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Fordern und Fördern

Fast könnte er mir leid tun, der junge Mann in der „Agentur für Arbeit“, bei dem ich vertretungsweise einen Termin habe – die eigentlich zuständige Sachbearbeiterin (von der ich in den vergangenen zwei Jahren nicht einmal gehört habe) sei gerade in einem „längeren Urlaub“! (an der Stelle überlege ich ob das wirklich ein „Urlaub“ ist oder ob da vielleicht was anderes hintersteckt, aber egal).

Jedenfalls merkt man, dass er natürlich mit meinen Daten überhaupt nicht vertraut ist. Also hält er es für eine gute Idee, alle eingegebenen Daten nochmal durchzulesen, hier und da eine Rückfrage zu stellen, die ich brav und artig beantworte. Dabei darf ich feststellen, dass die eigentlich zuständige Sachbearbeiterin Angaben die ich ihr mindestens dreimal korrekt angegeben habe, genau falsch eingegeben und bis heute nicht korrigiert hat.
Die Lektion, immer, immer, wirklich immer das Positive zu sehen veranlaßt mich, dankbar zu sein, dass der junge Mann nicht mit meinen Daten vertraut ist und darum den ganzen Datenwust nochmal durchgeht und wir so die Fehler gefunden haben. Ich habe persönlich zusehen können, wie (endlich!) die richtigen Daten eingegeben wurden. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht zu einem crash des Datensystems kommt und wenn doch, dass es ein aktuelles backup gibt, sonst wird ein veraltetes wieder eingespielt und dann stehen wieder Angaben in meinem Profil, die … aber lassen wir das! Immer schön positiv bleiben!)
Ja, in welchem Bereich ich denn nach einer neuen Stelle suche? Ich zähle auf, inklusive mehr oder weniger verwandter Berufsfelder. Aha … na, dann wollen wir doch mal sehen, welche Stellen es da aktuell gibt, meint er und tippselt wieder glücklich in seinen Rechner. Das Ergebnis fällt genau so aus, wie ich es erwartet habe und zwar bei allen Versuchen auch mit veränderten Berufsangaben, lokal und bundesweit. „Hmm“, meint er, „tja, ich habe keine Stelle, die ich ihnen anbieten kann“. Ach nee?! (Ganz was Neues aber gut, er kann ja auch nix dafür). Zwei Sätze später wirft er mir mehr oder weniger vor, dass ich ja schon recht lange ohne Arbeit bin. Tja, leider kann ich mir nicht selber eine entsprechende Stelle backen – aber klar, ist mein Fehler.
Klar, es ist ja auch so ein Vergnügen, in diesem Land zu den sog. Langzeitarbeitslosen zu zählen – mal abgesehen von der großartigen wirtschaftlichen und sozialen Lage, in die man dadurch ruckzuck gerät. Zum Glück hat man es ja geschafft flächendeckend das Bild vom faulen, phlegmatischen, unflexiblen, verfetteten und schmarotzenden Arbeitslosen zu etablieren. Notfalls gibt’s halt einfach mal wieder eine entsprechende Reportage, für die sich sicher ein Arbeitsloser findet, der grinsend in die Kamera verkündet, dass er keine Veranlassung sieht, sich nach einer Arbeit umzusehen und für das Geld arbeitet er schon mal gar nicht etc. etc.

