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Sichtweisen

Die Männer haben hart gekämpft. Sie haben Gesetze geschaffen, Städte gebaut, Autobahnen und Atomkraftwerke. Sie haben Zeitungen gegründet und Geschirrspüler verkauft. Sie haben Faust I und II in mehreren tausend Varianten auf die Bühnen gebracht. Es fehlt nicht viel, und sie wären zum Mars geflogen. Die deutschen Männer sind Helden. Sie haben einen großartigen Wirtschaftssieg errungen: Das Land ist wieder aufgebaut. Es ist eines der reichsten der Erde geworden.

Nun kehren die neuen Sieger aus ihren Vorstandszentralen und Hauptquartieren zurück. Sie wollen sich zu Hause ihres Sieges freuen. Sie wollen sich zu ihren Frauen auf die Gartenbank setzen und ihren Kindern beim Spielen zusehen.
Aber siehe da: Zu Hause steht die Wiege leer und die Frau ist arbeiten.
Der deutsche Mann sitzt allein auf seiner Gartenbank.
Die Autos, die er gebaut hat, fahren, die Flugzeuge fliegen, die Glaspaläste funkeln in der Sonne. Aber niemand ist da,
der sich mit ihm darüber freut. Niemand, der es erben wird.
Der Held ist einsam.

Wir leben in dieser Zeit nach den großen Heldentaten der Nachkriegszeit: nach dem Wiederaufbau, nach der Wiedervereinigung,
nach der industriellen, nach der sexuellen, nach der virtuellen und nach der gentechnologischen Revolution.
Wir haben den Fortschritt gewollt, haben an ihn geglaubt und haben ihn bekommen. Noch nie ist eine Generation materiell so gesegnet gewesen wie die unsere. Noch nie haben Menschen in größerer Bequemlichkeit gelebt als wir.

Wir leben in einer Zeit des Jammerns, der Verlustängste und der Verunsicherung.

Niemand weiß, ob es wirklich so schlimm ist, wenn wir immer weniger werden. Wenn wir, wie vorausgesagt, im Jahr 2050 die Bevölkerungszahl von 1950 wieder erreicht haben werden. Weniger Menschen, heißt das nicht auch weniger Belastungen? Weniger Staus, weniger Autos, weniger Flugzeuge, weniger Müll, weniger Kranke, weniger Verbraucher, weniger Umweltverschmutzung. Mehr Platz, mehr Entspannung, mehr Ruhe, Wildschweine und Schafe auf den Autobahnen, frischere Luft und Sitzplätze im Intercity. Schweden ist schließlich ein herrliches Land, nicht zuletzt deswegen, weil es dort so wenig Schweden gibt.

Beide Zitate aus Iris Radisch: Die Schule der Frauen

3 Gedanken zu „Sichtweisen

  1. Ja, ich frage mich schon lange, warum es schlimm ist, wenn ausgerechnet wir Deutschen weniger werden. Wir sind doch schon genug. Jeder weiß, dass es der Erde nur gut tun kann, wenn die Menschen wieder etwas weniger werden.

  2. Ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu Frau Radisch. Aber nach diesem Beitrag also Zitat, habe ich mir das Buch bestellt. Danke sehr.

  3. oha, Tanja, dann hoffe ich mal, daß Du das nicht bereust. Ich kenn ja auch nur Auszüge und weiß nicht, wie das ganze Buch ist.

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