Nachdenkliches ·Soziales

Gedankenmäandert über verschiedenen Arten von Armut, das Betteln und die Großzügigkeit

Ich hab mal wieder gedankenmäandert … falls Sie mir folgen mögen, bitte hier entlang:

Bettler sind nicht gern gesehen. Es gibt Städte, die alles dafür tun, Bettler möglichst aus den Stadtzentren fernzuhalten. Mittlerweile gibt es sogar Bänke, die so konstruiert sind, dass man zwar auf ihnen sitzen aber keinesfalls liegen kann. Warum? Damit sie nicht von Obdachlosen und Bettlern genutzt werden, um dort die Nächte zu verbringen. Wachpersonal vor Geschäften und Einkaufszentren ist angewiesen zu verhindern, dass Bettler dort nächtigen.

Und doch sehen wir überall in den Städten Obdachlose und Bettler oder Menschen, die so arm sind, dass sie in Mülleimern und -tonnen nach Lebensmitteln oder wenigstens Pfandflaschen suchen, um ihr Auskommen etwas aufzubessern.

Wir kennen die Bettler, die in den Einkaufszonen sitzen, einen Hut oder einen Becher vor sich stehen haben und auf den Boden starren und hoffen, dass jemand etwas in ihren Hut oder Becher wirft. Manche haben auch Pappschilder vor sich stehen, auf denen sie erklären, warum sie da sitzen und betteln.

Wieder andere laufen herum und sprechen die Menschen direkt an »Haste mal ‘nen Euro für mich?« Das ist riskanter. Wenn jemand schon bettelt, dann soll er das möglichst unauffällig tun und nicht offensiv. Wo kämen wir denn da hin?!

Wer bettelt, der ist wirklich ganz unten angekommen, und es kostet mit Sicherheit Überwindung, sich den Blicken und Bemerkungen, im schlimmsten Fall sogar dem Risikio körperlicher Gewalt auszusetzen. Auch wenn der Mensch sich an vieles gewöhnen kann, es ist demütigend sich nur noch dadurch helfen zu können, dass man bettelt. Man muss den eigenen Stolz herunterschlucken und sich verletzlich machen.

Jeder der vorbeigeht, hat scheinbar einen Freibrief, sein eigenes Urteil zu fällen, und die meisten tun es auch. Meist ohne auch nur ein bisschen über den Menschen, der dort sitzt und bettelt, sein Leben und die Umstände zu wissen.

In Städten, wo es viele Obdachlose und Bettler gibt, entwickeln Menschen die »Fähigkeit« sie einfach zu übersehen, zu ignorieren. »Man kann ja schließlich nicht jedem helfen!« »Selber schuld!« »Mir hat auch keiner was geschenkt!« »Der soll erstmal aufhören zu trinken!« »Die soll gefälligst arbeiten gehen!«

Andere werfen schnell (fast verschämt) ein paar Münzen in den Hut oder Becher und hasten weiter. Manche kaufen vielleicht ein Brötchen oder einen heißen Kaffee und bringen das dem oder der Bettler/in.

Kaum einer, der ein echtes Gespräch anfängt mit dem, der da auf der Straße sitzt und bettelt.

Aber die Scham auf Hilfe angewiesen zu sein, die setzt schon viel früher ein. Die fängt schon an, wenn man z.B. so wenig Geld zum Leben hat, dass man auf Hilfe durch staatliche Einrichtungen oder die Tafeln angewiesen ist.

Viele Menschen tun sich unendlich schwer damit die Schwelle der Scham darüber, dass sie diese Hilfe benötigen, zu überwinden und empfinden es als echten Tiefpunkt diesen Schritt tatsächlich zu gehen. Da mögen die freiwilligen Helfer z.B. bei den Tafeln, noch so freundlich sein und sich noch so bemühen, den Menschen zu signalisieren, dass man sie nicht verachtet oder als würdelos ansieht.

(Schnitt)

Wir kennen inzwischen noch ein anderes Bild:

Menschen, die auf der Straße stehen und gebastelte Schilder hochhalten. Auf den Schildern steht z.B. »Free Hugs!«

Eine sympathische Idee! Auf Youtube kann man viele Videos solcher Aktionen finden und sieht, dass das Angebot gerne angenommen wird. Da wird reichlich umarmt und für Momente strahlen sich wildfremde Menschen an und alle drumherum lächeln mit.

(Schnitt)

Es gibt nicht nur materielle Armut. Es gibt auch emotionale Armut, und die scheint mir noch wesentlich verbreiteter zu sein.

Menschen, die mitten in der Gesellschaft leben und arbeiten und doch emotional verarmt sind. Weil niemand da ist, der ein persönlicheres Wort mit ihnen spricht. Sie werden nur mit nötigen Worten angesprochen.

Menschen, die niemand mehr körperlich berührt, es sei denn es ist unumgänglich (Handschlag, Berührung beim Überreichen oder Entgegennehmen von was auch immer, Berührung bei Verrichtungen wie dem Haareschneiden, Mani- und Pediküre, Physiotheraphie, Untersuchungen beim Arzt, etc.).

