Privates ·Tagesnotizen 2017

Was schön war in letzter Zeit

Die Zeit rast dahin. Seit dem letzten Eintrag hier ist schon wieder viel zu viel Zeit vergangen. Es ist Sommer und wir genießen es, dass wieder Sommer ist. Auch der Sommer fliegt vorbei. Ich bin nicht viel online oder am Rechner. Ich will den Sommer kosten, ihn nicht vergeuden.

Eine schlechte Nachricht aus dem engeren Familienkreis hat dieses Bedürfnis noch zusätzlich befeuert. Unsere Zeit ist begrenzt und manchmal viel begrenzter als wir ahnen. Wie viele Sommer sind uns noch vergönnt? Wie viele Winter? Wie oft noch können wir mit Menschen, die wir lieben und die uns etwas bedeuten, zusammen sein, reden, lachen oder auch mal weinen? Warum also Zeit mit Dingen vertun, die keinerlei Mehrwert haben? Die uns nur die Laune verderben, uns runterziehen? Warum endlose Diskussionen, statt einfach das zu machen, was gerade zu tun ist? Anpacken, konkret und praktisch sein.

Was mir in der letzten Zeit gut getan oder gefallen hat?

Viel Sonne und Wärme natürlich. Inzwischen habe ich in »unserem« See angeschwommen. Es war zwar noch etwas frisch, aber schön und natürlich hoffe ich, diesen Sommer noch oft hineintauchen zu können.

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Die weißen Nächte, in denen am Horizont immer ein heller Streifen bleibt. Ich bilde mir dann immer ein, ich sei irgendwo noch weiter im Norden, da ist der Streifen noch viel heller.

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In den klaren Nächten habe ich unter dem unfassbaren Sternenhimmel hier gestanden und einfach nur geschaut und gestaunt. Diese Ecke hier ist einer der besten Plätze in Deutschland, um Sterne zu sehen. Dafür reisen die Sternengucker extra an. Ich kann das jederzeit sehen und bin dankbar dafür.

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Weiterhin erfreut mich das Vögelbeobachten über die Maße. Besonders natürlich die Premieren, also wenn ich bestimmte Vogelarten das erste Mal in freier Wildbahn sehe. Das waren in letzter Zeit: Stieglitz, Gartengrasmücke, Teichrohrsänger und meine beiden absoluten Highlights: Braunkehlchen und erst gestern, ein Eisvogel. Was für ein wunderschöner Vogel! Ich sah ihn völlig überraschend an einem Ort, wo ich im Leben nicht damit gerechnet hätte. Umso größer war natürlich die Überraschung und Freude. Ich war den restlichen Abend total geflashed.

Überhaupt, diese Touren! Sie haben mir ein Gefühl aus meiner Kindheit zurückgebracht. Aus der Zeit, wo man nach den Hausaufgaben nach draußen geschickt wurde mit der Ansage, dass man zum Abendessen wieder zuhause zu sein habe. Und dann ist man die Stunden bis dahin draußen herumgestromert, hat sich einfach treiben lassen. Vertraute Plätze aufgesucht, neue Plätze entdeckt, kleine Abenteuer erlebt. So wie es sich eben ergab. Häufig genug hab ich schlicht die Zeit vergessen. So geht es mir jetzt wieder mit diesen Touren. Ich habe kein festes Ziel, ich folge einfach den Vögeln und bin dann völlig überrascht, wenn meine lieben WG-Genossen Suchmeldungen aufgeben, weil ich scheinbar verschollen bin oder weil es plötzlich dunkel wird und ich feststelle, dass es schon spät am Abend ist.

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Schön waren die Vorlesestunden mit den Besuchskindern (3,5 u. 7 Jahre). Ich war ein bisschen überrascht wie lange und konzentriert sie zugehört haben. Aber es sind Kinder, denen von den Eltern viel vorgelesen wird. Sie waren also entsprechend trainiert. Und ich habe mir natürlich auch alle Mühe gegeben, denn ich wollte ihnen ja kein Vorlesetrauma verschaffen. Interessant, worüber sich Kinder von Herzen amüsieren können. Ich wiederum amüsierte mich, wie sie sich an manchen Stellen schier ausschütteten vor Lachen.

