Mecklenburg-Vorpommern ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Ein Besuch im Gutscafé Pohnstorf und Spaziergang nach Karnitz

Herz und Seele des Café Pohnstorf

Nach sehr verregneten Tagen, gab es heute mal wieder richtigen Sonnenschein, und das haben wir gleich genutzt und uns am Nachmittag zu einem Ausflug aufgemacht.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich immer mal wieder kleine Loblieder singe auf die Perlen im mecklenburgischen Hinterland.

Ja, die Küsten sind schön, die Ostsee sowieso, aber Mecklenburg-Vorpommern besteht aus mehr als nur den Küsten. Es hat ein großes Hinterland, und es ist ein Fehler, dieses Hinterland zu ignorieren und nur schnell zu den Küsten durchzufahren.

Heute stelle ich Euch also eine weitere kleine Perle (noch, aber sicher nicht mehr lange, ein Geheimtipp) im Hinterland vor, die es verdient entdeckt und bekannter zu werden.

Wir fuhren nach Pohnstorf, einem winzigen Dörfchen mit knapp 40 Einwohnern, das zwischen Teterow und Neukalen liegt, und besuchten dort das kleine aber feine »Café Pohnstorf«.

Direkt vor der Tür einige Tische mit Stühlen und Sonnenschirm, wo es sich Gäste bereits gut gehen ließen.

Wir betraten das Café und wurden gleich von Sophie Junghans, die seit April das Café führt, in Empfang genommen. Sie ist Herz und Seele des Cafés und nimmt einen mit ihrem Enthusiasmus, ihrer Freundlichkeit und Offenheit gleich für sich und das Café ein.

Zuerst zeigte sie uns, welche frisch gebackenen Kuchen heute zu bekommen waren, und wir wählten unsere Kuchen aus und sagten, was wir gerne an Getränken dazu haben wollten.

Detail aus dem Café Pohnstorf

Während Sophie alles fertig machte, schauten wir uns im Café um und bewunderten die sehr schöne und liebevoll zusammengestellte Einrichtung. Wirklich ein Platz zum Wohlfühlen!

Detail aus dem Café PohnstorfDetail aus dem Café PohnstorfDetail aus dem Café PohnstorfDetail aus dem Café Pohnstorf

Neben dem Haus gibt es noch eine große Rasenfläche, wo im Sommer ebenfalls Tische und Stühle stehen und Gäste natürlich auch draußen im Sonnenschein ihren Kaffee und die köstlichen Kuchen genießen können.

Wir entschieden uns heute aber drin zu bleiben, auch um uns noch etwas mit Sophie Junghans unterhalten zu können. Sie erzählte uns, dass es in der Hauptsache Radfahrer und Wanderer sind, die im Café einkehren, aber auch Einheimische und Gäste, die im gleich gegenüber stehenden Gutshaus Pohnstorf Quartier genommen haben und ihren Urlaub in dieser schönen Gegend verbringen.

Der gute Ruf des kleinen Cafés spricht sich inzwischen herum, und so nimmt auch die Anzahl der Gäste und Besucher zu. Besonders an den Wochenenden füllen sich die Plätze drinnen und draußen schnell.

Nach Absprache ist es möglich im Café kleine Feiern abzuhalten. Erste Geburtstage wurden schon in froher Runde dort gefeiert.

Hin und wieder gibt es auch zusätzliche Angebote, wie zur Zeit die »Italienischen Abende«, an denen die Gäste ein dreigängiges italienisches Menü, natürlich auch mit guten italienischen Weinen, serviert bekommen.

Ich stelle es mir übrigens auch sehr schön vor, im Herbst oder Winter, wenn es draußen schon eher unfreundlich ist, im Cafe Pohnstorf einzukehren und es sich neben dem Ofen bei einem der leckeren Kuchen und heißem Kaffee oder Tee (vielleicht sogar mit einem guten Buch, oder Strickzeug) für einen Nachmittag gemütlich zu machen.

