Privates ·Tagesnotizen 2015

Tagesnotizen

Ich hab mir dann heute den DokumentarfilmNight Will Fall“ angeschaut, den die ARD gestern zu schon nachtschlafender Zeit gezeigt hat.

Die darin gezeigten Originalaufnahmen aus KZs in Deutschland nach deren Befreiung durch Allierte Truppen, die z.T. noch nie gezeigt wurden, sind erschütternd. Mein Verstand schien auf Hochtouren zu arbeiten, um zu verarbeiten, was er da zu sehen bekam. Aber dieses Grauen ist nicht zu verarbeiten. Diejenigen, die es damals mit eigenen Augen gesehen haben, sind die Bilder und Eindrücke ihr Leben lang nicht mehr losgeworden. So vieles ging mir beim Anschauen der Dokumentation durch den Kopf. Eine kleine Auswahl:

– Man hat den Opfern selbst im Tod keine Würde zugebilligt!
Das dachte ich angesichts der Bilder, wie SS-Wachmannschaften und deutsche Kriegsgefangene die Toten in Massengräbern beisetzten. Die Bilder, wie Leichen, die so abgemagert waren, dass sie fast nur noch Skelette waren, von den Soldaten an den Füßen gepackt und über hundert Meter und mehr hinter sich hergeschleift werden bis zu den ausgehobenen Massengräbern. Wie ein Mann, so einen Leichnam am Arm ergreift, den Arm über seine Schulter zieht und dann den Leichnam über den Rücken gehängt wegträgt wie einen Sack Müll. Natürlich, es waren tausende Tote, die da möglichst schnell unter die Erde gebracht werden mussten, aber so? Hätte man diesen geschundenen Opfern nicht wenigsten so ein kleines bisschen Würde am Ende ihres Lebens zurückgeben können? Oder spielte das dann eh keine Rolle mehr? Ich weiß es nicht, aber ich empfand es als furchtbar diesen Umgang mit den Toten zu sehen, der offenbar so von den Allierten gebilligt wurde.

– Die Perversion von Organisation und Effizienz!
Was man sieht, sind Lager, die nach Jahren eine Zustand der Perfektion, Organisation und Effizienz erreicht haben, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Säcke mit sortiertem und abgewogenen Haaren der Opfer. Die Sammlung der Kleider der Ermordeten, die dann an Unternehmen gegeben wurden, die sie zur Wiederverwendung herrichteten. Nichts, nichts davon sollte „umkommen“. Alles was irgendwie brauchbar war wurde, wie wir wissen, weiterverwendet oder verarbeitet bis hin zu Haut und Goldzähnen der Toten. Die Menschen, die diese Dinge durchgesehen und sortiert und weitergegeben haben, was bitte haben die gedacht????? Kann man seinen Verstand so komplett abschalten??? Offenbar ja. Es ist unfaßbar! Man möchte sich sofort jeglicher Anordnung zu mehr Organisation und Effizenz entziehen. Wir ordnungsliebenden, effizienten, regelsüchtigen Deutschen! Die ganze Welt beneidet uns, gerade auch wieder heute, um diese „Talente“. Sieht man aber diese Bilder, kann man sich ihrer nur schämen. Es sind blutbefleckte und besudelte Talente.

– Was bitte ist in den Deutschen, die die Lager mit eigenen Augen gesehen haben vorgegangen?
Hitchcock wollte Karten einsetzen, die zeigen sollten, wie nah diese Lager neben Dörfern und Städten lagen. Wie unmöglich es eigentlich war, dass angeblich die meisten „nichts gewusst“ haben wollten von dem, was in den Lagern passierte. Teilweise wurde die Bevölkerung aus solchen Dörfern und Städten wie Weimar oder Dachau zusammengerufen und musste auf Anordnung der Allierten durch die Lager gehen und mit eigenen Augen sehen, was dort zu sehen war.

Man sieht auf den Filmaufnahmen, wie diese Deutschen auf die Lager zu spazieren. Viele tragen offenbar ihre beste Kleidung, Sonntagskleidung, und sind bester Stimmung. Der Krieg ist endlich vorüber. Sie haben überlebt. Die Sonne scheint. Wie schön!

