Nachdenkliches ·Soziales

Gedankenmäandert über verschiedenen Arten von Armut, das Betteln und die Großzügigkeit

Ich hab mal wieder gedankenmäandert … falls Sie mir folgen mögen, bitte hier entlang:

Bettler sind nicht gern gesehen. Es gibt Städte, die alles dafür tun, Bettler möglichst aus den Stadtzentren fernzuhalten. Mittlerweile gibt es sogar Bänke, die so konstruiert sind, dass man zwar auf ihnen sitzen aber keinesfalls liegen kann. Warum? Damit sie nicht von Obdachlosen und Bettlern genutzt werden, um dort die Nächte zu verbringen. Wachpersonal vor Geschäften und Einkaufszentren ist angewiesen zu verhindern, dass Bettler dort nächtigen.

Und doch sehen wir überall in den Städten Obdachlose und Bettler oder Menschen, die so arm sind, dass sie in Mülleimern und -tonnen nach Lebensmitteln oder wenigstens Pfandflaschen suchen, um ihr Auskommen etwas aufzubessern.

Wir kennen die Bettler, die in den Einkaufszonen sitzen, einen Hut oder einen Becher vor sich stehen haben und auf den Boden starren und hoffen, dass jemand etwas in ihren Hut oder Becher wirft. Manche haben auch Pappschilder vor sich stehen, auf denen sie erklären, warum sie da sitzen und betteln.

Wieder andere laufen herum und sprechen die Menschen direkt an »Haste mal ‘nen Euro für mich?« Das ist riskanter. Wenn jemand schon bettelt, dann soll er das möglichst unauffällig tun und nicht offensiv. Wo kämen wir denn da hin?!

Wer bettelt, der ist wirklich ganz unten angekommen, und es kostet mit Sicherheit Überwindung, sich den Blicken und Bemerkungen, im schlimmsten Fall sogar dem Risikio körperlicher Gewalt auszusetzen. Auch wenn der Mensch sich an vieles gewöhnen kann, es ist demütigend sich nur noch dadurch helfen zu können, dass man bettelt. Man muss den eigenen Stolz herunterschlucken und sich verletzlich machen.

Jeder der vorbeigeht, hat scheinbar einen Freibrief, sein eigenes Urteil zu fällen, und die meisten tun es auch. Meist ohne auch nur ein bisschen über den Menschen, der dort sitzt und bettelt, sein Leben und die Umstände zu wissen.

In Städten, wo es viele Obdachlose und Bettler gibt, entwickeln Menschen die »Fähigkeit« sie einfach zu übersehen, zu ignorieren. »Man kann ja schließlich nicht jedem helfen!« »Selber schuld!« »Mir hat auch keiner was geschenkt!« »Der soll erstmal aufhören zu trinken!« »Die soll gefälligst arbeiten gehen!«

Andere werfen schnell (fast verschämt) ein paar Münzen in den Hut oder Becher und hasten weiter. Manche kaufen vielleicht ein Brötchen oder einen heißen Kaffee und bringen das dem oder der Bettler/in.

Kaum einer, der ein echtes Gespräch anfängt mit dem, der da auf der Straße sitzt und bettelt.

Aber die Scham auf Hilfe angewiesen zu sein, die setzt schon viel früher ein. Die fängt schon an, wenn man z.B. so wenig Geld zum Leben hat, dass man auf Hilfe durch staatliche Einrichtungen oder die Tafeln angewiesen ist.

Viele Menschen tun sich unendlich schwer damit die Schwelle der Scham darüber, dass sie diese Hilfe benötigen, zu überwinden und empfinden es als echten Tiefpunkt diesen Schritt tatsächlich zu gehen. Da mögen die freiwilligen Helfer z.B. bei den Tafeln, noch so freundlich sein und sich noch so bemühen, den Menschen zu signalisieren, dass man sie nicht verachtet oder als würdelos ansieht.

(Schnitt)

Wir kennen inzwischen noch ein anderes Bild:

Menschen, die auf der Straße stehen und gebastelte Schilder hochhalten. Auf den Schildern steht z.B. »Free Hugs!«

Eine sympathische Idee! Auf Youtube kann man viele Videos solcher Aktionen finden und sieht, dass das Angebot gerne angenommen wird. Da wird reichlich umarmt und für Momente strahlen sich wildfremde Menschen an und alle drumherum lächeln mit.

