Privates ·Tagesnotizen 2015

Tagesnotizen

Ich entschuldige mich schon jetzt. Es tut mir leid, Schwarzbrotkost gibt’s heute hier. Mehr Fragen als Antworten und vermutlich auch jede Menge Irrtümer. Am Ende werde ich vermutlich alle in die Flucht geschlagen haben. Wer will schon solche Textwüsten? Und dann auch noch im Internet! Vielleicht gar am Ende eines langen anstrengenden Tages? Mein Kopf ist schuld!

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Heute hauptsächlich nachgedacht über den Hochmut des Verstandes und der Vernunft. Natürlich hält sich (fast) jeder für vernünftig und gesunden Verstandes. Zugleich nehmen wir uns von dieser Ansicht ausgehend, das Recht heraus, alles was uns begegnet, mit unserem Verstand und unserer Vernunft zu beurteilen.

Ein Teil der Aufklärung war ja das Hinterfragen dessen, was man allgemein für wahr hielt. Für die allermeisten Menschen bedeutete es damals ein echtes Wagnis, Fragen zu stellen. Das was ihnen als gegeben vermittelt war, nicht mehr so ohne Weiteres hinzunehmen. Nicht wenige, bezahlten dieses Wagnis tatsächlich mit ihrem Leben.

Für die damaligen »Hüter des Wissens« war diese Entwicklung natürlich eine Katastrophe. Ihnen wurde zunehmend nicht mehr fraglos abgenommen, was sie verkündeten. Sie wurden aus ihrem Paradies der Exklusivität vertrieben, sie verloren zumindest teilweise ihre elitären Positionen innerhalb der Gesellschaften, denn nun sollte Wissen plötzlich allen zugänglich sein. Ihr Mittlertum schien obsolet geworden zu sein. Wie wir wissen, haben sie es aber doch geschafft, bis heute zu überleben. Die Eliten die noch heute behaupten, mehr zu wissen als alle anderen und die davon ihr Recht Elite zu sein ableiten. Damit verbunden natürlich auch das Recht Entscheidungen zu treffen, die unser aller Leben betreffen, verändern und lenken.

Die Kunst des Fragens und Hinterfragens haben wir jedenfalls seit der Aufklärung gründlich verfeinert und eingeübt. In den 2. Weltkriegs-Nachkriegsgenerationen galt es geradezu als Tugend zu hinterfragen und alles »bis ins (angeblich) Letzte« auszudiskutieren. Ob das nun tatsächlich eine Tugend ist, wird sich noch erweisen müssen. Ich hege allerdings inzwischen den Verdacht, dass wir es wieder mal übertrieben haben.

Die Menschheit an sich scheint mir infiziert mit dem Hang zur Übertreibung. Wir finden kein Mittelmaß. Wir fallen immer nur auf beiden Seiten des Pferdes herunter. Mal auf der einen, mal auf der anderen. Das große Pendel, das in der Menschheitsgeschichte hin und her schwingt. Was gestern noch gut war, ist heute verworfen. Und was morgen gut sein wird, wird übermorgen ebenfalls wieder verworfen, um wohlmöglich wieder zu dem zurückzukehren, was vorgestern gut war. So wiederholt sich alles nur immer wieder, abweichend höchstens in kleinen Nuancen, die nicht groß ins Gewicht fallen.

Aber zurück zum Hochmut des Verstandes und der Vernunft. Wir stellen also heute mit großer Selbstverständlichkeit Fragen und erwarten natürlich auch Antworten. Leider stellt sich aber bei den meisten irgendwann der Moment ein, in dem wir wieder aufhören zu hinterfragen. Natürlich nicht, weil alle Fragen schon gestellt, geschweige denn beantwortet worden wären. Wir hören auf weiter zu hinterfragen, weil wir allen Ernstes meinen nun (ausreichend) zu wissen, was es zu wissen gibt bzw. was wir wissen wollen.

