Nachdenkliches

Nachdenkstoff

Gebe ich etwas auf mein Bauchgefühl? Oder nehme ich es gar nicht mehr wahr? Und wenn doch, wie häufig und in welchen Situationen? Habe ich es als guten Hinweis- oder Ratgeber erfahren? Spiele ich meinen Verstand, meine Logik und meine Erfahrungen gegen mein Bauchgefühl aus? Oder folge ich meinem Bauchgefühl recht spontan?

Höre ich öfter eine(!) innere Stimme? Erfahre ich sie als hilfreich oder eher als hinderlich? Macht sie mir Mut oder bombardiert sie mich mit negativen Einwänden und Vorwürfen? Führe ich einen Dialog mit dieser Stimme oder läuft sie eher wie eine Art Radioprogramm im Hintergrund? Wie viel Macht hat diese innere Stimme über mich? Erinnert mich diese innere Stimme an jemanden, den ich mal gekannt habe oder noch kenne? Muss ich mich vielleicht von dieser inneren Stimme emanzipieren?

Folge ich meinem Instinkt oder versuche ich ihn zu unterdrücken? Warum? Hat mich mein Instinkt schon getrogen? Habe ich schon bereut, meinem Instinkt gefolgt oder nicht gefolgt zu sein? Ist der Instinkt eher ein Relikt aus der Frühgeschichte der Menschheit und damit in der heutigen Welt nicht mehr zuverlässig hilfreich?

Wem traue ich am ehesten? Meinem Bauchgefühl, der inneren Stimme oder dem Instinkt? Oder achte ich gar nicht auf sie?
Wie sähe mein Leben aus, wenn ich mehr oder weniger auf sie achten bzw. hören würde?

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Literatur & Lyrik ·Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Was los war und ist

Körperlich erhole ich mich nach der Grippe, die mich niedergestreckt hat, langsam. Seelisch bin ich ziemlich am Boden. Ich kämpfe so gut ich kann dagegen an, aber je älter der Februar wird, desto härter wird es.

Die Tage ging mir der Satz durch den Kopf: »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Diese Traurigkeit, die tief in mir wohnt. Manchmal rollt sie sich zusammen wie ein Tier und schläft eine Weile, bevor sie sich wieder regt und ihre Zähne fletscht.

Ich versuche die Traurigkeit zu zähmen. Schon so lange. Aber sie lässt sich nicht zähmen, nur manchmal etwas zurückdrängen.

Sie fletscht also ihre Zähne, und dann schlägt sie sie in meine Seele und reißt Stücke heraus.

Manchmal habe ich Angst, dass irgendwann einfach nichts mehr von meiner Seele übrig sein wird, was sie herausreißen kann. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und ich schwanke zwischen ohnmächtiger Wut und dem Zorn auf mich selbst.

Dass ich es nicht schaffe, dieses wilde Tier zu zähmen.

Dass ich es nicht in den Griff bekomme, egal was ich versuche und tue.

Dass ich am Ende immer nur, innerlich weinend, am Boden kauere und hoffe, dass wenn das Tier sich endlich zurückzieht, noch ein wenig von meiner Seele übrig ist.

Dass alles was ich tun kann ist, die blutigen Stücke aufzusammeln und notdürftig wieder zusammenzusetzen, mit Verbänden zu umhüllen und zuzusehen, wie die Wundränder sich langsam schließen.

So viele Narben sind schon auf meiner Seele, dass ich mich manchmal wundere, dass sich geschlagene Wunden überhaupt noch schließen können.

Eine Seele ist zart und zugleich unglaublich stark. Eine Seele, die es immer und immer wieder aushält in Stücke gefetzt zu werden, und sich danach immer wieder daran macht die geschlagenen Wunden zu heilen, die muss stark sein.

Und doch, dauert es - so scheint es mir - von Mal zu Mal länger, bis sich die Wunden schließen, bis die Stücke wenigstens lose wieder miteinander verbunden sind.

