Fotografie

Laura Dart und/oder: Die Kunst des Portraits

Diese Woche stieß ich zufällig auf die Fotografin Laura Dart und ihre wunderschönen Portraits. Das Portraitieren eines Menschen mithilfe einer Kamera ist aus meiner Sicht eine Kunst, sozusagen die »Meisterklasse« und nur wenige beherrschen diese Kunst tatsächlich. Laura Dart würde ich auf jeden Fall zu diesen Menschen zählen. Sie scheint über die Fähigkeit zu verfügen, das Vertrauen der Portraitierten zu gewinnen, so dass sie vor der Kamera meist sehr natürlich und unverkrampft erscheinen. Und Laura Dart verfügt über die Gabe, das Wesen bzw. den Kern der Portraitierten zu erfassen und sie so ins Bild zu setzen, dass etwas von diesem Kern oder der Essenz ihres Wesens sichtbar wird. Schlicht grandios! Einige Beispiele von Portraits, die sie macht, habt Ihr ja oben gesehen.

Weitere Anstöße diese Woche führten dazu, dass ich mir Gedanken zum Thema Portrait in der Fotografie machte. Im Zeitalter des »Selfies«, also des schnell geschossenen Selbstportraits, und der digitalen Kameras sind wir einer Flut von Selbstportraits und Portraits ausgesetzt. Die Qualität dieser Portraits ist meist nicht sonderlich hoch. Denke ich an ein wirklich gutes Portrait, denke ich auch nicht an auf Hochglanz gephotoshopte Portraits, die es heute beinahe auch schon inflationär gibt. Ein gutes Portrait ist für mich viel viel mehr. Ich habe hohen Respekt vor Fotografen und Fotografinnen, die in der Lage sind wirklich gute Portraits zu machen.

Ich selbst tue mich eher schwer damit, andere mit der Kamera zu portraitieren. Zum Teil hängt es vermutlich damit zusammen, dass ich selbst vor der Kamera immer den Reflex habe, mich schnellstmöglich irgendwo in Deckung zu bringen, und wenn es dafür zu spät ist, in eine Art Schockstarre zu verfallen. Ich fühle mich vor einer Kamera meist äußerst unwohl.

Wenn ich selbst die Kamera auf Menschen richte (meist nur, wenn ich quasi dazu genötigt wurde), habe ich daher das Gefühl, als träte ich denjenigen irgendwie zu nahe (selbst wenn ich weiß, dass sie ja möchten, dass ich sie portraitiere). Ein klassischer Fall von Übertragung schätze ich. 😉

Ich glaube, um ein wirklich gutes Portrait zu machen, muss man als Fotograf oder Fotografin in der Lage und willens sein, sich selbst komplett zurückzunehmen. Stattdessen muss man genau beobachten, viel und vor allem sehr gute Menschenkenntnis haben und sehr schnell genügend Vertrauen wecken können. Ein wirklich gutes und authentisches Portrait ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn ausreichendes Vertrauen vorhanden ist und ich meine damit nicht Vertrauen in die technischen Fähigkeiten des Fotografen/der Fotografin.

Natürlich gibt es auch Fotografen, die den von ihnen Portraitierten quasi ihren Willen und ihre eigene Vorstellung aufzwingen. Das ergibt manchmal auch interessante Potraits, die einen anderen Blickwinkel auf eine Person erlauben. Gerade bei Menschen, die sehr oft portraitiert werden und sozusagen im kollektiven Bildgedächtnis der Öffentlichkeit verankert sind, kann das durchaus eine angebrachte Herangehensweise sein, um bestimmte Positionen und Muster bewusst zu durchbrechen. Aber auch das muss man können.

