Aids/HIV ·Soziales

Welt-Aids-Tag 2008

© PKV
»Ach, schon wieder Welt-Aids-Tag!« mag mancher heute denken und sich achselzuckend oder sogar leicht genervt ab- und anderen Themen zuwenden. Hat man doch alles schon zigmal gehört, gesehen und überhaupt! Und trotzdem:

Heute ist Welt AIDS-Tag und wie schon in den vergangenen Jahren soll es hier bei Charming Quark auch dieses Jahr wieder etwas zu diesem Thema zu lesen geben und ich bitte herzlich darum, klickt nicht gleich weg. Nehmt Euch die Zeit und lest den Eintrag. Informiert Euch wo heute die Möglichkeit dazu geboten wird, engagiert Euch, wo und wie es Euch möglich ist.

AIDS hat heutzutage in der Welt zwei Gesichter.
In den reichen Ländern der Erde ist es eine belastende und unheilbare Langzeiterkrankung. Die Zahl der AIDS-Toten in Deutschland beispielsweise ist im Jahr 2007 - zu dem nun gesicherte Zahlen vorliegen - gesunken.

2007 sind 461 Menschen in Deutschland an Aids gestorben. Im Jahr davor waren es noch 504 Menschen. Durch die Fortschritte in der Behandlung und Forschung hat sich zudem die Lebenserwartung von Menschen mit HIV vergrößert.
Das Sterbealter lag 2007 bei 50 Jahren, wobei Frauen im Schnitt 49,4 Jahre und Männer 50,1 Jahre alt wurden. Vor zehn Jahren lag das durchschnittliche Sterbealter noch bei 42 Jahren. 81 Prozent der Verstorbenen im Jahr 2007 waren Männer.

Eigentlich Zahlen, die Anlaß zu etwas Hoffnung und Freude geben könnten. Eigentlich! Tatsächlich aber verursachen die Zahlen und Fortschritte aber eine negative Entwicklung. Die Krankheit wird hier bei uns und in anderen reichen Ländern nicht so ernst genommen, wie sie genommen werden sollte. Auch das schlägt sich prompt in den Zahlen nieder, denn die Zahl der Neuerkrankten hat leicht zugenommen. Die Zahl der Neuerkrankungen hat im Vergleich zum Vorjahr um 100 Fälle auf circa 2800 HIV-Neuinfektionen im Jahr 2007 zugenommen. In Berlin beispielsweise infiziert sich jeden Tag 1 Mensch mit Aids! In Hamburg stieg die Zahl der Neuinfektionen besonders stark an. Während sich 2001 etwa 75 Menschen ansteckten, waren es 2007 schon 215. In Hamburg leben mehr als 6000 Menschen mit Aids.

Viele Menschen in den reichen Ländern glauben inzwischen, dass es gar nicht mehr so dramatisch ist HIV-infiziert zu sein. Das Sterben der Erkrankten in diesen Ländern läuft still und leise ab. Kaum jemand bekommt davon tatsächlich etwas mit. Betroffene reden nicht über die Erkrankung aus Angst vor Diskriminierung. Denjenigen, die »Langzeitüberlebende« sind, scheint es aus der Sicht Außenstehender - so die es überhaupt mitbekommen - gut zu gehen. Also warum sich groß Sorgen machen? Warum sich schützen? Warum vor HIV/Aids warnen?

Die Wahrheit aber sieht anders aus. Sicher, die Betroffenen leben häufig viel länger als zu Beginn der Epidemie aber ihr Leben ist beileibe kein Zuckerschlecken. Es ist kein Vergnügen, diese Krankheit in sich zu haben. Viele sind sehr geschwächt, kämpfen ständig gegen Begleiterkrankungen, können nicht mehr erwerbstätig sein und sind auf Hartz IV und Sozialhilfe angewiesen. D.h. dass zur gesundheitlichen Belastung (körperlich und psychisch) häufig auch noch wirtschaftliche Sorgen und Existenzängste kommen. Auch die Folgen der sozialen Isolation in der viele Betroffene leben, werden häufig unterschätzt oder nicht bedacht.
Die ersten Aids-Langzeitüberlebenden klopfen an die Türen von Altersheimen und Alterspflegeheimen. Dort ist man aber häufig auf solche Bewohner/Gäste gar nicht eingestellt und wehe, es wird im Heim bekannt, dass jemand dort wohnt, der HIV-infiziert ist oder bei dem Aids ausgebrochen ist!