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Überhaupt, die kindliche Unbeschwertheit und Spontanität. Da ist noch kein Abwägen, ob diese oder jene Reaktion wohl angemessen ist, ob das nun wirklich so lustig oder traurig ist, ob das nun ein zu großes Wagnis ist oder nicht. Es wird einfach getan, ausprobiert und wenn sie scheitern, fließen eventuell ein paar Tränen aber Minuten später ist das wieder vorbei und sie haben schon wieder neue Vorhaben und Pläne oder eine neue Idee, wie sie das Wagnis doch noch meistern könnten.

Schade, dass wir Menschen diese Unbeschwertheit meist im Laufe des Lebens verlieren. Ich habe den Eindruck, das wird immer krasser. Bloß nicht einfach loslachen. Ich könnte mich ja blamieren, andere düpieren, verletzten, ich weiß nicht was. Sicher, Rücksichtnahme ist wichtig, aber mir scheint, wir manövrieren uns langsam aber sicher in eine Ecke, in der uns auch noch das letzte bisschen Spontanität und Unbeschwertheit verloren geht. Befindlichkeitsdiktatur ist das Wort, das mir in diesem Zusammenhang vor einigen Tagen in den Kopf schoss. Mir scheint, (fast) alle werden immer empfindlicher (nicht empfindsamer, das ist was ganz anderes!). Die Atmosphäre wird immer giftiger, die Vorwürfe häufen sich. Viele fühlen sich nicht ausreichend gewürdigt, wertgeschätzt, wahrgenommen, gelobt, geschmeichelt, gefavt, etc. etc. Lauter kleine Satelliten, die einsam durch das Universum taumeln und sich lauthals darüber beklagen oder schweigend (beleidigt?) leiden. Lauter kleine Satelliten die beständig funken, dass sie gar keine Satelliten sind, sondern strahlende Sonnen, um die sich bitte die ganze Welt drehen soll. Was ist nur los mit uns?

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Die vielen Holunderbüsche sind voller herrlicher weißer Blüten. Holunderblütengelee und Holunderblütensirup haben wir schon gemacht. Ich liebe es, den Sommer schon morgens auf dem Toastbrot zu haben.

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Es hat sich unverhofft etwas ergeben, das wohl mein nächstes großes Highlight wird. Aber davon zu gegebener Zeit mehr. Ich freue mich jedenfalls schon unglaublich darauf und ja, es ist Sommer, und ich werde diesen Sommer genießen und aus ihm rausholen, was ich nur rausholen kann! Das hab ich mir jedenfalls fest vorgenommen.

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Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Die bitteren Früchte eines langen Friedens oder vom vergifteten Frieden

Am Morgen verließ ich früh das Haus und fuhr nach Rostock, um dort etwas Dringendes zu erledigen. Kurz nach halb Zwölf war ich wieder zurück.

Kurz nach Zwölf fuhr ich ins nahegelegene kleine Städtchen, um meinen Hausarzt aufzusuchen. Nach zehn Jahren war es Zeit meine Tetanus-Impfung aufzufrischen, und so hatte ich gestern meinen Gartenyoda gebeten einen Termin für mich auszumachen. Nicht ahnend, dass ich gleich am Folgetag, also heute, einen bekommen würde.

Mein Hausarzt zeigte sich hocherfreut, dass es in dieser Zeit der Impfmüdigkeit und Impfablehnung tatsächlich noch Menschen gibt, die selbständig ihre Impfungen im Blick behalten und fristgemäß zur Auffrischung antreten und tatsächlich ein vollständiges Impfbuch vorweisen können.

Als ich wieder zuhause war, aßen wir fix zu Mittag, und dann beschloß ich, nach dem Rumgehetze am Vormittag, eine Mittagspause einzulegen. Und weil heute wieder schönes Wetter war, packte ich mir ein Buch und ging hinaus auf den Balkon und machte es mir da gemütlich. Ich kam aber gar nicht so viel zum Lesen, wie ich gedacht hatte, denn ich musste immerzu in die Landschaft schauen und dann musste ich lange nachdenken.

