Fotografie

Bert Teunissen

K?rzlich stie? ich auf ein, wie ich finde, absolut faszinierendes Foto-Projekt. Der niederl?ndische Fotograf Bert Teunissen begann 1996 damit „Domestic Landscapes“ – wie er sie nennt – zu suchen und zu fotografieren. Gemeint sind damit h?usliche Wohnr?ume, die ?ber einen langen Zeitraum eine Atmosph?re, eine ganz besondere Eigenart entwickelt haben und etwas von der Pers?nlichkeit ihrer Bewohner spiegeln. Er suchte nach h?uslichen R?umen, die einer fast schon vergangenen Welt angeh?ren. Ausgel?st wurde sein Interesse f?r diese R?ume ?brigens durch den Abriss des Hauses seiner Gro?eltern, dessen Zeuge er als Kind wurde. Anstelle des gro?elterlichen Hauses wurde ein moderner Bau hingestellt und der kleine Bert war zutiefst entt?uscht, als er das fertige Haus betrat – das, was die Wohnung seiner Gro?eltern ausgemacht hatte, war unwiderbringlich verlorengegangen, die Atmosph?re des Hauses nicht mehr dieselbe.

F?r sein Projekt bereiste Bert Teunissen acht europ?ische L?nder und fotografierte dort bei Menschen, die ihm ihre H?user f?r dieses Projekt ?ffneten.

Ich bin wirklich total fasziniert von diesem Projekt und all den Bildern. Es sind Bilder, denen man Zeit widmen mu? (und will), um alle Details darin wahrzunehmen. Beim Betrachten habe ich mich st?ndig gefragt, welche Geschichten diese H?user, Wohnungen und R?ume zu erz?hlen h?tten und welche Lebensgeschichten die fotografierten Menschen wohl haben. Hier und da gibt es in den Fotos Hinweise, die zumindest Ahnungen oder gewisse R?ckschl?sse erlauben, aber es bleibt doch auch vieles verborgen und verschlossen. Das macht einen Teil des Reizes dieser Fotos aus, der Kontrast zwischen einerseits der Offenheit und dem Vertrauen der Menschen, die Bert Teunissen ihre z.T. intimsten Wohnr?ume ?ffneten und andererseits doch eine gewahrte Zur?ckhaltung und Intimit?t.

Man sieht den R?umen an, da? sie ?ber Jahre und Jahrzehnte das geworden sind, was sie heute sind und w?hrend ich mir die Bilder ansah habe ich mich weiter gefragt, wie wohl H?user und R?ume unserer Generation mal aussehen werden. Wird es ?berhaupt noch so liebevoll gepflegte und bewahrte M?bel und ganze Zimmereinrichtungen oder alte Haushaltsger?te etc. geben oder ist das in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft gar nicht mehr – oder nur noch in Ausnahmef?llen – m?glich? Wenn es alle paar Jahre oder sogar jedes Jahr einen neuen „Trend“, eine neue Mode gibt, wie kann da eine solche „h?usliche Landschaft“ ?berhaupt entstehen, wachsen und reifen?

Ein anderer Aspekt der an diesem Fotoprojekt sehr interessant ist, ist da? es die M?glichkeit er?ffnet solche „h?uslichen Landschaften“ aus verschiedenen L?ndern und Kulturen zu vergleichen.

Ich k?nnte noch eine Menge zu diesen Fotos schreiben, welche Gedankeng?nge sie sonst noch bei mir ausgel?st haben, aber ich denke es ist an der Zeit zu sagen: Nehmt Euch die Zeit und schaut Euch die Bilder selber in Ruhe an und wenn Ihr wollt, w?rde ich mich freuen, wenn Ihr danach hier in den Kommentaren vielleicht auch ein bi?chen erz?hlt, wie Euch die Bilder gefallen, was sie in Euch ausgel?st haben oder was Euch sonst so dazu einf?llt. Ihr k?nnt gerne auch noch in den n?chsten Tagen dazu kommentieren, wenn Euch heute die n?tige Zeit dazu fehlt.

Fotoprojekt „Domestic Landscapes“ von Bert Teunissen

Bert Teunissen hat w?hrend seiner Reisen Tageb?cher gef?hrt und viele Notizen gemacht. In einem eigenen Blog ver?ffentlicht er einige davon in englischer Sprache und erz?hlt davon, wie es ihm auf seinen Reisen gegangen ist, was ihm wichtig war, wie er sich in verschiedenen Situationen gef?hlt hat, etc.

6 Gedanken zu „Bert Teunissen

  1. Liisa, das ist meine Kindheit und Jugend in Straelen!
    Ich wuchs auf in einer Großfamilie, die hauptsächlich aus alten Tanten bestand. Alte Herde, für die man heute ein halbes Vermögen zahlen würde, waren damals normal. Die Familie traf sich in genau diesen kochenden Räumen – und das waren immer viele Menschen.
    Diese Küche hat sich in mir eingeprägt – und sie ist wie deine Fotos.
    Dankeschön dafür.

    Viele Grüße

  2. Hallo Liisa, das sind wirklich gelebte Fotografien. So einen Ofen, wie den auf dem deutschen Bild haben Bekannte in ihrer winzigen Küche stehen. Es sind auch alte Leute, deren Heim auch Erinnerung und Alltag zugleich ist.
    Man muß die Bilder wirklich länger anschauen.
    Toll
    LG Gina

  3. Es gibt viel darüber zu sagen, aber ich will mal nur von den Küchen sprechen.
    Der große, gemütliche Tisch, an dem die Menschen gemütlich sitzen, steht in der Mitte, zwischen Herd und Küchenmöbeln. So war es noch in meiner Kindheit (allerdings mehr in Arbeiter- als Bildungsbürgerkreisen). Dann kam die kleine, rein zweckmäßige Küche als „Kommandostand der Hausfrau“, und jetzt ist zum Glück wieder die Wohnküche modern, aber der Familientisch ist in die Ecke, die „Essecke“ gerückt. Man will zwar die Nähe zum Kochgeschehen (denn auch die Bildungsbürger haben kein Dienstmädchen mehr, das ihnen das Essen aus der Küche ins Speisezimmer trägt), aber doch bitte nicht zwischen Herd, Kühlschrank und Spülmaschine sitzen, das muss schon säuberlich getrennt sein: hie der „Kommandostand“, dort der Ort fürs Gemütliche. Ich gestehe, wir sind auch so eingerichtet. Die Bilder sind beeindruckend, aber ich will nicht unbedingt dahin zurück. Wir beiden Alten sitzen auch in unserer Essecke so gemütlich; sie ist allerdings enger.

  4. Hm, irgendwie werde ich dabei an die Küche meiner Oma erinnert … schade, dass ich damals noch nicht so „fotografierwütig“ war und dies dokumentieren konnte. Nun ist es zu spät …

    Ähm, das letzte Foto war übrigens nicht abfotografiert … tse, tse … das war so eine Blitzkugel (oder wie immer man das auch bezeichnet). Ich habe eine ganze Serie davon geschossen, um diesen Effekt hinzubekommen …

    LG
    Sylvia

  5. Wie heisst es doch: ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Diese Seite ist das Äquivalent eines ziemlich langen Romans…

Kommentare sind geschlossen.