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Volksverhetzung?

Ich rege mich schon seit Tagen auf und zwar über diese Geschichte hier. »Frechheit« ist im Grunde noch viel zu harmlos als Bezeichnung für das, was sich Springer da geleistet hat. Ich habe glaube ich irgendwann hier im Blog schon mal erwähnt, dass ich vor Jahrzehnten mal an einem Projekt beteiligt war, das die Rolle der Zeitungen im Zusammenhang mit der Machtergreifung der Nazis und der Judenverfolgung untersuchte. Seither bin ich was vergleichbare Entwicklungen etc. angeht höchst wachsam und sensibilisiert.

Der Hinweis, dass es sich ja »nur« um sog. »Schund«- oder Schmutzblätter handelt, die daran beteiligt sind, zieht nicht wirklich, immerhin werden diese Blätter massenhaft gelesen und nicht jeder macht sich lange Gedanken darüber, sondern mancher (zuviele) nimmt/nehmen das, was er/sie da liest/lesen als Fakt.

Der Hinweis, solche Scharmützel vor Fußballspielen bzw. -turnieren seien doch schon fast Tradition, mag zwar (leider) stimmen, ist aber auch keine Entschuldigung. Kloppen dann nämlich radikale Fußballfans im Anschluß (oder gar schon im Vorfeld) solcher Spiele aufeinander ein, ereifern sich dieselbe Presse wieder darüber, vergißt dabei aber gerne, dass sie selbst die Stimmung mit solchen Artikeln oder Bildern angeheizt hat.

Was durch solche Artikel bzw. Bildmontagen suggeriert wird, ist eine Feindschaft oder zumindest ein ziemlicher Haß zwischen Polen und Deutschland. Natürlich ist nicht zu bestreiten, dass das Verhältnis zwischen den beiden Völkern (durch Deutschlands Schuld!) nicht einfach ist. Gleichzeitig gibt es aber inzwischen viele Menschen, die unablässig daran arbeiten, dass gegenseitiges Vertrauen und Freundschaft wachsen können. Diese Bemühungen werden durch eine solche Art der Presse mindestens torpediert, was äußerst bedauerlich ist. Wie mögen sich z.B. Polen fühlen bzw. was mögen sie denken, wenn sie diese Titelblätter gesehen und gelesen haben und wissen, dass hinter dieser Darstellung »der Polen« letztlich ein deutsches Medienimperium steckt?

Das Argument, diese Artikel bzw. die dahintersteckenden Zusammenhänge einfach nicht zu beachten, um ihnen so nicht noch mehr »Bühne« zu bieten, ist ebenfalls nicht nützlich sondern eher gefährlich. So bürgert sich eine solche Art der Presse nämlich ein, wird als »normal« angesehen und »normal« ist das meiner Ansicht nach gar nicht und darf es auch nicht sein oder werden.

Ich habe mich tatsächlich gefragt, ob hier nicht schon eine Art von Volksverhetzung vorliegt und ob es eigentlich irgendwelche Möglichkeiten gibt, wegen dieser Geschichte juristisch gegen Springer vorzugehen - und komme mir jetzt keiner mit dem Totschlag-Argument »Presse-Freiheit«. Das hat nix mehr mit Presse-Freiheit zu tun, das ist nur noch Gossenjournalismus der übelsten Art - das ist zumindestens meine Meinung. Und das Springer sich jetzt hinstellt und so tut, als ob sie gar nichts damit zu tun haben, weil die beteiligten Blätter journalistisch unabhängig von einander arbeiten, zieht bei mir ehrlich gesagt auch nicht, denn Springer hat die Entscheidung wer für sie in den jeweiligen Blättern arbeitet und trägt die letztendliche Verantwortung.

Das einzig positive an der Sache ist, dass es etliche Zeitungen gab/gibt, die den Zusammenhang, dass nämlich letztverantwortlich Springer hinter diesen Zeitungen steckt, aufgedeckt haben und somit zumindest eine gewisse Aufklärung anbieten und sich sowohl in Polen als auch in Deutschland viele zu Wort gemeldet haben, die diese »Kampagne« als das bezeichnet haben, was sie ist und darauf hingewiesen haben, dass das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen so ganz gewiß nicht aussieht. Das ist erfreulich und zu begrüßen, darf aber trotzdem nicht dazu führen, diese ganze Angelegenheit zu verharmlosen, denn es gibt eben leider auch viele, die das anders sehen und für die solche Artikel nur Wasser auf ihre Mühlen sind. Wie heißt es so schön? »Wehret den Anfängen!« - ein Fazit, das wir am Ende des damaligen Projekts, das ich oben erwähnt habe auch ziehen mußten.

Übrigens, auch bei Markus gibt es gerade eine interessante Diskussion zu einem Titelblatt aus der deutschen Presse.

5 Gedanken zu „Volksverhetzung?

  1. Danke, Liisa für den Hinweis auf die Diskussion bei mir, die ja etwas anders gelagert ist, aber das siehst du ja sicher auch so.

    Zu den widerlichen Presseveröffentlichungen der Springer-Presse im Vorfeld der EM hast du - wie ich finde - die treffenden Worte gefunden. So etwas müsste in der Tat presserechtliche Konsequenzen haben, weil es eben kein fußballtypisches Vorgeplänkel, basierend auf dem Spiel mit nationalen Klischees mehr ist, sondern nahe an die Volksverhetzung kommt. Es ist einfach nur grotesk, dass der Springer-Konzern bei diesem »Spiel« als Eigentümer der Zeitungen auf beiden Seiten beteiligt ist.

  2. ::klatscht beifall:: ich hätte esnicht geschafft, das so eloquent auszudrücken. in solchen fällen kann ich mich gegen die verwendung derberer ausdrücke nicht wehren.

  3. Wahrscheinlich ist es für »Springer« egal, welche Wahrheit die richtige ist, es schafft Quote und somit Umsatz.

  4. zeigt mal wieder, wie man, wenn man die Macht hat, die Leute aufeinanderhetzen kann

    da aber Auflagensteigerung Umsatzsteigerung bedeutet, stärkt das die Wirtschaft und ist dann auch im Sinne des Volkes … Volksverhetzung 2.0

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