Privates ·Tagesnotizen 2015

Tagesnotizen

Der Tag begann mit denkbar schlechten Nachrichten. Ein Todesfall im engeren Umfeld. Das hat mich gedanklich während des Tages ziemlich beschäftigt. Der Verstorbene nur eine Handvoll Jahre älter als ich.

In dem Zusammenhang dachte ich dann auch mal wieder darüber nach, dass je älter man wird, desto öfter wird man es erleben, dass Menschen, die man persönlich kennt, Freunde, langjährige Wegbegleiter, etc. sterben werden.

Ich frage mich, wie sich das anfühlt, wenn sich die Todesfälle, die einen persönlich betroffen machen, häufen. So lange man jung ist, kommt das zwar hin und wieder auch vor, aber später steigert sich die Rate. Wie wird es sich anfühlen, wenn die Verstorbenen immer häufiger die eigene Altersklasse sind?

Ich erschrecke mich jetzt schon immer, wenn in Todesanzeigen 60er Jahrgänge auftauchen. Meist denke ich im ersten Moment „Oh nein, so jung und schon gestorben!“ und im nächsten Moment realisiere ich, dass der oder die „Junge“ um 50+ Jahre alt war, und dass das so jung nun auch nicht mehr ist. Niemand von uns hat die Garantie 70, 80 oder mehr Jahre zu werden. Bedenke ich dann, wie die Zeit von Jahr zur Jahr schneller zu rasen scheint, sind 10, 15 Jahre ruckzuck um. Eh man sich umschaut, ist man 60, 65 oder 70. Was sind schon zehn oder zwanzig Jahre? Einerseits klar, viel Zeit, aber andererseits …

Was macht es mit einem, wenn immer mehr Freunde und Weggefährten krank und gebrechlich werden oder sterben. Wenn man unter Umständen erlebt, dass man in einem Jahr öfter auf Beerdigungen war, als auf Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten? Wie fühlt es sich wohl an, wenn der Freundeskreis, Jahr um Jahr mehr dezimiert wird? „Gewöhnt“ man sich irgendwann daran? Stumpft man ab? Nimmt man es resigniert hin, weil man es ja doch nicht ändern kann? Fängt es an einem Angst zu machen, weil mit jedem Tod der eigene Tod wahrscheinlicher wird? Gehen einem die tröstenden Worte aus? Ist überhaupt noch jemand da, dem man trösten oder wenigstens beistehen könnte?

Und wieso gibt es eigentlich im Deutschen spezifische Worte für Menschen, die ihren Partner verlieren (also zumindest wenn sie offiziell verheiratet sind), für Kinder, die ihre Eltern verlieren bzw. umgekehrt Eltern, die ihre Kinder verlieren (Witwer/Witwe, Halbwaise, Vollwaise, verwaiste Eltern), aber kein deutsches Wort für jemanden, der seine/n letzten Freund/in an den Tod verliert?

Überhaupt, wird man als Alleinstehender, je älter man wird, immer mehr Zeit damit zubringen, sich um erkrankte und gebrechliche Freunde zu kümmern, die ebenfalls Alleinstehende sind? Wer Familie (zumindest wenn sie halbwegs funktioniert) bzw. eigene Kinder hat, hat immer noch ein gewisses Netz, in dem er oder sie aufgefangen wird. Aber wir wissen ja, dass es sehr viele Alleinstehende gibt, oder eben „nur“ Paare.

Wie wird sich der Freundeskreis im Alter entwickeln? Irgendwann wird beim Großteil des Freundeskreises die körperliche Kraft nachlassen. Jeder wird seine gesundheitlichen Kampffelder haben, ob es nun die berühmt-berüchtigten „Alterszipperlein“ sind (die einem durchaus sehr zusetzen können), oder eben zunehmend ernstere Erkrankungen. Werden wir dann noch den Willen, die Kraft und das Vermögen haben, uns um andere (Freunde, Bekannte) zu kümmern, oder werden wir am Ende doch alle mehr und mehr vereinsamen? Nicht, weil wir das so wollen, sondern weil wir aus dem ein oder anderen Grund nicht mehr in der Lage sind, etwas dagegen zu tun. Oder werden wir zu egoistischen Alten, die sich nur noch um sich selbst und ihre zugegeben u.U. nicht erfreulichen eigenen Befindlichkeiten kümmern? Wenn die körperlichen und oder psychischen Kräfte nachlassen, wird es zunehmend schwieriger sich auch noch anderen und deren Bedürfnissen zuzuwenden. Und man hat gleichzeitig genug glaubwürdige und entschuldigende Begründungen zur Hand, warum man sich nicht kümmern kann. Werden wir dann eigene Bequemlichkeiten überwinden können und wollen, um nach anderen zu gucken, uns zu kümmern in welcher Form auch immer uns das noch möglich ist?

