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Fotos und ihre Geschichten

drei Zulus - © Liisa Anderson

Thorsten Konigorski, der ein immer interessantes Blog rund um Musik schreibt, hat mich heute mit einem Stöckchen überrascht – nein, nicht zu einem musikalischen Thema sondern zum Thema Fotografie. Auslöser dieser Stöckchenwurf-Aktion ist der auch von mir sehr geschätzte Ralph Segert. Es geht darum, sein schönstes Foto samt der dazugehörigen Geschichte zu posten.

Tja und da hieß es dann gut überlegen und das passende Foto finden. Entschieden habe ich mich für das obige Foto. Wer jetzt anmerkt, das Foto sei aber nicht „schön“, der hat teilweise recht. Allerdings liegt Schönheit auch im Auge des Betrachters und für mich ist es ein schönes Foto.

Aufgenommen ist es vor ungefähr 25 Jahren – damals natürlich noch nicht digital – bei meinem ersten Afrika-Aufenthalt, der mich für einige Zeit nach Südafrika und dort hauptsächlich in die Provinz Kwa Zulu führte. Wie der Name der Provinz schon verrät, leben dort in der Hauptsache Zulus (ja, der berühmt-berüchtigte Kriegerstamm). Die Würde, Fröhlichkeit und Musikalität der Zulus hat mich damals ungeheuer beeindruckt, genauso wie die große Armut, in der sie lebten und die Unterdrückung durch das Apartheid-Regime, der sie ausgesetzt waren.

Besonders die Kinder fielen mir damals auf und oft habe ich mich während des damaligen Aufenthalts gefragt, was für eine Zukunft sie wohl zu erwarten hatten. Würden die Jungen auch irgendwo in den Bergwerken und Minen enden? Würden sie, wie leider viele Zulus, Opfer des Alkohols werden? Würden die Mädchen früh verheiratet, ohne große Bildung bis zum Umfallen rackern und dabei die wachsende Kinderschar irgendwie großziehen müssen? Wie würde sich die heranwachsende Generation gegen die Apartheid und Unterdrückung wehren? All das waren Fragen, die mir damals durch den Kopf gingen, wenn ich die Kinder sah, die häufig eine fast schon erwachsene Ernsthaftigkeit an den Tag legen konnten, um dann im nächsten Moment in Giggeln und Gelächter auszubrechen.

Nicht ahnen – wohl aber hoffen – konnte ich, dass diese Generation das Ende der Apartheid erleben würde und so kam es dann ja auch. Sie haben einerseits tatsächlich mehr Hoffnung auf eine bessere Zukunft, als ihre Eltern sie hatten. Andererseits ist das die Generation, die den vollen Ausbruch von Aids in ihren Teenager- und Jugendjahren erlebten und viele von ihnen sind dieser Seuche inzwischen zum Opfer gefallen und haben ihrerseits ihre Kinder als Aids-Waisen zurücklassen müssen. Gerade in Südafrika ist die Situation auch bedingt durch die seltsamen Ansichten des gerade entmachteten Präsidenten Mbeki zum Thema Aids, alles andere als gut.

Das Foto nahm ich an einem Sonntag auf. Die christlich gewordenen Zulus strömten zuhauf in die Kirchen und selbstverständlich wurden auch die Kleinsten herausgeputzt, inklusive kleiner Anzüge samt Westen. Die drei Kerlchen saßen auf dem Rasen vor einer der Kirchen und warten auf den Beginn des Gottesdienstes. Sie waren damals 3, 4 und 5 Jahre alt. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich (leider) nicht aber sie und die anderen Kinder, die ich damals traf, sind mir nie mehr aus dem Kopf (und Herz) gegangen und diese Erinnerungen führten mit dazu, dass ich etliche Jahre später für einige Zeit nach Afrika zurück ging (diesmal nach Tansania) um dort in einem Waisenheim mitten im Busch ohne Strom und fließendes Wasser zu arbeiten.

Diese drei Kerlchen stehen für mich stellvertretend für die vielen immer noch so benachteiligten afrikanischen Kinder aber auch für ihre eigene inzwischen erwachsen gewordene Generation von denen so furchtbar viele elendig an Aids zugrunde gegangen sind und gehen. Deshalb ist für mich dieses Foto zwar nicht mein schönstes aber eines der für mich wichtigsten, weil es mich an die Zeiten in Südafrika und später auch Tansania erinnert, die nicht nur hart und traurig sondern auch voller schöner Erinnerungen und Begegnungen mit liebenswerten Menschen waren. Weil es mich mahnt, die Kinder und die Aids-Kranken in Afrika nicht zu vergessen, auch wenn ich selbst nicht mehr in Afrika vor Ort bin und das zu tun, was mir zu tun möglich ist.

