Film ·Literatur & Lyrik ·Privates ·Tagesnotizen 2018

Kino, Kino - Bücher, Bücher

Gestern hatte ich einen rundum schönen Tag. Ich war unter anderem im Kino und habe gleich zwei Filme hintereinander weg gesehen.

Als erstes den Film »Das schweigende Klassenzimmer« (Regie: Lars Kraume), der auf einer wahren Begebenheit beruht.

Ich war gespannt, hatte aber keine sehr großen Erwartungen, auch wenn Markus am Tag zuvor den Film in seinem Bericht von der Berlinale als einen der zehn besten Filme, die er dort gesehen hat, aufgeführt hatte, aber ich bin deutschen Filmen gegenüber grundskeptisch und erst recht, wenn es um Filme geht, die mit der DDR zu tun haben.

Tatsächlich überraschte mich der Film. Ganz toll! Gut erzählt, tolle Schauspieler und eine Geschichte, die uns packte und nachdenklich machte. Wir unterhielten uns noch lange über einzelne Aspekte der Geschichte.

Bonus: Ronald Zehrfeld spielt mit, was ich voher nicht wusste, mich aber sehr freute, als er auf der Leinwand auftauchte.

Ich wüsste zu gerne, wie die Schicksale der einzelnen Protagonisten später weitergegangen sind!

Der zweite Film war »Die Verlegerin« mit Meryl Streep und Tom Hanks (Regie: Steven Spielberg).

Das Thema Pressefreiheit ist natürlich wichtig und aktuell. Parallel wird sowas wie eine Emanzipationsgeschichte - eben über die Verlegerin Katharine „Kay“ Graham (Meryl Streep) erzählt. Letzteres aber nicht überzeugend.

Ich hatte die ganze Zeit den Eindruck, dass Meryl Streep nur eine Nebenrolle spielt, der nur Bedeutung zukommt, weil halt dummerweise die Washington Post zur Zeit der Veröffentlichung der sogenannten Pentagon Papers gerade eine Verlegerin hatte. Natürlich trifft sie am Ende die bedeutsame Entscheidung die Papiere zu veröffentlichen, riskiert damit alles und gewinnt, aber wirklich überzeugend gespielt war das für mich nicht. Nur in wenigen Szenen bekommt die Figur der Verlegerin wirklich etwas Gewicht und überzeugt.

Ansonsten schlich sich bei mir immer mehr der Verdacht ein, dass Spielberg sich überlegt hat: Okay, Pressefreiheit (und Enthüllungsjournalismus) sind gerade wieder ein Thema, gibt es da nicht eine bisher unverfilmte Geschichte, die ich mit zwei schauspielerischen Schwergewichten besetzen könnte?, und dann die Geschichte recht langatmig und uninspiriert (lustlos / lieblos?) erzählt und verfilmt hat. Schade!

Ich hätte gerne auch noch »Shape of Water - Das Flüstern des Wassers« gesehen, aber der Film wurde ausgerechnet gestern nicht gezeigt. Muss ich halt bald nochmal nach Rostock, um den Film zu sehen. Abends erfuhr ich dann, dass der Film vier Oscars unter anderem den für Bester Film abgeräumt hat, was meine Spannung und Vorfreude noch steigert.

*****

Ansonsten bin ich reich mit Büchern (teils von meiner Wunschliste, teils abseits davon) beschenkt worden und würde jetzt am liebsten erstmal komplett abtauchen, um sie alle ungestört und am Stück lesen zu können. 🙂

Johanna Romberg
Federnlesen - Vom Glück, Vögel zu beobachten
Lübbe

John Lewis-Stempel
Ein Stück Land - Mein Leben mit Pflanzen und Tieren
Dumont

Nigel Hinton
Im Herzen des Tals
Reihe Hanser

Svealena Kutschke
Stadt aus Rauch
Eichborn

Milena Michiko Flasar
Herr Kato spielt Familie
Wagenbach

Da schlägt mein Leseherz in großer Vorfreude!

Interessant fand ich übrigens den Artikel »I have forgotten how to read«, in dem es darum geht, wie die neuen Medien unser Lesen verändern (können).

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Literatur & Lyrik ·Vogelliebe

Und noch mehr tolle Worte, oder: Eine Buchempfehlung!

Vogelhäuschen

Gerade rechtzeitig zum ersten richtigen Schneefall bei uns, haben wir unser neues Vogelhäuschen eingeweiht.

Das vorige Häuschen war um einiges kleiner, und wir waren mehrfach am Tag damit beschäftigt, es bei Wind und Regenwetter wieder aufzufüllen.

Mehrere Winter hat es tapfer der Witterung getrotzt, aber jetzt war es doch ziemlich abgewrackt, und als es dann auch noch beim Wiederbefüllen herunterfiel, brach es teils auseinander. Wir konnten es zwar kurzfristig flicken, aber es war klar, es muss ersetzt werden.