Und dann sind sie nah genug an den Lagern und bemerken als erstes den Gestank. Manche Frauen halten sich ein Taschentuch vor Nase und Mund. Die Gespräche verstummen, schweigend laufen sie durch die Lager, wo die Überlebenden in kleinen Grüppchen auf dem Boden sitzen oder einzeln apathisch in einer Barackentür oder an eine Wand gelehnt, weil sie ansonsten wahrscheinlich einfach umkippen würden. Dazwischen liegen überall Tote, abgemagert zu Skeletten, teilweise schon in Verwesung übergegangen.
Ein wahrgewordener Albtraum. Es gibt kein Entkommen. Man kann nicht mehr weggucken. Egal wohin man schaut, nur Grauenvolles.

Und die biederen deutschen Bürger laufen vorbei an diesen Szenen, sie laufen vorbei an LKWs auf die Leichen gestapelt sind, vorbei an den noch offenen Massengräbern, in denen zu hunderten Leichname in grotesken Verrenkungen liegen. Irgendwann sind die Deutschen durch das ganze Lager hindurch, an den Massengräbern vorbei.

Ich frage mich, wie lange sie gedauert hat, diese Wanderung durch die Lager. Eine halbe Stunde? Weniger? Länger? Vielleicht ein oder sogar zwei Stunden? Was hat das mit den Menschen gemacht? Diese Konfrontation? Hatte sie überhaupt eine Wirkung? Und wenn ja, welche? Was sie mit eigenen Augen gesehen hatten, konnten sie ja wohl kaum verleugnen?

Ich habe mich gefragt, haben diese Menschen als sie wieder zuhause in ihren Häusern und Heimen waren, miteinander geredet? Und wenn ja, was mögen sie gesagt haben? Hat einer den anderen gefragt: „Hast Du das gewusst?“ oder „Ich wusste ja, das … aber dass es so schlimm war, das habe ich ja nicht geahnt!“? Oder hat es ihnen am Ende die Sprache verschlagen, und sie haben an diesem Abend geschwiegen. Und auch am nächsten Tag, und am übernächsten und überübernächsten und nie wieder darüber gesprochen?

Es muss doch auch Menschen gegeben haben, an denen das Gesehene nicht einfach so abperlte. Was ist denen durch den Kopf gegangen? Wie sind die damit umgegangen, mit dem Bewußtsein, hier ist Schreckliches geschehen. Und ich habe es auf eine mehr oder weniger umfangreiche Art und Weise unterstützt und möglich gemacht.

– Traumatisierte Allierte
Wie viele allierte (größtenteils ja auch sehr junge) Soldaten, Krankenschwestern, Ärzte und sonstiges Personal, die keine Ahnung hatten, was sie in den Lagern erwartete, und die dann Stunden, Tage, manche Wochen und Monate dort eingesetzt waren, sind dadurch für ihr Leben traumatisiert worden? Noch lebende Zeugen, die in der Dokumentation zu Wort kommen und noch heute 7 Jahrzehnte später kaum über das, was sie gesehen und erlebt haben, sprechen können. Wie hat sie diese Erfahrung verändert? Mit wem konnten sie überhaupt darüber sprechen? Mussten sie das Grauen auch irgendwie in sich verschließen, verkapseln? Hat ihnen jemand geholfen, ihr Trauma zu verarbeiten?

– Leben nach der Hölle
Unfaßbar, dass die KZ-Gefangenen, die so gelitten haben und von denen viele nur wunderhaft überlebt haben, es überhaupt geschafft haben, sich ein neues Leben aufzubauen. Wozu der Mensch fähig ist! Wie hoch wohl die Zahl derjenigen Opfer ist, die niemand mehr gezählt hat? Nämlich derjenigen, die zwar die KZ überlebt haben, aber die ihr Trauma nicht überwinden konnten? Die deren Psyche sich nie mehr erholt hat? Die, die sich später doch das Leben genommen haben, weil sie nicht mehr der gefühlten „Schuld“ überlebt zu haben fertig wurden? Die, die die nötige Kraft für einen Neuanfang nicht mehr gehabt haben? Wer hat diese Opfer gezählt?