Sophie Junghans jedenfalls hat zusammen mit ihrem Freund, der ebenfalls aus der Gastronomie kommt und als Koch arbeitet (zu ihm wohl demnächst noch etwas mehr!) noch so einige tolle Ideen für die Zukunft in der Hinterhand.

Man darf gespannt sein und sich freuen, wenn man das »Café Pohnstorf«, diese kleine Perle im mecklenburgischen Hinterland, kennt.

Wenn Ihr also das nächste Mal auf dem Weg seid an die mecklenburgisch-vorpommerische Küste oder vielleicht sogar in Waren an der Müritz oder sonstwo in der Mecklenburgischen Schweiz Urlaub macht, macht doch mal einen Abstecher nach Pohnstorf, und lasst es Euch im »Café Pohnstorf« gut gehen!
Ihr dürft Sophie Junghans, dann auch gerne von mir grüßen.

Und nein, ich bin nicht mit Sophie Junghans verwandt oder sonstwie liiert, und wir haben den leckeren Kuchen (Erdbeerkuchen und Schoko-Blaubeer-Walnuss-Kuchen) sowie Cappuccino und frische Rhababerschorle mit Minze selbst bezahlt. Ich erzähle Euch vom Café Pohnstorf aus reiner Begeisterung und Überzeugung. 🙂

Nachdem wir uns dann schließlich fröhlich voneinander verabschiedeten (bis zum nächsten Mal!), machten wir noch einen kleinen Spaziergang hinüber ins nächste kleine Dorf namens Karnitz und genossen dabei die wunderschöne Landschaft.

Ich sage Euch, es ist die reinste Idylle in der man - so wie wir heute - Rehe beobachten kann, die in den Feldern herumspringen und Feldhasen, die auf den sonnenbeschienenen Hängen Fangen spielen und miteinander balgen und überhaupt: hachz!!!

Auf dem Rückweg habe ich noch meinen ersten Neuntöter und meinen ersten Wiesenpieper in freier Wildbahn gesehen.

Mecklenburgische Schweiz zwischen Pohnstorf und KarnitzMecklenburgische Schweiz zwischen Pohnstorf und Karnitz

Öffnungszeiten Café Pohnstorf

Juni bis Ende September:
Dienstag, Mittwoch, Freitag von 12 bis 17 h
Samstag und Sonntag von 12 bis 17:30 h
Montag und Donnerstag : Ruhetag

ab Oktober:
Samstag und Sonntag von 12 bis 17:30 h

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Mecklenburg-Vorpommern ·Privates ·Reisen ·Tagesnotizen 2017

Hiddensee

Hiddensee

Nun bin ich schon wieder ein paar Tage zuhause, aber mit den Gedanken immer noch halb auf Hiddensee. Ziemlich spontan und kurzfristig hatten wir noch eine vernünftige und für uns bezahlbare Ferienwohnung für eine Woche ergattern können. Also fröhlich die Sachen gepackt und aufgemacht zu meinem geliebten Hiddensee.

Im Frühsommer war ich bisher noch nie da, und es hat mir ausnehmend gut gefallen. Das lag unter anderem daran, dass ich das erstemal das blühende Hiddensee gesehen habe. Bei meinen bisherigen Aufenthalten Ende des Sommers, blühte zwar die Heide gerade aber ansonsten war überwiegend schon alles verblüht/verbrannt. Diesmal aber stand alles in voller Blüte. Die Hecken aus Hundsrosen, Klatschmohn und Goldmohn, Kornblumen, Schafgarbe alles bunt gemischt, die stattlichen Königskerzen, wilde Malven, und jede Menge blühender Wildblumen und Kräuter mehr. Dazu die vielen blühenden Gräser. Die ganze Insel ist voller bunter Farbkleckse. Einfach nur wunderschön, ein Fest für die Augen!

