Soziales

Verlorenen Balance

»Die Toten des Systems gehören leider zu der großen, großen Bewegung, die der Fußball ist.«
Antonio Matarrese, der Liga-Ausschuss-Vorsitzende

In Italien ist am vergangenen Wochenende wieder mal ein Mensch bei Fußball-Krawallen ums Leben gekommen. Der 38jährige Polizist Filippo Raciti wurde von Hooligans getötet. Es scheint, in Italien wird man der Gewalt in den Stadien nicht mehr Herr. Der Innenminister hat davon gesprochen, die Polizei nicht mehr in die Stadien zu schicken, wenn nichts geschieht, weil er seine Männer nicht länger einer so großen Gefahr aussetzen könne und wolle. Sprich, die Vereine, sollen für Abhilfe sorgen. Umgekehrt gibt es Vertreter der Vereine, die den Ball an den Staat zurückspielen und verlangen, der Staat solle die Gesetze auch in den Stadien durchsetzen. Was dabei am Ende herauskommt, ist höchst fraglich.

Auch in Deutschland geht es teilweise in und um Stadien herum höchst gewalttätig zu, zunehmend in der 2. Liga. Bei all den Bemühungen des Staates Geld zu sparen, wundere ich mich immer wieder, daß noch kaum Stimmen laut geworden sind, die mal der Frage nachgehen, welche Summen an Steuergeldern nur dafür ausgegeben werden an Wochenenden irgendwelche verfeindeten Fan-Clubs auseinanderzuhalten bzw. irgendwelche Idioten, denen es teilweise nicht mal um den Fußball geht, sondern nur um die Randale halbwegs unter Kontrolle zu halten. Warum regt sich da eigentlich niemand kaum jemand darüber auf?

Während - nur als ein Beispiel - z.B. Frauenhäusern die finanzielle Unterstützung gestrichen wird, weil man angeblich sparen muß, werden Millionen Euro Steuergelder dafür ausgegeben, daß die Fußball-Party weitergehen kann. Party ist wichtiger als Hilfe für Menschen, die sie wirklich benötigen - eine ziemlich besorgniserregende Entwicklung, finde ich. Vergnügen und natürlich auch die Möglichkeit viel Geld damit zu verdienen, haben längst dazu geführt, daß sich eine starke Lobby gebildet hat, die solche Vergleiche und Fragen gar nicht erst aufkommen läßt bzw. gleich im Keim erstickt. Ich habe nichts gegen Fußball oder Fußball-Fans, die wirklich nur ihr Vergnügen wollen. Aber die hohen Kosten verursachen inzwischen Andere und nur weil diese »Anderen« (noch) eine Minderheit in der großen Gruppe der Fans darstellen, wird das einfach so hingenommen und akzeptiert - auch von uns, den Steuerzahlern.

Wenn ich mir überlege, wie hoch die Steuern in Deutschland inzwischen sind, finde ich, daß wir als Bürger viel zu wenig Möglichkeiten haben dabei mitzureden, wofür diese Steuern eigentlich eingesetzt werden. Ärgerlich ist das, vor allem, weil es am Ende wieder mal die Schwachen der Gesellschaft sind, die es trifft und die es ausbaden müssen.

Die Aussage von Antonio Matarrese macht trauriger Weise wohl nur deutlich, was viele andere inzwischen genauso denken, aber nicht so deutlich aussprechen würden.

5 Gedanken zu „Verlorenen Balance

  1. Ach Liisa… Du hast ja soooo Recht, da kann man sich wirklich fürchterlich drüber aufregen.
    Ich erinnere mich allerdings, vor längerer Zeit einmal in den Hamburger Zeitungen gelesen zu haben, daß man die Vereine zur Kasse bitten wollte, d.h. die sollten die Polizeieinsätze, die für ihre Spiele nötig sind, bezahlen. Da ich nun gewöhnlich nichts lese, was mit Fußball zu tun hat, weiß ich nicht, ob das durchgesetzt wurde. Wenn nicht, gehörte es aber dringend wieder auf die Tagesordnung bzw. sollte unbedingt so gehandhabt werden - auch auf die Gefahr hin, daß das für die Vereine teuer wird und man deswegen den ‘armen’ Spielern weniger Gehalt zahlen kann.

  2. Wenn ich mir überlege, wie viel Geld im Fussball steckt, überrascht es mich schon, dass die nicht für die Polizeieinsätze aufkommen müssen. Ist das wirklich so? In einer Zeit knapper Kassen sollte das nicht sein. Immerhin ist Fussball heutzutage ja in erster Linie Kommerz und nur am Rande noch Sport.

  3. Ich weiß nicht, ob die Vereine inzwischen die Kosten tragen müssen, glaube aber eher nicht. Genau weiß ich es aber nicht und meine Versuche danach zu recherchieren haben auch kein eindeutiges Ergebnis gebracht.

  4. Im Tagesspiegel war vor einiger Zeit mal ein Artikel, der auch die Kosten für die Sicherheit zum Thema hatte (Link).

    Ich sehe Fußball auch weniger als »Party«, denn als kommerzielles Unterhaltungsprogramm - ähnlich wie ein Musikfestival oder ein Straßenfest. Ich finde schon, daß das auch eine Sache der Allgemeinheit ist, sich zum Teil an den Kosten für die Sicherheit zu beteiligen. Aber eben nur zum Teil.

  5. Danke für den Link zum Artikel. Sport auch durch die Allgemeinheit zu unterstützen ist für mich auch nicht die Frage, aber wenn Leute Krawall machen und immer mehr Polizisten immer öfter eingesetzt werden müssen, um diese Gruppe wenigstens halbwegs unter Kontrolle zu halten, dann hört der Spaß für meine Begriffe auf.

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