– Nie wieder Auschwitz! Wir müssen aus der Vergangenheit lernen!
Ja, das hören wir seither immer und immer wieder und ganz besonders zu solchen Gedenktagen wie heute. Und wir nicken und sagen „Ja, nie wieder Auschwitz! So etwas darf nie wieder geschehen!“ Aber wie sicher sind wir eigentlich, dass so etwas nie wieder geschieht? Nicht hier bei uns, nicht in Europa, nicht in anderen Ländern? Was genau tun wir dafür, die Wahrscheinlichkeit zu verringern? Was bedeutet dieses „Nie wieder Auschwitz!“ dieses „So etwas darf nie wieder passieren!“ für uns Nachgeborene, für uns Heutige? Konkret?

Wen juckt’s, dass Juden in Deutschland, sich längst nicht mehr trauen, mit der Kippa auf dem Kopf durch unsere Städte zu gehen?

Wen macht es fertig, dass auch heute 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, Synagogen und andere jüdische Einrichtungen von der Polizei bewacht werden müssen?

Wer ist mit Menschen jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens befreundet? Wirklich richtig eng befreundet? Wer weiß, wann sie ihre Feiertage feiern? Wer weiß, was ihnen wichtig und heilig ist? Wer ist bereit sich vor sie zu stellen, wenn sie auf der Straße angepöbelt werden?

Wer schaut hin und nicht weg? Wer schaut hin, wer lässt sich ein und ignoriert nicht schlicht?

Wer weist antisemitische und rassistische Äußerungen im eigenen Umfeld zurück?

Wer äußert sich gegen die Islamfeindlichkeit, die gerade wieder geschürt wird? Wer bezieht konkret Stellung? Nicht in einer größeren Gruppe, sondern als Einzelner, da wo es weh tut? Vielleicht in der eigenen Familie, im Freundes- oder Bekannten- und Kollegenkreis? Wer reicht Menschen anderen Glaubens die Hand, gerade jetzt?

Wer verweigert sich der Aufteilung zwischen „uns“ und „denen da“?

Wer begehrt dagegen auf, dass unsere Politiker in unserem Namen eine Politik machen, die dazu führt, dass z.B. Flüchtlinge im Mittelmeer zu Hunderten ertrinken. „Ist doch nicht meine Schuld!“ oder „Die da oben machen eh was sie wollen!

Wer interessiert sich dafür, wie Flüchtlinge und Asylanten in unserem Land behandelt werden. Was in den Gesetzen und Bestimmungen steht, die sie betreffen. „Was geht’s mich an?!

Wer von uns weiß, wo das nächstgelegene Asylheim oder Flüchtlingsheim ist? Wer dort vor Ort zuständig ist? Wie es da aussieht und unter welchen Lebensbedingungen die Flüchtlinge und Asylanten dort leben? „Ich hab genug mit mir und meinen eigenen Sorgen zu tun!“ oder „Ich kann da eh nix dran ändern!

Man könnte diese Liste noch lange fortführen …

Was haben WIR von Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Ravensbrück und wie sie alle heißen, gelernt? Wirklich gelernt? Nicht nur theoretisch, sondern konkret und praktisch? Wo wenden wir die Lehre, die uns diese Orte vermitteln, an? Oder sind Aussagen wie „Nie wieder Auschwitz!“ nur noch leere Satzhülsen, nur noch ein fernes Echo, das schon fast verklungen ist, egal wie sehr an Tagen wie diesen solche Sätze wiederholt werden?

7 Gedanken zu „Tagesnotizen

  1. Als ich als Jugendliche davon erfuhr, habe ich mich gefragt, wo war da Gott – und das frage ich mich heute noch…Nicht nur ich tue das.