(Schnitt)

Es gibt nicht nur materielle Armut. Es gibt auch emotionale Armut, und die scheint mir noch wesentlich verbreiteter zu sein.

Menschen, die mitten in der Gesellschaft leben und arbeiten und doch emotional verarmt sind. Weil niemand da ist, der ein persönlicheres Wort mit ihnen spricht. Sie werden nur mit nötigen Worten angesprochen.

Menschen, die niemand mehr körperlich berührt, es sei denn es ist unumgänglich (Handschlag, Berührung beim Überreichen oder Entgegennehmen von was auch immer, Berührung bei Verrichtungen wie dem Haareschneiden, Mani- und Pediküre, Physiotheraphie, Untersuchungen beim Arzt, etc.).

Menschen, die keine Umarmungen, kein aufmunterndes Schulterklopfen, keine Küsse, kein Lächeln, kein gutes Wort von niemandem bekommen.

Niemand hört ihnen einfach mal zu. Niemand interessiert sich für das, was in ihnen vorgeht, was sie beschäftigt, was sie freut, was sie bedrückt.

Und nein, das sind beileibe nicht alles alte Menschen, »die niemanden mehr haben«!

Mich wundert, dass wir nicht Menschen in unseren Straße haben, die Schilder vor sich stehen haben, auf denen z.B. steht:

»Schenke mir bitte ein Lächeln!«

»Rede bitte 5 Minuten mit mir!«

»Umarme mich bitte mal!«

Sozusagen Bettler, die nicht unser Geld wollen, sondern einfach nur etwas positive Emotion, etwas menschliche Zuwendung.

Ich habe mich gefragt, was wohl passieren würde, wenn wir Menschen mit solchen Schildern auf der Straße sitzen oder stehen sehen würden? Vermutlich würden die meisten, erstmal denken, das sei eine Art Performance. Aber was, wenn es keine Performance wäre, wenn es bitterer Ernst wäre?

Wären sie nur interessant als Objekte für Videos, die auf Youtube, Instagram oder Twitter gepostet würden?

Was, wenn so ein Mensch nicht nur einmal auf einem der großen Plätze in einer Stadt stünde? Was, wenn er Tag für Tag mit seinem Schild dort stehen würde?

Würde die anfängliche Belustigung der Leute irgendwann auch in Ignoranz oder sogar Verärgerung umschlagen?

Würde so jemand für verrückt (psychisch krank) erklärt werden?

Würde darum nachgesucht werden, diesen Menschen doch bitte zu entfernen?

Was, wenn es nicht nur ein Mensch wäre, wenn weitere Menschen mit solchen Schildern an anderen Orten in der Stadt oder auf dem Dorf auftauchen würden?

Ist die Scham materielle Armut zuzugeben schon unglaublich groß, ist die Scham emotionale Armut zuzugeben offenbar noch sehr viel größer.

Wie verletztlich macht sich ein Mensch, der sich hinstellt und sagt: Ich sehne mich danach, dass Menschen tatsächlich mit mir reden, mir zuhören, mich umarmen, mir ein gutes Wort sagen. Ich habe niemanden der das für mich tut, vielleicht sogar obwohl ich Familie habe, obwohl ich einen Chef und Kollegen habe, obwohl ich Nachbarn habe, obwohl ich einen FB-, Twitter-, Instagram-Account habe dem 5, 500, 5000 Leute folgen, die mir sogar »Likes« oder »Favs« geben.

Wie hoch ist wohl die Zahl derer in unserer Gesellschaft, die in emotional prekärem Zustand leben oder emotional komplett verarmt sind?

Ich fürchte, weit höher als wir uns dessen bewusst sind oder bewusst sein wollen.

Inzwischen glaube ich, dass es durchaus Zeichen gibt, an denen man emotionale Verarmung erkennen kann, aber wir ignorieren diese Anzeichen und Symptome. Vielleicht machen sie uns Angst, gerade weil sie - wenn man mal darauf achtet - überall zu sehen sind. Wir empfinden sie als zumindest unangenehm, wenn nicht als bedrohlich, als störend.

