Film ·Soziales

Was es bedeutet Mensch zu sein

Am Wochenende habe ich mir die Dokumentation »Human« von Yann Arthus-Bertrand angeschaut. Wenn Euch der Name bekannt vorkommt, das ist der Fotograf und Filmer, der die Welt von oben fotografiert und gefilmt hat. Auch das schon ein Projekt, dass sehr beeindruckend war.

Die neue Dokumentation »Human« geht der Frage nach, was es bedeutet Mensch zu sein. Dafür hat Arthus-Bertrand mit seinem Team über 2000 Menschen in mehr als 60 Ländern interviewt und gefilmt und daraus dann für die Dokumentation ausgewählt.

Alle großen Themen des Lebens kommen vor, Geburt und Tod, Hass und Liebe, Krieg und Frieden, Reichtum und Armut, Überfluß und Hunger und vieles mehr. Durch die Nahaufnahmen und frontalen Ansprachen ist die Wirkung unmittelbar. Manche Schilderungen und Berichte sind schwer zu ertragen, aber wichtig.

Herausgekommen ist eine der großartigsten und berührendsten Dokumentationen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Wenn es Euch irgendwie möglich ist, nehmt Euch die Zeit und schaut Euch die drei Teile dieser Dokumentation an. Ich werde sie mir mit Sicherheit nochmal anschauen und schon jetzt weiß ich, dass vieles, das ich darin gehört habe mich gedanklich noch lange beschäftigen und mir nachgehen wird. Diese Dokumentation rückt Perspektiven zurecht und vermittelt den Reichtum und das Spektrum menschlichen Daseins, Lebens und Empfindens. Diese Dokumentation macht inmitten aller Konflikte und Probleme Hoffnung und spornt dazu an, seinen Teil dazu beizutragen, dass wir alle ein gutes oder wenigstens besseres Leben auf diesem Planeten führen können.

Always smile because smiling is the only language everyone understands.

Hier geht es zu Teil 2 und Teil 3.

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Nachdenkliches ·Soziales

Vom widerständigen Säen oder Guerilla Loving

Diese Woche war für mich überschattet von den Ereignissen in Aleppo. Die Diskrepanz zwischen dem Elend dort und meinem Leben hier (mit all seinen eigenen Problemen) ist immens und für mich schwer auszuhalten. Gerade jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit mit all dem Licht und Glanz und Glitzer. Es ist zum Verzweifeln oder Resignieren oder gleich beides zusammen. Aber das ist ja keine Lösung.

Am schlimmsten ist das Gefühl der Ohnmacht, nicht viel tun zu können, jedenfalls nicht viel, was den Menschen von Aleppo konkret helfen würde. Gut, spenden geht immer. Jeder Betrag, mag er noch so klein sein, hilft weiter.
Zu Beginn der Adventszeit habe ich ja schon auf die Hilfsorganisation »Sea-Watch e.V.« hingewiesen. Diese Woche stieß ich auf die Weihnachtswunschliste der Hilfsorganisation SOS Méditerranée, die als einzige über die Wintermonate mit ihrem Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs sind, um im Notfall zu helfen und Menschenleben zu retten.

Das einzige was mir darüber hinaus noch eingefallen ist: weiter und verstärkt zu jedem Menschen, der mir begegnet freundlich und hilfsbereit zu sein.

Vom »Guerilla Gardening« habt Ihr bestimmt schon mal gehört oder gelesen. Kleine Saatbomben werden auf Stadtbrachen oder anderen eher vernachlässigten Plätzen ausgebracht und zack, im nächsten Frühjahr blühen da plötzlich die schönsten Blumen. Tolle Sache!

Tja, und das Prinzip wende ich jetzt einfach auf Menschen an. Ich werfe bildlich gesprochen lauter kleine Saat(Liebes)bomben in die Gegend (bzw. auf Menschen) und hoffe, dass die Saat irgendwann aufgeht.

Das hat nix Romantisches. Es mag manchen sogar als naiv und lächerlich erscheinen. Es gibt Menschen, die das als »Gutmenschentum« verunglimpfen. Mir egal! Echt jetzt mal!

Für mich ist das ein Akt des Widerstandes. Widerstand gegen Neid und Hass, die sich überall ausbreitet und die Oberhand zu gewinnen scheinen. Widerstand gegen Desinteresse und soziale Kälte. Widerstand gegen das dauernde Auseinanderdividieren »wir hier - ihr da«.

