Tagesnotizen
Vier Minuten! Vier Minuten schweigend einem anderen (fremden!) Menschen in die Augen schauen.
Marina Abramović hat es in ihrer Performance »The Artist is Present« getan und zwar viel länger. Im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) saß Abramović im Atrium des Museums an einem Tisch und schwieg - ihr gegenüber ein Stuhl, auf dem Besucher Platz nahmen. Nach 721 Stunden endete die Performance, nachdem 1565 Besucher ihr gegenüber gesessen hatten. Ich habe gefilmte Ausschnitte dieser Performance gesehen. Die Reaktionen der Menschen, die sich Abramović gegenüber setzten und ihr in die Augen sahen, fielen sehr unterschiedlich aus. Manche begannen sogar zu weinen.
Ich wurde heute wieder daran erinnert, als ich den Artikel »To Fall in Love With Anyone, Do This« von Mandy Len Catron las. Nun habe ich nicht vor, »in Love« zu fallen, aber ich war in meiner Timeline auf den Link zum Artikel gestoßen. Las hinein und blieb hängen. Vor zwanzig Jahren gelang es dem Psychologen Arthur Aron zwei Fremde in seinem Labor dazu zu bringen, sich ineinander zu verlieben. Mandy Len Catron, hat nun seine damals angewandte Methode in einer Art Selbstversuch angewendet und berichtet in diesem Artikel davon.
Zu Arons Versuchsaufbau gehörte u.a. dass sich seine menschlichen »Versuchskaninchen« am Ende des Experiments für 4 Minuten schweigend in die Augen schauen sollten. 4 Minuten sind eigentlich nicht lange, aber wenn man jemandem, und noch wichtiger einem relativ Fremden (!), wortlos vier Minuten direkt in die Augen schauen soll, dann kommen einem 4 Minuten wahrscheinlich wie eine kleine Ewigkeit vor.
Wenn ich das richtig verstanden habe, vertrat Aron die Ansicht, dass gemeinsame Verletzlichkeit eine besondere Nähe und Verbundenheit bewirkt. Der Großteil seines Experiments bestand aus der Beantwortung von 36 Fragen, die zunehmend persönlicher und intimer wurden. Der 4-Minuten-Blick war dann der Abschluß.
Ich hab überlegt, wann ich das letzte Mal einem Menschen länger als in unseren Breiten üblich in die Augen geguckt habe. Das ist eine ziemliche Weile her. Und ich bin sicher, dass es keine 4 Minuten waren, sondern weit darunter. Wenn ich mich recht erinnere, war es ein Kleinkind, dem ich längere Zeit in die Augen geschaut habe.
Der direkte Blick ist ja in den meisten Kulturen eine eher zweischneidige Angelegenheit. Einerseits gilt er als Hinweis für Aufrichtigkeit, Unverstelltheit, Höflichkeit und Intimität, andererseits wird er von vielen als unangenehm, verunsichernd oder sogar übergriffig empfunden. Die meisten weichen dann dem direkten Blick nach kurzer Zeit aus. Es ist also etwas dran am direkten Blick und vermutlich wird die Wirkung eines solchen Blickes sogar durch Schweigen noch verstärkt.
In dem Experiment waren ja zuvor sehr persönliche und intime Fragen zu beantworten. Die Teilnehmer hatten sich also schon auf ungewohnte Weise einem ihnen bisher Fremden gegenüber »entblößt«. Ich frage mich, ob diese Erfahrung, den 4-Minuten-»Akt« eher erleichtert oder erschwert hat.
Als ich damals die Bilder von Marina Abramovićs Performance sah, war ich eigentümlich berührt von dem, was sich da offensichtlich abspielte, und so ging es wohl den meisten, die Zeugen dieser Performance waren. Einerseits hat mich die Vorstellung, mich ihr gegenüber zu setzen und ihr so direkt in die Augen zu schauen fasziniert, andererseits hat sie mir auch Angst gemacht. Gerade, weil ich nicht abschätzen konnte, was so eine Erfahrung in mir auslösen würde. Immerhin, einige Menschen begannen zu weinen (was natürlich per se nichts Schlechtes ist). Dieser Blickaustausch hatte etwas in ihnen ausgelöst, etwas in Bewegung gebracht und sie zu ihrer eigenen Überraschung zum Weinen gebracht.
Ich bin ziemlich sicher, wenn ich damals in New York im MoMA gewesen wäre, hätte es mich sehr sehr gereizt, mich auch auf diesen Stuhl zu setzen, um zu sehen, was passiert. Ob der Reiz allerdings groß genug gewesen wäre, meine eigene Zurückhaltung, Schüchternheit und Angst zu überwinden und mich tatsächlich auf den Stuhl zu setzen? Ich weiß es nicht …
Ich denke den ganzen Tag immer wieder über mein eigenes Gespaltensein nach.
Vier Minuten! Vier Minuten schweigend einem anderen (fremden!) Menschen in die Augen schauen.
Wie ist das bei Euch? Habt Ihr schon mal einem / einer (relativ) Fremden so in die Augen geschaut? Würdet Ihr gerne? Oder kriegt Ihr bei dem Gedanken daran eher die Krise? Fällt es Euch leicht, anderen länger als üblich direkt in die Augen zu schauen (müssen ja nicht gleich 4 Minuten sein) oder gehört Ihr auch eher zu den Vermeidern und Ausweichlern?
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Es gab übrigens noch etwas in dem Artikel, das mich sehr ansprach:
»It?s astounding, really, to hear what someone admires in you. I don?t know why we don?t go around thoughtfully complimenting one another all the time.«
»Es ist wirklich erstaunlich, gesagt zu bekommen, was jemand an einem bewundert. Ich weiß nicht, warum wir nicht alle ständig herumlaufen und uns ehrlich empfundene Komplimente machen.«
Ja, warum eigentlich nicht? Die Welt wäre wahrscheinlich um einiges freundlicher und besser, wenn wir anderen öfter sagen würden, was wir an ihnen schätzen und bewundern. So banal, aber ich bin dankbar, dass mich dieser Satz in diesem Artikel wieder daran erinnert hat, und irgendwie schließt sich damit auch ein wenig der Kreis zum ersten Blogeintrag vom heutigen Tag »Von Liebe und Lebendigkeit und der Frage nach dem Konkreten«. Anderen sagen, was wir an ihnen schätzen und bewundern, ist eine Möglichkeit uns gegenseitig »lebendiger zu machen«.