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Essen wir noch oder fressen wir schon?

Ich habe gerade das Buch »Tiere essen« von Jonathan Safran Foer gelesen. Momentan wohl die aktuelle Lektüre von vielen, denn offenbar sind die Menschen gerade in größerer Anzahl willig, ein Buch zu diesem Thema zu lesen und sich mit den Fragen, die dadurch aufgeworfen werden, auseinanderzusetzen.

Vieles was im Buch zu lesen ist, hat man - zumindest wenn man nicht mit Scheuklappen durchs Leben geht -, so oder ähnlich schon mal gehört, gelesen oder sogar in entsprechenden Reportagen gesehen. Allerdings sind wir Menschen gut im Verdrängen und so ist es vermutlich grundsätzlich gar nicht schlecht, jetzt mal wieder mit der Nase auf diese Themen gestoßen zu werden. Und es ist auch etwas anderes, ob man mal hier einen zwar eindrücklichen aber doch kurzen Artikel zum Thema liest oder einen entsprechenden Beitrag im Fernsehen sieht oder ob man diese Informationen gebündelt und massiv auf mehreren hundert Seiten präsentiert bekommt.

Während ich das Buch gelesen habe, habe ich mich selbst bzw. meine Gedanken und Reaktionen darauf beobachtet. Ziemlich schnell stellte sich unterschwellig der Gedanke ein: Naja, das sind halt amerikanische Verhältnisse, in Europa oder bei uns in Deutschland wird es soooo schlimm schon nicht sein. Dann erzählte mir jemand, der das Buch schon gelesen hatte, dass es im Anhang aktuelle Zahlen und Informationen über die Situation in Deutschland gäbe und soooo viel besser steht es hier eben auch nicht, wie ich dann schnell feststellen musste.

Als es um das Thema Masthähnchen- und Legehennen-Massenzucht ging, stellte sich bei mir sehr schnell der Gedanke ein, dass das alles klang, wie KZs für Geflügel. Der Gedanke war mir unangenehm, erschien mir übertrieben und ich schob ihn weg, bis ich dann von den Verbrennungsöfen las, in denen die Kadaver verendeter Tiere verbrannt werden. Ab da konnte ich diese Assoziation nicht mehr wegschieben.

Was in dem Buch über die Behandlung der Tiere von der Aufzucht über die Haltung bis hin zum Schlachten berichtet wird, ließ in mir die Frage auftauchen: Was sind das für Menschen, die in diesen Betrieben arbeiten? Mal abgesehen davon, dass es mir schon schwerfällt, mir vorzustellen, jeden Tag Tiere zu schlachten, wenn alles drumherum ideal wäre, setzt mein Vorstellungsvermögen komplett aus, wenn ich lese, was für Szenen sich in vielen Betrieben und auf den Schlachthöfen offenbar tatsächlich abspielen. Von (unnötiger) brutaler Gewalt bis hin zu Perversionen ist alles dabei. Das ist für mein Empfinden und Denken absolut nicht zu rechtfertigen, auch nicht wenn es sich ja »nur« um Tiere handelt. Hier toben sich offenbar Psychopathen, Sadisten, Tierquäler und ich weiß nicht was noch, aus und werden dafür noch (wenn auch mies) bezahlt. Wenn die geschilderten Zustände tatsächlich verbreiteter sind, dann ist es dringend an der Zeit, uns ganz allgemein mal gründlich zu hinterfragen.

Beim Lesen des Buches stellte sich bei mir eine Menge Wut ein. Wut auf die Betreiber und Mitarbeiter solcher Massenzucht-Betriebe, Wut auf Behörden, die trotz ihres Wissens nichts unternehmen, um solche Praktiken zu unterbinden, Wut auf die ganze Industrie, die da entstanden ist und die sich eine goldene Nase verdient, während sie die brutale Mißhandlung dieser Lebewesen, Umweltverschmutzung in riesigem Ausmaß und letztlich die Schädigung der Gesundheit ihrer Kunden billigend in Kauf nimmt. Und schließlich auch Wut auf mich selbst, weil ich Teil des ganzen Systems bin.