Nun zur Preisfrage: Was macht ein Mitarbeiter der Agentur, wenn er nicht weiß, was er machen soll? Richtig, er schickt einen zum Bewerbungstraining! (Völlig egal, dass man das schon durchexerziert hat und sich seitdem auch nix geändert hat, was Bewerbungen etc. angeht!) An dieser Stelle wage ich es dann doch einen kleinen Einwand zu bringen und darauf hinzuweisen, dass ich das doch schon alles hinter mir habe. Er läßt sich aber von der Idee nicht abbringen und händigt mir einen wie er sagt „Flyer“ aus (ein ganz normales DIN A4-Blatt, auf dem steht, um welche Themen es im Bewerbertraining gehen wird). Ich überfliege das Ganze und es ist haargenau, was ich ja schon hinter mir habe. Ich weise nochmal darauf hin und wage es obendrein den Sinn dieser Aktion zu bezweifeln. Das gefällt dem jungen Mann nun gar nicht. Ich solle es als „Auffrischung“ betrachten! Das Dienstleistungsunternehmen, das dieses (sicher großartige) Bewerbungstraining anbietet, ist natürlich ein anderes als bisher (so verdienen die entsprechenden Unternehmen in der Gegend alle was daran und wie ich weiß, verdienen die Unternehmen bzw. Dozenten, die sich der „unfähigen“ Arbeitslosen annehmen, ein Schweinegeld damit und wer bin ich, dass ich anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnen würde! Wir wollen doch nicht, dass die Zahl der Arbeitslosen plötzlich wieder ansteigt, weil massenhaft Dozenten brotlos werden, nur weil sich die Langzeitarbeitslosen weigern immer und immer wieder durchzuexerzieren, wie eine korrekte Bewerbung auszusehen hat, wie man sich anpreist und als Eierlegende Wollmilch-Mitarbeiterin verkauft, etc. etc.).

Plötzlich meint der junge Mann, ich sei ja freiwillig bei ihnen gemeldet. Ich müsse also nicht dorthin gehen. Es folgt eine kurze Pause, dann fährt er fort, dass ich dann natürlich sofort aus dem System fliege und mir die entsprechenden Ausfallzeiten der Rente nicht länger bestätigt würden. Damit sind wir zu einem der entscheidenden Punkte gekommen. Nämlich, wie werde ich Langzeitarbeitslose irgendwie los, wenn ich sie partout nicht in Arbeit vermitteln kann. Es sollen ja auch weiterhin Monat für Monat sinkende Arbeitslosenzahlen vermeldet werden (es gibt ja leider immer noch eine Menge Bundesbürger, die tatsächlich glauben, die aus den Statistiken verschwundenen Arbeitslosen hätten alle eine neue Arbeitsstelle gefunden – dem ist allerdings beileibe nicht so). Ich ziehe die Augenbrauen etwas hoch und schaue ihn an. Er schaut zurück und fängt an verlegen zu grinsen. Ich sage: Wir wissen beide, worum es hier geht, nicht wahr? Er grinst noch verlegener und wird plötzlich etwas hektisch, händigt mir eine Liste mit Internetadressen aus, bei denen es Stellenbörsen gibt und eine Liste mit Zeitarbeitsfirmen aus der Region. Die Listen habe ich schon mehrfach ausgehändigt bekommen. Alles was sich geändert hat, ist das Datum des aktuellen Standes der Liste – der sonstige Inhalt ist deckungsgleich.

Dann setzt er eine sog. „Vereinbarung“ auf, in der er aufschreibt, was ich zu tun habe und was von mir erwartet wird. Im Prinzip kein Problem, weil ich das eh schon alles mache. Ich muß natürlich unterschreiben, was ich auch tue. Damit hat die Agentur was in der Hand, was ihnen theoretisch erlaubt auf die Suche zu gehen, ob sie mir nicht doch irgendwie irgendein mangelndes Bemühen um eine neue Stelle vorwerfen können um mich dann aus dem System zu kicken. Wieder wechseln wir einen wissenden Blick und er kann sich wieder ein verlegenes Grinsen nicht ganz verkneifen.

Wenn ich nicht bald eine neue Arbeitsstelle finde kann ich bald anfangen, Wetten anzunehmen, wann der Tag kommt, an dem ich mit irgendeiner Begründung aus dem System gekickt werde. Immerhin kann der junge Mann nun „Vollzug“ vermelden und angeben, man habe mich ja schließlich „gefördert“! Er meinte dann auch irgendwann: „Wir können ja sie ja nicht vernachlässigen!“ Worauf ich darauf hinwies, dass ich seit über zwei Jahren von meiner Betreuerin nix mehr gehört habe und ich unter „fördern“ dann doch etwas anderes verstehe als in regelmäßigem Turnus zu diesen Bewerbungstrainings geschickt zu werden.

Aber was rede ich: Immer schön positiv bleiben und positiv kann angemerkt werden, dass der junge Mann wenigstens sehr freundlich und höflich war und das ist ja gegenüber Langzeitarbeitslosen beileibe auch nicht (mehr) selbstverständlich.

