Privates ·Tagesnotizen 2015

Tagesnotizen

Pfingsten ist vorüber, der sehr anspruchsvolle und anstrengende Besucher wieder weg und damit liegt der Berg, der sich vor mir aufgetürmt hatte und schon seit Januar drohte, hinter mir. Irgendwie erschüttert es mich jedesmal aufs Neue, zu merken, wie erleichtert ich bin, wenn das hinter mir liegt.

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Aus der ARTE-Mediathek habe ich die Dokumentation über Astrid Lindgren nachgeguckt. Sie hat auch ihr Teil an Schwerem im Leben gehabt. Mit 18 schwanger geworden und ihren Sohn Lasse in der Fremde bekommen und für drei Jahre bei einer Pflegefamilie zurücklassen müssen, bis sie ihn schließlich wieder zu sich nehmen konnte. Diese Entscheidung, zu der sie sich durch die äußeren Umstände gezwungen sah, hat sie bis zum Ende ihres Lebens bereut und die sie als Quelle einer tiefen Traurigkeit benannte, die es in ihr gab. Später verheiratet mit einem Mann, der ihr, ihrem unehelichen Sohn und den weiteren Kindern, die in dieser Ehe geboren wurden, zwar ein Heim bot, sie aber mehrfach betrog und am Ende zum Alkoholiker wurde. Der zweite Weltkrieg mit all seinem Schrecken, in dem sie im Widerstand tätig war. Noch später dann der Sohn, der ebenfalls zum Alkoholiker wurde und mit nur 59 Jahren an einem bösartigen Hirntumor starb. Und trotz alledem, war sie fähig wunderbare Bücher zu schreiben und Figuren zu schaffen, die Kinder und Erwachsene in aller Welt liebten und lieben. Diese Mischung aus Nüchternheit, Bescheidenheit und Pragmatismus, die so viele (alte) Schweden auszeichnet und natürlich ihre Fantasie, die aber immer auch Wurzeln in der Realität hatte.

Wieder einmal habe ich mich in diesem Zusammenhang gefragt, was genau es ist, das Menschen befähigt, etwas aus ihrem Leben zu machen, ihre Ziele zu verfolgen und auch zu erreichen. So viele Faktoren spielen da hinein. Astrid Lindgren hätte genauso gut auch scheitern, an ihrer Lebensgeschichte zerbrechen können. Aber sie war fähig alle Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden und sogar noch etwas Gutes daraus entstehen zu lassen.

Warum sind manche Menschen fähig dazu, und andere trotz allem Bemühen, eben nicht? Warum sind manche Menschen immer oder fast immer zur rechten Zeit, am rechten Ort, um die passgenauen Chancen, die sich ihnen bieten ergreifen zu können, während andere immer einen Schritt zu spät kommen, ohne dass ersichtlich oder erklärbar ist, wieso?

„Schicksal!“ – reicht mir nicht als Erklärung. Aber wenn es tatsächlich so wäre, wie kann man dann irgendeinem Menschen, sein (Lebens)Elend zum Vorwurf machen? Wie ungerecht ist das dann? Der, dem das „Schicksal“ (fast) immer lacht, erntet obendrein noch Ruhm und die Bewunderung der anderen und hat doch unter Umständen nicht mehr dafür getan, wie der, dem „das Schicksal nicht hold war“. „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ ist ein hehrer aber meiner Meinung nach unwahrer Satz, der zudem schon manchen endgültig zu Boden geschickt hat.

In dem Zusammenhang erinnerte ich mich wieder an etwas, das ich vor einiger Zeit bei Andre Spiegel las und das einen Teil des Dilemmas (Stichwort „Aufmerksamkeitskommunismus“) benennt:

Es gibt so und so viel Output auf der Welt, und so und so viel Aufmerksamkeit, die für ihn zur Verfügung steht. Nach welchem Schlüssel könnte man diese Aufmerksamkeit zuteilen ? wieviel Aufmerksamkeit darf ein Autor gerechterweise auf sich lenken, bevor sein Verhalten asozial wird und kulturschädigend.
Quelle

Diese Frage, betrifft nicht nur Autoren, sie betrifft im Grunde alle Menschen. Je größer, erfolgreicher, strahlender, etc. etc. wir werden, desto größer wird auch unser Schatten, aus dem viele andere nicht mehr heraustreten können. Wer es ganz nach oben geschafft hat, hat dabei immer andere nach unten in den Staub getreten. Es geht vermutlich gar nicht anders.

Die Frage ist, vielleicht viel eher, ob wir uns dessen bewusst sind und bleiben. Das unser Erfolg (egal in welchen Bereich) immer auf Opfern anderer beruht. Der Mensch neigt aber wohl dazu, diese unangenehme Erkenntnis zu verdrängen, und sich lieber ganz den Strahlen der Erfolgssonne zuzuwenden.