Nun ist die Landschaft hier ja bekanntermaßen eine schöne, aber es gibt Tage, da ist sie nicht nur schön sondern, ja, ich möchte es zauberhaft nennen. Wie ich also so da auf meinem Stuhl auf dem Balkon sitze und gerade dabei bin in einem Absatz im Buch zu versinken, da dringt ein Geräusch an mein Ohr.

Nun muss ich noch erwähnen, dass wir heute Wind haben. Jedenfalls, das Geräusch, das an mein Ohr dringt, lässt mich den Kopf heben und ihm nachlauschen. Es ist das Rauschen der vielen tausend Blätter an den uralten Bäumen auf dem nahegelegenen Kirchberg. Jedesmal, wenn sie ein Windstoß trift, erhebt sich dieses silbrige leichte Rauschen und seine Ausläufer erreichen mein Ohr.

Dazwischen das schrille Tschilpen der Haus- und Feldsperlinge. Vom Himmel ertönt ab und an der laute durchdringende Ruf des Rotmilans, der hoch über mir seine Kreise zieht.

Überhaupt, der Himmel! Ein sanftes Blau über das schneeweiße Wolkenschiffe ziehen, die mich daran erinnern, wie ich in der Kindheit auf irgendeinem Fleck lag und versuchte, Figuren in dieser Art Wolken zu erkennen.

Der Walnußbaum gleich am Balkon präsentiert mir seine jungen Blätter, die noch ganz zart und fein sind, und vom blühenden Jasmin im Garten weht immer wieder ein betörender Hauch zu mir herüber und hüllte mich sanft und beruhigend ein. Die aufgeblühten Margeriten bilden kleine Inseln auf dem Rasen und biegen sich gleichfalls im leichten Wind. Neben mir schwanken leise die Halme des Lavendels. Auf der großen Weide liegt das gemähte Gras in losen Reihen und trocknet im Mittagssonnenschein.

Ich sitze da und schaue und lausche und rieche und denke, dass ich gerade glückliche Momente erlebe. Einfach so, unverdient! Und was das für ein Geschenk ist. Wie viele Menschen alles geben würden, solche Momente erleben zu dürfen.

Diese Paradoxie schockiert mich immer wieder aufs Neue. Wie im selben Moment die einen Menschen, tiefempfundenes Glück erleben und andere die Hölle auf Erden. Das Wissen darum, macht mir solche Momente nur noch kostbarer. Ich weiß, ich habe keinen Anspruch solche Momente des Glücks, des Friedens und der tiefen inneren Freude zu erleben. Es gibt auch keine Garantie, dass ich auf ewig solche Momente in meinem Leben haben werde.

Das Leben kann so schnell unerwartete Wendungen nehmen und plötzlich hat man das Empfinden nur noch durch die Hölle auf Erden zu gehen.

Für mich als deutlich nach dem 2. Weltkrieg Geborene, scheint der Friede unendlich. Aber das ist ein Trugschluß. Friede ist nie selbstverständlich. Friede ist zerbrechlich, auch ein jahrzehntelanger Friede.

Es hat seit Anbeginn der Welt wohl kaum eine Generation in Deutschland gegeben, die einen so langen Frieden erlebt hat, wie die meine. Vielleicht, mit sehr viel Glück, werde ich sogar einer Generation angehören, die ihr ganzes Leben lang, nie direkt selbst von einem akuten Krieg betroffen war. Vielleicht werde ich aber den Krieg auch noch selbst kosten müssen.

Ich habe in letzter Zeit viel über den Frieden nachgedacht. Genauer über das, was ich »die bitteren Früchte eines langen Friedens« nenne. Denn alles hat zwei Seiten, eine helle und eine dunkle, und davon ist auch der Friede nicht ausgenommen.

Ja, ein langer Friede ist ein besonderes Geschenk, für das man nichts anderes als dankbar sein kann. Aber ein langer Friede birgt die Gefahr, dass die Menschen mit der Zeit den Frieden und alles Gute, das er mit sich bringt, für selbstverständlich ansehen.

