Privates

Ich erinnere mich …

Angeregt von der Wildgans, die wiederum von Joe Brainards Buch „Ich erinnere mich“ inspiriert wurde:

Ich erinnere mich an den Bohnergeruch in dem alten Berliner Mietshaus, in dem meine Großeltern wohnten.

Ich erinnere mich an den Emaille-Eimer, mit dem mein Großvater die Kohle für den Kachelofen aus dem Keller holte, und an seine feste Hand, die meine hielt, so dass ich nie Angst hatte, mit ihm in den dunklen Kohlekeller zu gehen.

Ich erinnere mich dass ich mich vor meiner Großmutter fürchtete, weil sie beim Friseur gewesen war, und ich sie mit der neuen Frisur nicht erkannte und wie böse sie mir deswegen war.

Ich erinnere mich an die gestärkten, blendenweißen Schürzen meiner Großtante, die sie Sonntags anlegte, bevor sie den Sonntagsbraten machte.

Ich erinnere mich an die Fettaugen, die auf dem Rotwein schwammen, nachdem mein Großonkel die abgetrennte gebratene Hühnerhaut hinein getunkt hatte, und an meine Fassungslosigkeit über diese für mich völlig unverständliche Handlung.

Ich erinnere mich an den letzten gequälten Atemzug meiner kleinen Schwester.

Ich erinnere mich an den Schrei meiner Mutter, als sie meine tote Schwester fand.

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit einer Biene und ihren Stich.

Ich erinnere mich an den feinen Staub der in den Sonnenstrahlen, die durch die wegen der Sommerhitze etwas heruntergelassenen Rollläden in das Zimmer fielen, tanzte, als ich meine allerersten Schreibübungen für die Schule machte.

Ich erinnere mich an die plumpe Beinprothese, die am Bettende eines Bekannten meiner Eltern stand, der dort im Sterben lag, und den meine Mutter deswegen ein letztes Mal besuchte und mich dorthin mitnahm.

Ich erinnere mich an das immer mitschwingende Entsetzen in der Stimme meiner Mutter, wenn sie mir von ihrer Flucht aus Pommern im Alter von 8 Jahren erzählte.

Ich erinnere mich an meine stille Kinderfurcht vor den Kriegsblinden und Kriegsversehrten, die es in meiner Kindheit noch auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln gab.

Ich erinnere mich an die Tage des Schweigens und Ignorierens, die als Strafe für Missverhalten folgen konnten, an das Gefühl der völligen Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, des verzweifelten Wartens auf den Moment, in dem mir wieder ein Wort, ein Blick zugebilligt werden würde.

Ich erinnere mich an den aufblasbaren blauen Teddybären, den die Nenntante für mich auf der Kirmis erstanden hatte, und an sein plötzliches Verschwinden.

Ich erinnere mich an den alten roten Käfer und das klebrige unangenehme Gefühl an meinen nackten Beinen, wenn wir damit im Hochsommer unterwegs waren.

Ich erinnere mich an die Stofftiere, die auf einem Regalbrett über meinem Bett standen und nicht in mein Bett durften, und wie ich mir im Dunkeln nachts heimlich doch manchmal ein oder zwei herunterholte, aber immer darauf achtete, dass alle mal dran kamen, damit sich keines ausgeschlossen fühlen würde.

Ich erinnere mich an stundenlanges Herumstromern im nahegelegenen Wald, wochenlang, monatelang und die Freundschaften, die ich dort mit Vögeln und Eichhörnchen schloß.

Ich erinnere mich an den frechen Nachbarsjungen, der mich ärgerte, und als ich es endlich wagte, mich darüber bei den Erwachsenen zu beklagen, wurde mir beschieden, er sei sehr krank und könne jederzeit sterben.

Ich erinnere mich an denselben frechen Nachbarsjungen, von dem es plötzlich hieß, er würde jetzt operiert werden, und vielleicht würde er dabei sterben, und wie er dann zurückkam mit einer horizontalen Narbe quer über den ganzen schmächtigen Brustkorb, die er stolz allen zeigte, und wie er danach ein Mü weniger frech war.

Ich erinnere mich an den Geruch des Rheins, sein Fließen und Schäumen, sein Rauschen und Ächzen in den unzähligen Nächten, die ich an seinen Ufern auf das Ende der Nacht wartete.

Ich erinnere mich an den Nachbarn, einen Marinekapitän und baumstarken Kerl, der mit seinem sturmerprobtes Gebrüll, die eigene Familie und das ganze Mietshaus kommandierte, und wie er dann eines Tages einfach umfiel und hilflos neben der Waschmaschine im Bad lag und starb und an die spürbare Erleichterung seiner Frau und Kinder.

Ich erinnere mich an eine alleinstehende Nachbarin, deren einzige wirkliche Freunde zwei Kater zu sein schienen, die sie oft in den Hausflur ließ, wo sie ihr Territorium mit ihrem scharf riechenden Urin markierten, was ihr alle Nachbarn sehr übel nahmen.