Dann beschleicht mich die Angst, dass diese Seele es irgendwann nicht mehr schaffen wird, sich selbst wenigstens notdürftig zu heilen. Dass sie einfach zerfetzt und blutend zurückbleibt. Und wenn dann das Tier das nächste Mal erwacht und seine Zähne fletscht und in die Seele schlägt, es einfach nur ein großes blutiges Massaker gibt und nichts mehr übrigbleibt. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und mit dem Mut der Verzweiflung stemme ich mich gegen das Tier und schreie ihm lautlos entgegen: Diesmal noch nicht! Das Tier lächelt böse und faucht mich an. Es spielt mit mir, wie eine Katze mit der Maus. Ich zähle die Tage. Bald ist der Februar vorbei und dann der März und dann, dann fällt das Tier in den Frühling-Sommerschlaf, und ich bin erst einmal gerettet.

***

Ich lese kaum einen Artikel oder Tweet über T. Ich ertrage die hysterische Aufgeregtheit über jede seiner Gesten und Tweets nicht. Ich will nicht Anteil daran haben, ihm Tag für Tag eine Bedeutung verschaffen, die er nicht verdient.

Ich ertrage es nicht, dass fast alle nur noch über ihn und seine Taten und Untaten sprechen, während sie ihre Rücken denen zukehren, die an den Rändern unseres Kontinents weiter im Meer versinken oder in Lagern mit unhaltbaren Zuständen ausharren.

Auch wir werden später nicht behaupten können, wir hätten nichts gewusst.

Wir haben gewusst. Wir haben zugelassen. Wir haben lieber mit den Fingern auf den großen anderen Kontinent gezeigt, als uns um unseren eigenen Dreck zu kümmern, vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wir haben uns gewöhnt an die Meldungen, dass wieder so und so viele jämmerlich ertrunken sind. Wir schütteln den Kopf und stimmen im besten Fall ein Klagelied an über das bedauernswerte Schicksal der Ertrunkenen. Aber am Ende geht uns am Arsch vorbei, denn sonst würden wir in Massen auf die Straßen gehen und dafür demonstrieren, dass es nicht sein kann, dass Menschen auf diese Weise zugrunde gehen. Wir würden unsere Politiker zwingen bessere Lösungen und Wege zu finden und zwar pronto.

Wir regen uns auf über Ts. »America first«, aber wir leben selber nach der Devise »Wir zuerst!«

So lange wir uns aussuchen dürfen, was wir abgeben, oder wie viel Zeit wir einsetzen für die, die unsere Solidarität brauchen (seien es nun Geflüchtete oder auf Solidarität angewiesene Menschen im eigenen Land, von denen es ja reichlich gibt), so lange ist noch alles in Ordnung.

Aber wehe, es geht wirklich an unsere Privilegien, unseren Besitz (materiellen wie immateriellen)! Dann ist es sehr schnell vorbei mit dem Verständnis und der Solidarität!

Wir lügen uns selbst in die Tasche und sonnen uns in unserer angeblichen Großzügigkeit und Weltoffenheit. Wir wollen lieber Hygge.

Die böse komplizierte Welt - von der wir, nur zur Erinnerung, übrigens ein nicht unbeträchtlicher Teil sind - soll bitteschön möglichst draußen bleiben.

»Das Elend da draußen hält doch keiner aus.« »Und was können wir schon tun?« Da konzentrieren wir uns lieber auf uns selbst und machen es uns selbst, und so wir Kinder haben natürlich auch denen, möglichst schön. »Es hilft ja niemandem, wenn wir auch noch Trübsal blasen.« So lauten die Argumente, die ich wieder und wieder höre. »Wir zuerst!«

Es ist zum Verzweifeln mit uns Menschheit!

***

Ich denke nach über Scham und welche Rolle Scham in unserer Gesellschaft spielt. Wie sie uns dazu bringt, Rollen zu spielen, uns anzupassen, nur ja nicht aus dem Rahmen zu fallen, nicht anzuecken.

Vielleicht kommen der Hass und das Gehetze daher, dass wir einfach alle gleichschalten wollen. Alles, was irgendwie auffällt, irgendwie »anders« ist, nicht gleich auf den ersten Blick und ohne größere Anstrengung erklärbar ist, wird als bedrohlich und feindlich empfunden und Front dagegen gemacht.

Scham trennt uns voneinander, macht Solidarität unmöglich.

Wir sind lieber Richter, schnell mit einem Urteil bei der Hand.

Wer zugibt sich zu schämen (für sein Aussehen, für seine Biographie, für Ängste oder für was auch immer) wird als schwach angesehen. Bekommt im günstigsten Fall mehr oder minder kluge Ratschläge oder wird verurteilt und ausgespuckt.