Menschen, die keine Umarmungen, kein aufmunterndes Schulterklopfen, keine Küsse, kein Lächeln, kein gutes Wort von niemandem bekommen.

Niemand hört ihnen einfach mal zu. Niemand interessiert sich für das, was in ihnen vorgeht, was sie beschäftigt, was sie freut, was sie bedrückt.

Und nein, das sind beileibe nicht alles alte Menschen, »die niemanden mehr haben«!

Mich wundert, dass wir nicht Menschen in unseren Straße haben, die Schilder vor sich stehen haben, auf denen z.B. steht:

»Schenke mir bitte ein Lächeln!«

»Rede bitte 5 Minuten mit mir!«

»Umarme mich bitte mal!«

Sozusagen Bettler, die nicht unser Geld wollen, sondern einfach nur etwas positive Emotion, etwas menschliche Zuwendung.

Ich habe mich gefragt, was wohl passieren würde, wenn wir Menschen mit solchen Schildern auf der Straße sitzen oder stehen sehen würden? Vermutlich würden die meisten, erstmal denken, das sei eine Art Performance. Aber was, wenn es keine Performance wäre, wenn es bitterer Ernst wäre?

Wären sie nur interessant als Objekte für Videos, die auf Youtube, Instagram oder Twitter gepostet würden?

Was, wenn so ein Mensch nicht nur einmal auf einem der großen Plätze in einer Stadt stünde? Was, wenn er Tag für Tag mit seinem Schild dort stehen würde?

Würde die anfängliche Belustigung der Leute irgendwann auch in Ignoranz oder sogar Verärgerung umschlagen?

Würde so jemand für verrückt (psychisch krank) erklärt werden?

Würde darum nachgesucht werden, diesen Menschen doch bitte zu entfernen?

Was, wenn es nicht nur ein Mensch wäre, wenn weitere Menschen mit solchen Schildern an anderen Orten in der Stadt oder auf dem Dorf auftauchen würden?

Ist die Scham materielle Armut zuzugeben schon unglaublich groß, ist die Scham emotionale Armut zuzugeben offenbar noch sehr viel größer.

Wie verletztlich macht sich ein Mensch, der sich hinstellt und sagt: Ich sehne mich danach, dass Menschen tatsächlich mit mir reden, mir zuhören, mich umarmen, mir ein gutes Wort sagen. Ich habe niemanden der das für mich tut, vielleicht sogar obwohl ich Familie habe, obwohl ich einen Chef und Kollegen habe, obwohl ich Nachbarn habe, obwohl ich einen FB-, Twitter-, Instagram-Account habe dem 5, 500, 5000 Leute folgen, die mir sogar »Likes« oder »Favs« geben.

Wie hoch ist wohl die Zahl derer in unserer Gesellschaft, die in emotional prekärem Zustand leben oder emotional komplett verarmt sind?

Ich fürchte, weit höher als wir uns dessen bewusst sind oder bewusst sein wollen.

Inzwischen glaube ich, dass es durchaus Zeichen gibt, an denen man emotionale Verarmung erkennen kann, aber wir ignorieren diese Anzeichen und Symptome. Vielleicht machen sie uns Angst, gerade weil sie - wenn man mal darauf achtet - überall zu sehen sind. Wir empfinden sie als zumindest unangenehm, wenn nicht als bedrohlich, als störend.

Und überhaupt, wir haben schließlich genug mit uns selbst und dem emotionalen Wohlergehen unserer Familien oder engsten Freunde zu tun!

»Selber schuld! Hätten die emotional Prekären, die Emotionsverarmten sich halt beizeiten darum kümmern müssen, dass sie nicht so verarmen!«

»Sollen sie sich doch gefälligst an die zuständigen Stellen (Kirchen? Psychologen, Psychiater?, Coaches?, Selbsthilfegruppen?, etc.) wenden!!«

»Mit dem/der kann ja was nicht stimmen. Wird schon Gründe geben, warum der/die emotional verarmt ist!«

Es gibt emotional Verarmte, die kein Wort darüber verlieren, die still und leise vor sich hin leiden und sehnen und still und leise daran zerbrechen und zugrunde gehen.

Es gibt emotional Verarmte, die offensiver sind. Die um Aufmerksamkeit und Zuwendung betteln, nicht gerade mit Pappschildern in den Fußgängerzonen unserer Städte, aber auf andere Art und Weise. Und sie werden von den meisten als genauso »unangenehm« empfunden, wie die Bettler, die einen in der Fußgängerzone direkt angehen und »Haste mal ‘nen Euro für mich?« fragen. Um offensiv vorgehende emotionale Bettler machen die meisten einen großen Bogen und sehen zu, so schnell wie möglich Land zu gewinnen. So jemanden möchte doch bitte keiner an der Backe haben, oder? Oder?

