Privates ·Tagesnotizen 2015

Tagesnotizen

Enthauptungen allerorten! Als wäre die Tristess des Winters nicht schon groß genug. Auf dem Weg ins nahegelegene Städtchen sehe ich die armen Gestalten der Kopfweiden. Die gibt es hier in großer Anzahl und fast flächendeckend sind sie in der letzten Woche runtergeschnitten worden. Da stehen nun die Baumkörper mit den tiefen Narben und Schrunden auf ihrer Rinde, und man kann kaum glauben, dass sie diese Radikalkur überleben und im nächsten Frühjahr wieder ausschlagen werden. Traurig ist der Anblick all der Enthaupteten jetzt, aber zugleich auch eine Verheißung auf den nächsten Frühling.

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Seit Tagen sehne ich mich nach bunten Blumen. Rote, gelbe, lila, rosa und weiße Blumen. Farbe in das Grau und Weiß des Winters. Heute in einer Pause zwischen Schneefall und Schneefall also schnell ins Auto gesprungen und in den nächstgelegenen Blumenladen. Tulpen schwebten mir vor. Viel Auswahl gab es nicht, aber Bünde mit verschiedenfarbigen Tulpen à 10 Stk. Keine Prachtexemplare von Tulpen aber wenigstens überhaupt welche. Zwei Bünde habe ich mitgenommen und zuhause miteinander kombiniert. Jetzt steht hier auf meinem Schreibtisch ein großer Tulpenstrauß in all den Farben, nach denen ich mich so gesehnt habe. Immer wieder hebe ich den Kopf, schaue auf den Strauß und freu mich still und leise daran.

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Der Schnee, auf den ich mich immer freue, steckt mir in den Knochen. Eigentlich schon seit gestern. Meistens spüre ich den Schnee schon, bevor er kommt. Ich bin ein Wetterfrosch, der sich auf die Vorhersage von Schnee und Sturm spezialisiert hat.
Für alles im Leben zahlt man einen Preis. Schnee kostet mich Schmerzen, bis er dann endlich richtig da ist. Der Schnee ist mir den Schmerz wert.

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Den ganzen Tag geht mir der Satz „Im Winter stirbt es sich leichter„. durch den Kopf. Ich bin nicht sicher, wo ich ihn gelesen habe. Eventuell bei Wolfgang Herrndorf. Ich bin geneigt, diesem Satz zuzustimmen. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Im Moment glaube ich, ich würde lieber im Winter sterben wollen, weil es dann vielleicht ein klitzekleines bisschen leichter fällt, loszulassen. Andererseits, im Sommer zu sterben, von der Sonne beschienen und gewärmt, vielleicht mit Blick auf das Meer oder einen dieser herrlichen Sonnenuntergänge, die wir hier sehen können, oder sogar beides zugleich, einen Sonnenuntergang am Meer, das stelle ich mir schön vor. Aber Sterben ist in den seltensten Fällen schön.

Ich habe mal gehört, man soll sich seinen eigenen „Traumtod“ vorstellen. In möglichst vielen Einzelheiten. Sich regelrecht ausmalen, wie und wo und in wessen Gegenwart man gerne sterben würde. Angeblich passiert es gar nicht so selten, dass Menschen, die das tun, tatsächlich so oder annähernd so sterben. Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll und kann. Aber die Idee hat etwas Verlockendes.

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Nein, mir ist nicht nach sterben, keine Sorge! Aber gestern vor drei Jahren starb jemand aus meinem Umfeld hier in MV. Erst 28 Jahre alt. Krebs. Es war absehbar, dass das Ende nahe war und dann kam es doch überraschend. Und vermutlich hat die Erinnerung daran all diese Gedankengänge bei mir ausgelöst.

Den ganzen gestrigen Tag über standen verschiedene Szenen, die wir gemeinsam erlebt haben, vor meinem inneren Auge. Viele Erinnerungen stiegen in mir auf. Abends begann es zu schneien. Große weiße flauschige Flocken. Genauso wie vor drei Jahren.

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Dieser 1. Februar vor drei Jahren, der zugleich unseren offiziellen Umzug nach MV markierte. Wir hatten gehofft, dass an den drei Tagen, die das Umzugsunternehmen brauchte, um alle unsere Sachen einzuladen, dann von der Tübinger Ecke bis hierher zu fahren und schließlich alles wieder auszuladen, kein Schnee liegen würde. Dass es auf der Strecke kein Glatteis geben würde. Das hätte die ohnehin lange Fahrt des Umzugswagens deutlich verlängert. Und wir hatten Glück. Den ganzen Winter war damals noch nicht eine einzige Schneeflocke gefallen. Dann am 1. Februar abends, alles war ausgeladen, der Umzugswagen weggefahren, fiel der erste Schnee und für den Rest des Winters gab es noch eine Menge Schnee. Drei Jahre sind wir nun offiziell in MV, und ich habe es noch nicht einen einzigen Tag bereut, dass wir hierher gezogen sind.

Der 1. Februar vor drei Jahren umfasste beides Abschied und Neuanfang. Bitteres und Süßes. Tränen und Lachen.

6 Gedanken zu „Tagesnotizen

  1. Auch bei mir, denn am 1.2. vor 5 Jahren starb meine Tochter in der Rostocker Uni-Klinik, unser Neuanfang in MV war nicht geglückt, aber wir gaben nicht auf….Und wie immer an diesem denkwürdigen Tag – an dem es damals auch schneite – bin ich mir sicher, dass der Weg zwar steinig war, aber am Ende in ein neues, angenehmes Umfeld führte.
    Auf einen Februar der lediglich meterologische Kälte mit sich bringen möge…
    Liebe Grüße von Gabriela

  2. @Gabriela – Oh, dass es bei Euch auch der 1. Februar war, war mich bisher nicht bewusst. In gewisser Weise verbindet es einen ja auch nochmal auf besondere Weise mit einem Ort, wenn dort jemand, der einem viel bedeutet hat, begraben ist.

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