Mecklenburg-Vorpommern

Dörfliche Soundcollage

Ein einzelner abgehackter Ruf. Ein aus dem Schlaf aufgeschreckter Vogel, der gleich wieder verstummt. Zu früh, noch kein Lichtsaum am östlichen Himmelsrand. Kann Vögeln etwas peinlich sein?

Wenig später das dumpfe leise Muhen der Kühe oben in den Ställen der landwirtschaftlichen Genossenschaft. Geklirre und Gepolter dann – Melkzeit.

Herannahendes Motorengeräusch, leises Autotürklappen, noch leisere Schritte, das gummierte Ploppen von Briefkästenklappen – der Zeitungsbote.

Noch ein paar Minuten, vielleicht eine Viertelstunde, Stille. Dann plötzlich zwei, drei Vogelstimmen. Immer mehr fallen ein in den morgendlichen Chor. Der wird nur ab und an vom Krähen der Hähne übertönt, die sich gerne in einen Wettstreit verwickeln lassen. Wer macht den letzten Schrei? Du? Nein, ich! Denkste! Ich!

Haustüren öffnen sich schleifend, Schlüssel klimpern, knarrende Garagentore, Autotüren klappen, Motoren springen – mal geschmeidig, mal stotternd – an, Autoräder rollen knirschend über Sandwege und holpern über die kopfsteingepflasterten Dorfstrassen.

In den Baumwipfeln rühren sich die Krähen leise, bevor sie sich fast zeitgleich plötzlich in einer schwarzen riesigen Wolke aus Federn, Abenteuer- und Rauflust aus den Zweigen erheben und laut krächzend ihre ersten noch taumelnden Runden ziehen.

Lautes näherkommendes Rumpeln, der Schulbus erreicht das Dorf, das Geräusch der sich automatisch aber ächzend öffnenden Bustüren. Er verschluckt die Handvoll müder, wartender Kinder und entfernt sich wieder rumpelnd.

Vom See herauf tönt das „räb räb“ der Stockenten, das schrille aufgeregte Gefiepe der Bläßhühner, die von früh bis spät miteinander streiten, das Gelächter der Möwen, das Platschen springender Fische, und wenn der Wind geht, das raschelnde Rauschen des Schilfrohrs.

Irgendwo wirft einer seine Motorsäge an, die sich in den nächsten Stunden immer wieder aufheulend, nimmersatt durch dicke Holzstämme fressen wird. Irgendwann gesellt sich das regelmäßige leisere Geräusch einer Axt, die auf trockenes Holz trifft, hinzu. Wenn es verstummt, heult die Motorsäge immer noch weiter. Verstummt auch die Motorsäge schließlich, nur noch das sich wiederholende stakkatohafte Klopfen der eifrigen Spechte drüben an den morschen Bäumen am See und im Wald.

Je höher die Sonne steigt, je wärmer ihre Strahlen werden, desto lauter das Surren der Fliegen, das Summen der Bienen, das helikopterartige Brummen der Hummeln und das gelegentliche Schwirren blauschillernder Libellen.

Am späten Nachmittag Kindergeschrei und -lachen aus den Gärten und vom Seeufer herauf.
Ab und an aufgeregt bellende Hunde in ihren Zwingern. Streitende Katzen, die schließlich schreien wie kleine Kinder.
Der helle Klang von Fahrradklingeln; manchmal kurz darauf ein einsamer Schlag der alten Kirchglocke, die heute nur noch Dorfglocke ist, weil ihr im Laufe der Zeit die Kirche zu einer Ruine verfallen ist. Die Touristen können ihr einfach nicht widerstehen. Einmal, nur einmal müssen sie den Klöppel anschlagen lassen (nur ganz wenige Gierige schlagen noch einmal an). Der einzelne Glockenschlag zur Unzeit verrät auch noch den blinden Alten im Dorf, dass Fremde im Ort unterwegs sind (die Sehenden haben es natürlich längst mitbekommen. Dorfaugen entgeht so schnell nichts).

Ein älterer Mann, vielleicht ist es auch eine Frau, auf einem knatternden verstaubten Mofa, unterwegs in das nächstgelegene Städtchen.
Laute Mopeds der gelangweilten Dorfjugend im nie endenden Wettbewerb, wer die meisten Stundenkilometer aus seinem Moped herausfrisiert.
Das laute Hupsignal des mobilen Dorfbäckers, das blecherne Geläut des mobilen Fleischers. Stimmengewirr, die Wartezeit in der Schlange lässt sich mit dem neuesten Dorfklatsch gut aushalten.