Im Konkurrenzkampf des Lebens gibt es Gewinner und Verlierer, so ist das Leben. Für manche hält sich im Laufe eines Lebens die Waage zwischen Gewinnen und Verlusten letztlich in der Balance, aber für manche schlägt sie eben in eine der beiden möglichen Richtung aus. Das Leben an sich ist eben nicht gerecht oder fair.

Man kann nur versuchen, so gut es geht, andere mitzunehmen auf die Gipfel, dorthin wo es strahlt und scheint und möglichst wenig Opfer am Wegesrand zurückzulassen. Oder zu versuchen, so gut es geht wieder gut zu machen und auszugleichen, was man verursacht hat. Achtsamkeit, Rücksicht- und Anteilnahme nennt man das wohl.

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Ich werde nie begreifen, warum so viele Menschen ernsthaft glauben, jemand der sich schwer tut, sich verbal oder schriftlich auszudrücken, sei „irgendwie dumm“, „habe nichts zu sagen/beizutragen“ oder sei „eben nicht sehr intelligent“. Damit wird so vielen Menschen schlicht Unrecht getan. Das fängt teilweise schon in der Schule an, wo stillen Kindern unterstellt wird, sie würden nichts verstehen oder hätten nichts beizutragen. Ich weiß nicht, wie das heute ist, aber zu meiner Schulzeit wurden dafür sogar schlechtere Noten vergeben. Schweigen ist aber nicht gleichzusetzen mit „Dummheit“. Mancher Schweigsame hat mehr im Kopf als die, die am lautesten schreien, und die dauernd zu allem etwas zu sagen haben.

7 Gedanken zu „Tagesnotizen

  1. Hallo Liisa,
    vor einigen Monaten bin ich beim Stöbern auf Deine Seite gestoßen und bin ganz begeistert davon. Danke für Dein Engagement, das Teilen Deiner Ansichten, die Anregungen zum Nachdenken. Für mich ist es ein Geschenk.
    Steffi

  2. @ Steffi – Vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Ich freue mich sehr darüber, wenn ich höre oder lese, dass Leser hier tatsächlich etwas für sich selbst mitnehmen!

  3. Vielen Dank für den Hinweis auf die sehr sehenswerte Astrid-Lindgren-Dokumentation. Das Anschauen war für mich ein wie ein Fest. Obwohl ich mich mit ihrem Leben und ihren Büchern die Jahre über immer mal wieder etwas beschäftigt hatte, waren einige Fakten sehr überraschend, bewegend und neu.

  4. …oh, stille Kinder in der Schule, ich könnte ein Buch über Elterngespräche und häufig abfällige Bemerkungen von Pädagogen schreiben…
    Und ja, es kratzt immer noch an der Note, ist ein Kind zu „still“.
    Wenn man aber mal das Gesamtpaket betrachtet ( Klassenzusammensetzung, Unterrichtskonzepte und natürlich auch das Selbstbewusstsein des Schülers) ist es oft kein Wunder, wenn ein Kind still ist.
    Und manche brauchen einfach Zeit. Zu Reifen und sich zu entfalten.
    Nachdem mir 1x der Kragen platzte im Lehrergespräch änderte sich für meine eine Tochter endlich was. Sie ist nun in der 11 und…blüht ;).
    Aber es war ein langer Weg dahin.

  5. Aus meiner Seele geschrieben!
    Danke.
    @Frau Gräde, das Buch, welches Sie schreiben könnten, würde ich ZU gern lesen! Wie garstig fand ich diese Gespräche im Lehrerzimmer- mit genau solchen abfälligen Bemerkungen meiner Kollegen, nicht nur über die Kinder, auch über deren Eltern – und ich mit meinem Anspruch der Menschenliebe und des Respekts wurde stets schief angeguckt…

  6. @ Frau Sonja… na, ich werde das Buch nie schreiben, würde mich zu viel Energie kosten, die stecke ich lieber in mein Leben nach der Schule ;o), 2 haben gerade Abi gemacht und das “ stille „Kind wird mutmaßlich auch ein prima Abi machen..was will ich mehr?
    Und es ist wichtig, als Eltern auf den eigenen Bauch zu hören, sein Kind zu betrachten und es zu bestärken, seinen Weg zu gehen. Und wenn es ein „stiller“ ist !
    GsD habe ich auch wunderbare Lehrergespräche geführt ;o)

  7. @Frau Gräde – wie schön, dass die Tochter nun blüht. Wie traurig, dass das so oft nicht ohne Kampf seitens der Eltern geschehen kann. Man hört es immer wieder.

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