Und überhaupt, wir haben schließlich genug mit uns selbst und dem emotionalen Wohlergehen unserer Familien oder engsten Freunde zu tun!

»Selber schuld! Hätten die emotional Prekären, die Emotionsverarmten sich halt beizeiten darum kümmern müssen, dass sie nicht so verarmen!«

»Sollen sie sich doch gefälligst an die zuständigen Stellen (Kirchen? Psychologen, Psychiater?, Coaches?, Selbsthilfegruppen?, etc.) wenden!!«

»Mit dem/der kann ja was nicht stimmen. Wird schon Gründe geben, warum der/die emotional verarmt ist!«

Es gibt emotional Verarmte, die kein Wort darüber verlieren, die still und leise vor sich hin leiden und sehnen und still und leise daran zerbrechen und zugrunde gehen.

Es gibt emotional Verarmte, die offensiver sind. Die um Aufmerksamkeit und Zuwendung betteln, nicht gerade mit Pappschildern in den Fußgängerzonen unserer Städte, aber auf andere Art und Weise. Und sie werden von den meisten als genauso »unangenehm« empfunden, wie die Bettler, die einen in der Fußgängerzone direkt angehen und »Haste mal ‘nen Euro für mich?« fragen. Um offensiv vorgehende emotionale Bettler machen die meisten einen großen Bogen und sehen zu, so schnell wie möglich Land zu gewinnen. So jemanden möchte doch bitte keiner an der Backe haben, oder? Oder?

Emotionale Verarmung fängt klein und unscheinbar an. Man mutiert nicht über Nacht zum emotional Verarmten. Man wird es (in den allermeisten Fällen zumindest) mit der Zeit. Manche sehenden Auges, andere ohne es rechtzeitig wahrzunehmen.

Warum also nicht schon den Anfängen wehren?

Warum können wir in unserer Gesellschaft nicht viel großzügiger sein?

Warum fahren wir Tag für Tag mit immer denselben Menschen in Bus und Bahn, und schenken uns kein Wort, kein Lächeln?

Warum haben wir nicht öfter ein persönliches Wort für die Kassiererin im Discounter oder die Verkäuferin im Fachgeschäft?

Warum nicht wenigstens ab und an mal eine Umarmung für die Toiletten- oder Putzfrau der wir begegnen?

Warum nicht öfter eine aufmunternde Umarmung für die übermüdete und frustrierte Mutter oder Lehrerin, den abgehetzen Vater, den oder die genervte Kollegen/in?

Warum nicht regelmäßig oder wenigstens ab und an eine Viertelstunde für ein Gespräch mit der verwitweten Nachbarin, dem altgewordenen Nachbarn oder der alleinstehenden jungen Nachbarin, deren Leben nur aus Arbeit zu bestehen scheint (die in Wirklichkeit aber schlicht total vereinsamt ist)?

Sind die Befürchtungen und Ängste die uns davon abhalten all das zu tun oder öfter zu tun, wirklich wahr und berechtigt? Oder sind wir einfach nur furchtbar egoistisch (Ich, ich, ich zuerst!!!) und/oder geizig (Hauptsache mir geht’s gut, wie es dem anderen geht, geht mir am Arsch vorbei!)? Oder fürchten wir, wenn wir das tun würden, dass sich unsere eigenen Schleusen der emotionalen Bedürftigkeit öffnen könnten?

Und wie emotional reich muss man eigentlich sein, bevor man etwas davon auch an andere abgibt? Ja, muss man überhaupt emotional reich sein, um anderen gegenüber emotional großzügig sein zu können? Ich glaube nicht!

Wir kennen doch (hoffentlich) alle diese Erfahrung, dass wir jemand Fremdes auf der Straße oder in der U-Bahn, im Bus, anlächeln - einfach so - und unser Gegenüber lächelt (überrascht) zurück. Geteilte positive Emotion verdoppelt sich in den allermeisten Fällen. Ich würde sogar behaupten, dass sich geteilte positive Emotionen so ähnlich verhalten, wie wenn man einen Stein in einen spiegelglatten See wirft. Sie schlagen Wellenkreise, die sich immer weiter ausbreiten, so weit ausbreiten, dass wir die letzten Auswirkungen unter Umständen gar nicht mehr mitbekommen. Wir wissen das eigentlich. Warum nutzen wir das nicht mehr?