Fotos habe ich diesmal so gut wie keine gemacht, weil ich nicht ständig auf der Suche nach Fotomotiven sein, sondern einfach nur gucken und genießen wollte. Ansonsten hätte ich vermutlich nur fotografiert, weil alles so schön war und ich im Grunde alle paar Schritte schon wieder ein neues Foto hätte machen wollen. 🙂

Ansonsten habe ich mich ordentlich durchpusten lassen, an einigen Tagen war es sehr windig, so dass man mit dem Fahrrad bei Gegenwind kaum vorwärts kam. Lange Spaziergänge am Strand, Baden in der Ostsee, Sonnen in den Dünen, Wandern an der Steilküste und unterhalb der Steilküste, Erkundung des Alten Bessin, die »Gipfelerstürmungen« von Dornbusch und Swantiberg, sehr leckeres Holunderblüteneis und den ebenfalls oberleckeren Kirschstreuselkuchen aus der Eismanufaktur gegessen, das traditionelle Fischbrötchen direkt vom »Fischkutter Willi«, Rehe direkt am Schlafzimmerfenster, Rehe in der weiten Landschaft, ein Fuchs, Pferde, Schafe und Heidschnucken, dass alles und noch viel mehr steckte in diesen Tagen.

Leider hatte ich keine Gelegenheit richtig auf Vogelexkursion zu gehen, was ich eigentlich geplant hatte. Die letzten beiden Tage waren komplett verregnet. Trotzdem habe ich natürlich auch so viele Vögel gesehen. Highlights waren die vielen Buntspechte im Küstenwald, meine ersten Uferschwalben am Enddorn und für mich ebenfalls erstmals die Krähenscharben. Ich meine am Leuchtturm Dornbusch auch einen Neuntöter gesehen zu haben, aber ich bin mir nicht 100%ig sicher, so dass ich weiter auf meine erste gesicherte Sichtung eines Neuntöters warte.

Zum ersten Mal im Leben habe ich eine Marionettentheatervorstellung besucht. Auf Hiddensee ist ja die Seebühne Hiddensee, die 1997 aus dem Figurentheater »Homunkulus« in Berlin hervorgegangen ist, beheimatet. Schon bei meinen vorherigen Aufenthalten wollte ich dort gerne mal eine Vorstellung sehen, aber es hat nie geklappt. Diesmal habe ich schon von zuhause aus Karten reserviert, und als wir dann auf Hiddensee waren, die neue Inszenierung »Moby Dick« nach Herman Melville gesehen. Wirklich ein Erlebnis in der kleinen Seebühne zu sitzen und sich verzaubern zu lassen!

Und endlich habe ich es auch geschafft, mal das Heimatmuseum in Kloster zu besuchen. Ebenfalls sehr lohnenswert, weil wirklich vielseitig und informativ, was die Geschichte der Insel angeht.

Alles in allem waren es wieder sehr schöne erholsame volle Tage, die - auch wie immer - viel, viel zu schnell vorüber waren.

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Privates ·Tagesnotizen 2017

Was schön war in letzter Zeit

Die Zeit rast dahin. Seit dem letzten Eintrag hier ist schon wieder viel zu viel Zeit vergangen. Es ist Sommer und wir genießen es, dass wieder Sommer ist. Auch der Sommer fliegt vorbei. Ich bin nicht viel online oder am Rechner. Ich will den Sommer kosten, ihn nicht vergeuden.

Eine schlechte Nachricht aus dem engeren Familienkreis hat dieses Bedürfnis noch zusätzlich befeuert. Unsere Zeit ist begrenzt und manchmal viel begrenzter als wir ahnen. Wie viele Sommer sind uns noch vergönnt? Wie viele Winter? Wie oft noch können wir mit Menschen, die wir lieben und die uns etwas bedeuten, zusammen sein, reden, lachen oder auch mal weinen? Warum also Zeit mit Dingen vertun, die keinerlei Mehrwert haben? Die uns nur die Laune verderben, uns runterziehen? Warum endlose Diskussionen, statt einfach das zu machen, was gerade zu tun ist? Anpacken, konkret und praktisch sein.

Was mir in der letzten Zeit gut getan oder gefallen hat?