12 Gedanken zu „Fordern und Fördern

  1. Wenn man nicht dazu übergehen will, Arbeitslose (und Behinderte, Alte oder sonstwie Unpraktische) in die verbliebenen Wälder Deutschlands zu entsorgen, ist die einzige sinnvolle Möglichkeit, der Sache Herr zu werden, Bürgergeld – also ein deutlich über Hartz IV liegendes Grundeinkommen für jeden Bürger, von Geburt bis Tod, ausgenommen nur die, die über einer bestimmten Grenze des Einkommens liegen und mehr Geld wirklich nicht brauchen. Jeder Mensch könnte entscheiden, ob er dazuverdienen möchte oder nicht – und wenn er möchte und findet nichts, oder wenn jemand die Arbeit verliert, wäre es keine Katastrophe. Zu finanzieren wäre das Ganze aus dem Geld, was jetzt für verschiedenste Sozialleistungen (Arbeitslosengeld I und II, Kindergeld, Leistungen für Arbeitslose, die sich selbständig machen) mit großem Aufwand und kleinem Nutzen verpulvert wird.
    Ich kenne die oben beschriebene Situation genau, habe sie gründlich satt und würde sehr gerne mit meiner selbständigen Arbeit genug verdienen, um ohne diesen ständigen Affenzirkus auszukommen, aber wahrscheinlich wird das erst im Rentenalter möglich sein.

  2. Ich fürchte die Umsetzung der Idee des Bürgergeldes werden wir nicht mehr erleben, Claudia! Und ob die, die nach uns kommen es erleben werden … ich habe meine Zweifel. Mir geht es wie Dir, dass ich manchmal die kalte Wut kriegen könnte, wenn ich sehe, wie Gelder wirklich für sinnlose Aktionen etc. verpulvert werden, die man viel effektiver einsetzen könnte. Aber sobald sich auch erstmal ein Berufszweig gebildet hat (z.B. der der Berater, Motivatoren, Trainer, Dozenten, die sich im Bereich der Berufsberatung und – findung inzwischen angesammelt haben, ist eh alles vorbei. Zumindest für eine gewisse Zeit – bis der Karren wieder vor die Wand fährt oder endlich genug Leute realisieren, dass das auf lange Sicht eben auch nicht die gewünschten Erfolge bringt. Man könnte stundenlang darüber diskutieren, nur wir können ja lange diskutieren, das juckt diejenigen, die das Sagen haben absolut gar nicht.

  3. Ich war zum Glück noch nie in dieser Situation, aber es erinnert mich sehr an gewisse andere starre Strukturen, die ich nur zu gut kenne. Wahrscheinlich hätte der gute Mann auch unangenehme Nachfragen bekommen, wenn er Dich ohne „Maßnahme“ ziehen lassen würde.

    Kann das mit der „Vereinbarung“ wirklich ins Auge gehen? Dann solltest Du versuchen, möglichst gut zu dokumentieren, wie Du die Vereinbarung erfüllt hast, so das Du eventuellen Vorwürfen etwas entgegensetzen kannst. Ja, ich weiss, leichter gesagt als getan.

  4. Ach, Liisa, das Spielchen kenne ich nur allzu gut. Bei mir haben sie zwar auf den ganzen Sums mit dem Bewerbungstraining verzichtet, aber sonst bestätigt das meine Erfahrung – mit der Erweiterung, daß ich das zuständige Personal darauf hinweisen mußte, auch mal bei den Stellenangeboten für Nichtbehinderte nachzuschauen. Irgendwann kam dann schon am Empfang die Frage, weshalb ich immer noch alle 3 Monate vorbeikäme oder anriefe… . Als Arbeitsloser ohne Leistungsanspruch bist Du schlicht unnötige Arbeit, so scheint es. Da kann ich – so bitter es klingt – nur froh sein, daß ich habe etwas erben dürfen, das mir neben der Conterganrente einm unabhängiges Überleben ermöglichte. Inzwischen bin ich 14 Jahre ohne Job, sieben davon auch ohne Arbeitsamt…..
    Das heißt, Hartz IV ist – gottseidank – an mir vorüber gegangen. Denn irgendwann wäre auch das meine Endstation gewesen.