Wir entwickeln eine Hybris des Zutrauens. Des Zutrauens in uns selbst, bzw. in unsere Vernunft und unseren Verstand. Wir trauen uns zu, urteilen zu können. Und wir urteilen gemäß unseres Verstandes und unserer Vernunft. Was uns nicht einleuchtet, wird verworfen. Was uns unvernünftig erscheint, wird abgelehnt. Was sich partout nicht mit unserem Verstand und unserer Vernunft in Einklang bringen lässt, was uns also fremd bleibt, wird als Bedrohung empfunden und abgelehnt oder gleich mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft.

Gegen das Fragen an sich ist gar nichts einzuwenden. Problematisch wird es in dem Moment, in dem wir uns ein Urteil zutrauen bzw. anmaßen. Besonders, wenn es das Urteil über andere Menschen ist. Wir hören nicht mehr wirklich zu, wir versuchen nicht mehr uns wirklich einzufühlen. Wir hören einige Worte und zack, unsere Einschätzung ist da, unser Urteil ist gefällt. Wer etwas zivilisierter ist, ziert sich noch eine kleine Weile und führt vielleicht sogar noch ein paar Argumente zugunsten des anderen Menschen an. Aber insgeheim ist das Urteil längst gefallen. Da ist er, der Hochmut des Verstandes und der Vernunft.

Ich frage mich, warum können wir uns des Urteils nicht enthalten? Sind wir wirklich dazu verdammt ständig Urteile zu fällen? Müssen wir immer entscheiden zwischen Schwarz und Weiß? Und komme mir keiner mit denen, die auch an das Grau denken. Kaum ein Mensch scheint es zu schaffen, wenigstens in den meisten Fällen, ein »Grau« stehen zu lassen. Es ist nur eine Frage des »früher oder später«, bevor das Pendel des Urteils doch eindeutig Richtung Schwarz oder Weiß ausschlägt. Wir wollen das Absolute! Nicht das Vage, das Offene, das Ungewisse.

Wir halten uns für vernünftig, für klug oder sogar hochintelligent. Wenn das aber stimmen würde, wie können wir dann allen Ernstes glauben, wir könnten uns erlauben zu urteilen? Wie können wir feste Standpunkte einnehmen, wie Prinzipien (die wohlmöglich auf fehlendem Wissen und Fehlurteilen basiseren) oder Systeme verteidigen, im Schlimmsten Fall mit Waffen und blutigen Fanatismus und Extremismus? Warum glauben wir dann, das Wissen Macht ist? Warum setzen wir alles daran, Wissen zu erlangen? Oder wenigstens unsere Kinder mit so viel Wissen wie irgendmöglich auszustatten, damit sie es mal »zu etwas bringen«? Und warum nutzen wir unser Wissen (wie rudimentär es auch sein mag) um es gegen (angeblich oder tatsächlich) weniger Wissende einsetzen, im Großen wie im Kleinen? Warum überheben wir uns über die (angeblich oder tatsächlich) weniger »Gebildeten« und machen uns lustig über sie?

Vielleicht ist die Wahrheit, dass wir alle nur Irrende sind, die sich wegen ihrer Irrtümer gegenseitig die Köpfe einschlagen und das Leben schwer machen. Warum können wir nicht einfach nur eine große Gemeinschaft der Irrenden sein? Einer Gemeinschaft, in der wir nachsichtig und verständnisvoll miteinander sind, weil wir wissen, wir irren alle, dauernd.

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Die Ihr noch da seid am Ende dieses Textes, an meine Brust!

5 Gedanken zu „Tagesnotizen

  1. Also, mich hast Du nicht in die Flucht geschlagen, liebe Liisa! Ich mag Schwarzbrot gern! Mir liegt in den Fingerkuppen, jetzt irgend etwas »Ermutigendes« zu schreiben. Aber vielleicht wäre genau das jene Hybris - kann ich mir anmaßen, zu glauben, durch das Lesen Deiner heutigen und einiger Deiner anderen Tagesnotizen nun den ultimativen Tipp für Dich zu haben, wie Du aus Deinem Seelenzustand wieder herauskommst? Nein! Außerdem: Vielleicht geht es ja gar nicht um dieses Herauskommen - vielleicht wärst Du gerade viel lieber DARIN ANGENOMMEN!? Wie auch immer - ich wünsche Dir Menschen, Tiere, Pflanzen oder Dinge welcher Art auch immer, bei denen Du findest, was Du jetzt gebrauchen kannst, um dann nicht zuletzt in Dir selbst das wiederzufinden, was Du brauchst, um Dich wohlzufühlen!