Viel Sonne und Wärme natürlich. Inzwischen habe ich in »unserem« See angeschwommen. Es war zwar noch etwas frisch, aber schön und natürlich hoffe ich, diesen Sommer noch oft hineintauchen zu können.

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Die weißen Nächte, in denen am Horizont immer ein heller Streifen bleibt. Ich bilde mir dann immer ein, ich sei irgendwo noch weiter im Norden, da ist der Streifen noch viel heller.

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In den klaren Nächten habe ich unter dem unfassbaren Sternenhimmel hier gestanden und einfach nur geschaut und gestaunt. Diese Ecke hier ist einer der besten Plätze in Deutschland, um Sterne zu sehen. Dafür reisen die Sternengucker extra an. Ich kann das jederzeit sehen und bin dankbar dafür.

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Weiterhin erfreut mich das Vögelbeobachten über die Maße. Besonders natürlich die Premieren, also wenn ich bestimmte Vogelarten das erste Mal in freier Wildbahn sehe. Das waren in letzter Zeit: Stieglitz, Gartengrasmücke, Teichrohrsänger und meine beiden absoluten Highlights: Braunkehlchen und erst gestern, ein Eisvogel. Was für ein wunderschöner Vogel! Ich sah ihn völlig überraschend an einem Ort, wo ich im Leben nicht damit gerechnet hätte. Umso größer war natürlich die Überraschung und Freude. Ich war den restlichen Abend total geflashed.

Überhaupt, diese Touren! Sie haben mir ein Gefühl aus meiner Kindheit zurückgebracht. Aus der Zeit, wo man nach den Hausaufgaben nach draußen geschickt wurde mit der Ansage, dass man zum Abendessen wieder zuhause zu sein habe. Und dann ist man die Stunden bis dahin draußen herumgestromert, hat sich einfach treiben lassen. Vertraute Plätze aufgesucht, neue Plätze entdeckt, kleine Abenteuer erlebt. So wie es sich eben ergab. Häufig genug hab ich schlicht die Zeit vergessen. So geht es mir jetzt wieder mit diesen Touren. Ich habe kein festes Ziel, ich folge einfach den Vögeln und bin dann völlig überrascht, wenn meine lieben WG-Genossen Suchmeldungen aufgeben, weil ich scheinbar verschollen bin oder weil es plötzlich dunkel wird und ich feststelle, dass es schon spät am Abend ist.

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Schön waren die Vorlesestunden mit den Besuchskindern (3,5 u. 7 Jahre). Ich war ein bisschen überrascht wie lange und konzentriert sie zugehört haben. Aber es sind Kinder, denen von den Eltern viel vorgelesen wird. Sie waren also entsprechend trainiert. Und ich habe mir natürlich auch alle Mühe gegeben, denn ich wollte ihnen ja kein Vorlesetrauma verschaffen. Interessant, worüber sich Kinder von Herzen amüsieren können. Ich wiederum amüsierte mich, wie sie sich an manchen Stellen schier ausschütteten vor Lachen.

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Überhaupt, die kindliche Unbeschwertheit und Spontanität. Da ist noch kein Abwägen, ob diese oder jene Reaktion wohl angemessen ist, ob das nun wirklich so lustig oder traurig ist, ob das nun ein zu großes Wagnis ist oder nicht. Es wird einfach getan, ausprobiert und wenn sie scheitern, fließen eventuell ein paar Tränen aber Minuten später ist das wieder vorbei und sie haben schon wieder neue Vorhaben und Pläne oder eine neue Idee, wie sie das Wagnis doch noch meistern könnten.