Er birgt die Gefahr, dass wir unempathisch werden gegenüber dem Leid, dass Menschen erleben, denen kein Friede gegönnt ist. Es muss nicht einmal böser Wille sein, hinter dieser Unfähigkeit wahre Empathie für sie zu empfinden. Wir können uns schlicht nicht vorstellen, wie sich ein Leben unter den ständigen Bedrohungen eines Krieges anfühlt. So etwas kann man höchstens ein stückweit erahnen, mehr nicht.

Wir sehen fast täglich Bilder aus Gebieten die von Krieg und kriegerischen Konflikten betroffen sind. Von Bombenangriffen zerstörte Landstriche. Menschen, die schon in der zweiten oder sogar dritten Generation nichts anderes als Krieg kennen. In ihre Gesichtern haben sich die äußeren und inneren Verheerungen des Krieges eingegraben. Es sind so viele Bilder, dass wir hier inzwischen in einem unfassbaren Ausmaß abgestumpft sind.

Im Mittelmeer, das uns so nah, vertraut und lieb ist, ertrinken die vor dem Krieg, vor Hunger und Not Fliehenden zu Hunderten. Wir hören die sich wiederholenden Meldungen in den Nachrichten. Wir schütteln entsetzt den Kopf (oder nicht einmal mehr das) und sind in der nächsten Sekunde schon wieder abgelenkt von irgendeiner anderen banalen Nicht-Nachricht oder vom nächsten Tweet auf unserem Smartphone oder Tablet. Wir haben uns an diese furchtbaren Meldungen gewöhnt. Wir nehmen sie hin und empören uns höchstens noch kurzfristig und machen dann weiter wie gehabt.

Ich habe mich mehr als einmal gefragt, wie nachfolgende Generationen uns einmal beurteilen werden. Mit Recht werden sie sagen: Aber alle haben es doch gewusst, was da Tag für Tag auf dem Mittelmeer geschieht! Alle haben gewusst, dass die, die es über das Mittelmeer geschafft haben, vielleicht nur mit knapper Not ihr Leben gerettet haben, in den Lagern auf dem europäischen Festland in furchtbaren Umständen hausen mussten. Es wurde doch berichtet über die Zustände in Dschungel von Calais, über die Niemandslandstriche irgendwo auf dem Balkan, in denen die Geflüchteten strandeten und vom Rest der Welt vergessen wurden. Wie konntet Ihr das alles zulassen? Wie konntet Ihr dem Sterben einfach zusehen und nichts dagegen tun? Warum habt Ihr Euch nicht zusammengetan und diejenigen, die ihr als Regierende gewählt habt, gezwungen etwas dagegen zu unternehmen. Wirklich Hilfe zu schaffen.

Die Menschen ertrinken im Mittelmeer und vegetieren in den Lagern auf dem europäischen Festland, weil keiner den politischen Willen hat, die Wege zu beschreiten, die nötig wären, um das zu verhindern. Maßnahmen, deren Unwirksamkeit längst bewiesen ist, werden weitergeführt, komme was da wolle. Von den Verantwortlichen wird darauf gebaut, dass wir hier abstumpfen, dass wir uns gewöhnen an diese Meldungen und Bilder.

So ist der Mensch! So sind wir! Werden wir dann, wenn wir diese Fragen gestellt bekommen auch schweigen, so wie unsere Urgroßeltern, Großeltern und Eltern schwiegen?

Werden wir stotternd beteuern, dass wir das alles ja sooo genau nicht gewusst haben?

Werden wir mit den Schultern zucken und sagen: »Was hätte ich schon tun können? Es war eben so, damals!«?

Werden wir erzählen, dass wir ja gar nicht sooo schlimm waren? Immerhin haben wir auch einmal an einem deutschen Bahnhof gestanden und Geflüchtete mit Applaus empfangen? Immerhin haben wir auch ein paar alte Kleider und Gebrauchsgegenstände (die wir sowieso nicht mehr brauchten) an einer Sammelstelle abgegeben? Oder sogar etwas Geld gespendet? Wird das reichen als Persilschein?