Darum ist es wichtig, HIV/Aids auch hier bei uns immer wieder zum Thema zu machen, aufzuklären, zu warnen und Präventivmaßnahmen zu ergreifen. Darum ist es wichtig, sich selbst und andere immer wieder wachzurütteln, damit wir nicht abstumpfen gegenüber diesem Thema und in der Wachsamkeit nachlassen.

Übrigens, insgesamt leben derzeit in Deutschland circa 59.000 Menschen, die an Aids erkrankt sind. Seit Beginn des ersten dokumentierten Falls in Deutschland im Jahre 1982 wird die Anzahl der an Aids-Erkrankten auf circa 86.000 geschätzt, von denen bisher circa 27.000 Personen verstorben sind.

Und nun zum zweiten Gesicht von Aids. Es ist das Gesicht, das die Krankheit in den armen Ländern, vor allem in Afrika, Asien Südamerika aber auch Teilen Ost-Europas zeigt.
In den armen Ländern gilt trotz aller medizinischen und wissenschaftlichen Forschungs-Fortschritte auch heute noch AIDS = Tod!

Am schwersten betroffen ist nach wie vor Afrika. 1,5 Millionen oder 75 Prozent der weltweit geschätzten Todesfälle entfielen 2007 allein auf die afrikanischen Länder südlich der Sahara. 22 Millionen oder 67 Prozent aller weltweit HIV-infizierten Erwachsenen und Kinder lebten dort. Die Neuinfektionen machten 1,9 Millionen oder 70 Prozent der weltweit geschätzten Fälle aus. UNAids zufolge trugen im Jahr 2007 in dieser Region rund fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung das Virus in sich.

Die Zahl der Infizierten wird weltweit auf 35 ? 40 Mio. Menschen geschätzt, davon sind 4 Mio. Kinder unter 14 Jahren.

Trotz aller Appelle und Bemühungen, stehen immer noch viel zuwenig bezahlbare Medikamente in diesen Ländern zur Verfügung, findet immer noch viel zu wenig Aufklärung statt, werden immer noch wahnwitzige Behauptungen und Gerüchte über die Krankheit und evtl. Heilungsmöglichkeiten kolportiert - teils sogar von staatlichen Behörden und Regierungsstellen.

Neun von zehn Kindern wird nach wie vor eine HIV/Aids-Behandlung vorenthalten und laut Unicef sterben täglich immer noch 800 Kinder an Aids. Zwischen 2005 und 2007 sind insgesamt 1,2 Millionen Kinder unter 15 Jahre an Aids gestorben. 90 Prozent der Kinder stecken sich bei der Geburt oder durch das Stillen an. Die Zahlen könnten bei minimalem medizinischen Aufwand drastisch gesenkt werden. Die Überlebenschancen dieser Kinder steigen um 75 Prozent, wenn sie innerhalb der ersten drei Monate medizinisch behandelt werden.

Jeden Tag kommen 6000 weitere Kinder zur Zahl der Aids-Waisen in Afrika! Über 15 Millionen Kinder weltweit haben ein oder beide Elternteile wegen Aids verloren, das entspricht der Bevölkerung von New York, Paris und Bangkok zusammengenommen. Viele dieser Kinder bleiben sich fast ganz allein überlassen und schlagen sich nur mühsam durch. Teilweise sind sie selbst auch erkrankt.

In Afrika kämpfen die Aktivisten noch mit einem weiteren Problem, dem Mangel an qualifiziertem medizinischen Fachpersonal. Es reicht eben nicht nur, Geld für die benötigten Medikamente locker zu machen, auch das Personal muß ausgebildet, fortgebildet und vernünftig bezahlt werden. Ärzte ohne Grenzen beispielsweise berichteten, dass im Bezirk Thyolo in Malawi eine einzige Krankenschwester 400 Patienten am Leben erhält, indem sie die lebensnotwendige Behandlung durchführt. Ihr Grundeinkommen beträgt jedoch gerade drei US-Dollar pro Tag!

Ich habe dieser Tage noch mal bei Freunden von mir in Afrika und Asien nachgefragt, die mit der Aids-Bekämpfung, Präventionsmaßnahmen etc. befasst sind und sie haben ebenfalls bestätigt, dass es zunehmend schwieriger wird qualifiziertes Personal zu rekrutieren und vor allem auch zu halten. Obendrein sterben leider auch Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte, die selbst an der Krankheit leiden immer wieder weg - oft in der Blüte ihrer Jahre - und hinterlassen schmerzhafte Lücken, die kaum zu füllen sind. Wie gesagt, gerade in Afrika ist es auch die mittlere Generation, die zu großen Teilen wegbricht.