Dieser Spruch »alle bekloppt«, ich mag ihn nicht. Ich wundere mich oft, wer ihn benutzt. Das sind eigentlich kluge und durchaus zur Empathie fähige Menschen.

»Ist doch nur spaßig gemeint«! Tatsächlich? Kann ich nicht so sehen.

»Alle bekloppt« - außer mir!

»Alle bekloppt«, beschämt die, die so gelabelt werden.

»Alle bekloppt« trennt mich von den anderen und nicht nur das, es hebt mich über die anderen hinaus. Mein Empfinden für das, was richtig und gut ist, wird zum alleinigen Maßstab erklärt. Meine Erwartungen, wie sich andere zu verhalten haben, wird zum alleinigen Maßstab erklärt.

Es ist ansteckend dieses »alle bekloppt«. Schnell zustimmen, schnell faven, schnell retweeten. Dann bin ich bei denen dabei, die »nicht bekloppt« sind, denn wer mag schon gerne »bekloppt«, also laut Duden »nicht ganz bei Verstand« oder »verrückt« sein? Wer möchte schon - drastischer ausgedrückt - als Idiot dastehen?

Worte beeinflussen unser Denken. Unser Denken beeinflusst unsere Haltungen und Handlungen. Was am Anfang noch »lustig« gemeint gewesen sein mag, kann sich mit der Zeit unmerklich verfestigen und zu einem Ausschlußkritierium werden.

»Alle bekloppt«, mit denen will ich lieber nichts zu tun haben! Dort die »Bekloppten« hier »ich« (und meine Freunde).

Ich bin nicht frei davon hier und da auch zu denken »alle bekloppt«. Mein Finger schwebt manchmal auch über dem »Fav-Button«, wenn jemand einen »alle bekloppt«-Tweet geschrieben hat, und ich reflexhaft zustimme. Wahrscheinlich hab ich sogar den ein oder anderen Tweet, der das unselige »alle bekloppt« enthält, gefavt. Weil ich nicht nachgedacht habe und man so schnell weiterscrollt zu den nächsten Tweets. Ich möchte das aber nicht.

Ich arbeite daran, mir die Zustimmung abzugewöhnen. Ich arbeite daran mich zu lösen von diesem Denken des »alle bekloppt«.

Das Lachen über solche Tweets ist mir schon länger ziemlich vergangen.

***

Ich lese Juli Zehs »Unterleuten«. Reichlich spät, aber endlich doch. Sie schreibt über ein fiktives brandenburgisches Dorf, und es könnte auch ein fiktives mecklenburgisches Dorf sein. Ich erkenne vieles wieder. Die Typen, die Konflikte, die Mechanismen.

Vor allem aber bin ich angerührt. Angerührt, wie genau sie beobachtet haben muss, und mit wie viel Empathie sie sich den Figuren in diesem Dorfkosmos nähert, wie sie sie schildert, mit ihren Stärken und Schwächen. Nie verurteilend, sondern mit selten gewordenem Verständnis für Menschen, ihre Biographien und Brüche. Großartig!

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Nachdenkliches ·Soziales

Vom widerständigen Säen oder Guerilla Loving

Diese Woche war für mich überschattet von den Ereignissen in Aleppo. Die Diskrepanz zwischen dem Elend dort und meinem Leben hier (mit all seinen eigenen Problemen) ist immens und für mich schwer auszuhalten. Gerade jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit mit all dem Licht und Glanz und Glitzer. Es ist zum Verzweifeln oder Resignieren oder gleich beides zusammen. Aber das ist ja keine Lösung.

Am schlimmsten ist das Gefühl der Ohnmacht, nicht viel tun zu können, jedenfalls nicht viel, was den Menschen von Aleppo konkret helfen würde. Gut, spenden geht immer. Jeder Betrag, mag er noch so klein sein, hilft weiter.
Zu Beginn der Adventszeit habe ich ja schon auf die Hilfsorganisation »Sea-Watch e.V.« hingewiesen. Diese Woche stieß ich auf die Weihnachtswunschliste der Hilfsorganisation SOS Méditerranée, die als einzige über die Wintermonate mit ihrem Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs sind, um im Notfall zu helfen und Menschenleben zu retten.

Das einzige was mir darüber hinaus noch eingefallen ist: weiter und verstärkt zu jedem Menschen, der mir begegnet freundlich und hilfsbereit zu sein.