Ein langer Friede macht satt und selbstzufrieden und unzufrieden, weil der Mensch den Hals nie voll bekommt, weil er immer noch ein bisschen mehr will. Dass das auf Kosten vieler anderer in anderen Teilen der Welt geht, das vergessen wir geflissentlich. Wir diskutieren vielleicht ab und an auf sehr theoretischer Ebene darüber, aber ändern tut das nichts. Wir ändern uns und unsere Lebensweise nicht. Nicht so tiefgreifend, wie es nötig wäre, um wirklich etwas für die Menschen auf der anderen Seite der Welt zu ändern. Es sind immer nur Einzelne oder Wenige, die an dieser Stelle radikal werden. Die wirklich tiefgreifend etwas ändern. Die große Masse, macht weiter wie gehabt.

Nein, ich will keinen Krieg hier. Krieg ist einfach furchtbar, egal wo. Aber mir scheint, je weiter wir uns entfernen vom tatsächlich am eigenen Leib erlebten Krieg, desto ungerührter werden wir. Es ist halt alles nur Theorie, und Theorie ist etwas ganz ganz anderes als erlebte Realität.

Die letzten unter uns, die den Krieg noch am eigenen Leib erfahren haben, schweigen oder sterben langsam weg. Bald wird niemand mehr da sein, den wir persönlich kennen, der aus eigener Erfahrung über die Schrecken eines Krieges und die Folgen eines Krieges, die weit über den Tag eines Friedensschlusses hinausreichen, berichten könnte. Die Geschichten aus dem Krieg und von der Flucht, werden mit fortschreitender Zeit verklingen und verblassen.

Einerseits ist das natürlich schön, aber es ist eben auch so gefährlich. Denn irgendwann wächst eine Generation heran, der wieder erzählt werden kann, dass ein Krieg sein muss. Und diese Generation wird diese Lüge glauben und wieder mit fliegenden Fahnen in den Krieg ziehen. Sie werden glauben, dass sie es tun, um den Frieden und unsere Reichtümer, unsere »Werte« oder gar unsere »Religion« zu verteidigen. Die unselige Wiedergeburt der Blut- und Boden/Reichtum/Werte/Religions-Mythen.

So war das heute Mittag. Ich sitze und erlebe Momente echter Freude, echten Glücks, echten Friedens und tiefer Dankbarkeit und zugleich ertrage ich es kaum, weil ich den Preis dafür kenne, und weil ich weiß, dass ich das alles nur erlebe, weil ich Blut an meinen Händen habe.

Kein Blut, dass ich höchstpersönlich vergossen hätte, aber ich bin verantwortlich dafür, dass es vergossen wird. Jeden verdammten neuen Tag.

Was es übrigens noch unfassbarer macht, dass der Friede hier immer noch hält. Dass mein Leben aus mehr Glück besteht, als es den meisten Menschen auf diesem Planeten in ihrem ganzen Leben je vergönnt ist.

Wie wenig wir aus dem, was uns geschenkt worden ist und immer noch geschenkt wird, doch machen. Wie pervers, dass wir all das Gute und den Frieden weitestgehend nur dazu nutzen andere zu bedrücken und auszubeuten oder es zumindest zuzulassen, dass andere es in unserem Namen tun. Nicht nur in weit entfernten Gegenden dieser Welt, sondern häufig sogar in unserer unmittelbaren Umgebung. Wir nehmen Ungerechtigkeit hin, weil wir einen Vorteil daraus gewinnen. Wir empören uns nicht mehr über die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft, es sei denn sie treffen tatsächlich uns. Wir erschöpfen uns in endlosen Diskussionen und lassen doch alles wie es ist.

Wir haben uns entschieden das alles zu ignorieren, wir schauen weg, wir übersehen, wir reden schön und rationalisieren weg oder lamentieren ab und an.
Aber all das ändert nichts daran, dass unsere Idyllen hier, der »Friede«, das Gute längst vergiftet sind, denn sie wurzeln im Übel und in Blut und Tränen anderer.