Schade, dass wir Menschen diese Unbeschwertheit meist im Laufe des Lebens verlieren. Ich habe den Eindruck, das wird immer krasser. Bloß nicht einfach loslachen. Ich könnte mich ja blamieren, andere düpieren, verletzten, ich weiß nicht was. Sicher, Rücksichtnahme ist wichtig, aber mir scheint, wir manövrieren uns langsam aber sicher in eine Ecke, in der uns auch noch das letzte bisschen Spontanität und Unbeschwertheit verloren geht. Befindlichkeitsdiktatur ist das Wort, das mir in diesem Zusammenhang vor einigen Tagen in den Kopf schoss. Mir scheint, (fast) alle werden immer empfindlicher (nicht empfindsamer, das ist was ganz anderes!). Die Atmosphäre wird immer giftiger, die Vorwürfe häufen sich. Viele fühlen sich nicht ausreichend gewürdigt, wertgeschätzt, wahrgenommen, gelobt, geschmeichelt, gefavt, etc. etc. Lauter kleine Satelliten, die einsam durch das Universum taumeln und sich lauthals darüber beklagen oder schweigend (beleidigt?) leiden. Lauter kleine Satelliten die beständig funken, dass sie gar keine Satelliten sind, sondern strahlende Sonnen, um die sich bitte die ganze Welt drehen soll. Was ist nur los mit uns?

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Die vielen Holunderbüsche sind voller herrlicher weißer Blüten. Holunderblütengelee und Holunderblütensirup haben wir schon gemacht. Ich liebe es, den Sommer schon morgens auf dem Toastbrot zu haben.

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Es hat sich unverhofft etwas ergeben, das wohl mein nächstes großes Highlight wird. Aber davon zu gegebener Zeit mehr. Ich freue mich jedenfalls schon unglaublich darauf und ja, es ist Sommer, und ich werde diesen Sommer genießen und aus ihm rausholen, was ich nur rausholen kann! Das hab ich mir jedenfalls fest vorgenommen.

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Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Die bitteren Früchte eines langen Friedens oder vom vergifteten Frieden

Am Morgen verließ ich früh das Haus und fuhr nach Rostock, um dort etwas Dringendes zu erledigen. Kurz nach halb Zwölf war ich wieder zurück.

Kurz nach Zwölf fuhr ich ins nahegelegene kleine Städtchen, um meinen Hausarzt aufzusuchen. Nach zehn Jahren war es Zeit meine Tetanus-Impfung aufzufrischen, und so hatte ich gestern meinen Gartenyoda gebeten einen Termin für mich auszumachen. Nicht ahnend, dass ich gleich am Folgetag, also heute, einen bekommen würde.

Mein Hausarzt zeigte sich hocherfreut, dass es in dieser Zeit der Impfmüdigkeit und Impfablehnung tatsächlich noch Menschen gibt, die selbständig ihre Impfungen im Blick behalten und fristgemäß zur Auffrischung antreten und tatsächlich ein vollständiges Impfbuch vorweisen können.

Als ich wieder zuhause war, aßen wir fix zu Mittag, und dann beschloß ich, nach dem Rumgehetze am Vormittag, eine Mittagspause einzulegen. Und weil heute wieder schönes Wetter war, packte ich mir ein Buch und ging hinaus auf den Balkon und machte es mir da gemütlich. Ich kam aber gar nicht so viel zum Lesen, wie ich gedacht hatte, denn ich musste immerzu in die Landschaft schauen und dann musste ich lange nachdenken.

Nun ist die Landschaft hier ja bekanntermaßen eine schöne, aber es gibt Tage, da ist sie nicht nur schön sondern, ja, ich möchte es zauberhaft nennen. Wie ich also so da auf meinem Stuhl auf dem Balkon sitze und gerade dabei bin in einem Absatz im Buch zu versinken, da dringt ein Geräusch an mein Ohr.

Nun muss ich noch erwähnen, dass wir heute Wind haben. Jedenfalls, das Geräusch, das an mein Ohr dringt, lässt mich den Kopf heben und ihm nachlauschen. Es ist das Rauschen der vielen tausend Blätter an den uralten Bäumen auf dem nahegelegenen Kirchberg. Jedesmal, wenn sie ein Windstoß trift, erhebt sich dieses silbrige leichte Rauschen und seine Ausläufer erreichen mein Ohr.