Ich erinnere mich an dieselbe Nachbarin, die immer bereit war zu helfen, wenn Hilfe gebraucht wurde, außer wenn sie gerade betrunken war, und das war sie meist, und wie sie uns dann binnen weniger Minuten unter unseren Händen verblutete, noch bevor der herbeigerufene Notarzt eintraf.

Ich erinnere mich an die lebenslustige Freundin, kurz davor zu heiraten, die dann eine üble Krebsdiagnose erhielt und die ihr verbleibenden Monate nur noch im Krankenhaus zubrachte, schließlich in die Unikinderklinik verlegt, weil sonst nirgendwo Platz für sie war.

Ich erinnere mich an dieselbe Freundin, wie sie immer weniger und immer leichter wurde, fast durchsichtig, und wie ich fürchtete, dass wenn wieder jemand die Krankenzimmertür öffnen würde, der entstehene Luftzug sie einfach mitnehmen würde.

Ich erinnere mich an dieselbe Freundin, die am Ende nur noch aus ihren großen dunklen Augen zu bestehen schien und um die es immer stiller und einsamer wurde, weil ihre Familie, ihr Sterben nicht verkraftete und die meisten Freunde und Freundinnen, alle an der Schwelle zum Aufbruch ins eigene Leben, es auch nicht aushielten zusehen zu müssen, wie schnell ein hoffnungsfrohes, zukunftsdürstendes Leben zuende sein konnte.

Ich erinnere mich an den Klang der Totenglocke auf dem Friedhof in ihrer Geburtsstadt und das untröstliche Weinen ihrer Eltern, deren einziges Kind sie war.

Ich erinnere mich an fast jede Minute der Reise nach Norwegen, die aus Gründen eine sehr besondere für mich war, und ganz besonders an den Klang der großen Glocke im Nidarosdom zu Trondheim, an die Natur und Landschaften und den Geschmack der frischen Blaubeeren.

Ich erinnere mich an Afrika, seine Gerüche, seine Farben, sein Strahlen und Leiden und an die vielen unfassbar winzigen malariakranken Säuglinge zwischen Leben und Tod, und deren Mütter, die während der Geburt verbluteten oder anschließend aus Schwäche und an Malaria starben, aber auch an den unglaublichen Optimismus, die Fröhlichkeit und Energie derer, die mit mir arbeiteten und versuchten zu retten, wer zu retten war.

Ich erinnere mich an die vielen Gräber, in die wir im Licht von ein oder zwei Petroliumlampen die gestorbenen Babys legten, und dass sie mir immer viel zu groß erschienen für die winzigen Körperchen, und dass ich mich diesen kleinen Toten in ihrer Einsamkeit so unendlich verbunden fühlte.

Ich erinnere mich an den Abend, als ringsum auf den Hügeln die Feuer aufloderten, und die Trommeln geschlagen wurden, und die fremden Gesänge zu mir in die winzige Hütte hineintönten, und ich sicher war, es würde das Letzte sein, dass ich in meinem Leben hören würde.

Ich erinnere mich, dass ich es absurd fand, das ich in einem Klischee-Setting sterben würde, das wirkte wie aus einem oberflächlichen billigen Hollywood-Film über das wilde Afrika und dass ich nicht traurig war, so jung in Afrika sterben zu müssen, ohne meinen Fuß noch einmal auf europäischen Boden zu setzen, wohl aber darüber, einige wenige liebe Menschen nie wiederzusehen.

Ich erinnere mich an meine und die Überraschung der anderen, dass ich überlebte, und danach an das seltsame Gefühl, als meine Füße doch wieder europäischen/deutschen Boden betraten, und an das Gefühl der Fremdheit im Land meiner Geburt, das lange nicht weichen wollte, und an den Zorn, der mich zuweilen packte ob der Diskrepanzen allerorten.

Ich erinnere mich an die Schachspiele mit einer anderen Freundin, vor allem die Spiele, die wir auf unserer Reise durch ganz England, Wales und Schottland abends austrugen, besonders das Spiel, bei dem wir auf einer der breiten Fensterbänke in Durham Castle saßen und immer wieder hinausschauten auf die schöne Stadt, den Fluß und die Landschaft.

Ich erinnere mich an das Gefühl der Ehrfurcht und ja, fast Rührung, als ich die altehrwürdigen Colleges in Oxford und Cambridge besuchte, und an all die großen Wissenschaftler/innen und Schriftsteller/innen dachte, die über Jahrhunderte aus ihnen hervorgegangen sind.

Ich erinnere mich an die urwüchsige wilde Schönheit und Einsamkeit der Schottischen Highlands und den Menschenschlag, der dort zu finden ist.

Ich erinnere mich an das Blinken des Anrufbeantworters, als ich aus der ersten Zirkusvorstellung, die ich seit 20 Jahren besucht hatte, nach Hause kam, und die Stimme, die mich um einen Rückruf bat, und daran, was diese Stimme sagte, als ich dann zurückrief, und die Totenstille, die herrschte, als ich den Hörer wieder aufgelegt hatte.