Vom »Guerilla Gardening« habt Ihr bestimmt schon mal gehört oder gelesen. Kleine Saatbomben werden auf Stadtbrachen oder anderen eher vernachlässigten Plätzen ausgebracht und zack, im nächsten Frühjahr blühen da plötzlich die schönsten Blumen. Tolle Sache!

Tja, und das Prinzip wende ich jetzt einfach auf Menschen an. Ich werfe bildlich gesprochen lauter kleine Saat(Liebes)bomben in die Gegend (bzw. auf Menschen) und hoffe, dass die Saat irgendwann aufgeht.

Das hat nix Romantisches. Es mag manchen sogar als naiv und lächerlich erscheinen. Es gibt Menschen, die das als »Gutmenschentum« verunglimpfen. Mir egal! Echt jetzt mal!

Für mich ist das ein Akt des Widerstandes. Widerstand gegen Neid und Hass, die sich überall ausbreitet und die Oberhand zu gewinnen scheinen. Widerstand gegen Desinteresse und soziale Kälte. Widerstand gegen das dauernde Auseinanderdividieren »wir hier - ihr da«.

Ich halte die Augen und Ohren offen, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, zu einem anderen Menschen freundlich oder hilfsbereit zu sein, dann nutze ich die Gelegenheit. Und wenn ich dir sonst irgendwie helfen kann, dann tue ich das.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Das müssen keine großen Aktionen sein. Im Gegenteil, es sind meist kleine unscheinbare Gesten, die dem anderen Menschen aber signalisieren: Ich sehe Dich (und nicht nur einfach durch dich hindurch). Ich nehme wahr, dass es dir nicht gut geht, du müde und abgekämpft bist. Ich höre dir zu, wenn du dir einen Teil deines Frusts von der Seele redest. Ich unterhalte mich mit dir, damit du dich wenigstens für eine kurze (oder auch längere) Zeit nicht so allein fühlst. Ich lächle dich an oder zwinkere dir aufmunternd zu.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Es kann auch bedeuten, dass ich mir eine gereizte Antwort oder Reaktion auf etwas, was Du gesagt oder getan hast, verkneife. Dass ich Dir nicht die Meinung geige, oder dich mal ordentlich spüren lasse, was Du wieder vermasselt hast. Ich lästere nicht mit anderen über dich ab, im Gegenteil, ich verteidige dich.
Säe - säe - säe! Widerstand!

Ich finde es ganz erstaunlich, wie viele solcher kleinen Gelegenheiten sich bieten, wenn man danach Ausschau hält. Und das Tolle ist, jemanden anlächeln, jemandem ein gutes oder aufmunterndes Wort sagen, das kann wirklich jeder.

Guerilla Gardening hat weltweit sehr schnell viele Anhänger und Fans gefunden.
Das wünschte ich mir auch für Guerilla Loving!

Blumen säen und die Welt damit verschönern, ist toll. Aber wie viel toller ist es bitte, Freundlichkeit und Liebe zu säen und damit die Welt zu verschönern. Immer nur ein kleines Fleckchen, schon klar, aber trotzdem! Wenn ich die Welt eines Menschen für einen Moment aufhellen und verschönern kann, warum nicht?!
Und wenn das ganz viele Menschen tun, um so besser! Dann wird eine Widerstandsbewegung daraus. Eine Widerstandsbewegung, die nicht hinnimmt, dass Hass alles vergiftet, dass es nur noch Krieg und Blut und Tränen gibt und es auch bei uns immer kälter und dunkler wird.

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Nachdenkliches ·Privates ·Soziales

Nachruf auf einen Freund

Für Hannes
1974 - 2016

Es war lange vor Twitter, da stieß ich auf einen Blog mit dem Namen »Jazzlounge«. Dort bloggte ein Hannes über seine Liebe zum Jazz, stellte enthusiastisch Jazzmusiker und Jazzbands vor. Eine Weile las ich still mit, irgendwann kommentierte ich das erste Mal und bald kommentierten wir gegenseitig in unseren Blogs und tauschten uns über unsere Neuentdeckungen auf dem weiten Feld des Jazz aus und gaben uns gegenseitig Hörtipps.

