Soziales

7 Wochen mit Hartz IV – ein Resümee

Im Januar hatte ich ja von der Aktion „7 Wochen mit Hartz IVberichtet. Initiiert hat die Aktion das Diakonische Werk der hannoverschen Landeskirche. Während der Passionszeit vom 21. Februar bis 7. April konnten Interessierte im eigenen Leben überprüfen, was es bedeut, etwa als Alleinstehender mit 345 Euro im Monat für den Lebensunterhalt auskommen zu müssen.
Die Kampagne lehnte sich an die alljährliche Fastenaktion »7 Wochen ohne« der evangelischen Kirchen an. Teilgenommen haben 450 Freiwillige aus Niedersachsen. Von dem Geld sind nach den Hartz-IV-Bedingungen rund 38 Prozent für Nahrung, Getränke und Tabakwaren vorgesehen, das sind nach Angaben der Diakonie 4,37 Euro pro Tag. Projektleiterin Marlis Winkler erklärte, das Leben der wirklichen Hartz-IV-Empfänger sei ungleich härter, da sie oft von Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Scheidung betroffen seien. Im Unterschied zu ihnen verfügten die Projektteilnehmer meist über einen vollen Kleiderschrank.

Mich hat nun interessiert, was die Teilnehmer an der Aktion hinterher für ein Resümee zogen.

„Ich glaube keinem mehr, der sagt, dass sich Menschen mit großem Vergnügen auf Hartz IV ausruhen – es ist kein Vergnügen“, sagt z.B. Natalia Gerdes, Projektkoordinatorin bei der Diakonie im Kirchenkreis Bramsche. Selbst die Simulation der Hartz-IV-Bedingungen habe in vielen Familien zu ernsthaften Problemen geführt, hat sie erfahren.

83 Personen aus dem Kirchenkreis Bramsche haben freiwillig begonnen, mit dem Geld zu leben, das Hartz-IV-Empfänger zur Verfügung haben. Vier Familien warfen vor Ablauf der 7 Wochen das Handtuch. Sehr viele, berichtet Gerdes, machten zwar weiter, hätten aber schon nach kurzer Zeit eingeräumt, dass sie mit dem Geld definitiv nicht auskämen.

Maren Warnecke hat für die Allgemeine Zeitung Uelzen während dieser Zeit sogar ein Blog geführt, in dem sie von ihren Erlebnissen und Erfahrungen während dieser 7 Wochen berichtet hat.
Ihr Resümee:

Denn mit Hartz IV lebt es sich nicht gut. Man muss nicht verhungern und erfrieren, wie es an vielen anderen Orten der Welt traurige Realität ist. Aber zu mehr reicht es auch nicht. „Hartz IV zu bekommen und zu durchleben ist keine Unterstützung, sondern eher eine Strafe ohne Gerichtsurteil für eine Tat, die nie begangen wurde“, schrieb ein Leser. Vom gesellschaftlichen Sein sind Betroffene weitestgehend ausgeschlossen. Ihr Leben wird von Unsicherheiten bestimmt, Entscheidungen über die eigene Zukunft fällen immer öfter andere. Lebensträume, die unwiderruflich den Bach hinuntergehen. Und treffen kann es jeden.
Besonders gestraft sind dabei die Kinder.

Teilgenommen an der Aktion hat auch Joachim Gries. Er schreibt in der Celleschen Zeitung u.a.

Nein, gehungert habe ich nicht. Auch meine Mitstreiter haben bestätigt, dass das für Lebensmittel vorgesehene Geld ausreicht. Bei den kleinen Freuden des Lebens, der kleinen Belohnung zwischendurch, wird’s schon eng.
Auch Kultur ist ein „Lebensmittel“, ein Konzert, ein Kino- oder Ausstellungsbesuch lassen mich mitreden in der Gesellschaft. Doch für den ALG-2-Empfänger liegt das nur selten drin. Wie gut, dass es wenigstens Büchereien gibt, die Lesestoff für wenig Geld vorhalten.
Schwierig war es bei dem Planspiel, der normalen Arbeit nachzugehen und doch mit nur 345 Euro im Monat auszukommen. So gut es ging, wurde eben beruflich und privat getrennt. Für private Fahrten habe ich mein Auto seit Aschermittwoch knapp sechs Kilometer bewegt. Vermutlich würde der Wagen ganz auf der Strecke bleiben, denn allein für Steuer und Versicherung würde mein Autochen rund 13 Prozent meines monatlichen Etats verschlingen.
Beschämt hat mich, was wir von tatsächlichen ALG-2-Empfängern erfuhren. Das reale Leben hat keinen Eingang in die Buchstaben des Sozialgesetzbuches gefunden. Da werden Menschen zusätzliche Gelder für notwendige Medikamente verweigert, da dürfen Eltern nicht auf Extra-Unterstützung beim Kauf von Lehrmitteln für die Kinder hoffen. Der Etat eines ALG-2-Empfängers sieht nicht einen Cent für Bildung vor. Wo doch jeder Politiker vom Wert der Bildung in der heutigen Welt redet. …
Quelle bzw. der ganze Artikel

Auch der Lüneburger Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen und seine Frau haben als Teilnehmer mitgemacht. Et hält die Grundsicherung nach Hartz IV für zu gering bemessen. „Man stirbt davon nicht, aber man kann auch nicht richtig leben mit dem Geld“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst.