Emotionale Verarmung fängt klein und unscheinbar an. Man mutiert nicht über Nacht zum emotional Verarmten. Man wird es (in den allermeisten Fällen zumindest) mit der Zeit. Manche sehenden Auges, andere ohne es rechtzeitig wahrzunehmen.

Warum also nicht schon den Anfängen wehren?

Warum können wir in unserer Gesellschaft nicht viel großzügiger sein?

Warum fahren wir Tag für Tag mit immer denselben Menschen in Bus und Bahn, und schenken uns kein Wort, kein Lächeln?

Warum haben wir nicht öfter ein persönliches Wort für die Kassiererin im Discounter oder die Verkäuferin im Fachgeschäft?

Warum nicht wenigstens ab und an mal eine Umarmung für die Toiletten- oder Putzfrau der wir begegnen?

Warum nicht öfter eine aufmunternde Umarmung für die übermüdete und frustrierte Mutter oder Lehrerin, den abgehetzen Vater, den oder die genervte Kollegen/in?

Warum nicht regelmäßig oder wenigstens ab und an eine Viertelstunde für ein Gespräch mit der verwitweten Nachbarin, dem altgewordenen Nachbarn oder der alleinstehenden jungen Nachbarin, deren Leben nur aus Arbeit zu bestehen scheint (die in Wirklichkeit aber schlicht total vereinsamt ist)?

Sind die Befürchtungen und Ängste die uns davon abhalten all das zu tun oder öfter zu tun, wirklich wahr und berechtigt? Oder sind wir einfach nur furchtbar egoistisch (Ich, ich, ich zuerst!!!) und/oder geizig (Hauptsache mir geht’s gut, wie es dem anderen geht, geht mir am Arsch vorbei!)? Oder fürchten wir, wenn wir das tun würden, dass sich unsere eigenen Schleusen der emotionalen Bedürftigkeit öffnen könnten?

Und wie emotional reich muss man eigentlich sein, bevor man etwas davon auch an andere abgibt? Ja, muss man überhaupt emotional reich sein, um anderen gegenüber emotional großzügig sein zu können? Ich glaube nicht!

Wir kennen doch (hoffentlich) alle diese Erfahrung, dass wir jemand Fremdes auf der Straße oder in der U-Bahn, im Bus, anlächeln - einfach so - und unser Gegenüber lächelt (überrascht) zurück. Geteilte positive Emotion verdoppelt sich in den allermeisten Fällen. Ich würde sogar behaupten, dass sich geteilte positive Emotionen so ähnlich verhalten, wie wenn man einen Stein in einen spiegelglatten See wirft. Sie schlagen Wellenkreise, die sich immer weiter ausbreiten, so weit ausbreiten, dass wir die letzten Auswirkungen unter Umständen gar nicht mehr mitbekommen. Wir wissen das eigentlich. Warum nutzen wir das nicht mehr?

Was hält diejenigen unter uns, die insgeheim in emotional prekären Verhältnissen leben oder gar schon völlig verarmt sind (aus welchen Gründen auch immer), davon ab, das zuzugeben, ja vielleicht sogar die emotional Reicheren zu bitten, etwas von ihrem Reichtum mit ihnen zu teilen? Wäre das wirklich so verwerflich? Wäre man dann in dieser Gesellschaft so stigmatisiert, dass man das lieber lässt? Gälte man dann als »emotionaler Bettler« und wäre damit komplett erledigt?

Was hält uns davon ab, emotional großzügig(er) zu sein?

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Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Die bitteren Früchte eines langen Friedens oder vom vergifteten Frieden

Am Morgen verließ ich früh das Haus und fuhr nach Rostock, um dort etwas Dringendes zu erledigen. Kurz nach halb Zwölf war ich wieder zurück.

Kurz nach Zwölf fuhr ich ins nahegelegene kleine Städtchen, um meinen Hausarzt aufzusuchen. Nach zehn Jahren war es Zeit meine Tetanus-Impfung aufzufrischen, und so hatte ich gestern meinen Gartenyoda gebeten einen Termin für mich auszumachen. Nicht ahnend, dass ich gleich am Folgetag, also heute, einen bekommen würde.

Mein Hausarzt zeigte sich hocherfreut, dass es in dieser Zeit der Impfmüdigkeit und Impfablehnung tatsächlich noch Menschen gibt, die selbständig ihre Impfungen im Blick behalten und fristgemäß zur Auffrischung antreten und tatsächlich ein vollständiges Impfbuch vorweisen können.

Als ich wieder zuhause war, aßen wir fix zu Mittag, und dann beschloß ich, nach dem Rumgehetze am Vormittag, eine Mittagspause einzulegen. Und weil heute wieder schönes Wetter war, packte ich mir ein Buch und ging hinaus auf den Balkon und machte es mir da gemütlich. Ich kam aber gar nicht so viel zum Lesen, wie ich gedacht hatte, denn ich musste immerzu in die Landschaft schauen und dann musste ich lange nachdenken.

