Soziales

Die gefakte Show

Die Show war also nur ein fake erfährt man heute aus der Zeitung - wenn man nicht zufällig im Sendebereich des niederländischen Senders lebt und die Show selbst gesehen hat. Die angeblich todkranke Frau war eine Schauspielerin, die drei »Bewerber« tatsächlich Kranke, die Bescheid wußten. Die Macher der Sendung haben verlauten lassen, sie wollten das Thema Organspende in den Fokus rücken wollen - das dürfte ihnen tatsächlich gelungen sein. Während der Sendung soll dazu aufgefordert worden sein, sich als Organspender registrieren zu lassen.

Eine interessante Stimme zur Show (bevor bekannt wurde, daß es sich dabei nur um eine gefakte Show handelte) kommt von Slavenka Drakulic, die selbst mit einer transplantierten Niere lebt und schon von daher einen anderen Blick auf diese Show hat.

Ich weiß ehrlich gesagt immer noch nicht, was ich von der Sache halten soll. War das wirklich eine »brilliante Idee«, wie nun manche sagen? Braucht es heutzutage wirklich eine so massive Vorgehensweise, um ein solches Thema überhaupt in die Diskussion und in die Medien zu bringen? Spätestens bei dieser Frage, fürchte ich allerdings, daß selbst Skeptiker werden zugeben müssen, daß das durchaus der Fall sein könnte.

Wie wird nun aber die Langzeitwirkung aussehen? Wird die angestoßene Diskussion tatsächlich weitergeführt werden oder ist das Ganze in ein paar Tagen wieder vergessen? Wie viele Menschen werden sich aufgrund dieser fake Show und des ganzen Drumherums tatsächlich als Organspender registrieren lassen? Wie sehen Betroffene die ganze Sache eigentlich?

Und der Sender BNN? Was die Einschaltquote angeht, hat sich der fake für den Sender gelohnt. 1,2 Millionen Menschen haben die »Spender-Show« am Freitagabend gesehen und das war die zweitbeste Einschaltquote aller Zeiten in den Niederlanden. Andererseits ist es wirklich so abwegig den Machern zu glauben, daß es ihnen nicht (in erster Linie) um Einschaltquote sondern um das Thema ging und geht? Immerhin ist der BNN-Gründer Bart de Graaff vor fünf Jahren gestorben, nachdem er jahrelang vergeblich auf eine Spenderniere gewartet hatte. Ein solches Erleben kann durchaus die Aufmerksamkeit für ein solches Thema schärfen und letztlich zu einem solchen Schritt, wie er jetzt vom Sender getan wurde, führen.

Ich mußte in diesen Tagen vermehrt auch wieder an Silvi denken, die ebenfalls transplantierte Nieren hatte und immer wieder für die Organspende warb. Leider ist sie am 1. Juli 2005 verstorben aber ihre Seiten und auch ihr Tagebuch stehen immer noch im Internet und man kann dort sehr eindrücklich lesen, wie es ihr gerade auch in der letzten Zeit ihres Lebens ergangen ist.

12 Gedanken zu „Die gefakte Show

  1. Slavenka Drakulic schreibt in diesem Artikel auch, dass es Spanien als einziges europäisches Land durch eine entsprechende Gesetzgebung geschafft hat, das Problem der Organspenden angemessener zu regeln.

    Leider regelt man in unserem Land sehr viele andere Dinge, vor allem liebend gerne die, bei denen man den Menschen etwas verbieten kann.

  2. Als ich das erste Mal von dieser Show hörte, war ich empört… aber mit dem Wissen, dass es sich um ein »Fake« handelt und der Beschäftigung sehe ich das ein bisschen anders.

    Vor allem, wenn man sieht, welch breite Öffentlichkeit das Thema plötzlich bekommt. Das ist gut und wichtig, finde ich! Es gab auch nach der Show etliche Anfragen an den Sender zum Thema Organspendeausweise…

    Natürlich kann man über die Wahl der Mittel streiten, aber es wird jetzt diskutiert über das Thema. Da kann ich die eher »pikierte« Reaktion der Deutschen Transplantationsgesellschaft nicht wirklich nachvollziehen, ehrlich gesagt.

    Liebe Grüsse und einen schönen Sonntag, kho

  3. Einerseits hat ja die agressive Strategie funktioniert: das Thema ist durch die Presse gegangen, und das Thema »Organspende« ist in den Köpfen der Leute wieder präsenter.

    Andererseits frage ich mich, ob ob der Sender von der Heftigkeit der negativen Reaktionen vielleicht selbst überrascht war. Das Thema hat im Moment auch einen leicht negativen Beigeschmack bekommen, der die gute Tat überschattet. Damit kann ein Fernsehsender sicher gut umgehen, aber wie wirkt sich das auf die allgemeine Bereitschaft zur Organspende aus?

  4. Zuerst war ich entsetzt über die Geschmacklosigkeit dieser Show. Jetzt bin ich zwispältig. Aber egal, welche Langzeiteffekte es für die Bereitschaft zur Organspende insgesamt hat, finde ich es schlimm genug, daß man zu solchen Mitteln greifen muß. Das sagt auch was über den Zustand einer Gesellschaft - und nicht nur der niederländischen aus. Und in letzter Konsequenz heißt es doch, daß diejenigen aufgeschmissen sind, die kine entsprechenden Medienkontakte haben.