Das neue Vogelhäuschen ist allerdings etwas anders konstruiert, und so konnten wir beobachten, wie die Vögel sich erstmal umgewöhnen mussten. Das gab zunächst ein ziemliches Geflatter und Geschwirre, aber inzwischen haben die meisten es heraus, und es herrscht das übliche Gedränge und Gepiepse, womit ich beim eigentlichen Thema bin.

Ich erfreue mich in letzter Zeit nämlich nicht nur an verschiedenen Bezeichnungen für Schnee, sondern ebenfalls an der Lektüre des Buches Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er - Handwörterbuch der Vogellaute von Peter Krauss.

Das ist natürlich eher ein Nischenthema, entpuppte sich aber durchaus als spannend. Unfassbar wie viele unterschiedliche Bezeichnungen es für die Laute gibt, die Vögel aller Art so von sich geben.

Es geht einmal durch das Vogelalphabet, von Ammer bis Zwergschnepfe.

Man erfährt nicht nur den im Deutschen gebräuchlichen Namen, sondern auch den lateinischen, englischen, französischen Namen, und sogar die chinesischen Zeichen und was sie bedeuten.

Und dann natürlich die Worte, mit denen die Rufe (Bettel-, Lock-, Warn-, Alarm-, Balzruf), Gesänge und sonstige Laute der jeweiligen Vögel benannt wurden und werden.

Klassisch, und bis heute weit verbreitet sind natürlich singen, pfeifen und schlagen, aber es gibt noch viel viel mehr und vor allem genauere alte Verben, die benennen, was die Vögel da gerade von sich geben bzw. tun. Viele Rufe der Vögel werden auch mit sogenannten »Schallwörtern« wiedergegeben, also Lautmalereien, die die Rufe nachahmen.

Die Leser erfahren auch viele andere Details. So war ich zum Beispiel recht erstaunt, welche Vögel zu bestimmten Zeiten verspeist wurden. Der Geschmack des Rohrdommel-Fleisches wird als »ölig« beschrieben.

In manchen Dörfern wurden Schwalben und Mauersegler verspeist und zwar, obwohl ihr Fleisch nicht selten voller Kratzer (Würmer) war. *schüttel*

Das Finken zu Zeiten gerne als Käfigvögel gehalten wurden, weil sie so schön singen, wusste ich schon, aber das gute Sänger unter den Finken um 1825 umgerechnet bis zu 30 Mark kosteten, was ein kleines Vermögen war, wusste ich nicht. Wenn ein Fink dann am Ende seines Schlags (Rufs) die Silbe pink hinzufügte, wurde das von den Vogelhändlern als »Amen« interpretiert und der Preis für so einen Finken konnte in unbegrenzte Höhen steigen.

Der Leser erfährt, dass der Gartenrotschwanz wegen seines Sängertalents in Luxemburg Stennuechtegeilchen (Steinnachtigällchen) genannt wird.
Oder dass der Bestand der Kiebitze um 1900 stark zurückgegangen war, weil viele Menschen wie wild deren Eier suchten, um sie als Delikatesse zu verkaufen. In Erlangen verkaufte 1904 ein Händler an einem Tag 170 frische Kiebitzeier!

Einige meiner neuen Lieblingsverben: Die Wachteln bickbewicken, die Lerchen dirdirlieren oder quinkelieren, Grasmücken, Schwalben und Spatzen gigitzen und Bussarde hiähen.

Bussarde, Eulen und Falken sind ziemlich albern, sie kichern nämlich. Der Zaunkönig krispelt. Bussarde, Eichelhäher und Möwen miauen auch ganz gerne mal. Die Bekassinen murkeln oder murksen vor sich hin.

Der Pfau pfuchzt. Der Wiedehopf poppelt, während das Birkhuhn pullert. Wirklich wahr, steht so im Buch!

Die Tannenmeisen pritschen. Garten- und Hausrotschwanz sowie das Rotkehlchen schnickern.

Sind das nicht alles großartige Worte?

Spannend fand ich, wie manche zusätzliche gebräuchliche Namen für Vögel zustande gekommen sind. So wurde die Grauammer auch als Strumpfwirker bezeichnet, weil ihr Gesang dem Geräusch der von diesen Handwerkern benutzten Maschine ähnelt.

Der Stieglitz oder Distelfink, wurde im Bayerischen auch Zamkratzi genannt. Der Name ging zurück auf die Legende, dass Gott bei der Schöpfung die Farbe ausgegangen sei, und er die Farbreste zusammenkratzen musste, um auch den Stieglitz noch mit etwas Farbe auszustatten, womit die rot-weiß-gelb-schwarzen Farbtupfer seines Federkleides erklärt wurden.

Der Pirol (Goldamsel in der Schweiz) war auch bekannt als Bülow, weil seine Lockstimme so klang.
Die Finnen hörten aus seinem Ruf den Satz »kuhaa kiehuu«, was bedeutet: »Der Zander kocht«, weshalb der Pirol in Finnland auch Zanderkocher bzw. Kuhankeittäjä genannt wurde.

