Gartenfreude ·Privates

10 Dinge, die mich das Gärtnern (bisher) gelehrt hat

Vanessa hat angefangen, Pia hat fortgesetzt und ein »Stöckchen« draus gemacht und ich als relative Garten-Novizin kann einem solchen Stöckchen natürlich nicht widerstehen.

1. Wer ernten will, muss erst schwitzen und gelegentlich bluten.
Ich stehe mit den meisten Insekten auf Kriegsfuß und ganz besonders mit blutsaugenden Exemplaren. Im Garten aber gibt es kein Entkommen. Es kribbelt und krabbelt, ich lerne sogar Insekten kennen, von deren Existenz ich bisher nicht einmal etwas ahnte. Und natürlich gibt es auch Mücken, die im Bruchteil von Sekunden erkennen, dass mein Blut offenbar besonders schmackhaft ist. Ich habe also die Wahl, entweder ich stelle mich den kribbelnden, krabbelnden und stechenden Mistviechern Tierchen oder es wird nur eine leere Brache und keine Ernte geben.

2. Wer gärtnern will, darf keine Angst vor Schmutz und Dreck haben.
Gartenfern aufgewachsen und vor allem erzogen, mit starker Betonung des Dreiklangs: Sauberkeit, Ordnung und Manieren, war ein Garten aus Sicht der Erziehenden ein potentieller Quell des Grauens. Kein Wunder, dass gehobene Stände früher eigens Gärtner bzw. Knechte und Mägde beschäftigten, die sich im Garten die Hände für die feinen Herrschaften dreckig machen durften. Sich im Garten aufhalten, Blumen und Bäume bewundern, die Früchte der Bäume und Hecken, die Ernte aus dem Nutzgarten genießen, alles gut und fein. Aber sich selber die Hände dafür schmutzig machen? Nein, danke! Das war die ausgegebene Devise! Was man sich da alles einfangen könnte!! Was in Gartenerde an Keimen, Bakterien, etc. lauert! Und überhaupt Erde unter den Fingernägeln ist total unakzeptabel! Sie verstehen, es ist eigentlich ein Wunder, dass irgendwo, tief in mir, ein Rest an echter Gartenneugier und -freude überlebt hat.

Und nun, war und ist die Chance da, dass ich mir entgegen aller Warnungen und anerzogenen Verhaltensweisen so richtig die Hände dreckig machen kann, im Garten!!! Und was passiert? Ich stelle fest: die Warnungen und die Erziehung haben gefruchtet und zwar ordentlich. Überraschend oft schrecke ich erstmal zurück und muss mich überwinden mich tatsächlich dreckig zu machen. Wer wirklich und wahrhaftig im Garten arbeitet, bleibt nicht sauber, auch nicht die Kleidung und wenn ich mich noch so sehr vorsehe! Tatsächlich hege ich den Verdacht, je mehr ich mich vorsehe, desto dreckiger bin ich hinterher! Statt nun also ständig nach Dreckfallen Ausschau zu halten und zu versuchen mich um Drecksarbeit herumzudrücken, heißt die neue Devise: »Dreck tötet nicht, aus Dreck wächst Leben (nicht nur die kommende Ernte sondern dank dieser auch die Fortsetzung meines eigenen Lebens! Der Mensch muss essen!)! Ran an die Kartoffeln (auch wenn die von Kartoffelkäfern übersät sind)!

Zum Glück ist mein Garten-Yoda so weise wie der echte Yoda und findet das richtige Maß, mich zu fördern und zu fordern und in die Tiefen des Drecks einzuführen. Und manchmal, manchmal habe ich sie schon erlebt, diese legendären Momente: furchtbar dreckig, aber sehr sehr glücklich!