Klopfende tuckernde Motoren der Traktoren, immer hin und her, hinein und hinaus aus dem Dorf zu den Äckern und Feldern und wieder zurück ins Dorf, wo sie ihre Steinlast, mühselig von den Feldern gesammelt, abladen. Das satte tiefe Muhen der Kühe auf den Weiden. Die gedüngten Wiesen werden zum Tummelplatz von riesigen Schwärmen weißer Möwen, die kreischend wellenartig auf und nieder sinken, als wären sie immer noch über der See. In den Feldern Ansammlungen von Schwänen, die das frisch sprossende Grün systematisch abgrasen.

Irgendwann kehren die Autos vom Morgen zurück ins Dorf, manche erst, wenn es schon wieder dunkel wird. Man hört sie wegen des Kopfsteinpflasters schon von weitem. Ersterbende Motoren, Autotürknallen, Schlüsselgeklirr, Hunde, die außer Rand und Band geraten. Endlich heraus aus den Zwingern und hineinlaufen in die endlose Landschaft, vielleicht manchmal auch etwas hineinjagen in den Wald. Dann sieht man die Menschen alleine und schimpfend heimkehren mit lose baumelnden Hundeleinen in der Hand.
Das Vieh auf der Weide brüllt laut und wandert Richtung Ställe – Melkzeit.

Am späten Abend, wenn die Dunkelheit heraufzieht, fliegen die großen Schwärme von Wildgänsen und Kranichen mit ihren trompetenhaften Rufen über die Dächer des Dorfes, auf dem Weg zu ihren nächtlichen Ruheplätzen am See. Von dort wird man sie noch bis weit in die Nacht hinein hören, bis endlich auch dort Stille einkehrt.

Noch das Bellen eines Fuchses draußen am Waldsaum, ab und an das Rascheln erschreckt flüchtender Rehe irgendwo im Unterholz. Ein letztes „Huh-Huhuhu-Huuuh“ vom Waldkauz, der sich auf seine ansonsten lautlose Jagd begibt.

12 Gedanken zu „Dörfliche Soundcollage

  1. Meine Collage setzt sich aus ähnlichen Lautbildern zusammen, daher empfinde ich sie wunderbar von dir in Szene gesetzt und erkenne so einiges wieder….selbst mich mit der Hundeleine 😉

    Und nun da die Stille vorherrscht, schleich auch ich mich leise von dannen…..

  2. Was für ein toller Text. Ich stelle mir den auch vor Ort vorgelesen sehr klasse vor.

    Frau Liisa, werden Sie doch bitte Vorleserin …

  3. @ Gabriela – das kann ich mir vorstellen, dass Dir diese Soundcollage bekannt vorkommt! :)))

  4. @ Indica – vielen Dank, Frau Indica. Freut mich sehr, dass Ihnen der Text so gut gefällt. Ob ich mich allerdings als Vorleserin wirklich eignen würde. Für den Hausgebrauch mag es reichen aber darüber hinaus vermutlich eher nicht.

  5. Exzellent geschriebene Beobachtungen!
    Gekonnt kriegst du den Bogen von den morgendlichen Abfahrgeräuschen bis zu denen der Heimkehrer am Nachmittag. Die gesamte Natur auch dabei! Ich habe es SEHR genossen!!
    Gruß von Sonja

  6. Die Schilderungen sind so realistisch, dass ich beim Lesen den Eindruck habe als sei ich in meinem Heimatdorf in der Mecklenburgischen Schweiz. Wenn ich aber aus dem Fenster schaue, stelle ich mit Erschrecken fest, dass ich 800 km entfernt bin.

  7. @ Sonja – Vielen Dank, Sonja! Freut mich sehr, dass Du den kleinen Geräusch-Ausflug genossen hast.

  8. @ Bernie – Na, wenn die Soundcollage den Effekt hat, dass sie Dich wieder nach Hause in Dein Dorf lockt, bin ich ja doppelt zufrieden. 😉

  9. Wunderbar, und alles sehr vertraut. Nur Mofa fährt hier keiner. (gottlob) Aber warum eigentlich nicht? Muß ich mal rausfinden.

  10. Ich mag deinen blog und schaue regelmäßig rein. Schön diese geräuschcollage!

  11. @ Friederike – ja, ich denke mir, dass es bei Dir sehr ähnlich klingt. Immerhin hier fahren (noch) ein paar Mofas und Mopeds, sprich es ist noch ein Rest Dorfjugend vorhanden. Ist ja für die Gegend hier durchaus nicht selbstverständlich.
    Vielleicht fährt bei Dir in der Gegend die Jugend einfach schneller (eigene) Autos und daher fahren keine Mofas oder Mopeds?

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