Privates

Ängste, von denen man nicht dachte, sie mal zu entwickeln

blauer Himmel - © Liisa

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Angst vor der Frage »Und? Wie ist das Wetter bei Euch?« entwickeln würde. Hab ich aber in letzter Zeit. Das liegt daran, dass der Großteil der Anrufer, die diese Frage stellen, im Süden Deutschlands beheimatet ist. Und leider haben sie seit Monaten einfach nur grausliges Wetter. Nebel, Dauerregen, grau in grau, Temperaturen um die 0° C oder knapp darüber, dann wieder Schneefälle, Überflutungen, Erdrutsche usw. usf.

Je länger das so ging, desto größer wurde meine Angst. Das Telefon klingelt und die automatische Nummernanzeige offenbart mir, ein Anrufer aus dem Süden. Soll ich das Gespräch wirklich annehmen? Aber ja doch! Gespräch annehmen und leise die Sätze zählen, bis die Frage kommt: »Und? Wie ist das Wetter bei Euch?« Ich komme beim Zählen nie bis zehn! Und trotzdem fühlt sich die Wartezeit auf diese inzwischen unvermeidlich gewordene Frage wie eine Ewigkeit an. Ich fürchte mich vor dieser Frage, denn ich muss natürlich antworten und das fällt mir zunehmend schwerer.

»Also, sag schon: Wie ist das Wetter bei Euch?« »Drücken Euch die finsteren schweren Regenwolken auch so nieder wie uns?« »Könnt Ihr das Nachbarhaus wegen des dichten Nebels (wahlweise auch Regens oder Schneefalls) auch nicht mehr sehen?« »Habt Ihr auch schon Rückenschmerzen vom Schneeschippen (wahlweise auch Wasser aus dem Keller schöpfen)?« So prasseln die Fragen auf mich nieder, während mein Blick aus dem Fenster in die Mecklenburgische Weite irrt. Und was sieht mein Auge (meistens jedenfalls)? Superblauen Himmel! Manchmal hier und da kleine weiße Wölkchen, die lustig ihres Weges ziehen. Eine runde, fröhliche, vor sich hin strahlende Sonne.

Ich murmle irgendetwas Unverständliches vor mich hin und hoffe, dass das als Antwort durchgeht. »Wie bitte? Was hast Du gesagt?« schallt es aus dem Telefon. Ich rette mich erstmal in Mitleidsbekundungen über die wirklich desolate Wetterlage, meiner Anrufer. Damit gewinne ich ein paar Sekunden, wenn es gut geht sogar Minuten, bevor ich nach einigem Herumgedruckse, endlich mit der Wahrheit herausrücken muss.

Dann herrscht erstmal Stille. Kein Wunder, die Lieben müssen erstmal verdauen, was sie da eben gehört haben. Nicht selten kommt die ungläubige Rückfrage »Wirklich?« »Das meinst Du jetzt nicht ernst, oder?« Meine Anrufer sind liebe Menschen, deshalb bemühen sie sich, ihre Fassung schnell zurückzugewinnen und murmeln dann Sätze wie »Ach, das ist ja schön für Euch!« oder »Ja, genießt sie nur, die Sonne! Wir würden ja ein Königreich und notfalls sogar unser Kind für ein paar Tage Sonne geben!« und dann »Ja, dann macht’s gut und wir sprechen uns bald wieder!«. Das Telefonat ist beendet und beim mir beginnt ein neuer Zyklus der Angst vor dem nächsten Anruf aus dem Süden und der Frage »Und? Wie ist das Wetter so bei Euch?«

9 Gedanken zu „Ängste, von denen man nicht dachte, sie mal zu entwickeln

  1. @ Sammelmappe - ja, das haben wir auch schon mehrfach zueinander gesagt. Wir hatten scheint’s das perfekte Timing. Im vergangenen Jahr war es hier schon um einiges besser als in der alten Heimat und dieses Jahr schon gleich dreimal besser. ;o) Naja, wer weiß, wie es im nächsten oder übernächsten Jahr wird, vielleicht kehren sich ja dann die Verhältnisse wieder um oder gleichen sich zumindest wieder etwas an. Wir sind jedenfalls schon recht froh, dass uns dieses lange kalte, regnerische Wetter mit späten Schneefällen, etc. wie im Süden erspart geblieben ist.

  2. Schmunzelgruß von einer, die auch in diesem Paralleluniversum lebt. Leider haben es jedoch ( von uns aus gesehen ) noch zu wenige Touristen begriffen wie sonnig die Zeiten hier zu verbringen sind.
    Winke nach *nebenan* 🙂

  3. Eure Ecke ist aber wirklich eine bekannte Schön-Wetter-Ecke! Ich weiß das von vielen Sommerurlauben nicht so weit von Euch entfernt. Wir hatten dort fast immer tolles Wetter, während es woanders, z.B. auch hier an der Nordsee, Sauwetter gab. Also musst Du wohl versuchen, Deine Schuldgefühle zu überwinden. Denn (toi,toi,toi) wenn alles so bleibt wie ich es kenne, wohnt Ihr eben in einer richtigen Schön-Wetter-Ecke…

  4. @ Gabriela - ja, es ist wirklich erstaunlich, aber selbst Freunde tun sich schwer damit, zu glauben, wie schön es hier nicht nur landschaftlich sondern auch wettertechnisch ist. Liegt glaube ich z.T. auch daran, dass die Wetter-News aus dem westlichen Norddeutschland oft schlecht sind und die Wetter-News aus dem östlichen Teil seltener erwähnt werden (ist mir z.B. bei den Wettermeldungen nach den Nachrichten schon öfter aufgefallen). Dann schlußfolgern die Leute, es sei im ganzen Norden so wie im westlichen Norden. Nur wer schon öfter hier war, wie z.B. Anne, hat begriffen, dass Nord-West-Wetter nicht gleich Nord-Ost-Wetter ist.

  5. @ Anne - Wo hast Du denn hier Urlaub gemacht, wenn ich fragen darf? Ich denke, es wird mir gelingen, meine Schuldgefühle zu überwinden. ;o)

  6. @ Holunder - dankeschön! Freut mich, dass Ihr da im Süden zumindest mal ein wenig die Sonne sehen konntet! Wünsche Euch eigentlich mehr davon, aber heute in den Nachrichten kündeten sie schon wieder neue Niederschläge für den Süden an. 🙁

  7. Ich habe Urlaube bevorzugt an der Ostsee verbracht: Rügen, Graal-Müritz, Boltenhagen, Timmendorf, Scharbeutz, polnisches Pommern - und wir hatten bis auf einmal immer tolles Wetter, z.B. auch wenn es in Niedersachsen einen nasskalten Herbst gab, hatten wir an der Ostsee richtig goldene warme Oktobertage und im Sommer war es immer wunderbares Wetter.

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