3. Ein Garten ist eine Art Zeitmaschine
Doch wirklich und diese Zeitmaschine katapultiert einen in Nullkommanix ins Greisenalter und zurück in die Kindheit und wieder ins Greisenalter. Wie ich das meine? Die zumindest für mich eher ungewohnten Bewegungsabläufe und Körperhaltungen führen dazu, dass mein Körper innerhalb recht kurzer Zeit anfängt ächzend und knarzend zu protestieren. Gelenke steifen in erschreckender Geschwindigkeit ein und lösen sich bei veränderter Körperhaltung nur langsam wieder aus dieser Steifigkeit, jederzeit bereit bei der geringsten nächsten Inanspruchnahme noch stärker zu versteifen. Muskeln und Sehnen schmerzen und seit ich Gartenarbeit mache, weiß ich auch wieder, was die Knubbel zwischen Ober- und Unterschenkel sind, nämlich Kniee die ebenfalls lautstark mit Knacken, Krachen und Schmerzen reagieren können. Am Ende einer Garten-Session fühle ich mich wie eine 80- oder 90jährige.

ABER mittendrin kann ich immer wieder für Momente und Minuten zu einem Kind werden. Ein Geruch aus dem Garten, der mich anweht und zurückversetzt in den einzigen Garten meiner Kindheit. Einen Garten, den ich (Millionen)Stadtkind, nur ein gutes Jahr erlebte, und der mir damals riesig und wie ein Paradies auf Erden erschien. Als ich Jahrzehnte später zu dem Haus samt Garten von damals zurückkehrte, stellte ich fest, es war tatsächlich ein relativ kleiner Garten. Egal, offenbar haben sich damals einige Gartengerüche in meinem olfaktorischen Gedächtnis abgelagert und die erwachen nun zu neuem Leben.

Oder ich entdecke, dass die erst vor wenigen Tagen gesetzten Steckzwiebeln tatsächlich schon 3, 4, 5 cm grün aus dem Erdreich treiben. Eine Erdbeerpflanze erste Blüten trägt oder der Schnittlauch blüht. Sowas versetzt mich in reine kindliche Begeisterung. Fehlt nur noch, dass ich vor Freude in die Hände klatsche! Andächtig bewundere ich jede einzelne Blüte, hege fast mütterliche Sorge um erstes keimendes Grün und kann mich an diesen kleinen Wundern kaum satt sehen.

Bis mir einfällt, ich muss noch weiterarbeiten und schwupps, bin ich wieder die alte Greisin, deren Knochen ächzen und klagen. Zeitmaschine galore!

4. Gartenarbeit und Perfektionismus ist keine gute Kombination
Wenn Gartenarbeit langfristig Freude machen soll, dann ist zwar eine gewisse Systematik und Ordnung hier und dort durchaus hilfreich, aber Gartenarbeit und Perfektionismus, das geht nach meiner Erfahrung nicht lange gut. Also zumindest, was mich betrifft. Ein Garten ist ein Garten, ein Sammelsurium von Lebewesen, die zuweilen sehr eigensinnig sein können. Ich kann zwar hier und da ein bisschen korrigierend eingreifen, hier und da etwas richten aber am Ende wird sich die Natur doch immer wieder durchsetzen. Es ist eine Art Urgewalt. Wende ich zuviel Aufmerksamkeit, Arbeit und Mühe auf eine Ecke des Gartens, lacht diese Natur in meinem Rücken und wuchert dort ins Unermessliche. Und ein Garten macht so viel Arbeit, dass keine Zeit bleibt, erst Tage lang zu grübeln, ob ich die Steckzwiebeln nun in zwei, drei langen Reihen stecken will oder lieber doch in 4x4, um am Ende nette kleine Zwiebelquadrate zu haben. Ich neige zu gründlichem Abwägen und vorsichtigen Schritten und stelle im Garten fest, so geht das nicht. Immer wieder gibt es Situationen, in denen schnelle Entscheidungen und beherztes Handeln gefragt sind. In dieser Hinsicht ist der Garten ein gutes Übungsfeld und Gegengewicht für mich.