Dazwischen das schrille Tschilpen der Haus- und Feldsperlinge. Vom Himmel ertönt ab und an der laute durchdringende Ruf des Rotmilans, der hoch über mir seine Kreise zieht.

Überhaupt, der Himmel! Ein sanftes Blau über das schneeweiße Wolkenschiffe ziehen, die mich daran erinnern, wie ich in der Kindheit auf irgendeinem Fleck lag und versuchte, Figuren in dieser Art Wolken zu erkennen.

Der Walnußbaum gleich am Balkon präsentiert mir seine jungen Blätter, die noch ganz zart und fein sind, und vom blühenden Jasmin im Garten weht immer wieder ein betörender Hauch zu mir herüber und hüllte mich sanft und beruhigend ein. Die aufgeblühten Margeriten bilden kleine Inseln auf dem Rasen und biegen sich gleichfalls im leichten Wind. Neben mir schwanken leise die Halme des Lavendels. Auf der großen Weide liegt das gemähte Gras in losen Reihen und trocknet im Mittagssonnenschein.

Ich sitze da und schaue und lausche und rieche und denke, dass ich gerade glückliche Momente erlebe. Einfach so, unverdient! Und was das für ein Geschenk ist. Wie viele Menschen alles geben würden, solche Momente erleben zu dürfen.

Diese Paradoxie schockiert mich immer wieder aufs Neue. Wie im selben Moment die einen Menschen, tiefempfundenes Glück erleben und andere die Hölle auf Erden. Das Wissen darum, macht mir solche Momente nur noch kostbarer. Ich weiß, ich habe keinen Anspruch solche Momente des Glücks, des Friedens und der tiefen inneren Freude zu erleben. Es gibt auch keine Garantie, dass ich auf ewig solche Momente in meinem Leben haben werde.

Das Leben kann so schnell unerwartete Wendungen nehmen und plötzlich hat man das Empfinden nur noch durch die Hölle auf Erden zu gehen.

Für mich als deutlich nach dem 2. Weltkrieg Geborene, scheint der Friede unendlich. Aber das ist ein Trugschluß. Friede ist nie selbstverständlich. Friede ist zerbrechlich, auch ein jahrzehntelanger Friede.

Es hat seit Anbeginn der Welt wohl kaum eine Generation in Deutschland gegeben, die einen so langen Frieden erlebt hat, wie die meine. Vielleicht, mit sehr viel Glück, werde ich sogar einer Generation angehören, die ihr ganzes Leben lang, nie direkt selbst von einem akuten Krieg betroffen war. Vielleicht werde ich aber den Krieg auch noch selbst kosten müssen.

Ich habe in letzter Zeit viel über den Frieden nachgedacht. Genauer über das, was ich »die bitteren Früchte eines langen Friedens« nenne. Denn alles hat zwei Seiten, eine helle und eine dunkle, und davon ist auch der Friede nicht ausgenommen.

Ja, ein langer Friede ist ein besonderes Geschenk, für das man nichts anderes als dankbar sein kann. Aber ein langer Friede birgt die Gefahr, dass die Menschen mit der Zeit den Frieden und alles Gute, das er mit sich bringt, für selbstverständlich ansehen.

Er birgt die Gefahr, dass wir unempathisch werden gegenüber dem Leid, dass Menschen erleben, denen kein Friede gegönnt ist. Es muss nicht einmal böser Wille sein, hinter dieser Unfähigkeit wahre Empathie für sie zu empfinden. Wir können uns schlicht nicht vorstellen, wie sich ein Leben unter den ständigen Bedrohungen eines Krieges anfühlt. So etwas kann man höchstens ein stückweit erahnen, mehr nicht.

Wir sehen fast täglich Bilder aus Gebieten die von Krieg und kriegerischen Konflikten betroffen sind. Von Bombenangriffen zerstörte Landstriche. Menschen, die schon in der zweiten oder sogar dritten Generation nichts anderes als Krieg kennen. In ihre Gesichtern haben sich die äußeren und inneren Verheerungen des Krieges eingegraben. Es sind so viele Bilder, dass wir hier inzwischen in einem unfassbaren Ausmaß abgestumpft sind.