Ich halte die Augen und Ohren offen, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, zu einem anderen Menschen freundlich oder hilfsbereit zu sein, dann nutze ich die Gelegenheit. Und wenn ich dir sonst irgendwie helfen kann, dann tue ich das.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Das müssen keine großen Aktionen sein. Im Gegenteil, es sind meist kleine unscheinbare Gesten, die dem anderen Menschen aber signalisieren: Ich sehe Dich (und nicht nur einfach durch dich hindurch). Ich nehme wahr, dass es dir nicht gut geht, du müde und abgekämpft bist. Ich höre dir zu, wenn du dir einen Teil deines Frusts von der Seele redest. Ich unterhalte mich mit dir, damit du dich wenigstens für eine kurze (oder auch längere) Zeit nicht so allein fühlst. Ich lächle dich an oder zwinkere dir aufmunternd zu.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Es kann auch bedeuten, dass ich mir eine gereizte Antwort oder Reaktion auf etwas, was Du gesagt oder getan hast, verkneife. Dass ich Dir nicht die Meinung geige, oder dich mal ordentlich spüren lasse, was Du wieder vermasselt hast. Ich lästere nicht mit anderen über dich ab, im Gegenteil, ich verteidige dich.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Ich finde es ganz erstaunlich, wie viele solcher kleinen Gelegenheiten sich bieten, wenn man danach Ausschau hält. Und das Tolle ist, jemanden anlächeln, jemandem ein gutes oder aufmunterndes Wort sagen, das kann wirklich jeder.

Guerilla Gardening hat weltweit sehr schnell viele Anhänger und Fans gefunden.
Das wünschte ich mir auch für Guerilla Loving!

Blumen säen und die Welt damit verschönern, ist toll. Aber wie viel toller ist es bitte, Freundlichkeit und Liebe zu säen und damit die Welt zu verschönern. Immer nur ein kleines Fleckchen, schon klar, aber trotzdem! Wenn ich die Welt eines Menschen für einen Moment aufhellen und verschönern kann, warum nicht?!
Und wenn das ganz viele Menschen tun, um so besser! Dann wird eine Widerstandsbewegung daraus. Eine Widerstandsbewegung, die nicht hinnimmt, dass Hass alles vergiftet, dass es nur noch Krieg und Blut und Tränen gibt und es auch bei uns immer kälter und dunkler wird.

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Nachdenkliches ·Privates ·Soziales

Nachruf auf einen Freund

Für Hannes
1974 - 2016

Es war lange vor Twitter, da stieß ich auf einen Blog mit dem Namen »Jazzlounge«. Dort bloggte ein Hannes über seine Liebe zum Jazz, stellte enthusiastisch Jazzmusiker und Jazzbands vor. Eine Weile las ich still mit, irgendwann kommentierte ich das erste Mal und bald kommentierten wir gegenseitig in unseren Blogs und tauschten uns über unsere Neuentdeckungen auf dem weiten Feld des Jazz aus und gaben uns gegenseitig Hörtipps.

Damals gab es so etwas wie Spotify & Co. noch nicht und da wir uns eher abseits des Mainstream-Jazz herumtrieben, war es manchmal gar nicht so einfach, an die entsprechenden Musikstücke zu kommen. Hannes muss über eine recht große Jazzmusik-Bibliothek verfügt haben, meine war auch recht gut bestückt. Irgendwann hatte ich einen kleinen Umschlag in der Post. Der Umschlag kam von Hannes. Im Umschlag war eine CD, auf die er Jazzstücke gebrannt hatte, von denen er annahm, dass sie mich interessieren könnten, sowie von Stücken über die wir diskutiert hatten, an die für mich aber kein Herankommen war. Kurz darauf schickte ich ihm eine gebrannte CD mit ebensolchen Musikstücken zurück. Wir haben in den folgenden Jahren eine Menge CDs gebrannt und hin und her geschickt und dann darüber diskutiert. So lernte ich Johannes Korten, genannt Hannes, kennen.

Unsere Gespräche drehten sich aber bald nicht mehr nur um das Thema Jazzmusik. Wir diskutierten per E-Mail über eine große Bandbreite an Themen: Gott und die Welt. Das waren für uns beide immer sehr tiefe und bereichernde Unterhaltungen. Nicht, dass wir uns immer einig gewesen wären, aber wir respektierten unsere unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven.