5. Gartenarbeit verbindet, ob man will oder nicht.
Zumindest wenn nebenan auch gegärtnert wird oder irgendwelche Wege am Garten vorbeiführen. Das ist so ähnlich wie mit einem Hund unterwegs sein. Bekannte und wildfremde Menschen sprechen einen an und erzählen einem ich-weiß-nicht-was-alles über ihren Hund, geben (mehr oder weniger) kluge Ratschläge und wollen sich gleich mit einem zu gemeinsamen Spaziergängen verabreden.

Übersetzt für den Garten: Bekannte und wildfremde Menschen sprechen einen an und erzählen einem ich-weiß-nicht-was-alles über ihren Garten, geben (mehr oder weniger) kluge Ratschläge und wollen dass man gleich in ihrem Garten weitermacht (mit Unkraut rupfen, Gießen, pflanzen, etc. etc.).

6. Im Garten tun sich neue Welten des Wissens auf
… deren Tiefen (jedenfalls von mir) ungeahnt sind. Das ist ungemein spannend. Ich komme kaum mal aus dem Garten (egal ob nun der Garten ums Haus oder von unserem Balkongärtchen) ohne neue Fragen. Also wird fleißig im Internet recherchiert - was manchmal eher zu noch mehr Verwirrung führt, weil es, was Gartendinge angeht, unzählige Meinungen zu allem Möglichen gibt - Gartenblogs entdeckt und gelesen, Gartenliteratur besorgt und plötzlich finde ich mich im Einkaufszentrum vor Gartenzeitschriften wieder, die ich jahrzehntelang nie bemerkt habe und begeistere mich für besonders ergonomisch geformtes Gartenwerkzeug oder grandiose Tipps und Tricks für Gärtner.

7. Gärten können bei schwacher Selbstdisziplin ein teurer Spaß werden.
Wie immer haben nämlich clevere Leute erkannt, dass man rund um Gärten viel, sehr viel Geld verdienen kann. Man könnte ein Vermögen in einen Garten stecken, angefangen bei den Pflanzen, über Gartenhäuschen, Gartenwerkzeug und und und.

In meiner relativen Unerfahrenheit und meinem Novizen-Enthusiasmus neige ich zu unüberlegten Spontankäufen (was sonst eigentlich nicht meine Art ist), nur um dann festzustellen, dass z.B. der Boden im Garten dem gesunden Wachstum einer Magnolie eher abträglich ist (meine erfahrenen Gartenlehrer wussten Rat, machten den Boden passend und retteten der Magnolie so knapp das Leben. Dieses Jahr hatten wir dann nach drei Jahren das erste Mal eine blühende Magnolie, die den Namen auch verdiente!)

8. Gartenphilosophie beruhigt
Der Begriff »Gartenphilosophie« war mir wohl schon untergekommen, wie berechtigt dieser Begriff ist, geht mir erst jetzt auf. Der Garten lehrt mich Dinge über das Leben und auch Dinge über mich, auf die ich Kopfmensch in jahrelangen Denkversuchen und philosophischen Denkansätzen, nicht gekommen bin. Ehrlich gesagt, hat mich das einigermaßen überrascht. Aber es gefällt mir sehr! Ich habe in die Lektionen des Gartens sogar mehr Vertrauen als in die Lektionen, die ich aus Büchern oder aus langem Nachdenken über die Welt und uns Menschen gewonnen habe. Vielleicht, weil die Lektionen des Gartens so erdverwurzelt, so bodenständig daher kommen. Sie erscheinen mir darum verlässlicher, gewisser und damit sehr beruhigend.

9. Vorsicht vor Garten-Extremisten!!
In der Welt der Gärten und Gärtner lauern esoterische Abgründe, religionsähnliche Glaubenssysteme und gelegentlich auch extremistische Fanatiker! Gerade als unbedarfter Novize muss man sehr aufpassen, dass man nicht in solche Abgründe fällt oder zwischen Fronten gerät.