Im Mittelmeer, das uns so nah, vertraut und lieb ist, ertrinken die vor dem Krieg, vor Hunger und Not Fliehenden zu Hunderten. Wir hören die sich wiederholenden Meldungen in den Nachrichten. Wir schütteln entsetzt den Kopf (oder nicht einmal mehr das) und sind in der nächsten Sekunde schon wieder abgelenkt von irgendeiner anderen banalen Nicht-Nachricht oder vom nächsten Tweet auf unserem Smartphone oder Tablet. Wir haben uns an diese furchtbaren Meldungen gewöhnt. Wir nehmen sie hin und empören uns höchstens noch kurzfristig und machen dann weiter wie gehabt.

Ich habe mich mehr als einmal gefragt, wie nachfolgende Generationen uns einmal beurteilen werden. Mit Recht werden sie sagen: Aber alle haben es doch gewusst, was da Tag für Tag auf dem Mittelmeer geschieht! Alle haben gewusst, dass die, die es über das Mittelmeer geschafft haben, vielleicht nur mit knapper Not ihr Leben gerettet haben, in den Lagern auf dem europäischen Festland in furchtbaren Umständen hausen mussten. Es wurde doch berichtet über die Zustände in Dschungel von Calais, über die Niemandslandstriche irgendwo auf dem Balkan, in denen die Geflüchteten strandeten und vom Rest der Welt vergessen wurden. Wie konntet Ihr das alles zulassen? Wie konntet Ihr dem Sterben einfach zusehen und nichts dagegen tun? Warum habt Ihr Euch nicht zusammengetan und diejenigen, die ihr als Regierende gewählt habt, gezwungen etwas dagegen zu unternehmen. Wirklich Hilfe zu schaffen.

Die Menschen ertrinken im Mittelmeer und vegetieren in den Lagern auf dem europäischen Festland, weil keiner den politischen Willen hat, die Wege zu beschreiten, die nötig wären, um das zu verhindern. Maßnahmen, deren Unwirksamkeit längst bewiesen ist, werden weitergeführt, komme was da wolle. Von den Verantwortlichen wird darauf gebaut, dass wir hier abstumpfen, dass wir uns gewöhnen an diese Meldungen und Bilder.

So ist der Mensch! So sind wir! Werden wir dann, wenn wir diese Fragen gestellt bekommen auch schweigen, so wie unsere Urgroßeltern, Großeltern und Eltern schwiegen?

Werden wir stotternd beteuern, dass wir das alles ja sooo genau nicht gewusst haben?

Werden wir mit den Schultern zucken und sagen: »Was hätte ich schon tun können? Es war eben so, damals!«?

Werden wir erzählen, dass wir ja gar nicht sooo schlimm waren? Immerhin haben wir auch einmal an einem deutschen Bahnhof gestanden und Geflüchtete mit Applaus empfangen? Immerhin haben wir auch ein paar alte Kleider und Gebrauchsgegenstände (die wir sowieso nicht mehr brauchten) an einer Sammelstelle abgegeben? Oder sogar etwas Geld gespendet? Wird das reichen als Persilschein?

Ein langer Friede macht satt und selbstzufrieden und unzufrieden, weil der Mensch den Hals nie voll bekommt, weil er immer noch ein bisschen mehr will. Dass das auf Kosten vieler anderer in anderen Teilen der Welt geht, das vergessen wir geflissentlich. Wir diskutieren vielleicht ab und an auf sehr theoretischer Ebene darüber, aber ändern tut das nichts. Wir ändern uns und unsere Lebensweise nicht. Nicht so tiefgreifend, wie es nötig wäre, um wirklich etwas für die Menschen auf der anderen Seite der Welt zu ändern. Es sind immer nur Einzelne oder Wenige, die an dieser Stelle radikal werden. Die wirklich tiefgreifend etwas ändern. Die große Masse, macht weiter wie gehabt.