Irgendwann dann ging es ihm nicht gut und aus dem was er schrieb, zog ich meine Schlüsse. Ich bin gerade was persönliche Dinge angeht, eher der zurückhaltende Typ und so rang ich eine Weile mit mir, ob ich das Thema um das es offensichtlich ging, klar benennen sollte oder nicht. Ich beschloß abzuwarten, ob es sich einfach ganz natürlich ergeben würde.

Und dann eines Tages war es soweit, und ich sprach ihn direkt auf das Thema Depression an und fragte ihn, ob er damit zu kämpfen habe. Nach einer kurzen Pause, antwortete er mir ehrlich und schrieb auch, dass er eigentlich darüber nicht viel rede. Daraufhin erzählte ich ihm, dass ich selbst auch schon lange unter Depressionen leide. Wir hatten danach nicht wenige Gespräche, die sich ausschließlich um dieses Thema drehten. Wir erzählten einander zumindest in Auszügen, wie wir es erlebten, wenn diese Krankheit wieder ihr Haupt erhob, und wie wir versuchten, damit umzugehen und damit zu leben so gut, wie es eben geht.

Diese Gespräche führte dazu, dass wir einander noch tiefer wertschätzten und hob unseren Kontakt nochmal auf eine tiefere Ebene. Wenn er meinte, aus meinem Blogeinträgen oder Tweets »herauszuhören«, dass ich wieder mehr zu kämpfen hatte, kontaktierte er mich, zuerst per Mail, später auch über Twitter (in den Direktnachrichten) und umgekehrt. Wir machten uns gegenseitig Mut und erinnerten uns gegenseitig daran, dass es jenseits der Dunkelheit immer noch Licht gab, auch wenn wir es im Moment nicht mehr selbst wahrnehmen konnten. Und wir freuten uns gemeinsam, wenn wir endlich wieder einen Silberstreif am Horizont sehen konnten und das Licht langsam aber doch seinen Weg zurück in unsere Leben fand.

Über die Jahre blieb unsere Freundschaft und der Kontakt bestehen. In größeren Wochen-, manchmal auch Monatsabständen, fanden wir immer wieder interessante Themen, über die wir uns austauschten.

Johannes war ein engagierter Mensch, der mit offenen Augen und einem großen Gerechtigkeitssinn durch die Welt ging. Er litt wirklich bis ins Innerste unter Ungerechtigkeiten in der Welt, unter der Gewalt und dem Haß, der sich immer mehr auszubreiten schien. Er wollte eine bessere Welt und tat was immer ihm möglich war, um dazu beizutragen.

Vielen wird seine »Mutmachparade« in Erinnerung geblieben sein. Dort berichteten wir einander, wie wir uns selbst Mut zusprechen, wie wir andere ermutigen und was wir erlebt haben, wenn wir uns ein Herz bzw. Mut gefasst und etwas gewagt hatten.

Das wohl eindrücklichste Beispiel für sein Engagement war die große Hilfsaktion, die er für seinen Freund Kai anstieß, als der nach einem Schlaganfall ins künstliche Koma gefallen war und dessen Familie nicht wusste, wie es weitergehen könnte. Mit der Aktion »Ein Buch für Kai« und einer Spendensammlung hat er ein Beispiel dafür gegeben, wie es aussehen kann, das Internet zu einem besseren Ort zu machen, was ihm immer ein Anliegen war. Damals bat er uns alle

»Bewahrt euch diese Menschlichkeit! Es gibt so viele andere Menschen in Not!«

Noch etwas hat mich immer beeindruckt, nämlich seine große Liebe zu seinen Kindern, seinem Junior und seinem Mademoisellchen. Ich dachte immer, wenn alle Stricke reißen sollte, könnte ihn am Ende diese Liebe zu seinen Kindern halten.