… 345 Euro im Monat für den Haushaltsvorstand und weitere 311 Euro für eine weitere Person standen den Jantzens bei ihrem Selbstversuch zu. „Das haben wir hoffnungslos überzogen“, sagte der Regionalbischof. …

Teilnehmer der Aktion „Sieben Wochen leben mit Harz IV“ dürfen eine Überschreitungsliste führen, in der sie notieren, wo sie zu viel ausgegeben haben. Bei Jantzens fielen vor allem Fahrtkosten für Besuche bei Freunden ins Gewicht. „Am schmerzlichsten haben wir empfunden, dass soziale Kontakte sehr eingeschränkt werden“, sagte der Landessuperintendent. Auch Gäste zu empfangen sei mit dem Budget kaum möglich. Hartz IV schließe von gesellschaftlicher Teilhabe aus.

Eine Wohnung, wie sie der Gesetzgeber für das Ehepaar vorsehe, sei in Lüneburg nicht zu bekommen, sagte Jantzen weiter. „Wir müssten aufs Dorf ziehen. Das würden wir nicht wollen.“ Schon die Formulare, die er zum Beantragen des Arbeitslosengeldes II habe ausfüllen müssen, hätten ihn eingeschüchtert: „Ich verstehe oft die Sprache nicht.“ Auch der Sinn mancher Fragen erschließe sich ihm nicht. Vielmehr habe er sie als Eingriff in die Privatsphäre empfunden.
Quelle

Es kann gut sein, daß es noch an anderen Stellen im Internet Erfahrungsberichte von Teilnehmern gibt, aber ich denke, die hier zitierten vermitteln einen Eindruck, was das Resümee der Teilnehmer an der Aktion angeht.

3 Gedanken zu „7 Wochen mit Hartz IV – ein Resümee

  1. Armut ist hart – das ist das Resümee.

    Armut macht krank. Armut macht aggressiv. Armut sorgt dafür, dass man leicht zum Opfer wird. Armut grenzt aus. Armut macht ängstlich. Armut führt in die Sackgasse aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

    Das ist das, was die Teilnehmer in ihrem Leben hoffentlich nie erfahren müssen.

  2. In der Schweiz wird diese Debatte (Sozialschmarotzer, Scheininvalide etc.) auch sehr hart geführt und ich lebe in einem Quartier, in dem sehr viele Leute Sozialhilfe oder Invalidenversicherung beziehen. Ich will nichts schön reden (weil das den Rechten nur Stimmen bringt), es gibt Fälle von Schwarzarbeit neben Sozialhilfebezug, und es gibt Mauscheleien.

    Aber ich kenne drei Sozialhilfeempfängerinnen mit Kindern näher. Und die leben schlecht. Ihr Möbel sind geschlissen, die Kosten für die Ferienlager der Kinder werden nur einmal jährlich genehmigt. Wenn eine Wohnung ein paar Quadratmeter „zu gross“ ist, müssen die Frauen das irgendwie selber berappen, jedes Geburtstagsgeschenk wird von der zuständigen Sozialarbeiterin budgetiert, Ferien sind höchstens alle drei Jahre möglich und es gibt klare „Empfehlungen“, wohin man zu gehen hat.

    Auf die Invalidenversicherung wartet man in der Regel 1-2 Jahre und lebt in der Zwischenzeit auch von Sozialhilfe, die man dann zurückerstatten muss, sobald das IV-Geld da ist. Auch muss Sozialhilfegeld ganz oder teilweise zurückerstattet werden, wenn man wieder einen Job hat.

    Alte Menschen, die daheim bleiben und mit geringem Aufwand gepflegt werden könnten, müssen ins (viel, viel teurere) Heim, weil die Sozialhilfe die Pflege nicht übernimmt.

    Wenn etwas kaputt geht, was nicht vorgesehen ist, wie zum Beispiel ein Bett, auf welchem die Kinder zu stark rumgehüpft haben, muss man einfach warten, bis einem der Ersatz von irgend einem Hilfswerk oder der Kirche zugewiesen wird. Und wenn die grad kein Bett in Petto haben, schläft man eben so lange auf dem Boden.

    Was reduziert wurde, sind die Predigten auf dem Sozialamt. Inzwischen ist klar, dass dort fast niemand freiwillig hingeht und diesen Leuten wird die Moralapostelei erspart. Bei den wenigen, die extra zum Sozialamt gehen, nützt es nichts, bei den anderen ist es bloss ein weiterer Sargnagel, ihnen beispielsweise wöchentlich die Spielschulden des Partners vorzuhalten.

  3. Jeder der die geringen Bezüge für ungerecht empfindet kann sich selbständig für Sozialhilfeempfänger nützlich machen. Oder ihnen Geld aus der eigenen Kasse überweisen. Den anderen sollte man schon selbst überlassen ob sie den ganzen Monat für andere schuften wollen. Anstrengung sollte belohnt werden.
    Wer das anders sieht kann bitte sein Geld spenden.
    Oder die Kirche gibt etwas von ihrem Milliardenvermögen ab.. das wäre doch mal was.

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