Schön, dass bei verschiedenen der aufgeführten Vögel die Strophen ihrer Gesänge oder die Hauptmotive mit den entsprechenden Noten dargestellt werden.
Es gibt tatsächlich Leute, die sich z.B. Amselmelodien in Noten notieren und diese sammeln. Dabei wird gewissenhaft notiert, um wieviel Uhr und wo genau, die jeweilige Amselmelodie abgelauscht wurde.
Das wäre doch auch mal ein nettes Hobby für das Alter, wenn man nicht mehr so gut zu Fuß ist, um den Vögeln nachzujagen. Da kann man ganz gemütlich, z.B. im Park oder gleich auf dem Friedhof sitzen und die Amseln belauschen (sofern man noch nicht taub geworden ist)! Großartig!

Dass in den Märchen der Gebrüder Grimm oft Vögel vorkommen, war mir bewusst, aber ich war doch erstaunt, wie viele verschiedene es sind und erfuhr von (Vogel)Märchen aus deren Sammlung, die mir bisher gar nicht bekannt waren, und die ich daher nach und nach mal nachlesen möchte.

Und wusstet Ihr z.B., dass der Adoptivvater des »Märchensammlers« Ludwig Bechstein (1801-1860), sein Onkel Johann Matthäus Bechstein (1757-1822), als »Vater der deutschen Vogelkunde« und Pionier des Naturschutzes und der wissenschaftlichen Ornithologie gilt? Eben, ich auch nicht.

Sehr reizvoll ist, dass es zu jedem im Buch behandelten Vogel auch eine schöne Illustration gibt, wunderbare kleine Kunstwerke, die ich mir gerne angeschaut habe und deretwegen man das Buch öfter in die Hand nehmen und nochmal darin herumblättern möchte.

Das Buch wird abgeschlossen mit mehreren Anhängen, einer umfangreichen Bibliographie der verwendeten und weiterführender Werke, einem Abbildungsverzeichnis, einem Index der deutschen Verben und welchen Vögeln sie zuzuordnen sind, sowie einem Index der deutschen Vogelnamen (ohne regionale Benennungen)

Wer schon damit beginnt, Geschenkideen für die nächsten anstehenden Geburtstage oder das nächste Weihnachtsfest zu sammeln und Menschen kennt, die die Natur und insbesondere Vögel lieben, kann das Büchlein (mit Lesebändchen!) mit seinen 224 Seiten getrost auf seine Liste setzen und landet garantiert einen Geschenkevolltreffer.

Herausgegeben ist das Buch von der sowieso großartigen Judith Schalansky als Naturkunden N°33 bei Matthes & Seitz, Berlin.

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Literatur & Lyrik

Mein Lesejahr 2017

Am Beginn dieses Jahres fasste ich den Vorsatz, unbedingt wieder mehr zu lesen. Nun ist es nicht so, dass ich in den vorhergehenden Jahren nicht gelesen hätte. Ich las sogar recht viel, nur eben kaum noch analoge Bücher. Sehr untypisch für mich, und ich vermisste es schmerzlich.

Mir fehlte es, irgendwo gemütlich zu sitzen und für eine gewisse Zeit in einem Buch zu versinken. Ja, ich lese natürlich auch e-books, aber es fühlt sich für mich anders an, wenn ich tatsächlich das Gewicht eines Buches in der Hand spüre, die Beschaffenheit des Papiers, wenn ich über einen Buchdeckel streichen und Seiten selber umblättern kann.

Nun heisst es ja noch gar nichts, solch einen Vorsatz zu fassen. Ich hatte ihn im Jahr davor schon gefasst, musste aber Ende 2016 feststellen, dass ich gescheitert war.

Umso mehr freut mich, dass ich es dieses Jahr geschafft habe, meinen Vorsatz wahrzumachen. Ich habe mir nämlich in meinem Kalender richtig tägliche »Lesezeit« eingeplant. Das ist nicht immer aufgegangen, aber häufig genug und meist hab ich, wenn ich erstmal mit einem Buch in der Hand da saß, doch länger gelesen, als ich es ursprünglich eingeplant hatte. So habe ich dieses Jahr insgesamt 60 Bücher (Literatur und Sachbücher) gelesen. Eine schöne runde Zahl.

Dazu kommen noch Hörbücher. In diesem Jahr habe ich vor allem die Hörbücher aus Terry Pratchetts Scheibenwelt sehr genossen und freue mich schon im neuen Jahr noch mehr davon zu hören.

Außerdem habe ich natürlich noch diverse e-books (hauptsächlich Sachbücher) gelesen und massenweise Artikel, Aufsätze und Essays (online).

Also verbuche ich das als Erfolg und 2017 war endlich mal wieder ein richtiges Lesejahr für mich. Ich hoffe, das wird auch 2018 so werden.

Hier nun meine Lesehighlights aus dem Jahr 2017 in zufälliger Reihenfolge, wobei die letzten drei Bücher in die Kategorie Sachbücher bzw. Biographie gehören:

Ja, ich bin spät dran mit diesem Buch. Ich hatte bereits 2016 einen ersten Versuch gestartet, den Roman zu lesen, kam aber nicht sehr weit. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass durch das Lesen auf dem e-Reader bzw. iPad meine Handgelenke offenbar nicht mehr so trainiert sind, schwere Bücher über längere Zeit zu halten. Schlaffis!!! Zeitmangel kam noch hinzu, die Zeiträume zwischen der Lektüre, erschwerten es mir wieder in den Roman hineinzufinden. Dieses Jahr nun also der zweite Versuch und diesmal erfolgreich. Ich kann mich dem vielstimmigen Lob für den Roman nur anschließen. Was für ein Panorama, was für eine Familiengeschichte, was für eine Erzählerin! Großartig!