Auch unsere letzte längere und tiefgehende Diskussion hatten Hannes und ich über das Thema der Gerechtigkeit in der Welt. Ich hatte ihn auf das Buch »Politische Emotionen - Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist« von der US-Amerikanischen Philosophin Martha C. Nussbaum hingewiesen, das er sich umgehend zulegte und las. Und dann diskutierte wir. Er war sehr angetan von ihren Gedankengängen und Ansätzen, ja er war richtiggehend enthusiastisch und plante auf der re:publica in diesem Jahr eine Session rund um diese Thematik anzubieten. So diskutierten wir, wie er das große Thema entsprechend aufbereiten könnte. Meines Wissens nach hat er wenige Tage später ein entsprechendes Paper für die re:publica eingereicht, das aber zugunsten des Themas »Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es gemeinsam dazu machen« zu dem er dann auf der re:publica sprach, nicht zum Zuge kam. Die Gedankenanstöße aus dem Buch bewegten ihn gedanklich aber auch weiterhin sehr.

Irgendwann gegen Ende letzten Jahres, bemerkte ich, dass sich über ihm wieder die dunklen Wolken zusammenballten. Ich kontaktierte ihn wieder hinter den Twitter-Kulissen und er bestätigte mir, dass es ihm schlecht ging. Ich versuchte wieder ihm Mut zu machen und ihn dazu zu bewegen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich wusste, dass es auch andere Freunde gab, die Bescheid wussten, und ihn ebenfalls in diese Richtung zu bewegen suchten.

Vor etwa vier Wochen hakte ich noch einmal nach und merkte schnell, dass er nicht bereit war tiefergehend über seine aktuelle Situation zu sprechen. Ich drängte ihn auch nicht dazu, sondern signalisierte ihm nur, dass ich jederzeit ein Ohr für ihn hätte, wenn er das wolle und dass ich auch sonst bereit wäre ihm zu helfen, wenn das irgendwie möglich und gewünscht sei. Er bedankte sich und meinte, im Moment gäbe es nichts, was ich für ihn tun könne. Es reiche ihm zu wissen, dass ich an ihn denke.

Wenige Tage später schrieb er den Blogeintrag »Mein Jazz ist kaputt« und spätestens da ahnte ich, dass die Krise diesmal wesentlich tiefer ging, als all die Male zuvor.

Noch einmal, am 27. Juni, hatten wir hinter den Twitterkulissen einen kurzen Kontakt. Als letztes schrieb er:

»Ich hoffe, es geht dir gut. Ich freu mich, auch so mal wieder von dir zu hören. Glück auf!« Ich ahnte nicht, dass das seine letzten persönlichen Worte an mich sein würden.

Heute morgen las ich, kaum aufgewacht, einen Tweet von ihm, der einen Link zu einem neuen Blogeintrag von ihm enthielt. Unter Tränen las ich, was er dort geschrieben hatte und ahnte, dass jede Hilfe zu spät kommen würde, so gerne ich noch einen Funken Hoffnung gehabt hätte. Wenige Stunden später kam die traurige Gewissheit: Mein Freund Hannes lebt nicht mehr.

Ich bin unsagbar traurig für ihn, seine Frau und die beiden Kinder und alle die ihn kannten und geliebt und geschätzt haben.

Danke Hannes für Deine Freundschaft, Deinen Mut, Dein Engagement und all die bereichernden Gesprächsstunden. Du wirst mir sehr fehlen! Und ich werde versuchen, Dir Deinen letzten öffentlich geäußerten Wunsch zu erfüllen, so gut ich es vermag:

„Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter.«

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Gartenfreude ·Literatur & Lyrik ·Nachdenkliches ·Politik ·Privates ·Soziales

Tomatenglück und Weltenunglück

Ochsenherztomaten

Die Zeit rast, der Juli schnürt schon seine Schuhe und wird sich bald verabschieden. Ja, ist es denn zu fassen?! Höchste Zeit also für einen neuen Blogeintrag, sonst ist der Monat um.

***

Die Welt rast auch und lässt mich immer häufiger verstummen.
Dafür äußern sich viele andere und viele leider alles andere als kenntnis- und/oder hilfreich, geschweige denn klug.

Diskussionen, Interpretationen, Meinungen, Gehetze. Selten, aber doch ab und an auch Worte, die einen Zipfel der Realität erhaschen und nachdenklich machen, wenigstens einen oder mehrere kleine Schritte weiterführen. Der Worte sind viele, der Taten, um tatsächlich eine Änderung zum Besseren herbeizuführen, wenige.

***

»Warte nicht darauf, dass die Menschen dich anlächeln.
Zeige ihnen, wie es geht.«
- Pippi Langstrumpf

Pippi Langstrumpf? Im Ernst jetzt?

