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Intoleranz - Toleranz - Akzeptanz - Liebe

Verschiedene Blogger haben in den letzten Tagen zu diesen Themen ausführlich, nachdenklich und bewegend geschrieben. Und auch ich möchte etwas dazu schreiben. Ich habe viel über diese Begriffe und Themen nachgedacht, nicht erst seit jetzt dazu geschrieben wurde. Ich glaube, keines davon wird uns Menschen quasi in die Wiege gelegt, wohl aber die Anlagen oder Möglichkeit sich so oder so zu entscheiden und das wird durch unser Umfeld natürlich mit geprägt und beeinflusst.

Ich selber bin in einem Umfeld groß geworden in dem es sehr strenge (religiös geprägte) Ansichten und Richtlinien gab und zudem wie bei vielen anderen auch eine große Rolle spielte »was denn die Nachbarn dazu sagen?!«. Mit etwa 9 Jahren wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass ein Verwandter sich zu Männern hingezogen fühlt. Offensichtlich war das der Überbringerin der Botschaft mehr als unangenehm und peinlich, was ich wiederum nicht verstand. Meine Reaktion war dementsprechend dann auch »Ja, und… ?« Also wurde mir die religiöse Variante der Ablehnung eines solchen Lebensstils erklärt. Weiter wurde über besagten Verwandten wenn möglich nicht gesprochen und Begegnungen mit ihm vermieden. Ich verstand es immer noch nicht wirklich aber als Kind war ich ja auch nicht gefragt.

Menschen anderer Hautfarbe wurden »toleriert«, weil sie sich prima als »Missionsobjekt« eigneten. Zeigten sie sich gegenüber Missionierungsversuchen resistent, tauchten allerdings sehr schnell Vorurteile und Intoleranz auf, was zu einer irgendwie schizophrenen Haltung gegenüber Menschen anderer Hautfarbe führte - so habe ich das zumindest empfunden.
Ich war schon immer mehr die Sorte Mensch die lange beobachtet und ihre Schlüsse zieht. Nun kann ich mich nicht hinstellen und behaupten, ich sei immer tolerant und verständnisvoll gewesen, wenn es um Anderssein (in welcher Form auch immer) ging. So ein Held bzw. so eine Heldin war ich nicht. Die Prägung, die ich von Anfang an massiv erhielt ging nicht völlig spurlos an mir vorüber. Es gab eine Zeit in meinem Leben (ein paar Jahre im Teenie-Alter) als ich auf dem besten Wege war mir die Intoleranz auf die Fahnen zu schreiben - nicht unbedingt geplant, es schlich sich quasi ein - zumal mein gesamtes Umfeld positiv auf diese Entwicklung reagierte.

Und doch, ich war nicht glücklich damit. Die Harschheit, Unbarmherzigkeit, der Egoismus und die Lieblosigkeit, die sich bei den »Geübteren« in diesen Disziplinen zeigten, waren mir unverständlich und zuwider. Vielleicht spielte unterschwellig damals auch eine Rolle, dass ich selbst »anders« war (wenn auch auf einem ganz anderen Feld). Ich bin ja adoptiert worden und zwar mit sehr genauen Vorstellungen meiner Eltern davon, was sie aus mir machen wollten. Eine Weile ging das auch gut (Kinder lassen sich halt formen und prägen) aber es dauerte nicht sehr lange und es zeigte sich, dass das eben auf Dauer nicht geht. Ich war »anders«, entsprach nicht den Erwartungen und Forderungen mit der Folge, dass es zu Konflikten kam.

Auf Toleranz, Verständnis oder gar Liebe war nur zu hoffen, solange ich die Erwartungen erfüllte. Ich war und bliebe so ein »Fremdkörper« und natürlich war alles, was an mir nicht den Erwartungen entsprach ja »kein Wunder, denn man weiß ja eh nicht genau, was da überhaupt für ein Erbmaterial im Spiel ist«. Ich musste also früh lernen mit der Rolle der Aussenseiterin, der »Anderen« zu leben und das war schmerzhaft und hart. Immer wieder mußte ich für mich entscheiden ob ich mich anpassen, den Erwartungen und Vorstellungen entsprechen wollte/konnte oder nicht und zunehmend entschied ich mich dagegen. Das war aber denke ich nicht wirklich mein »Verdienst«.