So schmerzhaft, fesselnd, berührend und tragisch ist wohl selten über Männerfreundschaften geschrieben worden! Einer der erfolgreichsten Romane in diesem Jahr und das völlig zu recht.

Mein erster Roman von der japanischen Schriftstellerin. Ich hatte ihn im Buchladen liegen sehen, kurz hineingelesen und war gleich von der Erzählstimme gefesselt. Ein kleiner aber sehr feiner Roman, der von den kleinen schlichten Momenten lebt.

Endlich: der neue Roman von Annie Proulx! Sie erzählt die Geschichte und der Aufstieg einer Holzfäller-Familie in Kanada und im Nordosten Amerikas. Klingt vielleicht erstmal nicht sehr aufregend, aber Annie Proulx ist eine großartige Erzählerin und vermittelt nebenbei nicht nur einen Teil der Geschichte dieser Länder und ihrer indigenen Einwohner, sondern auch die Auswirkungen des Raubbaus an der Natur auf die Menschen.

Die Andere Bibliothek hebt ja immer wieder vergessene und fast vergessene Schätze der Literatur erneut ans Tageslicht. So auch mit diesem Roman von Michail Ossorgin, in dem er von den Bewohnern einer kleinen Straße in Moskau erzählt und dabei seinen Fokus auf den Zeitraum des Frühjahrs 1914, also dem Vorabend des Ersten Weltkrieges, bis zum Winter des Jahres 1920 legt. Ein wenig fühlte ich mich an den Roman »Die Midaq-Gasse« (erschienen 1947) des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Mahfuz (manchmal auch Machfus) erinnert, den ich vor Jahren las. Dass eine der Hauptfiguren in Ossorgins Roman ein Professor für Ornithologie ist, hat mein Lesevergnügen natürlich noch ein wenig gesteigert. 😉 Inzwischen hat die Andere Bibliothek übrigens mit »Zeugen der Zeit« einen weiteren Roman von Michail Ossorgin veröffentlicht.

Elliot Perlmans Roman »Tonspuren« fiel mir zufällig in die Hände und ich brauchte recht lange ihn zu lesen. Das lag vor allem an den Schilderungen des Holocaust-Überlebenden im Roman, die in ihrer Detailliertheit und Grausamkeit für mich kaum zu ertragen waren, so dass ich immer wieder Lesepausen einlegen musste. Dieser Roman wird mir noch lange nachgehen.

Habe ich früher Kriminalromane nur so verschlungen, so war Volker Kutschers neuester Roman in seiner Serie um den Ermittler Gereon Rath, dieses Jahr der einzige Krimi, den ich gelesen habe. Da konnte ich aber auch sicher sein, dass es ein guter sein würde, und so war es dann auch. Ich liebe diese Serie sehr und bin schon sehr gespannt auf den nächsten Band.

Auf dem Weihnachtstisch im letzten Jahr fand sich das wunderbare Buch »Wintervögel« von Lars Jonsson, das mir die Winterzeit verschönt hat. Jonsson erzählt sachkundig von der winterlichen Vogelwelt in Skandinavien (die teilweise mit unserer deckungsgleich ist, aber auch eine Menge Vogelarten umfasst, die wir hier nicht, oder nur sehr selten mal, zu Gesicht bekommen). Zu jeder Vogelart gehören die wunderbaren Zeichnungen von Jonsson, der dementsprechend viel über die kleinsten Details im Vogelkleid oder Verhalten der Vögel zu berichten weiß. Einfach nur wunderbar, wenn man sich für Vögel interessiert!

Mit Peter Frankopans »Licht aus dem Osten - Eine neue Geschichte der Welt« war ich wochenlang beschäftigt und habe sehr viel dabei gelernt. Er erzählt die Geschichte der Welt nämlich einmal nicht aus eurozentrischer, sondern vom Standpunkt des Nahen bzw. Mittleren Ostens her. Mit großer Akribie zeichnet er Geschichte und Weltpolitik nach, ebenso die Verheerungen, die die westliche Kolonialpolitik angerichtet hat und deren Auswirkungen wir bis heute spüren und erleben. Hier zeigt einer, dass Geschichte und Weltpolitik kein langweiliger Stoff sein muss, sondern lebendig und aktuell erzählt werden kann und uns dazu hilft auch das hier und heute zu verstehen und zumindest eine Ahnung zu bekommen, wie es weitergehen könnte. Eine solche Weise, die Geschichte der Welt zu erzählen, war dringend fällig und korrigiert so manches falsche Geschichtsbild, dass wir hier im Westen vermittelt bekommen haben.