  2. Ich danke Dir für diesen Beitrag. Ich danke Dir für die vielen Fragen, die Du gestellt hast. Manche, aber nicht alle, kann ich mit „Ich.“ beantworten.
    Mit 14 Jahren habe ich anlässlich eines Schulausfluges zum ersten Mal ein Konzentrationslager – schon das Wort ist eine groteske Verniedlichung – betreten. Es wirkte museal, aufgeräumt, distanziert, kühl, aber es berührte mich ehrlich gesagt damals nicht wirklich. Das kam später.
    Und führt dazu, dass ich mich noch heute in fremden Ländern und bestimmten Situationen meiner Herkunft schäme.

  3. @ Sonja – Ja, diese Frage habe ich mir auch gestellt und natürlich viele andere Menschen auch. Ich würde heute auf diese Frage antworten: „im KZ“.

    Wie ich darauf komme? Gott ist immer auf der Seite der Unterdrückten und Schwachen, derer, die Gewalt von den gerade Mächtigen erleiden.

    Aber der eigentliche Grund, warum ich so antworten würde, ist ein anderer. Ich würde so antworten, weil ich von Corrie ten Boom gehört und ihre Bücher gelesen habe.

    Sie war eine Niederländerin aus christlicher Familie. Ihre Familie versteckte mehrere jüdische Familien. Dann wurden sie denunziert. Die ganze Familie ten Boom kam ins KZ. Corrie zusammen mit ihrer Schwester Betsie ins KZ Ravensbrück. Betsie kam im KZ um, Corrie überlebte. Sie hat später viel über ihre Zeit im KZ erzählt und geschrieben und sie war überzeugt, dass Gott mit im KZ war.

  4. @ tonari – Ich kann das einerseits durchaus verstehen und nachvollziehen. Andererseits, wir sog. „Nachgeborenen“ müssen uns dieser Dinge und unserer Herkunft, denke ich, nicht schämen. Das wäre ja eher eine Art „Fremdschämen“. Und wem soll das dienen?
    Wofür wir uns schämen sollten ist, wenn wir keine Lehren aus dem ziehen, was unsere Vorfahren getan haben, und wenn wir nicht alles daran setzen, es nie wieder soweit kommen zu lassen.

  5. Danke! Ich hab mich nicht getraut, das ganz große Thema aus mir heraus anzusprechen. Dachte ich schaffe es nicht, ihm gerecht zu werden. Du aber packst das – und jetzt gibts auch einen Hinweis darauf im Digital Diary. Mit einer Idee, was mit den Leuten los war, die die Haare sortiert haben…

    Ist mit dem Namen verlinkt, damit das Blogscript nicht wieder zickt.

  6. Aus deiner Frage hier, Liisa: „Was haben wir aus Auschwitz… gelernt“ habe ich für mich eine Antwort gefunden, so wie sie auch Claudia in ihrem Beitrag gibt: Wir sind zu allem fähig. Zu ALLEM!

    Diese, da es eine unser Spezie betreffende Antwort ist, ist weder an Nationalität noch an Zeiträume gebunden.

    Und aus der Beobachtung der deutschen Perfektion wird für mich auch deutlich, dass der Teufel nicht nur an vorderster Front Hand anlegt, dort, wo Massengräber befüllt werden, sondern auch in den Amtsstuben, wo vornehme Krawatten ihre überbordende Tötungskreativität freien Lauf ließen, ohne, sich dabei „die Hände schmutzig“ zu machen.

    Was ich diesem Land hoch anrechne ist, und das ist die Kehrseite und entspringt vielleicht auch wieder der Perfektion, diesmal aber im positiven Sinne, dass ich eine breite Diskussion zum „1000 jährigen Reich“ wahr nehme. Ich kann gut verstehen, das all dieses Grauen nicht am Tag 1 nach der Befreiung zur Betrachtung kommen konnte. Es hat seine Zeit gedauert. Aber jetzt ist sie da, und die Frage:

    Was lerne ich daraus? Was lernen wir daraus?

  7. @Menachem – Ja, das sehe ich genauso. Wir sind zu allem fähig, im Guten wie im Bösen.

    Danke Dir, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, meinen Beitrag zu lesen und einen Kommentar dazu zu schreiben. Ich weiß das sehr zu schätzen!

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