  5. Für genau «diese» Bewerbungstrainingsangebote habe ich immer meine Bewerbungsunterlagen dabei gehabt, um sie dem etwaigen Angebotler um die Ohren zu hauen.

    Ach ja, die Eingliederungsvereinbarungen. Das muss bei denen auch so ein Statistik-Goodie sein. Jeder FM, der am Ende des Monats die Menge x überschreitet, darf sich Kaffee kochen lassen oder so.

    Ich verstehe Deine Wut!

  6. Ich habe deinen Text gerade gelesen und gedacht „Das darf doch nicht wahr sein!“. Ich suche gerade händeringend nach etwas Positivem, um dich irgendwie zu trösten und da fällt mir auf: das Positive ist doch dieser Artikel! Du schilderst beeindruckend und auf nachvollziehbare Art einen Zustand, den man/frau sich so eigentlich nicht bieten lassen darf und sich dann doch irgendwie bieten lassen muss. Wenn der Betreuer ganz offensichtlichen Vernunftargumenten nicht zugängig ist und offenbar Steuergelder sinnlos verschwendet, dann muss sich auch die betroffene Person dagegen wehren dürfen, ohne persönliche Nachteile zu erleiden.
    So weit muss es aber nicht kommen und das Letzte, was ich tun würde, wäre dich gegen deinen – wenn auch vertretungsweise – zuständigen Sachbearbeiter aufzuhetzen. Aber du solltest schon selbstbewusst im Hinterkopf behalten, sollte er es zuweit treiben, dann hast du das Recht, dich über die Behandlung zu beschweren. Und sollte das dann tatsächlich negative Folgen für dich haben (Mittelkürzung oder dergleichen), dann würde ich damit an die Öffentlichkeit gehen (Lokalpresse, politische Vertreter vor Ort anschreiben). Aber soweit muss es ja – wie gesagt – nicht kommen und das wünsche ich dir auch nicht. Aber wissen, dass frau sich wirklich nicht alles gefallen lassen muss, solltest du schon, auch wenn sie scheinbar das schwächere Glied in der unmenschlichen Kette der Arbeitslosenverwaltung ist.

    Abschließend möchte ich mich Frau creezy anschließen: Ich verstehe Deine Wut! Ja, die verstehe ich nur zu gut.

  7. Warum müssen die Arbeitsagenturen nur immer mit solchen Nulpen ausgestattet sein? Die könnten doch genauso gut Massagesalons draus machen. Kostet genauso viel, bringt mehr und macht die Leute zumindest ein bisschen glücklich.

  8. Eines der Probleme ist, daß es meistens keine Nulpen sind. Man kann wohl nicht ganz zu Unrecht davon ausgehen, daß es strikte Handlungsanweisungen gibt, Leute aus dem Vermittlungsprozeß herauszugraulen, Leistungen einzuschränken und Verantwortlichkeiten auf die Arbeitssuchenden zu verlagern. Gründe dafür sind die für die Politik notwendigen Erfolgsmeldungen, die (unerwartet) hohen Kosten für Hartz IV, die sicher auch in den Arbeitsagenturen vorhandene Einsicht, daß man nicht einstellen wollenden Betrieben keine Arbeitnehmer aufzwingen kann, wohl aber den Arbeitssuchenden unsinnige Maßnahmen, deren Qualität nicht einmal oberflächlich kontrolliert wird. So wird etwa immer deutlicher, daß die vielen erfolgreichen Klagen gegen Hatz IV – Bescheide kaum auf mangelndes Wissen über das SGB zurückzuführen sind, sondern wohl eher auf das Vertrauen / die Hoffnung, da werde schon keiner aufmucken und vor Gericht ziehen.