Was hält diejenigen unter uns, die insgeheim in emotional prekären Verhältnissen leben oder gar schon völlig verarmt sind (aus welchen Gründen auch immer), davon ab, das zuzugeben, ja vielleicht sogar die emotional Reicheren zu bitten, etwas von ihrem Reichtum mit ihnen zu teilen? Wäre das wirklich so verwerflich? Wäre man dann in dieser Gesellschaft so stigmatisiert, dass man das lieber lässt? Gälte man dann als »emotionaler Bettler« und wäre damit komplett erledigt?

Was hält uns davon ab, emotional großzügig(er) zu sein?

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Film ·Soziales

Was es bedeutet Mensch zu sein

Am Wochenende habe ich mir die Dokumentation »Human« von Yann Arthus-Bertrand angeschaut. Wenn Euch der Name bekannt vorkommt, das ist der Fotograf und Filmer, der die Welt von oben fotografiert und gefilmt hat. Auch das schon ein Projekt, dass sehr beeindruckend war.

Die neue Dokumentation »Human« geht der Frage nach, was es bedeutet Mensch zu sein. Dafür hat Arthus-Bertrand mit seinem Team über 2000 Menschen in mehr als 60 Ländern interviewt und gefilmt und daraus dann für die Dokumentation ausgewählt.

Alle großen Themen des Lebens kommen vor, Geburt und Tod, Hass und Liebe, Krieg und Frieden, Reichtum und Armut, Überfluß und Hunger und vieles mehr. Durch die Nahaufnahmen und frontalen Ansprachen ist die Wirkung unmittelbar. Manche Schilderungen und Berichte sind schwer zu ertragen, aber wichtig.

Herausgekommen ist eine der großartigsten und berührendsten Dokumentationen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Wenn es Euch irgendwie möglich ist, nehmt Euch die Zeit und schaut Euch die drei Teile dieser Dokumentation an. Ich werde sie mir mit Sicherheit nochmal anschauen und schon jetzt weiß ich, dass vieles, das ich darin gehört habe mich gedanklich noch lange beschäftigen und mir nachgehen wird. Diese Dokumentation rückt Perspektiven zurecht und vermittelt den Reichtum und das Spektrum menschlichen Daseins, Lebens und Empfindens. Diese Dokumentation macht inmitten aller Konflikte und Probleme Hoffnung und spornt dazu an, seinen Teil dazu beizutragen, dass wir alle ein gutes oder wenigstens besseres Leben auf diesem Planeten führen können.

Always smile because smiling is the only language everyone understands.

Hier geht es zu Teil 2 und Teil 3.

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Nachdenkliches ·Soziales

Vom widerständigen Säen oder Guerilla Loving

Diese Woche war für mich überschattet von den Ereignissen in Aleppo. Die Diskrepanz zwischen dem Elend dort und meinem Leben hier (mit all seinen eigenen Problemen) ist immens und für mich schwer auszuhalten. Gerade jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit mit all dem Licht und Glanz und Glitzer. Es ist zum Verzweifeln oder Resignieren oder gleich beides zusammen. Aber das ist ja keine Lösung.

Am schlimmsten ist das Gefühl der Ohnmacht, nicht viel tun zu können, jedenfalls nicht viel, was den Menschen von Aleppo konkret helfen würde. Gut, spenden geht immer. Jeder Betrag, mag er noch so klein sein, hilft weiter.
Zu Beginn der Adventszeit habe ich ja schon auf die Hilfsorganisation »Sea-Watch e.V.« hingewiesen. Diese Woche stieß ich auf die Weihnachtswunschliste der Hilfsorganisation SOS Méditerranée, die als einzige über die Wintermonate mit ihrem Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs sind, um im Notfall zu helfen und Menschenleben zu retten.

Das einzige was mir darüber hinaus noch eingefallen ist: weiter und verstärkt zu jedem Menschen, der mir begegnet freundlich und hilfsbereit zu sein.

Vom »Guerilla Gardening« habt Ihr bestimmt schon mal gehört oder gelesen. Kleine Saatbomben werden auf Stadtbrachen oder anderen eher vernachlässigten Plätzen ausgebracht und zack, im nächsten Frühjahr blühen da plötzlich die schönsten Blumen. Tolle Sache!