  5. Ich denke schon, dass wir heute in einer Zeit und Gesellschaft leben, in der ohne die Medien nicht mehr viel läuft. Kleine Projekte oder Anliegen kann man wenn man sozial gut vernetzt ist auch so noch auf die Beine stellen, aber ab einer bestimmten Größe eines Projekts oder ein weitreichendes Thema geht es ohne Medien wohl wirklich nicht mehr. Und die soziale Vernetzung wird bei der heutzutage gerade durch die Berufswelt verlangten Mobilität noch schwieriger aufrechtzuerhalten.

    Inzwischen habe ich gehört, dass wohl 30.000 Zuschauer die Unterlagen zur Organspende angefordert haben - wenn die tatsächlich alle Organspender werden, wäre das schon eine Menge, aber ich bezweifle es. Zumal so eine Entscheidung eben auch gut überlegt und auch mit den Angehörigen besprochen sein will.

  6. Ich bin auch irgendwie zwiegespalten. Danke auch für den Link zu Slavenka Drakulic. Schön wäre wirklich, wenn wir wenigstens eine umgekehrte Zustimmungsregelung hätten (wie es glaube ich Österreich hat).

    Ich finds aber auch sehr bezeichnend für unser Verhältnis zum Fernsehen, dass wir alle bis zum Schluss an die Echtheit dieser Sendung geglaubt haben. Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt…

  7. Es war bestimmt nicht die Zweitbeste Einschallquote aller Zeiten, 1,2 millionen ist fuer die Niederlande nur Mittelmass. Informieren sie sich doch besser. BNN hat euch allen verarscht. In den Niederlanden hatten wir dass schon lange geahnt. Bart de Graaf wuerde sich tot lachen.

  8. Es hieß, dass es für den Sender BNN die zweitbeste Einschaltquote aller Zeiten war. So wurde jedenfalls in mehreren Artikeln geschrieben.

  9. BNN ist kein Sender, es ist ein Sende Verein. Sie senden nur einige stunden in der Woche aus. BNN versucht immer wieder mit solchen Tricks Aufmerksamkeit zu bekommen. Jetzt ist man weltweit reingefallen. Dass ist der Witz.

  10. Die Fragen, die die Ausstrahlung der Sendung schon im Vorfeld ausgelöst hat, bleiben aber unabhängig davon, ob das ganze eine Reality-Show war oder nur Theater.

    Ist das Thema für eine Spielshow geeignet?

    Viele Kritiker sahen es als moralisch inakzeptabel an, das Thema Organspende überhaupt zu einer Show im Stile von »Wer wird Millionär?« oder »Deutschland sucht den Superstar« zu machen. Dem liegt ein tiefes Misstrauen gegen die modernen Medien zugrunde. Überall, wo Medien provozieren, wird reines Profitstreben vermutet. Eine hohe Einschaltquote erreichen zu wollen, ist immer verdächtig.

    Aber über die Ziele der Macher der Sendung kann nur spekuliert werden. Vermutlich ist es immer ein Geflecht von ökonomischen, journalistischen, erfolgsorientierten und moralisch-aufklärerischen Zielen, welches zu solchen Projekten führt. Letztlich wichtig ist der Zweck, der mit der Sendung erreicht wird: Hier die Diskussion um verschiedene Aspekte der Organspende.

    Und hier verbirgt sich auch die zweite Frage, die nach der Sendung bleibt: Soll der Spender wissen, soll er gar entscheiden können, wer die Spende erhält?

    In Deutschland ist das nicht möglich, hier muss anonym gespendet werden. Aber ist das richtig? Würde sich die Spendenbereitschaft erhöhen, wenn man wüsste oder entscheiden könnte, wer das Organ erhält. Vielleicht würden die Menschen gerne für den Dialysepatienten um die Ecke eine Niere geben, lehnen die Abgabe eines Teils ihres Körpers an einen ganz Fremden aber aus tiefstem Innern ab?

  11. Das ist eine interessante Frage, die Du da aufwirfst. Einem nahen Angehörigen oder Freund oder Bekannten eine Niere zu geben, ist sicher - gefühlsmäßig - etwas ganz anderes als einem ganz Fremden.

    Ich würde nicht wagen eine Prognose abzugeben, ob eine solche Möglichkeit die Spendenbereitschaft tatsächlich erhöhen würde. Denn die Möglichkeit, Organe an Menschen, die man kennt, zu spenden (so sie denn rein medizinisch überhaupt passen) gibt es ja im Prinzip meines Wissens nach heute auch in Deutschland schon (Stichwort Lebendspende). Möglich ist das unter Verwandten ersten oder zweiten Grades (z. B. Eltern oder Geschwister des Empfängers), unter Ehepartnern, Verlobten oder anderen Personen, die dem Empfänger in besonderer persönlicher Verbundenheit nahe stehen.

  12. Noch mal ganz kurz ueber die Motiven von BNN. BNN ist kein kommerzieller Sender, BNN darf keine Werbung machen. Also Geld hat ueberhaupt keine Rolle gespielt. Der Gruender von BNN (Bart de Graaf) ist an ein Nierenleiden gestorben, genau vor 5 Jahren. Bart war ein grosser Practical Joker. Ihm zu ehre hat man diese show inszeniert.

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