Ich habe Fleisch gegessen und esse es (momentan) noch. Ich habe dies und das gehört und mich nicht weiter gekümmert bzw. verdrängt, und ich habe sogar jetzt noch die Angst, dass ich genau das wieder tun könnte. Meine Wut ist nämlich auch eine ziemlich ohnmächtige Wut. Ich frage mich, was um alles in der Welt, kann ich denn tatsächlich tun. Wie will man dieses System aufhalten, ändern? Wie viele Menschen müssten denn aufhören Fleisch zu essen oder zumindest den Konsum massiv zurückschrauben, damit sich wirklich etwas im System ändern würde? Ist das nicht im Grunde wieder mal ein Rad, das nicht zurückgedreht werden kann. Wir werden wohl kaum zum guten alten Bauern, der im Einklang mit der Natur und in Achtung vor dem Vieh lebt, zurückkehren (können).

Wie Foer selber ziemlich zu Beginn des Buches darlegt, wissen sehr viele Menschen, dass da etwas ganz gewaltig schief läuft und verurteilen es (theoretisch), wollen etwas anderes aber wir sind scheinbar trotzdem nicht in der Lage, tatsächlich etwas zu ändern. Dann höre ich jemanden sagen, dass alles im Kleinen anfängt aber es fällt mir offengestanden schwer, zu glauben, dass dieses System tatsächlich aufgehalten oder durchschlagend geändert werden kann, indem ein paar Menschen eben kein oder nur noch wenig Fleisch essen. Alles was man damit sicher erreicht ist, dass man zumindest zu sich selbst sagen kann: Ich bin nicht mehr Teil dieses Systems. Das System selber bleibt unberührt und ungerührt.

Jonathan Safran Foers Buch »Tiere essen« hat mich mit vielen Informationen versorgt und das ist gut so. Es hat mich gezwungen, mich mit grundlegenden Fragen mal wieder auseinanderzusetzen, was per se auch ein gute Sache ist. Es läßt mich wütend zurück mit vielen neuen Fragen, Ratlosigkeit und einer tiefen Frustration wegen des Ohnmachtsgefühls, das sich meiner beim Nachdenken über die Konsequenzen, die sich aus der Lektüre ergeben, bemächtigt hat. Meinen Fleischkonsum habe ich in den vergangenen Jahren im Vergleich zu früher schon deutlich heruntergeschraubt und ich denke, das wird nun noch mehr der Fall sein auch wenn ich sicher nicht zum vollen Vegetarier oder gar Veganer werde aber wer weiß, vielleicht ist für mich auch dafür irgendwann die Zeit reif. So eine weitreichende Entscheidung will ich nicht unmittelbar im Anschluß an diese Lektüre treffen. Ich bin noch nicht fertig damit zu durchdenken, was ich gelesen habe und für mich persönlich die Konsequenzen zu ziehen aber ich bin entschlossen, diese Fragen zu bedenken und Konsequenzen zu ziehen, wo das für mich sinnvoll und notwendig ist.

Eigentlich wäre es schön, wenn das Buch von Foer wirklich zu einer breiten und lebhaften Diskussion zu diesen Themenbereichen führen würde. Mich würde schon sehr interessieren, wie es anderen bei der Lektüre ergangen ist, welche Gedanken sie bewegt haben, welche Reaktionen sie auf das Gelesene hatten und wie sie das Ganze einschätzen bzw. zu welchen Erkenntnissen und Konsequenzen das bei ihnen führt.

Es lässt sich jetzt schnell verkünden: »Ich werde Vegetarier/Veganer!« aber das will ja dann auch durchgehalten werden und die nächsten Probleme stehen dann schon vor der Tür, denn ein Ausweichen auf vegetarische Kost löst das Problem auch nicht, sondern verlagert es nur mehr oder weniger. Obst, Gemüse und Getreide werden heute mit allerlei Chemikalen gespritzt oder gleich genetisch verändert oder sonstwie verunreinigt. Wie gehen wir damit denn um? Nicht jeder kann sich einen Garten leisten und alles selber anbauen. Machen wir uns alle im Grunde doch nur etwas vor? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, sehe keine praktikablen Lösungen, schon gar nicht wenn man das ganze Thema dann auch noch global betrachtet und an die Milliarden Menschen denkt, die alle ernährt werden wollen. Ist die Vorstellung von einer ethisch vertretbaren Ernährung im Grunde nur eine Utopie, eine Sehnsucht nach einer Art »irdischem Paradies«?