Nicht erst seit gestern oder seit vorigem Jahr oder seit 9/11 oder, oder, oder. Nein, dass ist schon sehr viel länger so. Wir haben längst vergessen, wann das alles angefangen hat. Und mit der Zeit ist es zu unserer Normalität geworden. So ist das eben auf dieser Welt. So ist das eben im Leben! Lasst und trinken und essen und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot! Und nach uns die Sintflut!

Nein, ich will keinen Krieg, nicht hier, nicht anderswo. Ich wünsche mir einen echten langanhaltenden Frieden für alle, der nicht Ungerechtigkeit für andere zementiert, der nicht mit dem Blut und Leben anderer Menschen an anderen Orten dieser Welt erkauft wird. Ich wünsche mir einen langen Frieden, der nicht schal und bitter wird.

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Privates ·Tagesnotizen 2017 ·Vogelliebe

Was schön war diese Woche

Diese Woche war aus Gründen eine der schwierigsten und anstrengenden Wochen dieses Jahres für mich (es sei denn natürlich, es geschehen noch Katastrophen oder ein Krieg bricht aus oder die Reiter der Apokalypse erscheinen auf der Bildfläche). Ich wusste vorher, was mir diese Woche ins Haus stand und versuchte mich entsprechend darauf vorzubereiten und einzustellen. So bin ich trotz allem recht gut hindurch gekommen, und bin nun froh, dass die Woche (zumindest der schwierige Teil) vorüber ist. Es war aber natürlich nicht alles schlecht in dieser Woche, sondern es gab eine ganze Reihe überraschender Highlights.

Die Woche fing jedenfalls schon mal sehr sehr viel erfreulicher an, als gedacht, denn am Montag hatte ich ein Päckchen im Briefkasten. Ein lieber Mitblogger und seine Liebste haben mir, ohne besonderen Anlass, das Buch »Vögel beobachten in Ostdeutschland« von Christian Wagner und Christoph Moning geschenkt. Was die beiden nicht wissen konnten: ich war schon monatelang immer wieder um das Buch herumgeschlichen, hatte es auf meine nicht öffentliche Amazon-Merkliste gesetzt, hatte aber den Kauf immer wieder verschoben, weil es eben im Budget nicht so ohne weiteres drin war. Und hier lag es nun neu und schön vor mir, und ich bekam glänzende Augen (etwas feucht wurden sie auch). Ich freute und freue mich sehr, in diesem tollen Buch zu stöbern und die ein oder andere Vogelbeobachtungstour zu machen. Ich weiß ja jetzt genau, wo ich die größten Chancen habe, bestimmte Vogelarten live und in Farbe zu sehen. Nochmals auch auf diesem Wege herzlichen Dank für das schöne Buch und das unbeabsichtigt perfekte Timing, das mir einen extra positiven Start in diese besondere Woche gab. 🙂

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Nun endlich steht auch hier bei uns im bisher eher kalten Nordosten der Flieder in voller Blüte, was mich sehr erfreut hat. Ebenfalls in dieser Woche haben die uralten Kastanienbäume, die hier überall zu finden sind ihre Kerzen aufgesteckt und es ist eine wahre Wonne durch die herrlichen Kastanienalleen zu laufen oder zu fahren. Last but noch least, der Walnussbaum zeigt zarte Blattansätze und strengt sich mächtig an endlich sein Blattkleid anzulegen.

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An einem Tag der Woche führte mich die Pflicht bis nahe an die Ostsee. Ich entschloß mich, wenigstens einen kurzen Abstecher dorthin zu machen. So kam es, dass ich bei Markgrafenheide für eine halbe Stunde auf den Dünen entlangspazierte (und mich kurz ärgerte, weil ich nicht daran gedacht hatte, mein Fernglas von zuhause mitzunehmen). Das Wetter war an dem Tag eher wechselhaft, aber gerade als ich dort war, wurde es wieder schön, die Sonne schien mit aller Kraft, so dass mir richtig warm wurde. So ging ich kurzentschlossen runter an den Strand, legte Schuhe und Strümpfe ab und stand bzw. lief zum ersten Mal in diesem Jahr in der Ostsee herum. Es war herrlich! Hätte ich mehr Zeit zur Verfügung gehabt, wäre ich noch länger geblieben, aber mehr war nicht drin und so freute ich mich, dass es wenigstens kurz möglich war.