Nun ist die Landschaft hier ja bekanntermaßen eine schöne, aber es gibt Tage, da ist sie nicht nur schön sondern, ja, ich möchte es zauberhaft nennen. Wie ich also so da auf meinem Stuhl auf dem Balkon sitze und gerade dabei bin in einem Absatz im Buch zu versinken, da dringt ein Geräusch an mein Ohr.

Nun muss ich noch erwähnen, dass wir heute Wind haben. Jedenfalls, das Geräusch, das an mein Ohr dringt, lässt mich den Kopf heben und ihm nachlauschen. Es ist das Rauschen der vielen tausend Blätter an den uralten Bäumen auf dem nahegelegenen Kirchberg. Jedesmal, wenn sie ein Windstoß trift, erhebt sich dieses silbrige leichte Rauschen und seine Ausläufer erreichen mein Ohr.

Dazwischen das schrille Tschilpen der Haus- und Feldsperlinge. Vom Himmel ertönt ab und an der laute durchdringende Ruf des Rotmilans, der hoch über mir seine Kreise zieht.

Überhaupt, der Himmel! Ein sanftes Blau über das schneeweiße Wolkenschiffe ziehen, die mich daran erinnern, wie ich in der Kindheit auf irgendeinem Fleck lag und versuchte, Figuren in dieser Art Wolken zu erkennen.

Der Walnußbaum gleich am Balkon präsentiert mir seine jungen Blätter, die noch ganz zart und fein sind, und vom blühenden Jasmin im Garten weht immer wieder ein betörender Hauch zu mir herüber und hüllte mich sanft und beruhigend ein. Die aufgeblühten Margeriten bilden kleine Inseln auf dem Rasen und biegen sich gleichfalls im leichten Wind. Neben mir schwanken leise die Halme des Lavendels. Auf der großen Weide liegt das gemähte Gras in losen Reihen und trocknet im Mittagssonnenschein.

Ich sitze da und schaue und lausche und rieche und denke, dass ich gerade glückliche Momente erlebe. Einfach so, unverdient! Und was das für ein Geschenk ist. Wie viele Menschen alles geben würden, solche Momente erleben zu dürfen.

Diese Paradoxie schockiert mich immer wieder aufs Neue. Wie im selben Moment die einen Menschen, tiefempfundenes Glück erleben und andere die Hölle auf Erden. Das Wissen darum, macht mir solche Momente nur noch kostbarer. Ich weiß, ich habe keinen Anspruch solche Momente des Glücks, des Friedens und der tiefen inneren Freude zu erleben. Es gibt auch keine Garantie, dass ich auf ewig solche Momente in meinem Leben haben werde.

Das Leben kann so schnell unerwartete Wendungen nehmen und plötzlich hat man das Empfinden nur noch durch die Hölle auf Erden zu gehen.

Für mich als deutlich nach dem 2. Weltkrieg Geborene, scheint der Friede unendlich. Aber das ist ein Trugschluß. Friede ist nie selbstverständlich. Friede ist zerbrechlich, auch ein jahrzehntelanger Friede.

Es hat seit Anbeginn der Welt wohl kaum eine Generation in Deutschland gegeben, die einen so langen Frieden erlebt hat, wie die meine. Vielleicht, mit sehr viel Glück, werde ich sogar einer Generation angehören, die ihr ganzes Leben lang, nie direkt selbst von einem akuten Krieg betroffen war. Vielleicht werde ich aber den Krieg auch noch selbst kosten müssen.

Ich habe in letzter Zeit viel über den Frieden nachgedacht. Genauer über das, was ich »die bitteren Früchte eines langen Friedens« nenne. Denn alles hat zwei Seiten, eine helle und eine dunkle, und davon ist auch der Friede nicht ausgenommen.

Ja, ein langer Friede ist ein besonderes Geschenk, für das man nichts anderes als dankbar sein kann. Aber ein langer Friede birgt die Gefahr, dass die Menschen mit der Zeit den Frieden und alles Gute, das er mit sich bringt, für selbstverständlich ansehen.

Er birgt die Gefahr, dass wir unempathisch werden gegenüber dem Leid, dass Menschen erleben, denen kein Friede gegönnt ist. Es muss nicht einmal böser Wille sein, hinter dieser Unfähigkeit wahre Empathie für sie zu empfinden. Wir können uns schlicht nicht vorstellen, wie sich ein Leben unter den ständigen Bedrohungen eines Krieges anfühlt. So etwas kann man höchstens ein stückweit erahnen, mehr nicht.

Wir sehen fast täglich Bilder aus Gebieten die von Krieg und kriegerischen Konflikten betroffen sind. Von Bombenangriffen zerstörte Landstriche. Menschen, die schon in der zweiten oder sogar dritten Generation nichts anderes als Krieg kennen. In ihre Gesichtern haben sich die äußeren und inneren Verheerungen des Krieges eingegraben. Es sind so viele Bilder, dass wir hier inzwischen in einem unfassbaren Ausmaß abgestumpft sind.