Ich erinnere mich an das Gefühl des Schocks, als mir immer mehr ins Bewusstsein sickerte, was diese Stimme mir mitgeteilt hatte.

Ich erinnere mich an den Flug nach Bristol, und wie mir schlagartig aufging, dass nicht alle die in einem Flugzeug sitzen, das aus einem erfreulichen Grund tun, sondern es auch sehr traurige Gründe dafür geben kann, das Menschen irgendwo hinfliegen. Theoretisch war mir das natürlich auch vorher schon bekannt, aber emotional habe ich es erst auf diesem Flug begriffen.

Ich erinnere mich an den Flug nach Bristol, und dass ich mir das erste und einzige Mal wünschte, das Flugzeug möge einfach mit uns abstürzen. (Nein, ich dachte nicht an die anderen Menschen im Flugzeug, ich stand unter Schock.)

Ich erinnere mich an den Moment des Wiedersehens mit ihren gebrochenen Eltern, und wie unwirklich mir die ganze Situation erschien, nur wenige Monate, nachdem wir alle glücklich und lachend zusammen gewesen waren.

Ich erinnere mich an den Moment, als ich sie das letzte Mal sah und Abschied von ihr nahm und es keinen Zweifel mehr gab, dass sie nicht mehr da war und nie mehr da sein würde.

Ich erinnere mich an große und kleine Zeichen der Freundlichkeit, Güte und Liebe, die mir Menschen im Laufe meines Lebens erwiesen haben, und die mich auf eine Art und Weise berührt haben, von der die meisten dieser Menschen nicht die geringste Vorstellung und Ahnung hatten.

Ich erinnere mich …

20 Gedanken zu „Ich erinnere mich …

  1. Ach Liisa, so viele Tote entlang Deines Weges. Da hast Du viel viel ausgehalten. Und an die Kriegseversehrten am Stuttgarter Hauptbahnhof auf ihren Rollbrettern erinnere ich mich auch. Und an die Patienten des Hirnverletzten Krankenhauses in Tübingen. Solche Bilder gehen nicht weg, man muss mit ihnen leben.

  2. So viel Leid und so viel Freude. Jede Erinnerung, ob traurig oder freudig, ist es wert im Herzen aufbewahrt zu werden.

  3. Danke fürs Teilhabenlassen und diesen mutigen Text. Ich wage gar nicht, mich der Erinnerung so hinzugeben, aus Angst, sie schwemmt mich weg.

  4. Übrigens, Durham Castle gehört auch zu diesen Erinnerungen - und die Glocke im Nidarosdom werde ich hoffentlich in wenigen Wochen selbst einmal hören.:)

    1. 🙂 Wir haben ja schon öfter festgestellt, dass wir auf zeitlich leicht versetzter Bahn laufen.

      Die große Glocke vom Nidarosdom, die würde ich zu gern nochmal live hören. Denk an mich, wenn Du sie hörst! 🙂

  5. Liebe Liisa,
    Herr Buddenboom hat mich zu dir geführt, und ich habe deine Erinnerungen gelesen. Es ist wohl so, dass die aufwühlendsten Ereignisse am anschaulichsten in unserem Gedächtnis aufgehoben werden…

    Unabhängig davon mag ich deine Art, zu erzählen, und ich werde dir gern weiter zuhören!

  6. Danke dass ich diesen Text lesen dürfte. Vielen Dank. Ich nehme ihn als Anregung auch einmal meine Erinnerungen aufzuschreiben. Mir hat die Form so sehr gefallen.

  7. Erst soeben gelesen. Mein Respekt, und wie es mich rührt, dass da soviel angstoßen wurde…
    Danke für dein Erzählen - lauter komprimierte Romane fast!

  8. Ich folgte der frau wildgans hierher und fühle mich gut bei deiner reichen Lebensernte, die oft traurig, aber nie düster zu lesen war.

    1. Ich flüchte nicht, weil ich weiß, dass ich vor den Erinnerungen nicht fliehen kann. Sie sind ja Teil von mir und meinem Sein, untrennbar verwoben. Wohin sollte ich also vor ihnen fliehen? Ich versuche nur, mit den Erinnerungen zu leben.

  9. fräulein readon hat mich zu dir geführt, ich lese und es schmerzt und rührt mich an. nachts sitze ich da und schreibe mein ich erinnere mich in die tasten, ohne auf tastatur oder bildschirm zu schauen. es ist wie eine flut. heute lese ich deine nochmals. ich sende grüße vom rhein. eva

    1. Liebe Eva,

      danke Dir für Deine Lesen, Dein Mitfühlen und Schreiben. Ja, das Erinnern wühlt auf und schmerzt in Teilen, aber wenn wir unsere Erinnerungen miteinander teilen, dann stellen wir fest, dass wir nicht allein sind. Dass andere ähnliches oder sogar dasselbe auch erlebt haben und das verbindet und tröstet etwas.

      Liebe Grüße zurück an den Rhein!

      Liisa

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