Tja, und das Prinzip wende ich jetzt einfach auf Menschen an. Ich werfe bildlich gesprochen lauter kleine Saat(Liebes)bomben in die Gegend (bzw. auf Menschen) und hoffe, dass die Saat irgendwann aufgeht.

Das hat nix Romantisches. Es mag manchen sogar als naiv und lächerlich erscheinen. Es gibt Menschen, die das als »Gutmenschentum« verunglimpfen. Mir egal! Echt jetzt mal!

Für mich ist das ein Akt des Widerstandes. Widerstand gegen Neid und Hass, die sich überall ausbreitet und die Oberhand zu gewinnen scheinen. Widerstand gegen Desinteresse und soziale Kälte. Widerstand gegen das dauernde Auseinanderdividieren »wir hier - ihr da«.

Ich halte die Augen und Ohren offen, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, zu einem anderen Menschen freundlich oder hilfsbereit zu sein, dann nutze ich die Gelegenheit. Und wenn ich dir sonst irgendwie helfen kann, dann tue ich das.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Das müssen keine großen Aktionen sein. Im Gegenteil, es sind meist kleine unscheinbare Gesten, die dem anderen Menschen aber signalisieren: Ich sehe Dich (und nicht nur einfach durch dich hindurch). Ich nehme wahr, dass es dir nicht gut geht, du müde und abgekämpft bist. Ich höre dir zu, wenn du dir einen Teil deines Frusts von der Seele redest. Ich unterhalte mich mit dir, damit du dich wenigstens für eine kurze (oder auch längere) Zeit nicht so allein fühlst. Ich lächle dich an oder zwinkere dir aufmunternd zu.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Es kann auch bedeuten, dass ich mir eine gereizte Antwort oder Reaktion auf etwas, was Du gesagt oder getan hast, verkneife. Dass ich Dir nicht die Meinung geige, oder dich mal ordentlich spüren lasse, was Du wieder vermasselt hast. Ich lästere nicht mit anderen über dich ab, im Gegenteil, ich verteidige dich.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Ich finde es ganz erstaunlich, wie viele solcher kleinen Gelegenheiten sich bieten, wenn man danach Ausschau hält. Und das Tolle ist, jemanden anlächeln, jemandem ein gutes oder aufmunterndes Wort sagen, das kann wirklich jeder.

Guerilla Gardening hat weltweit sehr schnell viele Anhänger und Fans gefunden.
Das wünschte ich mir auch für Guerilla Loving!

Blumen säen und die Welt damit verschönern, ist toll. Aber wie viel toller ist es bitte, Freundlichkeit und Liebe zu säen und damit die Welt zu verschönern. Immer nur ein kleines Fleckchen, schon klar, aber trotzdem! Wenn ich die Welt eines Menschen für einen Moment aufhellen und verschönern kann, warum nicht?!
Und wenn das ganz viele Menschen tun, um so besser! Dann wird eine Widerstandsbewegung daraus. Eine Widerstandsbewegung, die nicht hinnimmt, dass Hass alles vergiftet, dass es nur noch Krieg und Blut und Tränen gibt und es auch bei uns immer kälter und dunkler wird.

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Nachdenkliches ·Privates ·Soziales

Nachruf auf einen Freund

Für Hannes
1974 - 2016

Es war lange vor Twitter, da stieß ich auf einen Blog mit dem Namen »Jazzlounge«. Dort bloggte ein Hannes über seine Liebe zum Jazz, stellte enthusiastisch Jazzmusiker und Jazzbands vor. Eine Weile las ich still mit, irgendwann kommentierte ich das erste Mal und bald kommentierten wir gegenseitig in unseren Blogs und tauschten uns über unsere Neuentdeckungen auf dem weiten Feld des Jazz aus und gaben uns gegenseitig Hörtipps.