Im Mittelmeer, das uns so nah, vertraut und lieb ist, ertrinken die vor dem Krieg, vor Hunger und Not Fliehenden zu Hunderten. Wir hören die sich wiederholenden Meldungen in den Nachrichten. Wir schütteln entsetzt den Kopf (oder nicht einmal mehr das) und sind in der nächsten Sekunde schon wieder abgelenkt von irgendeiner anderen banalen Nicht-Nachricht oder vom nächsten Tweet auf unserem Smartphone oder Tablet. Wir haben uns an diese furchtbaren Meldungen gewöhnt. Wir nehmen sie hin und empören uns höchstens noch kurzfristig und machen dann weiter wie gehabt.

Ich habe mich mehr als einmal gefragt, wie nachfolgende Generationen uns einmal beurteilen werden. Mit Recht werden sie sagen: Aber alle haben es doch gewusst, was da Tag für Tag auf dem Mittelmeer geschieht! Alle haben gewusst, dass die, die es über das Mittelmeer geschafft haben, vielleicht nur mit knapper Not ihr Leben gerettet haben, in den Lagern auf dem europäischen Festland in furchtbaren Umständen hausen mussten. Es wurde doch berichtet über die Zustände in Dschungel von Calais, über die Niemandslandstriche irgendwo auf dem Balkan, in denen die Geflüchteten strandeten und vom Rest der Welt vergessen wurden. Wie konntet Ihr das alles zulassen? Wie konntet Ihr dem Sterben einfach zusehen und nichts dagegen tun? Warum habt Ihr Euch nicht zusammengetan und diejenigen, die ihr als Regierende gewählt habt, gezwungen etwas dagegen zu unternehmen. Wirklich Hilfe zu schaffen.

Die Menschen ertrinken im Mittelmeer und vegetieren in den Lagern auf dem europäischen Festland, weil keiner den politischen Willen hat, die Wege zu beschreiten, die nötig wären, um das zu verhindern. Maßnahmen, deren Unwirksamkeit längst bewiesen ist, werden weitergeführt, komme was da wolle. Von den Verantwortlichen wird darauf gebaut, dass wir hier abstumpfen, dass wir uns gewöhnen an diese Meldungen und Bilder.

So ist der Mensch! So sind wir! Werden wir dann, wenn wir diese Fragen gestellt bekommen auch schweigen, so wie unsere Urgroßeltern, Großeltern und Eltern schwiegen?

Werden wir stotternd beteuern, dass wir das alles ja sooo genau nicht gewusst haben?

Werden wir mit den Schultern zucken und sagen: »Was hätte ich schon tun können? Es war eben so, damals!«?

Werden wir erzählen, dass wir ja gar nicht sooo schlimm waren? Immerhin haben wir auch einmal an einem deutschen Bahnhof gestanden und Geflüchtete mit Applaus empfangen? Immerhin haben wir auch ein paar alte Kleider und Gebrauchsgegenstände (die wir sowieso nicht mehr brauchten) an einer Sammelstelle abgegeben? Oder sogar etwas Geld gespendet? Wird das reichen als Persilschein?

Ein langer Friede macht satt und selbstzufrieden und unzufrieden, weil der Mensch den Hals nie voll bekommt, weil er immer noch ein bisschen mehr will. Dass das auf Kosten vieler anderer in anderen Teilen der Welt geht, das vergessen wir geflissentlich. Wir diskutieren vielleicht ab und an auf sehr theoretischer Ebene darüber, aber ändern tut das nichts. Wir ändern uns und unsere Lebensweise nicht. Nicht so tiefgreifend, wie es nötig wäre, um wirklich etwas für die Menschen auf der anderen Seite der Welt zu ändern. Es sind immer nur Einzelne oder Wenige, die an dieser Stelle radikal werden. Die wirklich tiefgreifend etwas ändern. Die große Masse, macht weiter wie gehabt.

Nein, ich will keinen Krieg hier. Krieg ist einfach furchtbar, egal wo. Aber mir scheint, je weiter wir uns entfernen vom tatsächlich am eigenen Leib erlebten Krieg, desto ungerührter werden wir. Es ist halt alles nur Theorie, und Theorie ist etwas ganz ganz anderes als erlebte Realität.

Die letzten unter uns, die den Krieg noch am eigenen Leib erfahren haben, schweigen oder sterben langsam weg. Bald wird niemand mehr da sein, den wir persönlich kennen, der aus eigener Erfahrung über die Schrecken eines Krieges und die Folgen eines Krieges, die weit über den Tag eines Friedensschlusses hinausreichen, berichten könnte. Die Geschichten aus dem Krieg und von der Flucht, werden mit fortschreitender Zeit verklingen und verblassen.

