Privates ·Tagesnotizen 2015

Tagesnotizen

Gleich früh morgens über den Lichtdesigner Michael Anastassiades gelesen. Er hat eine Lampe entwickelt, die den Namen »Antisocial Light« trägt, und sie geht erst dann an, wenn absolute Stille herrscht. Sobald jemand in ihrer Nähe anfängt zu reden, dimmt sie das Licht herunter und wenn es zu laut wird, erlischt das Licht. In Anastassiades Worten, eine Lampe, die man respektieren muss, um zu erhalten, was sie zu bieten hat. Fand ich eine interessante Idee. Natürlich nicht für den alltäglichen Gebrauch. Aber in unserem heutzutage so lauten Alltag, könnte es durchaus hilfreich sein, so eine Lampe zu haben, die einen in gewisser Weise mal etwas zur Ruhe »zwingt«.

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Vormittags bin ich dann noch eine Runde spazieren gegangen. Durch die weiten Wiesen hinter dem Dorf. Die Wassergräben sind wegen des getauten Schnees und dem vielen Niederschlag randvoll und auch die Wiesen stehen voller Wasser. Da wo die Erde aufgewühlt ist, glänzt sie dunkel, fett und satt. Die Landschaft hat streckenweise fast etwas von einem Sumpf oder Moor. Jetzt, wo die Bäume ihre Blätter verloren haben, kann man durch die Wäldchen hindurch auch den großen See wieder sehen. Von dort heben immer wieder die Wildenten und Gänse ab und ziehen in kleineren oder größeren Gruppen über die Felder, während sie im Licht der fahlen Wintersonne ihr geschwätziges Geschnatter und ihre Rufe ertönen lassen. Fast erwarte ich, dass die Sonne ihr Licht jeden Moment dimmt, ob des Lärmes, den die Vögel veranstalten. Doch die Sonne lässt sich natürlich davon nicht stören.

Der Wind fegt eisig über die großen freien Flächen. Nur noch wenig Vieh ist draußen. Es steht auf einer geschützteren Weide, Aber die Rindviecher stehen auf dem einzigen Hügel in der Weide, mahlen gleichmütig mit ihren Kiefern und lassen sich den kalten Wind durch die Stirnlocken wehen.

Die einzigen Vögel, die das Wetter und vor allem die Windböen richtig zu genießen scheinen, sind die Krähen und Raben, die aufsteigen, sich fallen lassen und Kapriolen veranstalten, während ihr Gekrächz vom Wind weit hinüber getragen wird.

Der kleine See liegt verlassen, die Sommergäste sind längst wieder in ihrem Alltag angekommen. Ein paar ziemlich marode Ruderboote dümpeln im Uferbereich herum. Ich überlege kurz, wie es wäre, jetzt noch kurz in den See zu gehen. Das Wasser ist sicher schon eiskalt. Vielleicht mach ich das tatsächlich mal. Ich erinnere mich plötzlich wieder an die erste Erzählung »Ostsee« aus John von Düffels »Wassererzählungen«. Da schreibt er großartig über die Kälte. So großartig, dass ich beim Lesen Lust bekam, selbst die Kälte des Wassers auf diese Art, wie er sie beschreibt, kennenzulernen. Nicht mehr zu den Menschen zu gehören, die wie er es schreibt vor ihr zurückschrecken und »den Rest ihres Lebens mit einem Kälte-Vorurteil, dessen Lächerlichkeit ihnen nie bewusst wird«, verbringen. »Sie sterben und haben die Kälte nicht einmal singen hören, dabei singt sie nicht nur für sich an ihren ausgelassenen Tagen. Doch das werden sie nie erfahren. Sie werden nicht mit ihr lachen und nicht mit ihr weinen, bis zu ihrem Tod.« Ich würde die Kälte des Wassers gern einmal auf diese Weise singen hören und mit ihr lachen und weinen.

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6 Gedanken zu „Tagesnotizen

  1. Diese lampe wäre genau mein ding, auch hier in unserem doch stillen dörfchen gibt es menschen denen jeglicher sinn für stille fehlt, frage mich warum sie überhaupt hergezogen sind, sie funktionieren auch wie eine lampe nur umgekehrt ….. wenn sie endlich ruhe geben und es dunkel wird, ist die stille wieder hörbar.
    liebe Grüße, Patricia

  2. Bei der Beschreibung der Lampe musste ich dran denken, wie mucksmäuschenstill es war, wenn ich frühmorgens meiner vierten Klasse adventliche Geschichten vorlas- und nach dem Einbau der Bewegungsmelderlichtanlage vor lauter stillsitzenden Kindern das Licht ausging - das wollten sie oft haben…
    Gruß von Sonja

  3. @Patricia - Viele Menschen (vor allem Städter) glauben ja tatsächlich, auf dem Lande wäre es »still«. Das ist natürlich ein Trugschluß. Es ist sicher häufig weniger hektisch / stressig aber »still« ganz sicher nicht. Wie könnte es auch? Auch auf dem Land leben Menschen und wird gearbeitet. Also kann es nicht immer und umfassend still sein. Mal ganz abgesehen davon, dass auch Tiere unfassbar laut sein können. 😉

  4. Da hast Du mich wohl gründlich falsch verstanden und kleine Anmerkung ich lebe schon immer auf dem Land und weis auch wovon ich rede.

  5. @Patricia - Es tut mir leid, wenn Du Dich mißverstanden fühlst. Ich wollte mit meinem Kommentar ganz sicher nicht unterstellen, Du wüsstest nicht, wovon Du redest.
    Tut mir leid, dass ich mich offensichtlich in meinem Kommentar so ungeschickt ausgedrückt habe, dass es bei Dir so ankam, als meinte ich Dich persönlich mit dem was ich schrieb, während ich gedanklich eher bei zugezogenen Städtern war, die oft dem Trugschluß erliegen, auf dem Land sei es still und sich dann wundern, wie laut es auf dem Land auch sein kann.

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