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Bemerkenswerte Frauen: Annemarie Schwarzenbach, der »verödete Engel« - zum 100. Geburtstag

Annemarie Schwarzenbach 1940 in Lenzerheide, fotografiert von Marianne Breslauer © 2008 by the Estate of Marianne Breslauer, Zürich

Heute wäre Annemarie Schwarzenbach 100 Jahre alt geworden. Tatsächlich ist sie aber schon im Alter von nur 34 Jahren am 15. November 1942 nach einem banalen Sturz vom Fahrrad in Sils in der Schweiz gestorben. Was daran so erwähnenswert ist? Nun Annemarie Schwarzenbach war alles andere als ein durchschnittlicher Mensch und hat in den 34 Jahren ihres Lebens mehr erlebt als mancher andere, der es auf achtzig oder neunzig Jahre bringt.

Geboren wurde sie am 23. Mai 1908 in Zürich in einer wohlhabenden Familie. Schon ihre Mutter Renee war eine sehr schillernde Figur und so hatte es Annemarie Schwarzenbach nie leicht ihre eigene Position zu behaupten. Aber auch Annemarie war alles andere als ein durchschnittliches Kind. Sie spielte lieber mit ihren Brüdern als mit ihrer Schwester und wollte als Kind General werden. Zunächst studierte sie Geschichte in Zürich und Paris und veröffentlichte mit 23 Jahren ihren ersten Roman »Eine Frau zu sehen« in dem sie die Liebe zu einer Frau thematisierte. Damals natürlich ein Skandal erst recht in der Schweiz. Sie selbst ist äußerst androgyn, so dass Fremde häufig zuerst nicht wissen, ob sie einen Mann oder eine Frau vor sich haben und sie liebt offen Frauen. Früh kommt Annemarie in Kontakt mit der Familie Mann und zwar zunächst mit den Kindern, Erika und Klaus, mit denen sie sich gegen den Faschismus engagiert, später aber auch mit den Eltern Mann. Es ist Thomas Mann, der sie in seinem Tagebuch als einen »verödeten Engel« bezeichnet.

Annemarie Schwarzenbach mit ihrem Hund Doktor im Engadin um 1936 - © Nachlass Annemarie Schwarzenbach, Schweizerisches Literaturarchiv, Bern

Bis 1933 lebt sie als freie Schriftstellerin in Berlin, wo sie sich ins Nachtleben stürzt, viel trinkt und bald auch an Morphium gerät. Dann beginnt die Zeit ihrer vielen Reisen. Sie selbst hat sich als »unheilbar Reisende« bezeichnet. In den folgenden Jahren fährt sie vier Mal nach Persien, vier Mal in die Vereinigten Staaten, mehrmals durch ganz Europa und 1939 in Begleitung von Ella Maillart in einem Ford von Genf bis nach Kabul. Sie reisste durch Russland und den Irak, nach Indien und schließlich auch nach Belgisch-Kongo. Von diesen Reisen bringt sie tausend Fotos und viele Aufzeichnungen mit zurück und zumindest letztere publiziert sie zum größten Teil auch. Sie schrieb Romane, Erzählungen und politische Essays.

Neben höchst aktiven und kreativen Phasen stehen aber auch viele Abstürze, große Rastlosigkeit und Krisen. Von ihrer Drogensucht kommt sie nicht mehr los und schwankt zunehmend zwischen Euphorismus und schweren Depressionen. »Das Leben zerfetzt sich mir in tausend Stücke« schrieb sie selbst an Thomas Mann.

Schon zu Lebzeiten eckt sie immer wieder an und stößt auch auf viel Ablehnung. Nach ihrem Tod gerät sie zunächst in Vergessenheit, nicht zuletzt auch durch ihre Mutter verschuldet, die noch am Tage von Annemarie Schwarzenbachs Todes gegen den testamentarischen Willen von Annemarie deren sämtliche literarischen Manuskripte, Tagebücher und die Briefe der Geschwister Mann verbrannte. Auch innerhalb der Familie wurde Annemarie Schwarzenbach nach ihrem Tod größtenteils totgeschwiegen. Doch das gelang nicht auf Dauer.

Annemarie Schwarzenbach und ihr Mercedes Mannheim, Berlin 1932 - © 2008 by the Estate of Marianne Breslauer, Zürich

In den letzten Jahren wurde Annemarie Schwarzenbach und ihr Werk wiederentdeckt, nicht zuletzt auch durch den Verdienst der Schweizer Verlags Lenos, der viele ihrer Schriften neu auflegte oder sogar erstmals veröffentlichte und nun zu ihrem 100. Geburtstag auch eine Sonderedition in sechs Bänden veröffentlicht hat. 2001 kam der Film »Die Reise nach Kafiristan« über ihre gemeinsame Reise mit Ella Maillart ins Kino und ist als DVD auch heute noch zu bekommen.