Einerseits ist das natürlich schön, aber es ist eben auch so gefährlich. Denn irgendwann wächst eine Generation heran, der wieder erzählt werden kann, dass ein Krieg sein muss. Und diese Generation wird diese Lüge glauben und wieder mit fliegenden Fahnen in den Krieg ziehen. Sie werden glauben, dass sie es tun, um den Frieden und unsere Reichtümer, unsere »Werte« oder gar unsere »Religion« zu verteidigen. Die unselige Wiedergeburt der Blut- und Boden/Reichtum/Werte/Religions-Mythen.

So war das heute Mittag. Ich sitze und erlebe Momente echter Freude, echten Glücks, echten Friedens und tiefer Dankbarkeit und zugleich ertrage ich es kaum, weil ich den Preis dafür kenne, und weil ich weiß, dass ich das alles nur erlebe, weil ich Blut an meinen Händen habe.

Kein Blut, dass ich höchstpersönlich vergossen hätte, aber ich bin verantwortlich dafür, dass es vergossen wird. Jeden verdammten neuen Tag.

Was es übrigens noch unfassbarer macht, dass der Friede hier immer noch hält. Dass mein Leben aus mehr Glück besteht, als es den meisten Menschen auf diesem Planeten in ihrem ganzen Leben je vergönnt ist.

Wie wenig wir aus dem, was uns geschenkt worden ist und immer noch geschenkt wird, doch machen. Wie pervers, dass wir all das Gute und den Frieden weitestgehend nur dazu nutzen andere zu bedrücken und auszubeuten oder es zumindest zuzulassen, dass andere es in unserem Namen tun. Nicht nur in weit entfernten Gegenden dieser Welt, sondern häufig sogar in unserer unmittelbaren Umgebung. Wir nehmen Ungerechtigkeit hin, weil wir einen Vorteil daraus gewinnen. Wir empören uns nicht mehr über die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft, es sei denn sie treffen tatsächlich uns. Wir erschöpfen uns in endlosen Diskussionen und lassen doch alles wie es ist.

Wir haben uns entschieden das alles zu ignorieren, wir schauen weg, wir übersehen, wir reden schön und rationalisieren weg oder lamentieren ab und an.
Aber all das ändert nichts daran, dass unsere Idyllen hier, der »Friede«, das Gute längst vergiftet sind, denn sie wurzeln im Übel und in Blut und Tränen anderer.

Nicht erst seit gestern oder seit vorigem Jahr oder seit 9/11 oder, oder, oder. Nein, dass ist schon sehr viel länger so. Wir haben längst vergessen, wann das alles angefangen hat. Und mit der Zeit ist es zu unserer Normalität geworden. So ist das eben auf dieser Welt. So ist das eben im Leben! Lasst und trinken und essen und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot! Und nach uns die Sintflut!

Nein, ich will keinen Krieg, nicht hier, nicht anderswo. Ich wünsche mir einen echten langanhaltenden Frieden für alle, der nicht Ungerechtigkeit für andere zementiert, der nicht mit dem Blut und Leben anderer Menschen an anderen Orten dieser Welt erkauft wird. Ich wünsche mir einen langen Frieden, der nicht schal und bitter wird.

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Nachdenkliches

Nachdenkstoff

Gebe ich etwas auf mein Bauchgefühl? Oder nehme ich es gar nicht mehr wahr? Und wenn doch, wie häufig und in welchen Situationen? Habe ich es als guten Hinweis- oder Ratgeber erfahren? Spiele ich meinen Verstand, meine Logik und meine Erfahrungen gegen mein Bauchgefühl aus? Oder folge ich meinem Bauchgefühl recht spontan?

Höre ich öfter eine(!) innere Stimme? Erfahre ich sie als hilfreich oder eher als hinderlich? Macht sie mir Mut oder bombardiert sie mich mit negativen Einwänden und Vorwürfen? Führe ich einen Dialog mit dieser Stimme oder läuft sie eher wie eine Art Radioprogramm im Hintergrund? Wie viel Macht hat diese innere Stimme über mich? Erinnert mich diese innere Stimme an jemanden, den ich mal gekannt habe oder noch kenne? Muss ich mich vielleicht von dieser inneren Stimme emanzipieren?

Folge ich meinem Instinkt oder versuche ich ihn zu unterdrücken? Warum? Hat mich mein Instinkt schon getrogen? Habe ich schon bereut, meinem Instinkt gefolgt oder nicht gefolgt zu sein? Ist der Instinkt eher ein Relikt aus der Frühgeschichte der Menschheit und damit in der heutigen Welt nicht mehr zuverlässig hilfreich?

Wem traue ich am ehesten? Meinem Bauchgefühl, der inneren Stimme oder dem Instinkt? Oder achte ich gar nicht auf sie?
Wie sähe mein Leben aus, wenn ich mehr oder weniger auf sie achten bzw. hören würde?