Damals gab es so etwas wie Spotify & Co. noch nicht und da wir uns eher abseits des Mainstream-Jazz herumtrieben, war es manchmal gar nicht so einfach, an die entsprechenden Musikstücke zu kommen. Hannes muss über eine recht große Jazzmusik-Bibliothek verfügt haben, meine war auch recht gut bestückt. Irgendwann hatte ich einen kleinen Umschlag in der Post. Der Umschlag kam von Hannes. Im Umschlag war eine CD, auf die er Jazzstücke gebrannt hatte, von denen er annahm, dass sie mich interessieren könnten, sowie von Stücken über die wir diskutiert hatten, an die für mich aber kein Herankommen war. Kurz darauf schickte ich ihm eine gebrannte CD mit ebensolchen Musikstücken zurück. Wir haben in den folgenden Jahren eine Menge CDs gebrannt und hin und her geschickt und dann darüber diskutiert. So lernte ich Johannes Korten, genannt Hannes, kennen.

Unsere Gespräche drehten sich aber bald nicht mehr nur um das Thema Jazzmusik. Wir diskutierten per E-Mail über eine große Bandbreite an Themen: Gott und die Welt. Das waren für uns beide immer sehr tiefe und bereichernde Unterhaltungen. Nicht, dass wir uns immer einig gewesen wären, aber wir respektierten unsere unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven.

Irgendwann dann ging es ihm nicht gut und aus dem was er schrieb, zog ich meine Schlüsse. Ich bin gerade was persönliche Dinge angeht, eher der zurückhaltende Typ und so rang ich eine Weile mit mir, ob ich das Thema um das es offensichtlich ging, klar benennen sollte oder nicht. Ich beschloß abzuwarten, ob es sich einfach ganz natürlich ergeben würde.

Und dann eines Tages war es soweit, und ich sprach ihn direkt auf das Thema Depression an und fragte ihn, ob er damit zu kämpfen habe. Nach einer kurzen Pause, antwortete er mir ehrlich und schrieb auch, dass er eigentlich darüber nicht viel rede. Daraufhin erzählte ich ihm, dass ich selbst auch schon lange unter Depressionen leide. Wir hatten danach nicht wenige Gespräche, die sich ausschließlich um dieses Thema drehten. Wir erzählten einander zumindest in Auszügen, wie wir es erlebten, wenn diese Krankheit wieder ihr Haupt erhob, und wie wir versuchten, damit umzugehen und damit zu leben so gut, wie es eben geht.

Diese Gespräche führte dazu, dass wir einander noch tiefer wertschätzten und hob unseren Kontakt nochmal auf eine tiefere Ebene. Wenn er meinte, aus meinem Blogeinträgen oder Tweets »herauszuhören«, dass ich wieder mehr zu kämpfen hatte, kontaktierte er mich, zuerst per Mail, später auch über Twitter (in den Direktnachrichten) und umgekehrt. Wir machten uns gegenseitig Mut und erinnerten uns gegenseitig daran, dass es jenseits der Dunkelheit immer noch Licht gab, auch wenn wir es im Moment nicht mehr selbst wahrnehmen konnten. Und wir freuten uns gemeinsam, wenn wir endlich wieder einen Silberstreif am Horizont sehen konnten und das Licht langsam aber doch seinen Weg zurück in unsere Leben fand.

Über die Jahre blieb unsere Freundschaft und der Kontakt bestehen. In größeren Wochen-, manchmal auch Monatsabständen, fanden wir immer wieder interessante Themen, über die wir uns austauschten.

Johannes war ein engagierter Mensch, der mit offenen Augen und einem großen Gerechtigkeitssinn durch die Welt ging. Er litt wirklich bis ins Innerste unter Ungerechtigkeiten in der Welt, unter der Gewalt und dem Haß, der sich immer mehr auszubreiten schien. Er wollte eine bessere Welt und tat was immer ihm möglich war, um dazu beizutragen.

Vielen wird seine »Mutmachparade« in Erinnerung geblieben sein. Dort berichteten wir einander, wie wir uns selbst Mut zusprechen, wie wir andere ermutigen und was wir erlebt haben, wenn wir uns ein Herz bzw. Mut gefasst und etwas gewagt hatten.