Eigentlich fängt es schon mit der Frage an: Essen wir noch oder fressen wir schon? Wie bewusst essen wir eigentlich noch? Wieviel Zeit nehmen wir uns für das Essen? Setzen wir uns noch richtig an den Tisch oder lümmeln wir am Schreibtisch, vor dem Computer oder auf dem Sofa vor dem Fernseher herum? Essen wir langsam und genussvoll oder schlingen wir unsere Mahlzeiten nur noch herunter, sei es aus (angeblichem oder tatsächlichem) Zeitmangel, schlichter Gier und Bedürfnisbefriedigung? Essen wir noch in gesunden Mengen oder stopfen wir alles nur noch wahllos in uns hinein? Wie sehr sind wir mit unseren Gedanken am Tisch anwesend und wirklich mit der Nahrung, die vor uns steht, befasst, wenn wir essen? Ist es ein gutes Zeichen, dass die Koch-Shows bei uns boomen? Oder ist es vielleicht eher ein Warnsignal? Werden dadurch unser(e) Bedürfnis/Gier nach noch mehr und exquisiterer und exotischerer Nahrung nur noch mehr angestachelt? Wollen wir im Grunde vielleicht nur unser Selbstwertgefühl und unser Ansehen bei anderen aufwerten, in dem auch wir uns brav einreihen in die scheinbar ständig anschwellende Reihe von semi-professionellen Köchen, die selbstverständlich alle nur das Beste vom Besten wollen, wenn es um die Lebensmittel geht (notfalls auch um die halbe Welt gekarrt und vor allem teuer bezahlt! Schließlich lassen wir uns unser Essen etwas kosten, wenn wir es uns leisten können)? Wird hier nicht die Gesellschaft systematisch zum Konsum (von Lebensmitteln) erzogen und angehalten und damit wieder zur (manchmal buchstäblich) fetten Beute der Lebensmittelindustrie, zur der auch die Massenzuchtbetriebe gehören? Unangenehme und provokante Fragen, die aber gestellt werden müssen und auf die jeder für sich Antworten finden und geben muss und auch hier gilt: keine Antwort ist auch eine Antwort.

Meine Rezension zum Buch im Litblog

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Kulinarisches ·Nordisches

Blossa Glögg 09

Blossa Glögg 09

Nun ist das »Geheimnis« heraus! Jedes Jahr bringt Blossa zur Winter- bzw. Weihnachtszeit eine limitierte Edition eines speziellen Festtags-Glögg in den Handel. Das Aussehen der Flaschen, in denen dieser Glögg angeboten wird, wird jedes Jahr speziell von BVD (Blidholm Vagnemark Design) entworfen.

Glögg ist die schwedische Variante des Glühweins (schmeckt aber viiiel besser als das, was in Deutschland als Glühwein angeboten wird!). Die Festtagsvariante wird verfeinert und zwar dieses Jahr mit - tada! - Clementinen, was einen frischen Geschmack bringt. Die Flasche ist folglich orange und bringt somit gleich noch etwas Farbe in graue Wintertage. :)

Ab 1. Oktober setzt dann also wieder der große Ansturm der Schweden ein, die versuchen eine der limitierten Flaschen zu ergattern. Leider kommt man meines Wissens in Deutschland nicht an diese Festtagsausgaben, was ich sehr schade finde. Die glücklichen Schweden hingegen können jetzt schon via Blossas Internetseite ihre Flasche reservieren.

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Illustration & Grafikdesign ·Kulinarisches

Riki Takaoka

Blueberry Pancakes - © Riki Takaoka

Kimchee - © Riki Takaoka

Indian Curry with Rice - © Riki Takaoka

Caramel Fudge Tiramisu - © Riki Takaoka

Ich bin ja eine große Bewunderin von Menschen, die über das Talent verfügen mit wenigen Strichen Alltagsszenen, Reisebilder und Landschaften aufs Papier zu skizzieren. Riki Takaoka zählt zu diesen Künstlern und unterhält ein interessantes Projekt: er skizziert was er täglich isst und zeigt die Bilder in Rikis Food Blog. Eine Freude für Liebhaber von Skizzen in schwarzweiß und farbig.

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