Uns werden ja überall die fitten, gesunden, aktiven und abenteuerlustigen Alten vor Augen gestellt. Das ist natürlich eine schöne Vorstellung vom Alter. Da scheinen Krankheit und Tod noch seeehr weit weg. Wie gerne möchten wir dieses Bild glauben. Die Realität sieht aber für die meisten eben doch anders aus.

Früher durfte man noch in Ruhe alt werden bzw. sein. Heute müssen sich selbst die Alten immer häufiger rechtfertigen, wenn sie nicht dem von Medien und Werbung vermittelten Bild der Alten entsprechen. Impliziert ist dabei ja immer, dass wenn man nur genug tut und unternimmt, dann bleibt man fit und gesund. Immer öfter müssen sich ältere Menschen anhören „Hättest Du mehr dies oder das gemacht, dann wärst Du jetzt noch nicht in dem und dem Zustand!“ Na danke! Ich sag immer „Lasst die Alten, doch in Frieden alt sein!

Egal, ich wage zu behaupten, dass auch die sich superaktiv um Fitness und Gesundheit bemühenden Alten, irgendwann gebrechlich oder krank werden. Und was ist dann? Schon jetzt ziehen sich viele Alte zurück, weil sie das Gefühl haben nicht mehr mithalten zu können, und weil sie sich dafür schämen, dass sie es nicht geschafft haben so fit und aktiv zu sein/bleiben, wie all die Alten aus dem Fernsehen oder auf den Werbeplakaten. Sie wollen „niemandem zur Last fallen“. Eine fatale Entwicklung, wie ich finde. Je weniger man nämlich die „normalen“ Alten vor Augen hat, desto fremder und unverständlicher werden sie mit der Zeit.

Gut, die Alten werden immer mehr und das mag in den kommenden Jahren bzw. Jahrzehnten auch Auswirkungen darauf haben, wie Alte leben und wahrgenommen werden. Aber die Frage bleibt, wie wirkt es sich auf mich persönlich und auf die Gesellschaft als Ganzes aus, wenn immer mehr Alte da sind, die vieles einfach nicht mehr können, die zunehmend gebrechlicher werden und auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Das lässt sich nicht immer zu Diakonischen Diensten etc. delegieren. Werden wir wirklich mit einer Roboter-Seerobbe o.ä. als Gegenüber enden?

*

Was übrig blieb vom Tag:

  • viel Sonnenschein
  • durch den Sonnenschein fahren und dabei denken, diesen Sonnenschein sieht XY jetzt nicht mehr, nie mehr! Und im gleichen Augenblick das Gefühl haben, als würde der Sonnenschein in diesem Moment noch heller dagegen anleuchten
  • ich war einkaufen und habe tatsächlich problemlos die brandneue Ausgabe von „Das Magazin“ bekommen. Ich musste mich nicht mal dafür bücken! 😉 Jetzt bin ich gespannt, das Magazin zu lesen
  • Besuch ist was Schönes und Besuch, der auch noch selbstgemachten Kuchen mitbringt, ist was ganz besonders Schönes!
  • so wie es aussieht, klappt es dieses Jahr endlich endlich mit einem Besuch auf der Leipziger Buchmesse! \o/
  • ich werde nicht müde, mich über das Geräusch, das Schwanenflügel beim Überflug machen, zu begeistern

2 Gedanken zu „Tagesnotizen

  1. Oh, Liisa, hier meldet sich eine stumme Mitleserin.
    Ich spekuliere seit gestern, als das erste mal vom „Magazin“ die Rede war, vor mich hin, dass ich Dir zum Geburtstag gerne ein Päckchen packen würde und Dir ein paar meiner alten Ausgaben vom Magazin schicken würde…
    Was meinst Du, hast Du Lust auf ein Päckchen? Dann kannst Du mich gerne kontaktieren – ich mache das wirklich! Es ist zu schade, dass die alten Ausgaben einfach nur im Regal stehen.
    Herzlichst, Barbara

  2. Liebe Barbara, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar und Dein freundliches Angebot. Ich hab Dir eine Mail geschickt.

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