Das wohl eindrücklichste Beispiel für sein Engagement war die große Hilfsaktion, die er für seinen Freund Kai anstieß, als der nach einem Schlaganfall ins künstliche Koma gefallen war und dessen Familie nicht wusste, wie es weitergehen könnte. Mit der Aktion »Ein Buch für Kai« und einer Spendensammlung hat er ein Beispiel dafür gegeben, wie es aussehen kann, das Internet zu einem besseren Ort zu machen, was ihm immer ein Anliegen war. Damals bat er uns alle

»Bewahrt euch diese Menschlichkeit! Es gibt so viele andere Menschen in Not!«

Noch etwas hat mich immer beeindruckt, nämlich seine große Liebe zu seinen Kindern, seinem Junior und seinem Mademoisellchen. Ich dachte immer, wenn alle Stricke reißen sollte, könnte ihn am Ende diese Liebe zu seinen Kindern halten.

Auch unsere letzte längere und tiefgehende Diskussion hatten Hannes und ich über das Thema der Gerechtigkeit in der Welt. Ich hatte ihn auf das Buch »Politische Emotionen - Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist« von der US-Amerikanischen Philosophin Martha C. Nussbaum hingewiesen, das er sich umgehend zulegte und las. Und dann diskutierte wir. Er war sehr angetan von ihren Gedankengängen und Ansätzen, ja er war richtiggehend enthusiastisch und plante auf der re:publica in diesem Jahr eine Session rund um diese Thematik anzubieten. So diskutierten wir, wie er das große Thema entsprechend aufbereiten könnte. Meines Wissens nach hat er wenige Tage später ein entsprechendes Paper für die re:publica eingereicht, das aber zugunsten des Themas »Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es gemeinsam dazu machen« zu dem er dann auf der re:publica sprach, nicht zum Zuge kam. Die Gedankenanstöße aus dem Buch bewegten ihn gedanklich aber auch weiterhin sehr.

Irgendwann gegen Ende letzten Jahres, bemerkte ich, dass sich über ihm wieder die dunklen Wolken zusammenballten. Ich kontaktierte ihn wieder hinter den Twitter-Kulissen und er bestätigte mir, dass es ihm schlecht ging. Ich versuchte wieder ihm Mut zu machen und ihn dazu zu bewegen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich wusste, dass es auch andere Freunde gab, die Bescheid wussten, und ihn ebenfalls in diese Richtung zu bewegen suchten.

Vor etwa vier Wochen hakte ich noch einmal nach und merkte schnell, dass er nicht bereit war tiefergehend über seine aktuelle Situation zu sprechen. Ich drängte ihn auch nicht dazu, sondern signalisierte ihm nur, dass ich jederzeit ein Ohr für ihn hätte, wenn er das wolle und dass ich auch sonst bereit wäre ihm zu helfen, wenn das irgendwie möglich und gewünscht sei. Er bedankte sich und meinte, im Moment gäbe es nichts, was ich für ihn tun könne. Es reiche ihm zu wissen, dass ich an ihn denke.

Wenige Tage später schrieb er den Blogeintrag »Mein Jazz ist kaputt« und spätestens da ahnte ich, dass die Krise diesmal wesentlich tiefer ging, als all die Male zuvor.

Noch einmal, am 27. Juni, hatten wir hinter den Twitterkulissen einen kurzen Kontakt. Als letztes schrieb er:

»Ich hoffe, es geht dir gut. Ich freu mich, auch so mal wieder von dir zu hören. Glück auf!« Ich ahnte nicht, dass das seine letzten persönlichen Worte an mich sein würden.

Heute morgen las ich, kaum aufgewacht, einen Tweet von ihm, der einen Link zu einem neuen Blogeintrag von ihm enthielt. Unter Tränen las ich, was er dort geschrieben hatte und ahnte, dass jede Hilfe zu spät kommen würde, so gerne ich noch einen Funken Hoffnung gehabt hätte. Wenige Stunden später kam die traurige Gewissheit: Mein Freund Hannes lebt nicht mehr.

Ich bin unsagbar traurig für ihn, seine Frau und die beiden Kinder und alle die ihn kannten und geliebt und geschätzt haben.

Danke Hannes für Deine Freundschaft, Deinen Mut, Dein Engagement und all die bereichernden Gesprächsstunden. Du wirst mir sehr fehlen! Und ich werde versuchen, Dir Deinen letzten öffentlich geäußerten Wunsch zu erfüllen, so gut ich es vermag:

„Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter.«

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