Für das Portraitieren der meisten Menschen halte ich das nicht für die angebrachte Herangehensweise. Würde ich jeden Hinz und Kunz auf diese Weise portraitieren, hab ich vielleicht am Ende technisch und kompositorisch ausgefeilte Fotografien, aber sie sind doch irgendwie nicht authentisch. Ich habe in so einem Fall nicht den Menschen, den ich da eigentlich vor mir hatte, portraitiert sondern nur meine Vorstellung von diesem Menschen abgebildet. Im schlimmsten Fall kann das soweit gehen, dass die Fotografierten sozusagen vom Fotografen »missbraucht« oder »vergewaltigt« worden sind, um das entsprechende Foto, das ihm oder ihr vorschwebte, zu erhalten. Und nicht jeder Mensch vor der Kamera ist in der Lage, rechtzeitig zu merken, dass so etwas stattfindet und sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Es gibt auch Fotografen, die diejenigen, die sie portraitieren wollen oder sollen, auffordern sich »in Szene« zu setzen. Die fragen, »Wie oder wo möchtest Du fotografiert werden?« Das kann durchaus eine hilfreiche Klärung sein. Ein zu Portraitierender der sich in einer Umgebung bewegt, die ihm oder ihr vertraut ist, ist natürlich entspannter und lockerer. Kann aber auch nach hinten losgehen. Denn dazu muss der oder die zu Portraitierende selbst wissen, wer er oder sie wirklich ist. Bekanntlich weiß das längst nicht jede/r und wenn das der Fall ist, entstehen unter Umständen technisch und bildkompositorisch perfekte und interessante Fotos aber wieder Portraits, denen es letztlich an Authentizität fehlt. Es ist nicht wirklich der Mensch wie er ist portraitiert, sondern auf dem Foto ist nur die Abbildung des Selbstbildes des jeweiligen Menschen bzw. seines Wunschtraums von sich selbst, zu sehen. Kann auch sehr aufschlußreich und interessant sein aber …

In einer Zeit, in der wir unausgesetzt aufgefordert werden, uns selbst zu optimieren und zu perfektionieren, in der der Schein häufig mehr zählt, als das Sein (und viele sich einreden, das sei gar nicht so!) und der Hochglanz Triumphe feiert, nimmt - fürchte ich - auch die Bereitschaft ab, sich authentisch zu präsentieren. Und es ist vielleicht noch schwerer geworden, für sich selbst herauszufinden: »Wer bin ich tatsächlich? Was ist die Essenz meines Wesens, was ist mein Kern? Was ist mein Fundament, auf dem ich stehe?

Ihr merkt schon, es ist schwierig! Da fällt es natürlich viel leichter, einfach nur mit der Digitalkamera draufzuhalten und ein bisschen zu photoshoppen bzw. gleich ein Selfie zu machen und sich da fix »in Szene« zu setzen. Für alltägliche Zwecke reicht das natürlich auch.

Gute Portraits erzählen viel (was häufig genug nicht mal den Portraitierten bewusst ist), aber dafür muss der Betrachter auch willens sein, so ein Portrait auf sich wirken zu lassen, genau hinzuschauen und sozusagen »hinzuhören« was das Portrait ihm erzählt. Das wiederum erfordert Zeit, und die sind viele gar nicht (mehr?) bereit aufzubringen. Schon gar nicht, wenn es »Portraits« und Selfies in Massen gibt und dazu noch all die anderen Millionen Fotos, die pro Tag auf den üblichen Foto-Plattformen und in den Foto-Communities hochgeladen werden und in einem schier endlosen Stream (Fluß) an unseren Augen vorbeirauschen.

Wie schon gesagt, ich selbst bin ungern vor einer Kamera aber als ich jetzt über Portraits nachdachte, dachte ich u.a. es gäbe einige ganz wenige Fotografen/Fotografinnen, die ich - hätte ich die Chance und obendrein auch den Mut dazu - gerne bitten würde, ein Portrait von mir zu machen. Ich wäre sehr gespannt, was für Portraits dabei heraus kämen. Wie authentisch ich auf den Fotos tatsächlich wäre und ob ich am Ende vielleicht sogar mit den Portraits von mir versöhnt wäre.