Geert Maks Bücher lese ich immer sehr gerne, weil auch er sehr akribisch recherchiert, bevor er sich ans Schreiben macht. In diesem Buch erzählt er die Geschichte einer Amsterdamer Familiendynastie, in der der älteste Sohn seit Jahrhunderten immer den Namen Jan Six erhält. Anhand der langen Reihe von Menschen, die diesen Namen in der Familie trugen, erzählt er nicht nur die Familiengeschichte sondern auch Amsterdamer und Niederländische Geschichte und damit auch ein Stück Weltgeschichte. Sehr spannend, sehr lehrreich, großartig!

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Literatur & Lyrik ·Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Dies und das

Die Zeit, sie fliegt mal wieder, und mein Blog schreit immer lauter wegen fortgesetzter Vernachlässigung. *seufz*

Abgesehen davon, dass ich mich gerade etwas durch die Tage quäle und damit beschäftigt bin, nicht in irgendwelche Abgründe zu stürzen, beschäftigt mich ziemlich viel und manchmal fällt es mir dann schwer, da kleine (sprich: blogtaugliche) Häppchen oder auch Happen draus zu machen.
Damit das Blog aber endlich mal mit dem Geschrei aufhört, versuch ich es heute mal mit einem frischen Eintrag mit ein paar Dingen und Themen, die mich in letzter Zeit beschäftigt haben. Los geht’s!

Schon lange bin ich ein Fan der Veranstaltungsreihe »Streitraum« an der Berliner Schaubühne, die von Caroline Emcke kuratiert wird. Immer wieder sehr interessante Themen und Diskussionen, die zum Nach- und Weiterdenken einladen.

Auch das neueste Thema »Armut und Gesundheit«, zu dem sie mit Andreas Heinz (Direktor Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité), Tobias Kurth (Leiter des Instituts für Public Health, Charité) und Marion Lieser (Geschäftsführerin Oxfam) diskutierte, hatte es wieder in sich.

Sehr toll finde ich, dass die Veranstaltungen aufgezeichnet und zur Verfügung gestellt werden, so dass man sie sehen und hören kann, selbst wenn man nicht in Berlin wohnt, so wie ich.

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Ich sah die interessante und spannende Dokumentation »Die schönsten Plätze zum Sterben«, die noch für 3 Tage in der ARD-Mediathek zu finden ist. Gedreht hat sie der Filmemacher Bernd Schaarmann, der Orte in aller Welt aufsuchte, an denen sich der Tod und das Leben sehr nahe kommen und herausfand, was uns über die Kulturen hinweg im Angesicht des Todes verbindet.

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Sehr beschäftigt mich meine aktuelle Lektüre, »Tonspuren« von Elliot Perlman. Erschienen ist der Roman schon vor vier Jahren, aber mir erst jetzt vor die Finger gekommen. Lange lese ich schon daran, was weniger am Umfang (704 Seiten) liegt, als vielmehr daran, dass ich parallel noch weiter Bücher lese und nicht so oft zum Lesen komme, wie ich es gern hätte, vor allem aber daran, dass die Lektüre zum Teil wirklich heftig ist. Besonders wenn es um die Erzählungen des Holocaust-Überlebenden im Roman geht.

Zwischendrin brauchte ich Pausen, um zu verarbeiten und zu verdauen, was ich da zu lesen bekam.

Langsam nähere ich mich nun dem Ende des Romans, aber er wird mir sicher nachhaltig in Erinnerung bleiben. In einer Zeit, in der extreme Rechte wieder Morgenluft wittern und salonfähig zu werden scheinen, wird die Erinnerung an das, was schon einmal aus dieser menschenverachtenden Saat hervorgegangen ist, umso wichtiger.

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Ich las über die Schwestern Elsa Triolet und Lilja Brik, für deren Biographie »Elsa Triolet & Lili Brik - Les soeurs insoumises« Jean-Noël Liaut vor zwei Jahren für die Finalrunde für den Prix Goncourt nominiert war.

Ich finde es immer wieder faszinierend, welche Wege Lebensläufe nehmen, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen können. Seien es Begegnungen mit bestimmten Menschen, zu einem bestimmten Moment an einem bestimmten Ort zu sein, Charaktere, Zufälle, und und und.

Jeder Mensch trägt unzählige Lebensmöglichkeiten in sich. Jedes Leben kann in jeder Sekunde eine völlige Veränderung erfahren, eben nie mehr dasselbe sein wie zuvor. Oder eben nur nuancenhafte Veränderungen erfahren.

Was davon hat man tatsächlich in der eigenen Hand (Jeder ist seines Glückes Schmied!) und wieviel eben nicht?

Manchen scheinen Veränderungen der Lebensumstände einfach in den Schoß zu fallen, andere scheinen einen ausgeprägten Instinkt dafür zu haben, wo sich Türen befinden, die sie in radial neue Lebensräume führen und haben dazu den nötigen Mut oder auch die Neugier, diese Türen dann auch tatsächlich zu öffnen und hindurch zu gehen. Und wieder andere bleiben auf der einmal eingeschlagenen Bahn und sind unfähig auch nur Kleinigkeiten an Veränderung in ihrem Leben zu verkraften oder wollen sie schlicht nicht. Faszinierend!