Damals gab es so etwas wie Spotify & Co. noch nicht und da wir uns eher abseits des Mainstream-Jazz herumtrieben, war es manchmal gar nicht so einfach, an die entsprechenden Musikstücke zu kommen. Hannes muss über eine recht große Jazzmusik-Bibliothek verfügt haben, meine war auch recht gut bestückt. Irgendwann hatte ich einen kleinen Umschlag in der Post. Der Umschlag kam von Hannes. Im Umschlag war eine CD, auf die er Jazzstücke gebrannt hatte, von denen er annahm, dass sie mich interessieren könnten, sowie von Stücken über die wir diskutiert hatten, an die für mich aber kein Herankommen war. Kurz darauf schickte ich ihm eine gebrannte CD mit ebensolchen Musikstücken zurück. Wir haben in den folgenden Jahren eine Menge CDs gebrannt und hin und her geschickt und dann darüber diskutiert. So lernte ich Johannes Korten, genannt Hannes, kennen.

Unsere Gespräche drehten sich aber bald nicht mehr nur um das Thema Jazzmusik. Wir diskutierten per E-Mail über eine große Bandbreite an Themen: Gott und die Welt. Das waren für uns beide immer sehr tiefe und bereichernde Unterhaltungen. Nicht, dass wir uns immer einig gewesen wären, aber wir respektierten unsere unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven.

Irgendwann dann ging es ihm nicht gut und aus dem was er schrieb, zog ich meine Schlüsse. Ich bin gerade was persönliche Dinge angeht, eher der zurückhaltende Typ und so rang ich eine Weile mit mir, ob ich das Thema um das es offensichtlich ging, klar benennen sollte oder nicht. Ich beschloß abzuwarten, ob es sich einfach ganz natürlich ergeben würde.

Und dann eines Tages war es soweit, und ich sprach ihn direkt auf das Thema Depression an und fragte ihn, ob er damit zu kämpfen habe. Nach einer kurzen Pause, antwortete er mir ehrlich und schrieb auch, dass er eigentlich darüber nicht viel rede. Daraufhin erzählte ich ihm, dass ich selbst auch schon lange unter Depressionen leide. Wir hatten danach nicht wenige Gespräche, die sich ausschließlich um dieses Thema drehten. Wir erzählten einander zumindest in Auszügen, wie wir es erlebten, wenn diese Krankheit wieder ihr Haupt erhob, und wie wir versuchten, damit umzugehen und damit zu leben so gut, wie es eben geht.

Diese Gespräche führte dazu, dass wir einander noch tiefer wertschätzten und hob unseren Kontakt nochmal auf eine tiefere Ebene. Wenn er meinte, aus meinem Blogeinträgen oder Tweets »herauszuhören«, dass ich wieder mehr zu kämpfen hatte, kontaktierte er mich, zuerst per Mail, später auch über Twitter (in den Direktnachrichten) und umgekehrt. Wir machten uns gegenseitig Mut und erinnerten uns gegenseitig daran, dass es jenseits der Dunkelheit immer noch Licht gab, auch wenn wir es im Moment nicht mehr selbst wahrnehmen konnten. Und wir freuten uns gemeinsam, wenn wir endlich wieder einen Silberstreif am Horizont sehen konnten und das Licht langsam aber doch seinen Weg zurück in unsere Leben fand.

Über die Jahre blieb unsere Freundschaft und der Kontakt bestehen. In größeren Wochen-, manchmal auch Monatsabständen, fanden wir immer wieder interessante Themen, über die wir uns austauschten.

Johannes war ein engagierter Mensch, der mit offenen Augen und einem großen Gerechtigkeitssinn durch die Welt ging. Er litt wirklich bis ins Innerste unter Ungerechtigkeiten in der Welt, unter der Gewalt und dem Haß, der sich immer mehr auszubreiten schien. Er wollte eine bessere Welt und tat was immer ihm möglich war, um dazu beizutragen.

Vielen wird seine »Mutmachparade« in Erinnerung geblieben sein. Dort berichteten wir einander, wie wir uns selbst Mut zusprechen, wie wir andere ermutigen und was wir erlebt haben, wenn wir uns ein Herz bzw. Mut gefasst und etwas gewagt hatten.