Die Entfremdung und Isolation ebenso wie die Konflikte vertieften sich und ich bin daran fast zerbrochen. Irgendwann ging es nicht mehr und ich ging möglichst weit weg, um zu mir selbst finden zu können und der Mensch sein zu können, der ich nun mal bin. Jegliche Versuche durch Gespräche zu einem Verständnis zu Toleranz oder wenigstens Akzeptanz zu finden endeten im Desaster. Was half die Situation wenigstens etwas zu entschärfen war die räumliche Trennung.

Es wird nicht immer alles gut, wenn nur genug Zeit vergeht, wenn räumliche Trennung wenigstens die Spitze aus Konflikten nimmt. Das mußte ich bitter lernen, denn natürlich hielt sich noch lange die Hoffnung, dass es doch möglich sein müßte doch zueinander zu finden. Ich lernte also meinen eigenen Weg zu gehen, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und sie auch dann zu treffen und dazu zu stehen, wenn sie vom Umfeld abgelehnt wurden. Aber noch einmal: Ich bin mir dessen bewußt, dass es auch anders hätte kommen können, dass ich dem Druck oder einfach dem Wunsch oder Bedürfnis selbst toleriert oder wenigstens akzeptiert zu sein nachgegeben und mich entsprechend angepaßt hätte.

Ich bin heute überzeugt davon, dass niemand gegen den Hang zur Intoleranz gefeit ist. Der Wunsch nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist stark in uns Menschen und verbunden damit dann der Hang zur Abgrenzung und zur Verurteilung (denn nichts anderes ist Intoleranz) derjenigen, die »anders« sind, die unseren Maßstäben oder unseren Lebenserfahrungen nicht entsprechen (aus welchen Gründen und auf welchen Feldern auch immer). Ich halte es für wichtig, sich dieses »Intoleranz-Potentials«, das in uns allen vorhanden ist bewußt zu sein, damit wir wachsam bleiben und in der Lage sind unsere Reaktionen anderen gegenüber kritisch zu hinterfragen und zu überprüfen.

Toleranz oder wenigstens Akzeptanz will ich den Menschen, denen ich begegne entgegenbringen egal welcher Fraktion sie auf den diversen Feldern nun angehören. Und zur Toleranz bzw. Akzeptanz gehört manchmal auch, anzuerkennen, dass man nicht auf einer tieferen Ebene zueinanderfinden wird, weil dem eingefleischte Intoleranz im Wege steht. Das kann einem komplett unverständlich sein, das kann einen wütend oder traurig machen aber es darf nicht wiederum zu Intoleranz und Ablehnung führen.

Manchmal ist es nötig zu akzeptieren, dass Menschen sind wie sie sind, das Situationen sind wie sie sind. Manchmal muß man die eigenen Erwartungen und Vorstellungen davon, wie sich andere Menschen verhalten könnten/sollten/müssten, loslassen und anerkennen, dass Menschen nicht alle dieselben Entschlüsse fassen, dieselben Entscheidungen treffen oder denselben Regeln wie man selbst folgen. Und das kann bedeuten, dass es keinen wirklich gemeinsamen Weg geben kann/wird. Je näher einem diese Menschen dann stehen (z.B. Eltern, Geschwister, Verwandte oder Menschen, mit denen man ein langes Stück des eigenen Lebensweges zurückgelegt hat), desto schmerzhafter ist diese Erkenntnis und die Konsequenzen daraus und es kann sogar sein, dass man einen regelrechten Trauerprozeß durchlaufen muss, um das zu verarbeiten.

