkelsten Stunden der Nacht, wenn es eigentlich keine Schatten mehr gibt. Ich gewöhnte mich lange nicht an seine Anwesenheit. Ich versuchte ihn abzuschütteln, doch es gelang mir nie.

Ich fürchtete den Anblick, wenn sein Schatten über einen Menschen fiel und diesen gleichsam verschluckte. Manchmal ging dieses Verschlucken rasend schnell, manchmal dauerte es schmerzhaft lange. Ich begann mich von den Menschen zurückzuziehen, weil ich fürchtete, den Tod erst auf sie aufmerksam zu machen. Ich wollte ihn nicht wie eine Art tödlichen Virus einschleppen. Abgrundtiefe Verzweiflung befiel mich, wenn ich sah, wie er seine schmale aber unerbittliche Hand auf die Schulter eines Menschen legte. Eines Menschen, der noch lachte und scherzte und nicht ahnte, dass ihm nicht mehr viel Zeit verblieb. Ich wollte die Menschen warnen, aber kein Ton kam aus meinem Mund. Ich konnte nur ohnmächtig warten und dann zusehen, wie der Tod sein Werk vollbrachte.

Ich lernte die vielen unterschiedlichen Gesichter des Todes kennen. Er konnte sanft und liebevoll sein, grausam und rücksichtslos. Jedenfalls glaubte ich das lange, bis mir aufging, dass er völlig ohne jegliches Gefühl ist. Alles, was ich ihm zugeschrieben hatte, waren nur meine hilflosen Versuche gewesen, menschliche Worte zu finden, um ihn zu beschreiben. Denn was man in Worte fassen kann, das wird buchstäblich fassbar. Der Tod aber bleibt unfassbar, unbeschreiblich. Wenn wir glauben, ihn endlich erwischt zu haben, einen Fetzen seines Mantels in der Hand zu haben, entwindet er sich im nächsten Moment, wechselt sein Gesicht und ist wieder so unerträglich fremd.

Manchmal glaube ich, der Tod ist eigentlich ein riesiges Kaleidoskop, in dem wir gefangen sind. Von überall her und aus allem heraus blickt er uns an. Wenn wir uns bewegen, verändert er sein Aussehen und bleibt doch immer der, der er ist. Er webt eine große Illusion um sich und uns herum. Manchmal ist diese Illusion unerträglich schön. So schön, dass wir den Schmerz, den er gleichzeitig bringt, fast vergessen. Manchmal zerbirst die Illusion in tausend Splitter, die uns blutige Wunden zufügen.

Es gab Zeiten, da gelang es dem Tod sogar, mir vorzugaukeln, er sei mein Freund. Er versprach mir das Blaue vom Himmel, wenn ich nur mit ihm gehen würde. Fast wäre es ihm gelungen, mich zu überzeugen. Doch ich besann mich im letzten Moment und lehnte sein Ansinnen ab. Er lächelte leichthin, fast ein wenig spöttisch und ging davon. Wir wussten beide, er würde es wieder versuchen. Wir wussten beide, er würde am Ende, so oder so, gewinnen. Aber jetzt noch nicht.

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