Jetzt zu ihrem 100. Geburtstag ehrt die Schweiz sie mit einer großen Ausstellung »Annemarie Schwarzenbach - Eine Frau zu sehen«, die bis zum 1. Juni noch im Zürcher Museum »Strauhof« zu sehen ist. Danach geht die Ausstellung vom 13. Juni bis 27. Juli nach Berlin ins Literaturhaus Berlin und vom 24. September bis 23. November ins Literaturhaus München.

Die Zeit veröffentlichte gerade ein Porträt über Annemarie Schwarzenbach, geschrieben von ihrem Großneffen Alexis Schwarzenbach, der dieses Jahr auch einen umfangreichen Bildband mit bisher unveröffentlichten Dokumenten, Fotos und Filmmaterial aus dem Familienarchiv über sie veröffentlicht hat. Im April erschien auch »Eine Frau zu sehen« von Annemarie Schwarzenbach.

Link-Tipp: Am Ende aller Wege - Annemarie Schwarzenbachs Reisebilder über drei Kontinente

11 Gedanken zu „Bemerkenswerte Frauen: Annemarie Schwarzenbach, der »verödete Engel« - zum 100. Geburtstag

  1. Was für ein Zitat: »Das Leben zerfetzt sich mir in tausend Stücke«.

    Danke, Liisa, für den wunderbaren Artikel und die Erinnerung an eine offensichtlich sehr beeindruckende Frau.

    Habe gerade jetzt erst (beim Traileranschauen auf YouTube) gesehen, dass in der Verfilmung »Die Reise nach Kafiristan« eine meiner Lieblingsschauspielerinnen, Nina Petri, mitgespielt hatte. Wie konnte ich den Film damals nur verpassen? Und vor 2 Tagen lief er noch im Schweizer Fernsehen (SF1). Vielleicht wird er ja auch demnächst bei uns gezeigt, oder ich besorg ihn mir auf DVD.

  2. Ich freue mich sehr, über Dein Echo zu diesem Eintrag, Markus!
    Ja, Annemarie Schwarzenbach war eine beeindruckende Frau, aber eben auch eine Frau die stark polarisiert hat - bis heute. Hochbegabt und sensibel, hellwach und doch auch wieder verzweifelt bis zur Selbstzerstörung.

    Den Film »Die Reise nach Kafiristan« konnte man damals leicht verpassen, es wurde leider nicht viel dafür geworben und in Deutschland lief er nicht in vielen Kinos. Ich habe ihn hier in einer Nachbarstadt in einem Themenkino »aufgetrieben« und dort sehen können und ich muß sagen, mir hat der Film sehr gut gefallen, wunderbare Bilder und Schauspieler. Allerdings schätze ich, dass Kinobesucher, die nicht wenigstens mit den groben Zügen des Lebens von Annemarie Schwarzenbach vertraut sind, manches im Film nicht verstehen. Aber spätestens, nachdem Du hier nun den Eintrag gelesen hast, hast Du genug »Rüstzeug« um ihn Dir auf DVD mal anzuschauen. 🙂

  3. Ich sag’s ja immer: Charming Quark, das Serviceblog, am Rande des Datenstroms, mit dem Blick für die Schätze, die sonst untergehen. 😉

  4. Ich habe in meinen Notizen gleich noch ein paar Links dazugebastelt, weil mir einfiel, daß ich im Klassikerforum letztens doch schon etwas über diese Frau las…

  5. Hallo Markus, danke für den Hinweis und Link in Deinen Notizen und auch für den Hinweis auf den Literaturclub mit dem Beitrag zu Annemarie Schwarzenbach. Habe den Link entsprechend korrigiert und den überzähligen Kommentar rausgelöscht. 🙂

  6. ich habe den artikel in der ZEIT gelesen und mich erinnert, schon mal was im fernsehen über diese frau gesehen zu haben. ich denke, im hauptstadtblog werden wir auf die ausstellung in berlin hinweisen und natürlich selber hingehen.

  7. Leider wurde die oben erwähnte Ausstellung in München vom Literaturhaus München kurzfristig und ohne jede Begründung abgesagt.

    Was jemand, was dort vorgegangen ist?

    Henry

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