Privates

Schnee

Über Nacht ist Schnee gefallen. Es ist nur wenig, nur eine dünne Schicht, die wie ein weißes Leintuch voller Löcher über dem Tal liegt. Durch die Löcher sehe ich dunkle Stücke der Straße, rote Dachziegel und nackte Zweige.

So lange Winterwochen schon sehne ich mich nach Schnee. Mit derselben starken Sehnsucht, mit der ich mich schon als Kind im Winter nach Schnee gesehnt habe. Und nun bin ich enttäuscht über dieses bisschen Weiß, was sich da über Nacht eingestellt hat und fühle mich betrogen. Wetterpropheten sollte man nicht glauben! Mehrfach schon haben sie Schnee für unsere Gegend versprochen und alles was wir diesen Winter bisher bekommen haben ist zwei-, dreimal dieses zerrissene weiße Laken.

Ich aber möchte ein weißes Federbett das das ganze Tal, die kleine Welt vor meinem Fenster, einhüllt. Etwas mißgünstig schiele ich in Gedanken hinüber in die Länder, die schon seit Wochen reichlich Schnee haben, bis mir die erfrorenen Kinder und Alten in Afghanistan einfallen und die Millionen chinesischer Wanderarbeiter, die gerade wegen des vielen Schnees und Eises im einzigen Urlaub den sie im Jahr haben nicht zum Neujahrsfest zu ihren Familien fahren können. Sie würden wohl alle liebend gerne weniger Schnee haben und mir etwas oder sogar viel davon gönnen, wenn nur sie weniger davon hätten. Nicht nur die Reichtümer dieser Welt sind ungerecht verteilt auch die Wetterkatastrophen.

Ich wundere mich, warum ich so dringend, so sehnsüchtig Schnee wünsche. Schnee, der in dicken Flocken vom Himmel taumelt, Schnee, der wie ein weißes Federbett alles hier zudeckt. Vielleicht weil das Leben gerade so rauh und voller schmerzhafter Kanten und Ecken ist. Vielleicht möchte ich mich einfach nur weich eingehüllt und aufgehoben fühlen, etwas abgeschirmt vom Lärm der Welt und abgepolstert von ihren kleinen und großen Katastrophen.

Ein Gedanke zu „Schnee

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