  9. Ich bin ganz überrascht, über das vielfältige Echo hier auf diesen Eintrag, der hauptsächlich meine Art war, das Erlebte zu „verarbeiten“ um es dann abzuhaken. „Wütend“ war und bin ich nicht und zwar einfach weil ich inzwischen was die Agentur angeht schlicht realisiert habe, dass Wut nix bringt und letztlich nur eine Verpulverung der eigenen Kräfte und Zeit darstellt. Außerdem habe ich sehr früh realisiert, das man an die Funktionsweise und Handlungsweise der Agentur schlicht nicht mit der sonst üblichen und erforderlichen Logik herangehen darf. Ich bin eher etwas resigniert, was die Situation dort angeht.

    Wie schon mehrere von Euch schrieben, die Mitarbeiter sind im Grunde auch in einer üblen Situation. Der Druck auf sie ist ebenfalls ungeheuer und sie stehen im Grunde vor der Wahl entweder die Vorgaben erfüllen bzw. sie befolgen oder sich am Ende selber auf der anderen Seite einreihen zu müssen und was das bedeutet, wissen sie ja selber nur allzu gut.

    Ich teile tinius Ansicht, dass (im Gros) darauf vertraut wird, dass die Arbeitssuchenden nicht oder kaum vor Gericht ziehen werden. Ich bin für jeden dankbar, der den Mut, die Kraft und die Finanzen hat, in diesen Fragen vor Gericht zu ziehen. Die meisten allerdings können sich das schlicht nicht leisten – weder finanziell noch grundsätzlich. Zumal das größte Risikio ja auch dann immer beim Arbeitslosen liegt, der wenn er vor Gericht scheitert endgültig erledigt ist. Es würde vermutlich viel mehr helfen, wenn sich die vielen noch nicht betroffenen Arbeitnehmer mit denen solidarisieren würden, die keine Arbeit mehr haben und in diese Mühlen geraten sind. Das aber ist selten mal der Fall, weil die die noch Arbeit haben natürlich um ihre eigenen Arbeitsplätze fürchten oder sich eben schlicht nicht für die Problematik interessieren, weil sie immer noch glauben, das könne ihnen nicht passieren und ihre Arbeitsplätze seien sicher. Und wie schon geschrieben, das Bild vom Langzeitarbeitslosen in diesem Land ist durch entsprechende Berichte in den Medien ein sehr verzerrtes, das es für viele nicht ersichtlich sein läßt, warum oder dass man sich für die (Langzeit)arbeitslosen einsetzen sollte (für [angebliche] Schmarotzer auf Kosten der Solidargemeinschaft, setzt man sich doch nicht ein).

    @ Michael: die unternommenen eigenen Schritte werden und müssen selbstverständlich dokumentiert werden. Interessanterweise werden nicht wenige Vermittler an der Stelle dann plötzlich ausgesprochen aktiv und nehmen sich die Zeit nachzuprüfen, ob die dokumentierten Telefongespräche mit potentiellen Arbeitgebern tatsächlich stattgefunden haben, ob Bewerbungen wirklich eingesandt wurden etc. Sagt dann einer der potentiellen Arbeitgebern z.B. er hätte nicht den (wohlgemerkt sehr subjektiven) Eindruck gehabt, dass der Arbeitssuchende wirklich Interesse an der Stelle gehabt hat, wird ruckzuck ein Strick daraus für den Arbeitssuchenden.

  10. Die meisten können es sich nicht nur finanziell nicht leisten, sondern einfach seelisch nicht. Wer lange arbeitslos ist, hat kaum mehr echten Kampfgeist, da schlagen die Depressionen einfach schon zu stark zu.

    Mich stimmt’s traurig, Dich so resigniert zu sehen. (Ich dachte immer, das sein mein Part ,-) ). Sehr traurig.

    Was mich an diesen Bewerbungstrainings am meisten stört, solche Trainings an sich sind ja nicht schlecht. Nur müssten sie eben gerade für Langzeitsarbeitslose ganz anderes aufbereitet sein – in Richtung Motivationscoaching. Gute Bewerbungsunterlagen erstellen können sehr viele von ihnen. Nur gelassen und selbstbewusst noch in Gespräche gehen, Lücken selbstbewusst verkaufen, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem was in den Unterlagen steht zu dem woran man überhaupt noch glauben kann, es wirklich noch zu können, daran hapert es komplett in diesen Seminaren.