    Und falls Du es nicht ohnehin schon mitbekommen hast, hier doch noch ein persönlicher Tipp, von dem ich dann doch tatsächlich glaube, dass er hilfreich oder tröstlich sein könnte: Schau bei Smilla vorbei!!

    Liebe Grüße -

    Anna

  2. Liebe Anna, ich glaube, mein Seelenzustand ist nicht ganz so dramatisch, wie es offenbar (unbeabsichtigt) rübergekommen ist. Und der Text heute hat tatsächlich nichts mit dem gestrigen zu tun.

    Bei Smilla hab ich natürlich vorbeigeschaut und ja, sehr sehr schön, was es dort nach längerer Pause wieder zu sehen gibt. 🙂

  3. Mich schreckt ein langer Text auch gar nicht ab! Und bei mir kommt der Text nicht als Botschaft im Sinne eines problematischen Befindens an, sondern mehr so als alltagsphilosohische Ãœberlegung.

    Ich denke, die Neigung zum schnellen Urteil, zu der auch das »Schubladendenken« gehört, hat den evolutionären Sinn, sich schnell orienteren und entsprechend handeln zu können: Kampf, Flucht - oder ist das ein Freund? Auch der soziale Druck zur Konformität ist bei Primaten quasi »eingebaut«: Was die »Leittiere« sagen, hat höheres Gewicht als die Meinungen der Marginalisierten.

    Der Verstand als »Rationalität« ist für sich genommen noch kein Garant für einen besseren Umgang miteinander, denn er steht ja bereitwillig im Dienst von Bestrebungen, die selbst nicht rational begründet sind.

    Man schaue nur auf Pegida: Was da als Liste von Forderungen aufgestellt wurde (die man rational diskutieren könnte), hatte nicht viel mit dem zu tun, was auf der Straße und in Kommentaren tatsächlich geäußert wurde. Man versammelte Wutbürger und kommunizierte NICHT.

    Das geht aber nicht ewig so. Sobald sich per praktisch aufgezwungener »Dialogbereitschaft« der Zwang zu einer gewissen Rationalität unabweisbar einstellt, zerlegt sich die Bewegung in die Radikalen, die dem dumpfen Migrantenhass weiter ein Tableau bieten wollen und die anderen, die nun »ihre Ziele anders ausrichten« und den »Anschluss an die Mitte« (=wieder Eingemeindung in die Horde, wenn auch am Rand) suchen.

    Die gegen Pegida kämpfenden Kräfte schöpfen ihre Urteile nun aber auch nicht aus besserer Informiertheit (Wissen, z.B. über Deutschlands Einwanderungsbedarf), sondern aus dem persönlichen Unwillen, an eine »durchgermanisierte« Gesellschaft auch nur zu denken, aus positiven Gefühlen zu Migration und »Multikulti«, aus Mitgefühl mit Flüchtlingen - alles mehr Gefühl als Verstand.

    Wir urteilen meist NICHT per Verstand und Wissen, sondern nutzen Verstand und Wissen nur, um unsere inneren Bestrebungen, Wünsche, Ängste und Befindlichkeiten zu befördern, bzw. rational zu begründen.

    Andere mit ihrem »Grau« zu akzeptieren, gelingt ausschließlich dann, wenn im Lauf des Lebens die eigenen dunklen Seiten als existent anerkannt werden (»Schattenintegration«).
    Wer sich bewusst ist, auch selber nicht immer bei den Guten zu sein (im Handeln, im Denken, im Fühlen, im Wünschen…) und eingesehen hat, dass man das nicht einfach »wegerziehen« kann, wird andere nicht gleich abschreiben, weil sich ein »Makel« zu den Infos über die Person gesellt.

    Ein großes Thema, über das viel zu schreiben wäre!

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