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Literatur & Lyrik ·Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Was los war und ist

Körperlich erhole ich mich nach der Grippe, die mich niedergestreckt hat, langsam. Seelisch bin ich ziemlich am Boden. Ich kämpfe so gut ich kann dagegen an, aber je älter der Februar wird, desto härter wird es.

Die Tage ging mir der Satz durch den Kopf: »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Diese Traurigkeit, die tief in mir wohnt. Manchmal rollt sie sich zusammen wie ein Tier und schläft eine Weile, bevor sie sich wieder regt und ihre Zähne fletscht.

Ich versuche die Traurigkeit zu zähmen. Schon so lange. Aber sie lässt sich nicht zähmen, nur manchmal etwas zurückdrängen.

Sie fletscht also ihre Zähne, und dann schlägt sie sie in meine Seele und reißt Stücke heraus.

Manchmal habe ich Angst, dass irgendwann einfach nichts mehr von meiner Seele übrig sein wird, was sie herausreißen kann. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und ich schwanke zwischen ohnmächtiger Wut und dem Zorn auf mich selbst.

Dass ich es nicht schaffe, dieses wilde Tier zu zähmen.

Dass ich es nicht in den Griff bekomme, egal was ich versuche und tue.

Dass ich am Ende immer nur, innerlich weinend, am Boden kauere und hoffe, dass wenn das Tier sich endlich zurückzieht, noch ein wenig von meiner Seele übrig ist.

Dass alles was ich tun kann ist, die blutigen Stücke aufzusammeln und notdürftig wieder zusammenzusetzen, mit Verbänden zu umhüllen und zuzusehen, wie die Wundränder sich langsam schließen.

So viele Narben sind schon auf meiner Seele, dass ich mich manchmal wundere, dass sich geschlagene Wunden überhaupt noch schließen können.

Eine Seele ist zart und zugleich unglaublich stark. Eine Seele, die es immer und immer wieder aushält in Stücke gefetzt zu werden, und sich danach immer wieder daran macht die geschlagenen Wunden zu heilen, die muss stark sein.

Und doch, dauert es - so scheint es mir - von Mal zu Mal länger, bis sich die Wunden schließen, bis die Stücke wenigstens lose wieder miteinander verbunden sind.

Dann beschleicht mich die Angst, dass diese Seele es irgendwann nicht mehr schaffen wird, sich selbst wenigstens notdürftig zu heilen. Dass sie einfach zerfetzt und blutend zurückbleibt. Und wenn dann das Tier das nächste Mal erwacht und seine Zähne fletscht und in die Seele schlägt, es einfach nur ein großes blutiges Massaker gibt und nichts mehr übrigbleibt. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und mit dem Mut der Verzweiflung stemme ich mich gegen das Tier und schreie ihm lautlos entgegen: Diesmal noch nicht! Das Tier lächelt böse und faucht mich an. Es spielt mit mir, wie eine Katze mit der Maus. Ich zähle die Tage. Bald ist der Februar vorbei und dann der März und dann, dann fällt das Tier in den Frühling-Sommerschlaf, und ich bin erst einmal gerettet.

***

Ich lese kaum einen Artikel oder Tweet über T. Ich ertrage die hysterische Aufgeregtheit über jede seiner Gesten und Tweets nicht. Ich will nicht Anteil daran haben, ihm Tag für Tag eine Bedeutung verschaffen, die er nicht verdient.

Ich ertrage es nicht, dass fast alle nur noch über ihn und seine Taten und Untaten sprechen, während sie ihre Rücken denen zukehren, die an den Rändern unseres Kontinents weiter im Meer versinken oder in Lagern mit unhaltbaren Zuständen ausharren.

Auch wir werden später nicht behaupten können, wir hätten nichts gewusst.

Wir haben gewusst. Wir haben zugelassen. Wir haben lieber mit den Fingern auf den großen anderen Kontinent gezeigt, als uns um unseren eigenen Dreck zu kümmern, vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wir haben uns gewöhnt an die Meldungen, dass wieder so und so viele jämmerlich ertrunken sind. Wir schütteln den Kopf und stimmen im besten Fall ein Klagelied an über das bedauernswerte Schicksal der Ertrunkenen. Aber am Ende geht uns am Arsch vorbei, denn sonst würden wir in Massen auf die Straßen gehen und dafür demonstrieren, dass es nicht sein kann, dass Menschen auf diese Weise zugrunde gehen. Wir würden unsere Politiker zwingen bessere Lösungen und Wege zu finden und zwar pronto.

Wir regen uns auf über Ts. »America first«, aber wir leben selber nach der Devise »Wir zuerst!«

So lange wir uns aussuchen dürfen, was wir abgeben, oder wie viel Zeit wir einsetzen für die, die unsere Solidarität brauchen (seien es nun Geflüchtete oder auf Solidarität angewiesene Menschen im eigenen Land, von denen es ja reichlich gibt), so lange ist noch alles in Ordnung.

Aber wehe, es geht wirklich an unsere Privilegien, unseren Besitz (materiellen wie immateriellen)! Dann ist es sehr schnell vorbei mit dem Verständnis und der Solidarität!