Ich habe heute viele Freunde, die ganz und gar nicht den Maßstäben entsprechen, die meine Eltern an sie anlegen würden. Ich weiß, dass ich diese Freunde besser nicht mit nach Hause bringe, weil das unweigerlich zu unangenehmen und peinlichen Situationen führen würde (es sei denn meine Eltern wüßten nicht, dass sie z.B. schwul oder lesbisch sind). Ich weiß dass und ich weiß auch, dass ich nicht mehr versuchen brauche, meine Eltern an diesen Punkten »überzeugen« oder »ändern« zu wollen. Es war, ist und wäre vergebene Liebesmüh. Damit muß ich leben und mit den Konsequenzen, die bedeuten, dass meine Eltern vieles aus meinem Leben nicht wissen (wollen) und auch nicht wissen brauchen. Dass sie viele Menschen, die mir sehr viel bedeuten und denen ich in meinem Leben viel verdanke, nicht kennen bzw. massiv ablehnen (bis hin zum Rauswurf) - und damit im Grunde auch mich nicht wirklich kennen (obwohl sie selbst davon überzeugt sind).

Wie ich schon schrieb, es wird nicht immer alles gut, die Zeit heilt nicht immer alle Wunden und das Leben hält nicht immer Erfahrungen für Menschen bereit, die diese zum Überdenken ihrer Positionen und Ansichten und zur Veränderung dieser Positionen und Ansichten bringen. Auch das muß man akzeptieren lernen, so sehr man es sich anders wünscht und erhofft. Das sind traurige Erfahrungen aber auch davon kann man lernen und auch daran kann man selber wachsen. Vor allem aber sind es Erfahrungen, die einen selbst davor bewahren können selber intolerant und ablehnend auf andere Menschen zu reagieren, einfach weil man weiß, was für einen Schmerz das auslöst.

Ich hoffe und wünsche mir für mich, dass ich anderen Menschen vorurteilsfrei und tolerant begegne, egal um welche Lebensbereiche es geht, dass ich offen und interessiert an anderen Menschen bin und bleibe und dass ich rechtzeitig merke, wenn sich bei mir Intoleranz einschleichen will und dann die Kraft und den Mut habe, das nicht zuzulassen sondern an mir zu arbeiten, damit ich anderen die Freiheit lassen, sie selbst zu sein und ihr Leben so zu führen, wie sie es führen möchten und dabei ihr eigenes Glück zu finden. Letzteres zu tun, heißt glaube ich wirklich zu lieben, weil es bedeutet, sich selbst, seine eigenen Maßstäbe und Erfahrungen nicht über die anderer zu stellen und zum alleinigen Maßstab zu machen sondern sich wirklich gegenseitig anzunehmen in aller Unterschiedlichkeit, sich zu freuen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede anzuerkennen und sich auch darüber freuen zu können, weil sie die Vielfalt unter den Menschen ausmachen.

Übrigens, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: ob Ihr es nun glaubt oder nicht, meine Eltern haben auch viele gute Seiten die ich durchaus schätze und für die ich dankbar bin. Im Grunde sind auch sie nur Gefangene im Netz ihrer eigenen Geschichte und der Prägungen, die sie erhalten haben und die ihnen in einer unsicheren Zeit (Krieg/Nachkriegszeit) so etwas wie Sicherheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt haben. Diese Sicherheit und dieses Gefühl der Zugehörigkeit ist so stark und für sie so wichtig, dass sie, wenn man heute versucht, sie aus diesem Netz zu befreien, sich mit aller Kraft dagegen wehren, weil sie fürchten, dann ins Bodenlose zu fallen. Was weiß ich, wie ich an ihrer Stelle geworden wäre, welche Entscheidungen ich getroffen hätte und wie lebenswichtig für mich ein Stück Sicherheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit gewesen wären, um damals überhaupt überleben zu können? Wenn man ihre ganze Geschichte kennt, wäre es intolerant, sie dafür zu verurteilen, wie sie sind - traurig darüber sein ja! aber verurteilen? dass steht mir nicht zu.

Toleranz
Die Liebe!
Eltern - Liebe - Toleranz
Eben!