Ich nichtsahnender Naivling hatte ja gedacht, Gärtner sind friedfertige und geerdete Wesen. Natürlich gibt es diese Art Gärtner tatsächlich. Aber es gibt auch noch jede Menge anderer Ausprägungen, und die lerne ich nach und nach wohl alle kennen. Da heißt es manches Mal, fest auf die Zunge beißen und sich bloß nicht in Diskussionen verwickeln lassen, in denen ich schon aufgrund meines Novizentums prädestiniert bin, den Kürzeren zu ziehen, erst recht aber wenn es um »Glaubensdinge« geht. Da hört nämlich bei erstaunlich vielen Gärtnern der Spaß auf.

10. Wie der Garten mich lehrte den Regen zu lieben
Mein Leben lang mochte ich Regen nicht sonderlich. Regnete es mehr als zwei Tage in Folge, ging meine Laune in den Keller. Ich wollte Sonne, 365 Tage im Jahr am liebsten. Natürlich wusste ich theoretisch, dass Regen für die Natur wichtig ist. Betonung auf »theoretisch«! Erst seit ich hier in MV wohne, einen Garten vor Augen (und inzwischen auch Händen) habe, hat sich mein Verhältnis zum Regen grundlegend verändert. Ich habe mich tatsächlich schon dabei erwischt, wie meine Augen den Himmel nach Regenwolken absuchten, oder dämlich lächelnd, weil Regenrauschen an mein Ohr drang und ich damit wusste, ich muss heute nicht auch noch den Garten gießen.

13 Gedanken zu „10 Dinge, die mich das Gärtnern (bisher) gelehrt hat

  1. Sehr, sehr schön zu lesen! Die Schmutzbereitschaft hatte ich in meiner Aufzählung ganz vergessen, aber die zehn Punkte waren sowieso rasch verbraucht :) Ich sehe, Regen wird von allen Gartenschaffenden gleichermaßen geliebt.

    Danke für´s Mitmachen!

  2. Wunderbarer, durch die Punkte strukturierte Gartenliebeskunde!
    Bei mir fehlen die Wirkungen nach Außen, denn Nachbarn und andere Gärtner haben keinen Einblick. Das war einmal ein Klostergarten und ist dick ummauert seit langen Zeiten.
    Die Knarzknochen und Steifigkeiten, ohhhh!
    Die Liebe zu allem, was im Freien geschieht…(nicht aber zu diesen propagierten Elektro- und hippe Freizeitkrachmachsachen!)
    Gruß von Sonja

  3. @ Sonja - Ernsthaft, so einer Mauer um den Garten, könnte ich etwas abgewinnen … manchmal! :-)

  4. Vielen Dank, Maufeline! Freut mich, dass Dir die Lektüre gefallen hat. Deine 10 Dinge, die Dich das Gärtnern gelehrt hat, sind aber auch sehr lesenwert! Ich erwäge nun ernsthaft die Anschaffung von (Kampf)Hühnern! ;-)

  5. Herrlich geschrieben, so richtig aus tiefstem Gärtnerherzen :-)
    Sonnige Gartengrüße, Patricia

  6. Sehr schön geschrieben! Das mit dem teuren Spass passiert mir immer noch ab und zu, glücklicherweise immer weniger. Und wenn ich mal keinen Schmutz unter den Fingernägeln brauchen kann, ziehe ich dünne Gartenhandschuhe aus Stoff an.
    Liebe Grüsse
    Elfe

  7. @jetztdasein - Handschuhe trage ich eigentlich fast immer, allein, weil meine Hände extrem zu Blasen neigen - sind halt Gartenarbeit (noch) nicht gewohnt - und ja, zuviel Dreck auf einmal muss auch nicht sein. ;-)

  8. @ Ingrid - Oh, da freu ich mich schon, zu lesen, was Du als erfahrene Gärtnerin schreiben wirst! :-)

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