So, und nun bitte bereit machen zum Auffangen des Stöckchen. Ich werfe es zu creezy (deren Fotos und Geschichten ich einfach mag), Pepa (nur wenn sie die Zeit dafür findet! – kein zusätzlicher Stress bitte! Sie darf es wenn sie will aber auch an Herrn Hufi weiterreichen!), an den von mir sehr geschätzten Herrn des hermetischen Cafés (der mir die Bitte sicher nicht abschlägt, oder?), an Ker0zene (der auch ein großartiger Geschichtenerzählter ist und der damit auch einen kleinen Anstoß bekommt, wieder einen neuen Blogeintrag zu schreiben) sowie an alle, die sonst Zeit, Lust, ein Foto und die dazugehörige Geschichte haben und mitmachen wollen.

13 Gedanken zu „Fotos und ihre Geschichten

  1. Ein zauberhaftes Foto von absolut goldigen, liebenswerten Kindern – ich finde es richtig schön. Und Deine Geschichte dazu ist sehr berührend. Hoffentlich hat nicht alle die Geißel Aids mit voller Wucht getroffen.

  2. Ich find das Foto sehr gut. Es hat noch etwas, was vordigital ist, eine recht seltsam interessante Tiefe und eigene Schönheit.

    Mein Stöckchen habe ich schon Thorsten (dank!). Und ganz stresslos bin ich ja nun auch nicht – wollte ich nur mal sagen 😉

  3. @ Anne: Das hoffe ich auch – aber die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens einer der drei später Aids bekommen hat, ist leider recht hoch.

    @ Thorsten: gern geschehen!

    @ Hufi: Oh, da hast Du natürlich recht, Du bist ja schon „beworfen“! Tja, dann „muss“ Pepa selber ran. Wie? Du hast Stress? Kann ich gar nicht nachvollziehen! ;o))))))

  4. Das Foto ist ein tolles Dokument und die Erinnerung dazu (eine) echte Geschichte. Vielen Dank für das Stöckchen. Ich will versuchen, ein schönes Foto herauszusuchen. Dauert aber ein bißchen.

  5. Doch, das ist ein schönes Foto. Ich rätsele die ganze Zeit am Gesichtsausdruck dieser drei kleinen Kerle herum. Sie haben etwas von Würde an sich und das nicht wegen der Anzüge 😉

  6. Oh eine spannende Geschichte, da muss ich wohl erst noch ein Weilchen suchen. Fürchte vor kommendem Wochenende wird es nix. ,-(

  7. Ich finde, diese Kinder sehen so erwachsen aus, und zwar die Gesichter. Ich hab mal mit der Hand am Bildschirm die Anzüge abgedeckt. Schon die Gesichter stehen in einem gewissen Widerspruch zum Kindsein der Kinder, meine ich. Und die Anzüge verstärken diese Diskrepanz noch.

    Ich fage mich, ob sie die Würde ausstrahlen, weil sie als Kinder schon so erwachsen aussehen, oder ob es daher rührt, daß sich – obwohl auf erwachsen gemacht – ihr Kindsein dadurch umso stärker mitteilt.

    Eher letzteres.

  8. @ creezy: Wir warten gerne bis Du soweit bist! 🙂

    @ Ingrid & Thorsten: Wie ich im Beitrag schon schrieb, strahlen viele Zulus eine natürliche Würde aus, das zeigt sich z.T. eben auch schon bei den Kindern (und das ist jetzt wirklich keine romantisierte Sichtweise auf den „edlen“ Wilden). Auf der anderen Seite ist es aber so, dass diese Kinder wirklich unter sehr harten Bedingungen lebten, so wie auch ihre Familien. Das Rausgeputztsein in den Anzügen für den Sonntag täuscht über die tatsächliche Armut in der sie lebten. Vielleicht führt die Erfahrung solcher Armut und des Kampfes um das alltägliche Ãœbernehmen auch dazu, dass ihre Gesichter schneller einen „erwachsenen“ Zug bekommen und es damit „würdig“ wirkt.

  9. Schönes Bild und interessante Gedanken dahinter! Das Stöckchen habe ich aufgefangen, die Antwort wird aber noch ein wenig auf sich warten lassen. Es ist im Moment einfach … , nein, lassen wir das jammern.

  10. Doch, das ist ein schönes Bild! Die Sonne auf der Stirn der Kinder, der Schatten an der Hauswand (Kirchwand) im Hintergrund. Wow.

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