11 Gedanken zu „Laura Dart und/oder: Die Kunst des Portraits

  1. Neugierig: Wie bist Du denn auf diese Fotografin gestoßen?
    Ja, die Menschen auf den Bildern sehen so innig mit sich aus, besonders der ältere Mann in der Bonsaiglashütte…

  2. Ich bin vor einigen Tagen irgendwo beim Surfen durch’s Internet auf ihren Namen gestoßen. Da hab ich dann im Internet nach ihr gesucht, bin auf ihre Seite gestoßen und voilá.

  3. Die Fotos, hier oben sind schön - unbearbeitet und uninszeniert sind auch sie nicht. Wirklich authentische Fotos, die eine Persönlichkeit eingefangen haben, gibt es die wirklich? Sind wir, jeder einzelne, dafür nicht viel zu facettenreich? Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse, auch was seine Selbstdarstellung betrifft und diese Bedürfnisse ändern sich ggf. auch im Laufe des Lebens.

    Es ist vielleicht auch eine Frage des Blickwinkels, der Absicht der Fotografin/des Fotografen. Man kann Fotos für den außenstehenden Betrachter machen und damit letztlich für die eigene Reputation, das eigene Portfolio, oder aber, man macht Fotos für den Menschen, den man fotografiert und versucht ihn durch seine eigenen Augen, seine eigenen Wünsche zu sehen. Wenn das gelingt, ist es dann authentisch? Auch im Auge des nicht fotografierten Betrachters?

    Wie Du schon sagst, es ist wirklich nicht einfach. 🙂

  4. Nein, pepa, unbearbeitet und uninszeniert sind sie auch nicht, da hast Du recht, aber alles sehr dezent finde ich.

    Mit meinen Gedanken zum Thema wollte ich übrigens nicht sagen, dass es nicht legitim wäre, sich auf die eine oder andere Weise portraitieren zu lassen. Jeder so, wie es ihm gefällt. Ich habe eher versucht in Worte zu fassen, was ich selbst für »authentisch« (Achtung Modewort!) halte oder noch besser, was mich bei Portraits anspricht.

    Interessant finde ich Deine Anmerkung, dass sich das Bedürfnis ob und wie man sich portraitieren lässt, im Laufe eines Lebens ja auch noch ändert bzw. ändern kann.

    Wenn’s einfach wäre, wäre es vermutlich auch gar nicht so spannend und interessant! 🙂

  5. Hi zusammen,

    jetzt muss ich aber auch noch was dazu senfen. Ich fürchte, es gibt keine Portraits. Schon gar nicht in der Fotografie. Was hier so übertragen wird ist die Vorstellung aus der bildenden Kunst, die das »Wesen« hinter dem »Wesen« sucht. Das Bild hinter dem Bild. Beim Foto ist das eher die schwierige Sache, weil da natürlich das Ideal des Naturalismus mit reinspielt. Eben die Abbildung der Bildes.

    Da ist jedes Bild so gut wie keins. Denn ist sind gefrorene Sekundenbruchteile heutzutage.

    Aber abrückend vom zuvr gesagten: Es handelt sich ja immer um Reduzierung. Vom Raum in die Fläche, von der Farbe in den Farbraum, von der Perspektive und der Schärfe … Es ist somit immer alles am Ende doch Inszenierung. Daher, eher umgekehrt, zeigen die Selfies dies am wenigstens ungekünstelt (authentisch).

    Wenn man so will zum Beispiel bei August Sander Selfies mit Hilfestellung (http://jawhiriaahmed.blogspot.de/2010/04/august-sander.html). Bei Newman (Beispiel: http://jozefpronek.livejournal.com/95655.html) die Reduktion auf einen Personenaspekt.

    Aber das nur am Rande erwähnt. Ich glaube, ein Schuss Naivität tut nicht schaden und ein bisschen mehr drauflos bringt schon auch was. Sobald man sich mit all dem theoretischen, praktischen und technischen Gedöns zu viele Gedanken auflädt, ist alles zur Not vorbei.