Nein, ich will keinen Krieg hier. Krieg ist einfach furchtbar, egal wo. Aber mir scheint, je weiter wir uns entfernen vom tatsächlich am eigenen Leib erlebten Krieg, desto ungerührter werden wir. Es ist halt alles nur Theorie, und Theorie ist etwas ganz ganz anderes als erlebte Realität.

Die letzten unter uns, die den Krieg noch am eigenen Leib erfahren haben, schweigen oder sterben langsam weg. Bald wird niemand mehr da sein, den wir persönlich kennen, der aus eigener Erfahrung über die Schrecken eines Krieges und die Folgen eines Krieges, die weit über den Tag eines Friedensschlusses hinausreichen, berichten könnte. Die Geschichten aus dem Krieg und von der Flucht, werden mit fortschreitender Zeit verklingen und verblassen.

Einerseits ist das natürlich schön, aber es ist eben auch so gefährlich. Denn irgendwann wächst eine Generation heran, der wieder erzählt werden kann, dass ein Krieg sein muss. Und diese Generation wird diese Lüge glauben und wieder mit fliegenden Fahnen in den Krieg ziehen. Sie werden glauben, dass sie es tun, um den Frieden und unsere Reichtümer, unsere »Werte« oder gar unsere »Religion« zu verteidigen. Die unselige Wiedergeburt der Blut- und Boden/Reichtum/Werte/Religions-Mythen.

So war das heute Mittag. Ich sitze und erlebe Momente echter Freude, echten Glücks, echten Friedens und tiefer Dankbarkeit und zugleich ertrage ich es kaum, weil ich den Preis dafür kenne, und weil ich weiß, dass ich das alles nur erlebe, weil ich Blut an meinen Händen habe.

Kein Blut, dass ich höchstpersönlich vergossen hätte, aber ich bin verantwortlich dafür, dass es vergossen wird. Jeden verdammten neuen Tag.

Was es übrigens noch unfassbarer macht, dass der Friede hier immer noch hält. Dass mein Leben aus mehr Glück besteht, als es den meisten Menschen auf diesem Planeten in ihrem ganzen Leben je vergönnt ist.

Wie wenig wir aus dem, was uns geschenkt worden ist und immer noch geschenkt wird, doch machen. Wie pervers, dass wir all das Gute und den Frieden weitestgehend nur dazu nutzen andere zu bedrücken und auszubeuten oder es zumindest zuzulassen, dass andere es in unserem Namen tun. Nicht nur in weit entfernten Gegenden dieser Welt, sondern häufig sogar in unserer unmittelbaren Umgebung. Wir nehmen Ungerechtigkeit hin, weil wir einen Vorteil daraus gewinnen. Wir empören uns nicht mehr über die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft, es sei denn sie treffen tatsächlich uns. Wir erschöpfen uns in endlosen Diskussionen und lassen doch alles wie es ist.

Wir haben uns entschieden das alles zu ignorieren, wir schauen weg, wir übersehen, wir reden schön und rationalisieren weg oder lamentieren ab und an.
Aber all das ändert nichts daran, dass unsere Idyllen hier, der »Friede«, das Gute längst vergiftet sind, denn sie wurzeln im Übel und in Blut und Tränen anderer.

Nicht erst seit gestern oder seit vorigem Jahr oder seit 9/11 oder, oder, oder. Nein, dass ist schon sehr viel länger so. Wir haben längst vergessen, wann das alles angefangen hat. Und mit der Zeit ist es zu unserer Normalität geworden. So ist das eben auf dieser Welt. So ist das eben im Leben! Lasst und trinken und essen und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot! Und nach uns die Sintflut!

Nein, ich will keinen Krieg, nicht hier, nicht anderswo. Ich wünsche mir einen echten langanhaltenden Frieden für alle, der nicht Ungerechtigkeit für andere zementiert, der nicht mit dem Blut und Leben anderer Menschen an anderen Orten dieser Welt erkauft wird. Ich wünsche mir einen langen Frieden, der nicht schal und bitter wird.

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