Ja, im Ernst! Einfacher geht es ja nun wirklich nicht. Zurück zu den ganz einfachen Wahrheiten und wenn sie aus dem Mund einer Pippi Langstrumpf kommen, dann ist das eben so!

Wenn die Menschen nicht mehr wissen, wie man andere anlächelt, wie man andere liebt, wie man anderen hilft, wie man solidarisch ist, wie man freundlich ist, dann muss man es ihnen eben vormachen. Immer und immer wieder, gerade in einer so aus den Fugen geratenen Welt.

Was daher immer bleibt und möglich ist:

Im ganz kleinen privaten Raum alles dafür zu tun, dass Menschen leben können, einen Tag nach dem anderen.

Der Lüge die Wahrheit entgegenhalten. Dem Gehetze und Hass Einhalt gebieten.

Mauern aus Vorurteilen, Stein um Stein wieder abtragen, auch wenn das zunächst heißt, erstmal nur mühselig den Mörtel zwischen den Steinen herauszukratzen, damit man überhaupt einen Stein herauslösen kann.

Ungerechtigkeit nicht schweigend zu unterstützen, sondern Wege aufzeigen, wie es wenigstens im Kleinen ein bisschen gerechter zugehen kann.

Kleine, vielleicht sogar nur winzige Samenkörner Liebe ausbringen. Geduldig, Tag für Tag, in der Hoffnung, dass die Ernte irgendwann aufgeht. Egal, wie steinig das Feld auch ist, wie heiß die Sonne brennt, egal, wie oft das Feld schon abgebrannt ist.

Den Boden immer wieder auflockern, mit der Hin- und Zuwendung zu Menschen, die übersehen, ignoriert oder ausgeschlossen werden.

Jeden Morgen neu aufstehen und sich selbst anfeuern, nicht zu resignieren, nicht nachzulassen.

Und auch es auszuhalten, dass einem für all das Unverständnis entgegenschlägt, man belächelt oder sogar offen ausgelacht wird für so viel »Naivität«. Aushalten, die Ablehnung, die Verachtung, vielleicht sogar den blanken Hass.

Und überhaupt: Zumindest bei mir und vielen anderen, die ich kenne, ist es alles andere als Naivität, die uns dazu veranlasst, uns der Gewalt, dem Hass und der Gleichgültigkeit entgegenzustemmen. Die Menschlichkeit oder besser Mitmenschlichkeit hochzuhalten, die Solidarität zu beschwören und zu leben und auf das Miteinander zu setzen.

Wäre es nur blanke Naivität, hätten wir längst aufgegeben. Wir könnten es nämlich viel ruhiger und bequemer haben.

Manchmal in dunklen Stunden, wenn Terror, Gewalt und Hass mal wieder alles übertönen, lockt eine einschmeichelnde Stimme, und will mir erzählen, dass das alles nichts nutzt. Diese Stimme tut alles, um Zweifel zu säen, Kraft und Energie abzuziehen. Sie fragt mich, welchen Preis ich bereit bin zu zahlen? Und wenn ich ihr entschlossen antworte, fragt sie: »Wirklich?«

Ja, wirklich! Denn ich kann nicht anders. Ich habe keine andere Wahl, als die Haltung einzunehmen, die ich einnehme, das zu tun, was ich tue, egal wie groß oder klein das sein mag, egal wie wenig es mir erscheinen mag, egal wie vergeblich es sogar mir an manchen Tagen erscheint. Nein, dass ist keine Naivität, es ist schlichte Notwendigkeit.

Und ich weiß, dass da immer noch viele sind, denen es ganz genauso geht. Die auch jeden Morgen neu aufstehen und sich einen weiteren Tag dem Wahnsinn, der Gewalt, dem Hass und der Gleichgültigkeit entgegenstemmen.

Kann sein, dass wir nicht (mehr) viele Worte machen, aber wir tun, was wir tun müssen und tun können, und davon werden wir nicht ablassen, egal was es uns am Ende kosten wird. Nicht mal in erster Linie für uns selbst, sondern für diejenigen, die auf uns angewiesen sind und ja, auch für die, die jetzt blind und taub mit hetzen, die Gewalt, Hass und Mißtrauen säen oder einfach nur gleichgültig mit den Schultern zucken.

