Literatur & Lyrik

Morddrohung

Als die Nachrichten vom Mord an Hrant Dink bekannt wurden und es hieß, Orhan Pamuk habe sich gleich aufgemacht und die Hinterbliebenen besucht und wenig später in den Fernsehnachrichten seine deutliche Verurteilung dieses Mordes gesendet wurde, dachte ich gleich bei mir: Hoffentlich wird er nicht auch noch zur Zielscheibe. Den Zorn solcher Fanatiker hat er ja sowieso schon auf sich gezogen. Von da ist es - wie ja auch der Fall Dink beweist - nur noch ein winzig kleiner Schritt bis zum ausgeführten Mord.

Jetzt wurde bekannt, daß einer der mutmaßlichen Anstifter des Mordes an Hrant Dink auch Orhan Pamuk gedroht hat, er sei der nächste auf der Liste. Ich mache mir wirklich Sorgen um Orhan Pamuk. Er ist nicht zuletzt auch durch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises im vergangenen Jahr nun endgültig an exponierter Stelle und auch seine Äußerungen zum Thema Genozid an den Armeniern, die er im Zusammenhang mit seiner Stellungnahme zum Mord an Hrant Dink bekräftigte, erhöhen sein Risiko. Um so mutiger, daß er sich unter diesen Bedingungen erneut deutlich zu Wort gemeldet hat.

Einerseits sind Schriftsteller in islamischen Ländern oft hoch verehrt, andererseits aber eben auch immer wieder Opfer von Mordanschlägen. Man denke an den ägyptischen Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus, der von einem Fanatiker auf offener Straße niedergestochen wurde oder an Salman Rushdie, der seit vielen Jahren im Exil lebt, weil sein Leben extrem bedroht war - und vermutlich immer noch ist. Man könnte viele Beispiele nennen. Im Gegensatz zu Salman Rushdie oder z.B. auch Rafik Schami, der sein Heimatland Syrien ebenfalls verlassen mußte und im Exil lebt, wird Orhan Pamuk schwerlich sein geliebtes Istanbul verlassen. Bleibt nur zu hoffen, daß ihm das Schicksal Hrant Dinks erspart bleibt.

10 Gedanken zu „Morddrohung

  1. Liebe Liisa,

    das ist ein Dilemma.

    Leider muss man manchmal vorsichtig sein: wenn jetzt alle ihre Besorgnis ausdrücken und ausmalen ..
    man kann auch vieles herbeireden..
    wäre nicht das erste Mal…

    denk bitte mal darüber nach..

  2. Ich glaube nicht, dass Liisas Text dazu beiträgt, die Gefahr für Herrn Pamuk zu vergrößern. Er ist wohl eher Ausdruck von berechtigter Besorgnis.
    Ich sehe den Text Vielmehr als Appell an uns alle, aufmerksamer zu sein und ebenfalls Stellung zu beziehen. Uns an Menschen wie Pamuk ein Beispiel zu nehmen. Wenn viel mehr Menschen eindeutig Stellung beziehen würden, wären irgendwann auch Extremisten gezwungen ihr Handeln zu überdenken. Sie sähen sich dann nämlich auf einmal einer großen Gruppe gegenüber.
    Dinge zu beschweigen kann jedenfalls KEINE Lösung sein.

  3. @ Connie - Jazzer hat eigentlich schon die Antwort gegeben, die ich auch geben wollte, ich füge nur noch hinzu, daß ich denke, Du überschätzt die Reichweite und Bedeutung meines kleinen Blogs hier offenbar um einiges. Ich kann mir schwerlich vorstellen, daß hier solche Fanatiker lesen und auf meinen Eintrag hin losmarschieren … geschweige denn, daß sie solche »Anregung« überhaupt bräuchten.

  4. Meine Reaktion auf die Nachricht war die gleiche wie bei Dir. Ging wahrscheinlich vielen so. Beeindruckt war ich über die Masse der Menschen, die bei der Beerdigung Hrant Dinks ein Zeichen gesetzt haben.

  5. Stimmt, owl, das ging mir genauso, ich war erstaunt aber auch positiv erfreut darüber. Dieses positive Zeichen sollte man durchaus würdigen und hoffen, daß es der Beginn eines Meinungsumschwungs bei der Bevölkerung ist. Ob dieses Zeichen allerdings mörderische Fanatiker von ihren Taten abhält, wage ich allerdings zu bezweifeln.

  6. Liisa,
    ich habe nicht dich alleine gemeint,

    sondern die generelle Stimmung.. wenn ständig über etwas spekuliert wird ist es schon fast herbeigeredet…

    daß mich der Mord an Hrant Dink als »Fast-Armenierin« sehr trifft, ist ja wohl klar. Und dass ich alles möchte, das solche Gewalt verhindert.

    Aber wie wir alle wissen kann eine besorgte spekulierende Öffentlichkeit auch viele kleine dumme Jungens auf falsche Gedanken bringen, wenn die was für Ihre Aggression etc. brauchen

    Wenn alle drüber reden, ist die Gefahr schon fast real

  7. Okay, Connie, es klang aber so, als ob Du mich gemeint hast - aber wenn Du sagst, so war es nicht gemeint, dann glaube ich Dir. Abgesehen davon, hast Du damit Recht gehabt, daß das ein Dilemma ist. Ich bin jedoch der Meinung, daß Schweigen tatsächlich nicht weiterhilft. Reine »Spekulation« einer besorgten Öffentlichkeit ist es auch nicht, denn die Drohung ist ja konkret und Tatsache und daß solche Typen ihre Drohungen wenn möglich wahr machen, ist ja auch hinlänglich bekannt. Wenn man solche Dinge so handhaben würde wie Du es vorschlägst, dürfte man z.B. auch nicht mehr über die Ausbreitung Rechtsradikaler oder der Zunahme rechtsradikaler Gewalt sprechen bzw. sich dazu äußern, weil das ja - laut Deiner Logik - »dumme Jungens auf falsche Gedanken bringen« könnte. Abgesehen davon glaube ich, daß solche »dummen Jungen« durch ganz andere Dinge auf solche Gedanken kommen.

  8. Zitat:«Ob dieses Zeichen allerdings mörderische Fanatiker von ihren Taten abhält, wage ich allerdings zu bezweifeln.«

    Ich leider auch! Aber wenigstens kann der Attentäter und seine Sympathisanten nicht mehr so gut behaupten, er würde nur die »Stimmung des ganzen Volkes« ausdrücken.

    Noch habe ich nichts von Orhan Pamuk gelesen. Ein mutiger Mann ist er offensichtlich, Respekt.

    Von Rafik Schami habe ich »Die dunkle Seite der Liebe« gelesen und liebe dieses Buch.

  9. Lisa,
    weisst du, es ist ein Unterschied, ob wie in deinem Beispiel Neo-Nazis allgemein thematisiert werden oder ob ein einzelner Mensch genannt wird..

    ich bin auf keine Fall für das Verschweigen, aber hier in unserem gesegneten Mitteleuropa fehlt manchmal die Sensibilität… dazu bin ich zuoft in Gegenden, wo das Leben nicht so abgepufffert ist wie bei uns und Menschen sehr schnell zu Zielscheiben werden

    Hrant Dink
    Politkaya
    und viele andere..

    Die Gefährdung akut gefährdeter Menschen ständig zu diskutieren und thematisieren gefährdet diese Menschen

    so einfach ist das und ich bitte deshalb ganz einfach um ein wenig Sensibilität

    wir sind halt gewohnt, so freiweg von der Leber zu reden, weil wir die Gefährdung nicht kennen

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