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Ich las, dass die deutschstämmige, heute in den USA lebende Künstlerin Beatrix Ost1 zwar gerne auf Parties geht, aber mit Smalltalk nicht viel anfangen kann. Deshalb hat sie sich eine Brosche mit er Aufschrift »Practicing Silence« anfertigen lassen, die sich zu solchen Gelegenheiten dann trägt. »Oft will ich nur sehen und gesehen werden. Ich bin vor allem eine leidenschaftliche Beobachterin.«
Wie genial ist das denn?! So eine Brosche könnte ich auch gebrauchen! Oder wenigstens einen Button zum Anstecken, wenn ich gerade mal wieder so gar nicht zu Smalltalk in der Lage bin! Das würde vielleicht manches vereinfachen. 🙂

1 Dem deutschen Publikum eventuell wegen der Fotos, die der Modeblogger Ari Seth Cohen, der vor allem Frauen (gelegentlich auch Männer) weit jenseits der 70, die einen exaltierten, extravaganten oder eleganten Kleidungsstil an den Tag legen, fotografiert, von ihr gemacht und auf seinem Blog Advanced Style gezeigt hat.

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Ich dachte und denke darüber nach, ob eine Gesellschaft, die überwiegend und grundsätzlich von den Minderheiten (jeglicher Art) und Randgruppen die in ihr leben, erwartet, dass diese allein oder zumindest überwiegend sich anzupassen haben, per se eine gewalttätige Gesellschaft ist, egal wie oft sie Worte wie Toleranz und Integration im Munde führt?

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Die Hälfte des Novembers ist schon vorbei, der Dezember mit all den Lichtern naht mit großen Schritten. Ich hoffe, Eure Tage werden helle Tage sein, jedenfalls wünsche ich Euch allen das, vor allem denen, die gerade durch dunkle Lebenstäler wandern.

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Literatur & Lyrik

Schöne Worte kurz notiert

»Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.«
aus: Iris Wolff »So tun, als ob es regnet«

via con = libri

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Kreatives ·Literatur & Lyrik ·Nachdenkliches

O Mittelmeer, o Mittelmeer

Wie schon im letzten Jahr, hat Kiki Thaerigen auch in diesem Jahr wieder den September zum Bingecreating-Monat erklärt. Selber kreativ werden statt passiv konsumieren. Das Motto dieses Jahr lautet „Am Meer“ – Hashtag #SepteMeer
Alle weiteren und nötigen Informationen gibt es hier.

Ich halte mich selbst nicht für besonders kreativ, aber da ich schon seit einer Weile übe meine »comfort zone« öfter mal zu verlassen und auch mal was zu wagen, hab ich mir überlegt, ich nehme dieses Jahr am Bingecreating Monat teil und schaue mal, was passiert, und was das mit mir und der Kreativität macht. Ein bisschen Angst macht mir das Ganze schon. Halte ich durch, fällt mir wirklich so viel ein, das ich beitragen kann? Etc., etc. ABER: Ich habe auch gelernt, dass jeder kleine Schritt schon ein Fortschritt ist und jeder Beitrag ist (zumindest für mich) schon ein Gewinn. Also Augen zu und durch! 😉

Meinen Anfang mache ich mit einem heute geschriebenen lyrischen Text, bei dem wahren Lyrikern und Poeten hoffentlich (was das Handwerkliche angeht) nicht allzu sehr die Haar zu Berge stehen:

O Mittelmeer, o Mittelmeer

In einem goldenen Traumbild ganz verloren
seh ich mich stehen
an einem hellen weiten Strand;
Die Lippen sonnenspröde,
darauf ein Hauch von Salz;
Es dringt ein silbernes Glitzern,
ein goldenes Funkeln
durch meine geschlossenen Lider,
Licht tanzt auf Wellenkämmen.

Traumverloren,
Erinnerungen
an blendend helle Sonnentage
dort am blauschillernden Meer,
an Wärme und der Freunde Lachen,
an Sommerwind, so thymianschwanger,
und Leichtigkeit und ach …

Traumverloren,
In meinen Ohren
gellen Hilfeschreie,
Es dringt ein silbernes Glitzern,
ein goldenes Funkeln
durch meine geschlossenen Lider,
Licht bricht auf Rettungsdecken.

Albtraumverloren,
Auf schwarzen Wellen
regenbogenschillernde Schlieren,
in meiner Nase beißt ätzender Gestank.

Der Tod tanzt auf den Wellenkämmen
holt seine vollen Netze ein.

O Mittelmeer, o Mittelmeer,
zerbrochen ist der goldene Traum,
Dein Glanz ist stumpf und blind geworden;
Geschändet sind nun Deine Wogen,
und Deine Wellentäler
sind nasse dunkle Gräber.

O Mittelmeer, o Mittelmeer,
Du trägst ein schwarzes Totenhemd;
und Deine Wellen schlagen heulend
an die Gestade meiner Seele,
wo sich das Echo
Deiner Totenklage bricht.