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Eine Einladung in das sehr luxuriösen Cafe Louise auf Burg Schlitz (bei uns in unmittelbarer Nachbarschaft) war ebenfalls ausgesprochen schön. Der warme und strahlend sonnige Tag erlaubte, dass wir draußen auf der Terrasse sitzen und den Blick in den herrlichen Park und weit darüber hinaus in die Mecklenburgische Schweiz genießen konnten. Allein dafür hätte es sich schon gelohnt. Obendrein gab es dann noch frische Scones mit Rosen-Erdbeerkonfitüre und Clotted Cream und dazu einen wunderbaren Darjeeling First-Flush. Ein Traum!

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Gegenüber ist eine große Weidenfläche, die im Frühling mit tausenden Löwenzahnblüten übersät ist. Anfang der Woche verschwanden die gelben Blüten und nun hatten wir tausende Pusteblumen, die leicht im Wind schwankten und ihre kleinen Fallschirmchen losschickten. Wir hatten diesmal allerdings nicht lange was von dem Anblick, denn der neue Besitzer ließ die komplette Fläche mähen. Als ich am Spätnachmittag von auswärts zurückkam, sah ich das jede Menge Greifvögel über die Fläche unterwegs waren. Offenbar waren durch das Mähen viele Kleintiere aufgeschreckt worden bzw. hatten ihre Deckung verloren. Zuhause griff ich mir mein Fernglas und verschwand gleich wieder und schaute eine ganze Weile den Greifvögeln zu. Unsere beiden Seeadler-Paare, diverse Rot- und Schwarzmilane, mehrere Mäusebussarde, ein Wespenbussard und eine Rohrweihe habe ich identifizieren können. Es waren zwischen 15 und 18 große Greifvögel dazu noch Rabenkrähen. Das tolle war, dass die großen Greifvögel teils minutenlang am Boden sitzen blieben und sich von der Sonne bescheinen ließen. Das gab natürlich eine erstklassige Gelegenheit, sie sehr genau zu beobachten und studieren zu können. So schöne Vögel!!

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Privates ·Vogelliebe

Anselm im Walnussbaum

Die Herzen anderer Lebewesen für sich zu gewinnen, ist eine Gabe, die den Menschen in größerem oder kleinerem Ausmaß mitgegeben ist. Wohl dem, der reichlich über diese Gabe verfügt! Wehe dem, dem sie nur wenig verliehen ist! Zwar kann man im Laufe des Lebens diese Fähigkeit zumindest bis zu einem bestimmten Grad erlernen, aber es ist und bleibt schwierig für diejenigen, denen die Herzen nicht ganz natürlich zufliegen.

Ich selbst gehöre offenbar zur Gruppe derer, denen die Herzen anderer nicht einfach so zufliegen. Das bekümmert mich manches Mal. Denn mein eigenes Herz neigt dazu, anderen zuzufliegen. Ein ewiger Spagat, der manchmal viel Frustration und Traurigkeit mit sich bringt. Wäre mein Herz ein kalter Stein, würde es mir ja nichts ausmachen, dass ich um die Herzen anderer Menschen häufig genug ringen muss.

Der Ratschlag: »Lass es einfach! Die Menschenherzen, die mit Dir verbunden sein sollen, werden von alleine den Weg zu Dir finden!«, ist nicht grundsätzlich wahr. Manchmal kann es so sein, aber verlassen darf man sich darauf nicht. So zumindest meine Lebenserfahrung bisher.

Nun ist es in meinem Fall aber so, dass mir die Herzen von Tieren zufliegen. Ich muss gar nichts dafür tun. Selbst Tiere, die eher scheu sind, oder sogar Abneigung gegenüber Menschen an den Tag legen, scheinen bei mir alle Scheu abzulegen und mir Vertrauen entgegenzubringen. Ich habe keine rechte Erklärung dafür. Wir scheinen uns zu verstehen - wortlos. Das war mir schon manches Mal ein kleiner Trost. Trotzdem verwundert es mich immer wieder aufs Neue, wenn es passiert.