Das wohl eindrücklichste Beispiel für sein Engagement war die große Hilfsaktion, die er für seinen Freund Kai anstieß, als der nach einem Schlaganfall ins künstliche Koma gefallen war und dessen Familie nicht wusste, wie es weitergehen könnte. Mit der Aktion »Ein Buch für Kai« und einer Spendensammlung hat er ein Beispiel dafür gegeben, wie es aussehen kann, das Internet zu einem besseren Ort zu machen, was ihm immer ein Anliegen war. Damals bat er uns alle

»Bewahrt euch diese Menschlichkeit! Es gibt so viele andere Menschen in Not!«

Noch etwas hat mich immer beeindruckt, nämlich seine große Liebe zu seinen Kindern, seinem Junior und seinem Mademoisellchen. Ich dachte immer, wenn alle Stricke reißen sollte, könnte ihn am Ende diese Liebe zu seinen Kindern halten.

Auch unsere letzte längere und tiefgehende Diskussion hatten Hannes und ich über das Thema der Gerechtigkeit in der Welt. Ich hatte ihn auf das Buch »Politische Emotionen - Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist« von der US-Amerikanischen Philosophin Martha C. Nussbaum hingewiesen, das er sich umgehend zulegte und las. Und dann diskutierte wir. Er war sehr angetan von ihren Gedankengängen und Ansätzen, ja er war richtiggehend enthusiastisch und plante auf der re:publica in diesem Jahr eine Session rund um diese Thematik anzubieten. So diskutierten wir, wie er das große Thema entsprechend aufbereiten könnte. Meines Wissens nach hat er wenige Tage später ein entsprechendes Paper für die re:publica eingereicht, das aber zugunsten des Themas »Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es gemeinsam dazu machen« zu dem er dann auf der re:publica sprach, nicht zum Zuge kam. Die Gedankenanstöße aus dem Buch bewegten ihn gedanklich aber auch weiterhin sehr.

Irgendwann gegen Ende letzten Jahres, bemerkte ich, dass sich über ihm wieder die dunklen Wolken zusammenballten. Ich kontaktierte ihn wieder hinter den Twitter-Kulissen und er bestätigte mir, dass es ihm schlecht ging. Ich versuchte wieder ihm Mut zu machen und ihn dazu zu bewegen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich wusste, dass es auch andere Freunde gab, die Bescheid wussten, und ihn ebenfalls in diese Richtung zu bewegen suchten.

Vor etwa vier Wochen hakte ich noch einmal nach und merkte schnell, dass er nicht bereit war tiefergehend über seine aktuelle Situation zu sprechen. Ich drängte ihn auch nicht dazu, sondern signalisierte ihm nur, dass ich jederzeit ein Ohr für ihn hätte, wenn er das wolle und dass ich auch sonst bereit wäre ihm zu helfen, wenn das irgendwie möglich und gewünscht sei. Er bedankte sich und meinte, im Moment gäbe es nichts, was ich für ihn tun könne. Es reiche ihm zu wissen, dass ich an ihn denke.

Wenige Tage später schrieb er den Blogeintrag »Mein Jazz ist kaputt« und spätestens da ahnte ich, dass die Krise diesmal wesentlich tiefer ging, als all die Male zuvor.

Noch einmal, am 27. Juni, hatten wir hinter den Twitterkulissen einen kurzen Kontakt. Als letztes schrieb er:

»Ich hoffe, es geht dir gut. Ich freu mich, auch so mal wieder von dir zu hören. Glück auf!« Ich ahnte nicht, dass das seine letzten persönlichen Worte an mich sein würden.

Heute morgen las ich, kaum aufgewacht, einen Tweet von ihm, der einen Link zu einem neuen Blogeintrag von ihm enthielt. Unter Tränen las ich, was er dort geschrieben hatte und ahnte, dass jede Hilfe zu spät kommen würde, so gerne ich noch einen Funken Hoffnung gehabt hätte. Wenige Stunden später kam die traurige Gewissheit: Mein Freund Hannes lebt nicht mehr.

Ich bin unsagbar traurig für ihn, seine Frau und die beiden Kinder und alle die ihn kannten und geliebt und geschätzt haben.

Danke Hannes für Deine Freundschaft, Deinen Mut, Dein Engagement und all die bereichernden Gesprächsstunden. Du wirst mir sehr fehlen! Und ich werde versuchen, Dir Deinen letzten öffentlich geäußerten Wunsch zu erfüllen, so gut ich es vermag:

„Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter.«

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