Der Wind bringt mit sich
nur den Hauch des Todes,
küsst mich aus meinem Traum
und kündet von den Toten.

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Literatur & Lyrik ·Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Was los war und ist

Körperlich erhole ich mich nach der Grippe, die mich niedergestreckt hat, langsam. Seelisch bin ich ziemlich am Boden. Ich kämpfe so gut ich kann dagegen an, aber je älter der Februar wird, desto härter wird es.

Die Tage ging mir der Satz durch den Kopf: »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Diese Traurigkeit, die tief in mir wohnt. Manchmal rollt sie sich zusammen wie ein Tier und schläft eine Weile, bevor sie sich wieder regt und ihre Zähne fletscht.

Ich versuche die Traurigkeit zu zähmen. Schon so lange. Aber sie lässt sich nicht zähmen, nur manchmal etwas zurückdrängen.

Sie fletscht also ihre Zähne, und dann schlägt sie sie in meine Seele und reißt Stücke heraus.

Manchmal habe ich Angst, dass irgendwann einfach nichts mehr von meiner Seele übrig sein wird, was sie herausreißen kann. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und ich schwanke zwischen ohnmächtiger Wut und dem Zorn auf mich selbst.

Dass ich es nicht schaffe, dieses wilde Tier zu zähmen.

Dass ich es nicht in den Griff bekomme, egal was ich versuche und tue.

Dass ich am Ende immer nur, innerlich weinend, am Boden kauere und hoffe, dass wenn das Tier sich endlich zurückzieht, noch ein wenig von meiner Seele übrig ist.

Dass alles was ich tun kann ist, die blutigen Stücke aufzusammeln und notdürftig wieder zusammenzusetzen, mit Verbänden zu umhüllen und zuzusehen, wie die Wundränder sich langsam schließen.

So viele Narben sind schon auf meiner Seele, dass ich mich manchmal wundere, dass sich geschlagene Wunden überhaupt noch schließen können.

Eine Seele ist zart und zugleich unglaublich stark. Eine Seele, die es immer und immer wieder aushält in Stücke gefetzt zu werden, und sich danach immer wieder daran macht die geschlagenen Wunden zu heilen, die muss stark sein.

Und doch, dauert es - so scheint es mir - von Mal zu Mal länger, bis sich die Wunden schließen, bis die Stücke wenigstens lose wieder miteinander verbunden sind.

Dann beschleicht mich die Angst, dass diese Seele es irgendwann nicht mehr schaffen wird, sich selbst wenigstens notdürftig zu heilen. Dass sie einfach zerfetzt und blutend zurückbleibt. Und wenn dann das Tier das nächste Mal erwacht und seine Zähne fletscht und in die Seele schlägt, es einfach nur ein großes blutiges Massaker gibt und nichts mehr übrigbleibt. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und mit dem Mut der Verzweiflung stemme ich mich gegen das Tier und schreie ihm lautlos entgegen: Diesmal noch nicht! Das Tier lächelt böse und faucht mich an. Es spielt mit mir, wie eine Katze mit der Maus. Ich zähle die Tage. Bald ist der Februar vorbei und dann der März und dann, dann fällt das Tier in den Frühling-Sommerschlaf, und ich bin erst einmal gerettet.

***

Ich lese kaum einen Artikel oder Tweet über T. Ich ertrage die hysterische Aufgeregtheit über jede seiner Gesten und Tweets nicht. Ich will nicht Anteil daran haben, ihm Tag für Tag eine Bedeutung verschaffen, die er nicht verdient.

Ich ertrage es nicht, dass fast alle nur noch über ihn und seine Taten und Untaten sprechen, während sie ihre Rücken denen zukehren, die an den Rändern unseres Kontinents weiter im Meer versinken oder in Lagern mit unhaltbaren Zuständen ausharren.

Auch wir werden später nicht behaupten können, wir hätten nichts gewusst.

Wir haben gewusst. Wir haben zugelassen. Wir haben lieber mit den Fingern auf den großen anderen Kontinent gezeigt, als uns um unseren eigenen Dreck zu kümmern, vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wir haben uns gewöhnt an die Meldungen, dass wieder so und so viele jämmerlich ertrunken sind. Wir schütteln den Kopf und stimmen im besten Fall ein Klagelied an über das bedauernswerte Schicksal der Ertrunkenen. Aber am Ende geht uns am Arsch vorbei, denn sonst würden wir in Massen auf die Straßen gehen und dafür demonstrieren, dass es nicht sein kann, dass Menschen auf diese Weise zugrunde gehen. Wir würden unsere Politiker zwingen bessere Lösungen und Wege zu finden und zwar pronto.

Wir regen uns auf über Ts. »America first«, aber wir leben selber nach der Devise »Wir zuerst!«

So lange wir uns aussuchen dürfen, was wir abgeben, oder wie viel Zeit wir einsetzen für die, die unsere Solidarität brauchen (seien es nun Geflüchtete oder auf Solidarität angewiesene Menschen im eigenen Land, von denen es ja reichlich gibt), so lange ist noch alles in Ordnung.