Wer glaubt, das geht uns hier nichts weiter an, der irrt gewaltig. Die Folgen, des Wütens der Seuche gerade auch in Afrika sind noch gar nicht abzusehen und auch wir hier werden diese Folgen früher oder später zu spüren bekommen. Wegschauen, verdrängen ist leicht getan aber verwerflich. Jeder kann etwas beitragen zum Kampf gegen diese Seuche. Sei es, dass man sich selbst schützt und damit Verantwortung übernimmt, sei es, dass man auch seine/n Partner/in dazu anhält, sich zu schützen, sei es dass man im Freundes- und Bekanntenkreis versucht immer mal wieder aufzuklären, hinzuweisen auf entsprechende Literatur, Filme, Projekte etc., sei es, dass man sich praktisch irgendwo einbringt, sei es, dass man die lokale Aids-Hilfe in irgendeiner Art und Weise unterstützt (möglichst nicht nur einmal im Jahr am 1. Dezember!), sei es, dass man die Organisationen finanziell oder falls man über entsprechende Qualifikationen verfügt auch ganz praktisch unterstützt, die sich weltweit für Betroffene einsetzen und versuchen zu helfen.

Als letztes möchte ich Euch auch noch den heutigen Themenabend Aids - Die Seuche des Jahrhunderts bei Arte ans Herz legen.

Weiterführende Links:

Welt Aids Tag 2008
UNAIDS
Deutsche Aids-Hilfe e.V.
Deutsche Aids Stiftung e.V.
Netzwerk der Angehörigen von Menschen mit HIV und Aids e.V.
Ärzte ohne Grenzen zum Welt Aids-Tag 2008

Frühere Beiträge zum Thema Aids/HIV hier im Blog

4 Gedanken zu „Welt-Aids-Tag 2008

  1. Ein sehr guter Artikel zur Darlegung der gegenwärtigen Welt-Aids-Lage. Danke, dass Du ihn geschrieben hast.

  2. Ich danke auch; du hast dir viel Arbeit gemacht. Nein, vergessen darf man das nicht, aber leider ist es in den Medien etwas in den Hintergrund geraten. Und wenn die nicht ‘Front machen’, entsteht leicht der Eindruck, dass es nicht mehr so gefährlich ist.

  3. Gerade sehe ich die erste Dokumentation beim heutigen Arte-Themenabend zum Thema Aids »Memory Books«. Die Dokumentation erzählt von ugandischen Müttern, die an Aids erkrankt sind und sog. Memory Books für ihre Kinder schreiben, damit diese sich später besser an sie und die Familiengeschichte erinnern können. Ich war fortlaufend den Tränen nahe, denn so vieles in der Dokumentation hat mich an meine Zeit in Afrika erinnert. Dieser Moment, als die Krankenschwester den beiden Frauen ihre Resultate des Aids-Tests mitteilte - die eine HIV-positiv, die andere gesund - deren Reaktionen auf das Ergebnis. Wer selbst solche Szenen noch nie erlebt hat, macht sich keine Vorstellung davon. Die Bilder der Dokumentation vermitteln zumindest eine Ahnung aber die kommt noch lange nicht an das wahre Erleben heran. So etwas vergißt man nie wieder!

    Die Aufnahmen in dem Krankenhaus, die Krankenschwester, die selbst HIV-positiv ist und andere Kranke pflegt und Betroffene tröstet.

    Und dann die Kinder, die fürchten, dass Mutter oder Vater bald an Aids sterben werden oder die ihre Eltern schon verloren haben und nicht wissen wohin und es sind eben nicht nur ein paar wenige Kinder - es sind sooooo viele!

  4. @ Ingi - Leider ist das inzwischen so, dass Themen nur Themen sind und bleiben, wenn sie in den Medien dazu gemacht werden bzw. immer wieder auf den Tisch kommen. Einmal im Jahr - eben zum 1. Dezember - stürzen sich dann (fast) alle auf das Thema und für den Rest des Jahres herrscht dann wieder ziemlich Flaute.

    In dem Zusammenhang dachte ich heute, dass schon eine Menge gewonnen wäre, wenn man nur ein Viertel der Sendezeit, die Woche für Woche für Filme, Dokumentationen etc. über die NS-Zeit im Deutschen Fernsehen verwendet werden, für das Thema HIV/Aids bzw. die Prävention nutzen würde. Versteh mich keiner falsch: Die Aufklärung über das, was in der NS-Zeit passiert ist, ist wichtig und darf nicht aufhören aber manchmal denke ich, dass das inzwischen auf manchen Sendern Ausmaße annimmt (und manche sich auch eine goldene Nase damit verdienen), die eher das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich bewirkt werden soll.

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