  6. Oh, welche Ehre! Der Huflaikhan!! 🙂

    Tja, ich gestehe, ich habe sehr sehr subjektiv zum Thema geschrieben. Was ich denke und empfinde, wenn ich Portraits sehe, und sie bei mir ein Echo auslösen oder eben keins.
    Ansonsten muss ich jetzt erstmal nachdenken über Aussagen wie:

    »Ich fürchte, es gibt keine Portraits« (in der Fotografie) sondern höchstens die Abbildung des Bildes.

    »Es ist somit immer alles am Ende doch Inszenierung« … hier schwant mir, dass das tatsächlich wahr sein könnte … obwohl vielleicht gibt es doch Ausnahmen. Vielleicht nicht, dass alle Portraits eines Fotografen ohne Inszenierung wären aber doch einzelne Portraits so nah und dicht sind, dass Inszenierung auf ein absolutes Minimum reduziert ist. Was, wenn ein Fotograf jemanden fotografiert, der sich dessen gar nicht bewusst ist, also sich folglich auch nicht in Szene setzen konnte? Keine Ahnung, ich denke wieder naiv vor mich hin …

  7. Ach was naiv. Naiv ist ja nicht schlecht, es kömmt drauf an. Tendentiell geht es ja bei meinem Gedanken auch eher in Richtung: Man ist dabei und schnappt auf und wenn man Glück hat, zeigt sich eine Übereinstimmung, dessen, was man von und zu der Person denkt und dem, wie sie im Bild ist. Ein Hauch von dem und ein Hauch von dem.

    So empfinde ich persönlich es immer noch an angenehmsten, wenn ich die Menschen von der Seite habe. Oder, wenn von vorne, im stillen Einverständnis.

  8. Als nicht primär visueller Mensch stellt sich mir auch die Frage, warum wir das eigentlich wollen, den Kern der Persönlichkeit in einem Foto einfangen?
    In einem Film sehe und höre ich schon viel mehr, aber nichts ersetzt (mir) die direkte Kommunikation.

    Und auch das unbemerkte Fotografieren eines Menschen ist eine Inszenierung, wenn auch eine einseitig vom Fotografen geleitete. Schon allein eine Veränderung des Kamerawinkels ergibt selbst bei vollkommen identischer Haltung und Mimik des »Opfers« später eine ganz unterschiedliche Wahrnehmung der Person.

  9. @ Huflaikhan Also doch eher der Zufallstreffer, bei dem ein Hauch zum anderen kommt. 🙂

  10. @ pepa - Ich bin sicher ein visueller Typ aber selbst ich würde nicht von vornherein bzw. ausschließlich mit dem Ziel »den Kern der Persönlichkeit« einzufangen an ein Portrait gehen. Ich bin nicht mal sicher, ob das wirklich klappen würde. Ich meine, da müsste man jemanden schon sehr sehr gut kennen. Ich würde es vielleicht anders herum formulieren: Wenn es einem Fotografen gelingt etwas vom Kern eines Menschen auf ein Foto »zu bannen« (vielleicht sogar völlig unbeabsichtig), dann spricht das Foto die Betrachter auch hmm … irgendwie besonders an. Ach, ich weiß nicht, wie ich in Worte fassen soll, was ich meine. Menno!

    Abgesehen von meinem Gestammel hier … stimme ich Dir zu, dass direkte Kommunikation einem reinen Bild/Foto natürlich überlegen ist.

  11. Neinnein, gar kein Gestammel!

    »Etwas vom Kern eines Menschen« - ich finde das ganz schwierig zu definieren.
    Ist nicht viel wichtiger, was der Fotografierte in sich selbst sieht und dargestellt haben möchte, als das, was seine Umwelt in ihn hineininterpretiert? Auch auf die Gefahr hin, dass es dann eben im Betrachter nichts zum Schwingen bringt - denn das, was da zum Schwingen gebracht wird, muss ja im Betrachter schon angelegt sein.

    (BOAH, ist das schwierig! 😉 )

Kommentare sind geschlossen.