Kürzlich ist es wieder passiert. In den Gärten hier sind viele Amseln unterwegs. Besonders zum Abend hin liefern sich die Amselmännchen Sangeswettbewerbe von den Dächern und Zäunen, dass es eine Wonne ist.

Eines der Amselmännchen hat sich mir in diesem Frühling angefreundet. Ich nenne ihn Anselm. Fast immer wenn ich auf den Balkon hinaustrete, dauert es nur kurze Zeit und Anselm kommt angeflogen und setzt sich meist in den Walnussbaum vor meinem Balkon. Der steht noch ganz entblößt von Blättern und schielt sehnsüchtig zum Apfelbaum und dem Kirschbaum, die bereits ihre Blätter haben und sogar schon kleine Blüten tragen.

Der Walsnussbaum ist immer der letzte im Garten, der neue Blätter bekommt und der erste, der sie wieder verliert. Nun, wie gesagt, bisher noch völlig blattlos, reckt er seine Zweige der Sonne - so sie sich denn mal blicken lässt - entgegen, als wolle er sagen: »Schau, noch kein einziges Blatt! Wärme mich! Nähre mich! Dass mein Saft endlich ausreichend steigt und ich auch so schöne grüne Blätter bekomme wie die anderen!«

Für Anselm und mich ist es aber natürlich so wie es im Moment noch ist, sehr einfach. Keine Blätterbüschel verdecken meinen neuen kleinen Freund. Er kann auf den Zweigen landen, wo immer er will, und ich kann ihn sofort sehen. Meist landet Anselm aber sowieso auf einem der obersten Zweige. Da hockt er dann und linst zu mir herüber, knipst mit einem Auge, wippt ein bisschen hoch und runter und pfeift und zwitschert mich auffordernd von der Seite an.

Meist pfeift oder zwitschert er dann eine kleine Tonfolge. Ich antworte ihm entweder mit Pfeifen oder einem eher armseligen Gezwitscher. Darauf antwortet er dann wieder mit weiteren Tönen. Dieses Spielchen können wir eine ganze Weile treiben, und er scheint seinen Spaß daran zu haben. Aufgeregt hüpft er von Zweig zu Zweig immer etwas näher an mich heran, legt den Kopf ein bisschen schief und schaut zu mir herüber.

Inzwischen habe ich ihn schon meinem Garten-Yoda vorgestellt. Sie erkennt ihn mittlerweile auch unter den anderen Amslerichen. Allerdings ist sie nicht ganz so gut auf ihn zu sprechen. Er vandaliert nämlich ab und an etwas in ihrem Gemüsegarten herum. Aber ich glaube, ein bisschen hat sie ihn mittlerweile trotzdem in ihr Herz geschlossen.

Wenn ich abends auf den Balkon gehe, wartet er meist schon in der Nähe und fliegt sofort wieder in den Walnussbaum, und dann singt er mir mit großer Hingabe sein Abendlied vor.

Sonst treibt er sich überall in unserem und den angrenzenden Gärten herum und sucht eifrig nach Futter. Ich bin nicht sicher, ob er eventuell sogar frischgebackener Papa ist. Das könnte gut sein. In dem Fall würde er allerdings seine Vaterpflichten ab und an wegen mir doch ziemlich vernachlässigen.

Nur hinter eine Eigenart von ihm bin ich bisher noch nicht gestiegen. Jedesmal wenn Anselm in den Nachbargarten linker Hand will, schlüpft er etwas mühselig durch den Maschendrahtzaun, statt einfach über den Zaun zu fliegen. Und mit mühselig, meine ich mühselig, denn Anselm ist ein recht großer und stattlicher Amslerich in den besten Jahren. Ich halte jedesmal etwas die Luft an und fürchte, er könnte sich verkeilen und anschließend, bei dem Versuch wieder loszukommen, ernsthaft verletzen. Aber bisher hat er es jedesmal geschafft, sich durch die Lücke hindurch zu quetschen.

Ich freue mich jedenfalls über meinen kleinen neuen Freund und hoffe, er bleibt mir noch eine Weile treu, bevor es ihn in andere Gefielde lockt.

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