6 Gedanken zu „Intoleranz - Toleranz - Akzeptanz - Liebe

  1. Ich muß gestehen, als Behinderter habe ich immer ein wenig Probleme mit dem Begriff »Toleranz«, der im übrigen in meinem Empfinden auch von dem Begriff »Akzeptanz« unterschieden werden sollte. Ich will halt nicht nur »ertragen« werden, sondern in all meinen Facetten - die ja vielfältiger sind als meine körperliche Beeinträchtigung suggerieren mag - akzeptiert (und von wenigstens einigen gemocht und / oder geliebt) und anerkannt werden. Ich selbst bin natürlich ebenfalls nicht berufen, den ersten Stein zu werfen, denn auch selbst auf Akzeptanz etwas deutlicher Angewiesene haben durchaus ihre eigenen Vorurteile (kultiviert). Allerdings geht meine Abgrenzung eher in Richtung einzelner Personen, da aber denn doch auf ein recht hohes Aggressionslevel. Bei uns gab es in Hinsicht auf Homosexualität oder Dogen meist sachliche Aufklärung unter Zuhilfenahme des Fernsehers, dennoch hegten meine Eltern Vorurteile gegen sozial schlechter gestellte, niedriger gebildete Menschen (»Proleten« tauchte da schon mal auf). Und es gibt bei mir Abgrenzungen, ohne damit zusammenhängende Bewertung : ich habe definitiv Schwierigkeiten, mit Menschen umzugehen, die eine größere Mengen bewußtseinsverändernde Drogen inklusive Alkohol konsumiert haben, mag sein, weil ich selbst nur alle Jubeljahre und in äußerst geringen Dosen alkoholische Getränke zu mir nehme. - dein Blogbeitrag ist bemerkenswert offen und persönlich. 🙂 LG tinius

  2. Hallo Liisa, diesen Beitrag von Dir hab’ ich besonders gern gelesen. Ich finde es echt mutig von Dir, dieses Thema sooo persönlich zu beschreiben. Ich könnte das nicht. Nicht in dieser Offenheit. Nicht mehr. Dafür misstraue ich den Menschen hier draußen inzwischen zu sehr. Auch eine Form von Abgrenzung. Vielen Dank aber dennoch für Deine hier gezeigte Offenheit. Sie hat mich berührt.
    btw ich glaube, ich hab’ die unaufdringliche, sensible Art, mit der Du Deine Menschenliebe ausdrückst, schon immer gemocht. Auch Dein altes Litkara damals war damit durchwirkt wie mit feinen, glänzenden Goldfäden.

  3. .

    Danke für die Offenheit zum Thema Adoption. Meine Mum war ihrerseits «Pflegekind», Dein Beitrag hat mir einmal mehr das Auge dafür geöffnet, wie zerrissen man sich als ein solches Kind oft fühlen muss (selbst, wenn man mit der Familie, die einen aufgenommen hat ganz und gar zufrieden ist.)

  4. Iris, es ist mir auch nicht leicht gefallen, sooo persönlich und offen zu schreiben aber es gibt einfach Punkte im Leben, wo man persönlich werden muß und offen sein sollte - egal welche Konsequenzen das nach sich zieht. Hier war ein Punkt erreicht, wo ich den Eindruck hatte, es ist wichtig persönlich zu werden und ein Stück deutlicher Einblick zu geben in mich als Mensch und das was mich ausmacht. Sicher wer will und dazu fähig ist, kann hier über die Jahre, die ich dieses und andere Weblogs schon führe manches zwischen den Zeilen mitbekommen haben aber wie gesagt, es gibt Situationen in denen man sich nicht »bedeckt« halten sollte. Ansonsten kann ich aber Deine Vorsicht durchaus verstehen und bin selber gerade im Internet auch eher vorsichtig, was ich dort »aller Welt« mitteile.

  5. Ich bin heute erst dazu gekommen, diesen Text, den ich vor zwei Tagen anfing zu lesen, bis zum Ende zu verfolgen und danke dir für diesen sehr persönlichen Einblick.
    Beeindruckend, wie deine Toleranz - auch denen gegenüber, die nicht tolerant sein wollen oder können - dabei zum Vorschein kommt.

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