    Und dann stehen in diesen Bewerbungstrainings aber einem auch nur Menschen gegenüber, die dort ihren 1-Euro-Job absolvieren, die sicherlich in ihrem Job kompetent wären, keinen Zweifel, nun mal überhaupt keine echte Bewerbungscoach-Kompetenz besitzen.

    Da gibt es keinerlei Qualtiätskontrolle. Nur Drangalisation denen Menschen gegenüber, die genau das wissen, ansprechen und bemängeln. Und witzigerweise auf beiden Seiten auch noch. Das macht sehr wütend. Diese absolute Unfähigkeit und Inkompetenz der Agentur selber auf diesem Gebiet. Was soll denn Sinnvolles bei so etwas heraus kommen?

  11. Das stimmt, creezy! Auch die seelische Kraft fehlt häufig, sei es durch den ständigen Kampf um eine halbwegs normale Bewältigung des Alltags und die Auseinandersetzung mit den Behörden, sei es durch die Defensiv-Haltung, in die man schnell gedrängt wird, sei es durch die von Dir erwähnten Depressionen etc. die aufteten können oder schlicht durch die soziale Isolierung in die viele geraten, sei es aus Scham sei es, weil sie rein finanziell schlicht nicht mehr mit dem alten Freundes- oder Bekanntenkreis mithalten können oder weil sich Freunde und Bekannte von ihnen zurückziehen (vielleicht weil sie unterschwellig fürchten, die Arbeitslosigkeit könnte ansteckend sein 😉 ).

    Grundsätzlich kann so ein Bewerbertraining eine sinnvolle Maßnahme sein, gerade bei Arbeitslosen, die erstmals in das Berufsleben einsteigen wollen oder auch bei Arbeitslosen, die nach vielen Jahren arbeitslos geworden sind und wirklich keine Ahnung haben, wie heutzutage eine gute Bewerbung aussehen sollte. Sinnlos wird die Maßnahme dann, wenn sie einfach nur als Maßnahme wiederholt wird, um seitens der Behörde sagen zu können: Wir haben ja gefördert! Die fehlende Qualitätskontrolle ist ein weiterer Punkt, der zu wenig beachtet wird.

    Was das sog. „Motivationscoaching“ angeht stehe ich dem ehrlich gesagt sehr zwiespältig gegenüber. Wenn ich höre, was in den Bewerbertrainings massenhaft vermittelt wird in Sachen „Selbst-Anpreisung“ wird mir ehrlich gesagt schlecht. Schlicht weil da den Leuten eingeredet wird, sie müssten nur eine Fassade aufbauen, die strahlend genug ist und dann klappt es auch mit der neuen Arbeitsstelle. Es wird zu großem Sprachgeschwafel aufgerufen, die Bewerbungsanschreiben werden künstlich aufgehübscht und aufgebläht etc. etc.

    Damit wird einerseits der Bewerber in eine künstliche Rolle gedrängt (in der er sich unterschwellig nicht wohlfühlt, weil er genau weiß, sie entspricht nicht der Realität und ist auf Dauer nicht durchzuhalten und die er meistens auch nicht wirklich glaubwürdig geben kann) andererseits werden dem Arbeitgeber (wenn der Arbeitssuchende ein guter Schauspieler ist) Dinge vorgegaukelt, die auf Dauer nicht zu erfüllen sind. Das führt zu Stress und Spannung auf beiden Seiten und am Ende unter Umständen auch zu Frust und erneuter Kündigung bzw. Arbeitslosigkeit auf Seiten des Arbeitnehmers und einer Verminderung der Bereitschaft neue Mitarbeiter einzustellen auf Seiten der Arbeitgeber. Der Agentur ist das aber im Prinzip völlig egal, denn es gilt die Devise: Hauptsache, die Zahlen der Arbeitslosen sinken – jeden Monat ein paar Tausend, Hunderttausend reicht, wenn die ein paar Monate später wieder neu in der Statistik auftauchen ist das egal, weil bis dahin wieder ein paar andere aus ihr verschwunden sind. Eine Art Kreisverkehr oder Pendeltür, immer schön raus, rein, raus rein … so von wegen Flexibilität und so.

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