Wir lügen uns selbst in die Tasche und sonnen uns in unserer angeblichen Großzügigkeit und Weltoffenheit. Wir wollen lieber Hygge.

Die böse komplizierte Welt - von der wir, nur zur Erinnerung, übrigens ein nicht unbeträchtlicher Teil sind - soll bitteschön möglichst draußen bleiben.

»Das Elend da draußen hält doch keiner aus.« »Und was können wir schon tun?« Da konzentrieren wir uns lieber auf uns selbst und machen es uns selbst, und so wir Kinder haben natürlich auch denen, möglichst schön. »Es hilft ja niemandem, wenn wir auch noch Trübsal blasen.« So lauten die Argumente, die ich wieder und wieder höre. »Wir zuerst!«

Es ist zum Verzweifeln mit uns Menschheit!

***

Ich denke nach über Scham und welche Rolle Scham in unserer Gesellschaft spielt. Wie sie uns dazu bringt, Rollen zu spielen, uns anzupassen, nur ja nicht aus dem Rahmen zu fallen, nicht anzuecken.

Vielleicht kommen der Hass und das Gehetze daher, dass wir einfach alle gleichschalten wollen. Alles, was irgendwie auffällt, irgendwie »anders« ist, nicht gleich auf den ersten Blick und ohne größere Anstrengung erklärbar ist, wird als bedrohlich und feindlich empfunden und Front dagegen gemacht.

Scham trennt uns voneinander, macht Solidarität unmöglich.

Wir sind lieber Richter, schnell mit einem Urteil bei der Hand.

Wer zugibt sich zu schämen (für sein Aussehen, für seine Biographie, für Ängste oder für was auch immer) wird als schwach angesehen. Bekommt im günstigsten Fall mehr oder minder kluge Ratschläge oder wird verurteilt und ausgespuckt.

Dieser Spruch »alle bekloppt«, ich mag ihn nicht. Ich wundere mich oft, wer ihn benutzt. Das sind eigentlich kluge und durchaus zur Empathie fähige Menschen.

»Ist doch nur spaßig gemeint«! Tatsächlich? Kann ich nicht so sehen.

»Alle bekloppt« - außer mir!

»Alle bekloppt«, beschämt die, die so gelabelt werden.

»Alle bekloppt« trennt mich von den anderen und nicht nur das, es hebt mich über die anderen hinaus. Mein Empfinden für das, was richtig und gut ist, wird zum alleinigen Maßstab erklärt. Meine Erwartungen, wie sich andere zu verhalten haben, wird zum alleinigen Maßstab erklärt.

Es ist ansteckend dieses »alle bekloppt«. Schnell zustimmen, schnell faven, schnell retweeten. Dann bin ich bei denen dabei, die »nicht bekloppt« sind, denn wer mag schon gerne »bekloppt«, also laut Duden »nicht ganz bei Verstand« oder »verrückt« sein? Wer möchte schon - drastischer ausgedrückt - als Idiot dastehen?

Worte beeinflussen unser Denken. Unser Denken beeinflusst unsere Haltungen und Handlungen. Was am Anfang noch »lustig« gemeint gewesen sein mag, kann sich mit der Zeit unmerklich verfestigen und zu einem Ausschlußkritierium werden.

»Alle bekloppt«, mit denen will ich lieber nichts zu tun haben! Dort die »Bekloppten« hier »ich« (und meine Freunde).

Ich bin nicht frei davon hier und da auch zu denken »alle bekloppt«. Mein Finger schwebt manchmal auch über dem »Fav-Button«, wenn jemand einen »alle bekloppt«-Tweet geschrieben hat, und ich reflexhaft zustimme. Wahrscheinlich hab ich sogar den ein oder anderen Tweet, der das unselige »alle bekloppt« enthält, gefavt. Weil ich nicht nachgedacht habe und man so schnell weiterscrollt zu den nächsten Tweets. Ich möchte das aber nicht.

Ich arbeite daran, mir die Zustimmung abzugewöhnen. Ich arbeite daran mich zu lösen von diesem Denken des »alle bekloppt«.

Das Lachen über solche Tweets ist mir schon länger ziemlich vergangen.

***

Ich lese Juli Zehs »Unterleuten«. Reichlich spät, aber endlich doch. Sie schreibt über ein fiktives brandenburgisches Dorf, und es könnte auch ein fiktives mecklenburgisches Dorf sein. Ich erkenne vieles wieder. Die Typen, die Konflikte, die Mechanismen.

Vor allem aber bin ich angerührt. Angerührt, wie genau sie beobachtet haben muss, und mit wie viel Empathie sie sich den Figuren in diesem Dorfkosmos nähert, wie sie sie schildert, mit ihren Stärken und Schwächen. Nie verurteilend, sondern mit selten gewordenem Verständnis für Menschen, ihre Biographien und Brüche. Großartig!

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