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Und sonst?

Der Sommer dieses Jahr spielt bisher das Spielchen an - aus - an - aus - an - aus. Das ist anstrengend. Der Kreislauf weiß nicht worauf einstellen, und wenn er sich eingestellt hat, ist schon wieder alles ganz anders. Aber egal, auch das Wetter ist, wie es ist. Also versuchen das Beste daraus zu machen, Gelegenheiten ergreifen.

Ab und an mal kleine Auszeiten und Ausschau halten nach den kleinen Alltagsfreuden.

Über meinem Schreibtisch hängt eine Postkarte, darauf steht

»Das hier sind die guten Zeiten«

Ich hab sie mir hingehängt, zur Erinnerung, damit ich das Hier und Jetzt im wahrsten Sinne des Wortes wahrnehme und bei allem Weltenunglück da draußen und Schwerem im Privaten, nicht blind bin oder werde für die kleinen Momente des Glücks und der Freude.

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Große Freude immer wieder über die reichhaltige Ernte, die wir dieses Jahr vom Balkongarten und aus dem Hochbeet einholen können. Die Gurke trägt weltmeisterlich und obwohl ihre Blätter inzwischen schon arg mitgenommen aussehen, treibt sie immer noch weitere Gurken hervor. Es ist erstaunlich!

Die Tomatenpflanzen hängen voller Tomaten, auch da konnten wir schon viel ernten und werden das noch eine ganze Weile weiter tun können, wenn sie nach und nach alle rot und reif werden. Gestern und heute konnten wir die ersten Ochsenherztomaten ernten. Wunderbar!

Mit den Zebra-Cocktail-Tomaten »fremdle« ich immer noch. Die erste haben wir gestern geerntet, aber sie war noch nicht ganz reif. Ich bin sehr unsicher woran ich festmachen kann, ob sie nun reif sind oder nicht. Da ich ja noch nie Zebra-Tomaten hatte, weiß ich nicht, wie rot die wirklich werden. Auch die Internet-Recherche hat mich da nicht wirklich klüger oder sicherer gemacht. Eine Rückfrage bei Twitter ergab leider auch keine hilfreiche Antwort. Werden wir also wohl learning by doing machen müssen. Immer mal wieder eine ernten und uns an die ideale Erntefarbe heran arbeiten.

Ebenfalls gestern konnten ich auch die ersten Mohrrüben aus dem Hochbeet ernten. Von der Größe her sind es eher »Snack-Mohrrüben«, was aber dem Geschmack überhaupt keinen Abbruch tut. Prima das!

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Außerdem habe ich die nächste Ripple Decke angefangen zu häkeln. Sie wird ein Geburtstagsgeschenk für eine meiner liebsten Freundinnen, die im nächsten Jahr einen runden Geburtstag anstehen hat. Sie hat schon andere von mir gehäkelte Decken gesehen und war hellauf begeistert. Nun wird sie ihre ganz eigene Ripple Decke bekommen. Die ausgewählten Farben harmonieren wunderbar, und es macht mir wirklich Freude daran zu arbeiten. Es ist ein schöner Ausgleich zu all der Unruhe, zwischendrin ein paar Reihen daran zu häkeln und sich dabei an viele Jahre der Freundschaft zu erinnern und viele gute Wünsche quasi mit einzuhäkeln.

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Ab und an komme ich sogar dazu ein bisschen zu lesen. Aktuell ist das »Der Mann, der das Glück bringt« von Catalin Dorian Florescu. Vielleicht ist Euch sein Roman »Jacob beschließt zu lieben« bekannt, für den er 2011 den Schweizer Buchpreis erhalten hat. Ich kenne Catalins Romane seit seinem allerersten Roman »Wunderzeit« (2001 erschienen) und habe mit großer Spannung und Interesse seine weitere Entwicklung mitverfolgt. Noch bin ich nicht sehr weit mit dem neuen Roman, aber schon jetzt hat mich Catalin wieder mit seinem Erzählen in den Bann geschlagen. Wer also noch Lektüre für den Sommerurlaub braucht, von mir eine dicke Empfehlung.

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Morgen nehme ich mir wieder eine kleine Auszeit. Ich werde ein Schiff besteigen und ein echtes Abenteuer erleben, aber davon ein anderes Mal mehr!

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