Aber wehe, es geht wirklich an unsere Privilegien, unseren Besitz (materiellen wie immateriellen)! Dann ist es sehr schnell vorbei mit dem Verständnis und der Solidarität!

Wir lügen uns selbst in die Tasche und sonnen uns in unserer angeblichen Großzügigkeit und Weltoffenheit. Wir wollen lieber Hygge.

Die böse komplizierte Welt - von der wir, nur zur Erinnerung, übrigens ein nicht unbeträchtlicher Teil sind - soll bitteschön möglichst draußen bleiben.

»Das Elend da draußen hält doch keiner aus.« »Und was können wir schon tun?« Da konzentrieren wir uns lieber auf uns selbst und machen es uns selbst, und so wir Kinder haben natürlich auch denen, möglichst schön. »Es hilft ja niemandem, wenn wir auch noch Trübsal blasen.« So lauten die Argumente, die ich wieder und wieder höre. »Wir zuerst!«

Es ist zum Verzweifeln mit uns Menschheit!

***

Ich denke nach über Scham und welche Rolle Scham in unserer Gesellschaft spielt. Wie sie uns dazu bringt, Rollen zu spielen, uns anzupassen, nur ja nicht aus dem Rahmen zu fallen, nicht anzuecken.

Vielleicht kommen der Hass und das Gehetze daher, dass wir einfach alle gleichschalten wollen. Alles, was irgendwie auffällt, irgendwie »anders« ist, nicht gleich auf den ersten Blick und ohne größere Anstrengung erklärbar ist, wird als bedrohlich und feindlich empfunden und Front dagegen gemacht.

Scham trennt uns voneinander, macht Solidarität unmöglich.

Wir sind lieber Richter, schnell mit einem Urteil bei der Hand.

Wer zugibt sich zu schämen (für sein Aussehen, für seine Biographie, für Ängste oder für was auch immer) wird als schwach angesehen. Bekommt im günstigsten Fall mehr oder minder kluge Ratschläge oder wird verurteilt und ausgespuckt.

Dieser Spruch »alle bekloppt«, ich mag ihn nicht. Ich wundere mich oft, wer ihn benutzt. Das sind eigentlich kluge und durchaus zur Empathie fähige Menschen.

»Ist doch nur spaßig gemeint«! Tatsächlich? Kann ich nicht so sehen.

»Alle bekloppt« - außer mir!

»Alle bekloppt«, beschämt die, die so gelabelt werden.

»Alle bekloppt« trennt mich von den anderen und nicht nur das, es hebt mich über die anderen hinaus. Mein Empfinden für das, was richtig und gut ist, wird zum alleinigen Maßstab erklärt. Meine Erwartungen, wie sich andere zu verhalten haben, wird zum alleinigen Maßstab erklärt.

Es ist ansteckend dieses »alle bekloppt«. Schnell zustimmen, schnell faven, schnell retweeten. Dann bin ich bei denen dabei, die »nicht bekloppt« sind, denn wer mag schon gerne »bekloppt«, also laut Duden »nicht ganz bei Verstand« oder »verrückt« sein? Wer möchte schon - drastischer ausgedrückt - als Idiot dastehen?

Worte beeinflussen unser Denken. Unser Denken beeinflusst unsere Haltungen und Handlungen. Was am Anfang noch »lustig« gemeint gewesen sein mag, kann sich mit der Zeit unmerklich verfestigen und zu einem Ausschlußkritierium werden.

»Alle bekloppt«, mit denen will ich lieber nichts zu tun haben! Dort die »Bekloppten« hier »ich« (und meine Freunde).

Ich bin nicht frei davon hier und da auch zu denken »alle bekloppt«. Mein Finger schwebt manchmal auch über dem »Fav-Button«, wenn jemand einen »alle bekloppt«-Tweet geschrieben hat, und ich reflexhaft zustimme. Wahrscheinlich hab ich sogar den ein oder anderen Tweet, der das unselige »alle bekloppt« enthält, gefavt. Weil ich nicht nachgedacht habe und man so schnell weiterscrollt zu den nächsten Tweets. Ich möchte das aber nicht.

Ich arbeite daran, mir die Zustimmung abzugewöhnen. Ich arbeite daran mich zu lösen von diesem Denken des »alle bekloppt«.

Das Lachen über solche Tweets ist mir schon länger ziemlich vergangen.

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Ich lese Juli Zehs »Unterleuten«. Reichlich spät, aber endlich doch. Sie schreibt über ein fiktives brandenburgisches Dorf, und es könnte auch ein fiktives mecklenburgisches Dorf sein. Ich erkenne vieles wieder. Die Typen, die Konflikte, die Mechanismen.

Vor allem aber bin ich angerührt. Angerührt, wie genau sie beobachtet haben muss, und mit wie viel Empathie sie sich den Figuren in diesem Dorfkosmos nähert, wie sie sie schildert, mit ihren Stärken und Schwächen. Nie verurteilend, sondern mit selten gewordenem Verständnis für Menschen, ihre Biographien und Brüche. Großartig!

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