Privates

In diesem Sommer …

Es war ein Sommer in den 70ern, als wir der Einladung meiner griechischen »Tante« folgten und sie in Athen besuchten. Drei Wochen blieben wir, zwei in Athen und eine in einem Hotel direkt am Mittelmeer. Eigentlich war die griechische Tante gar nicht meine Tante, sondern eine Freundin meiner Eltern aber ich habe sie immer nur als Tante N. gekannt.

Das erste Mal trafen sie und ich aufeinander, als sie uns in Deutschland besuchen kam - ich war damals gerade mal zwei Jahre alt. Sie war eine selbstbewußte und elegante Frau, erfolgreich im Beruf, weltoffen, warmherzig und gastfreundlich und ich habe sie bei unseren Treffen eigentlich immer nur als lebhafte fröhliche Person erlebt.

Zusammen mit ihrer Mutter und Schwester lebte sie in einem eigenen kleinen Häuschen in einem Vorort von Athen. Im Zusammenhang mit ihr habe ich eigentlich nie von einem Mann reden hören, geschweige denn je einen gesehen. Es schien nie einen Vater, einen Liebhaber oder gar einen potentiellen Ehekandidaten gegeben zu haben. Als Kind fand ich das auch gar nicht ungewöhnlich - erst Jahrzehnte später realisierte ich, daß das etwas ungewöhnlich war, erst recht im damaligen Griechenland. Sie und ihre einige Jahre jüngere Schwester waren ihr Leben lang Singles und zwar überzeugte und glückliche Singles.

Als wir dann in den 70ern zu Besuch kamen, wurden auch wir in dem griechischen 3-Frauen-Häuschen untergebracht und hatten eine Menge Spaß zusammen. Sie zeigte uns ihre Heimatstadt, die sie über alles liebte. Nie werde ich vergessen wie wir - ausgerechnet zur größten Mittagshitze - auf die Akropolis stiefelten oder besser gesagt »rutschten«, denn die Steine auf dem Weg hinauf waren durch die vielen Besucher durch die Jahrhunderte glattgeschmirgelt und unser Schuhwerk war eben sommerlich ausgelegt. Irgendwie haben wir es doch hinauf geschafft und von dort oben hinabgeschaut auf Athen, ein Gewusel von Häusern, Gassen und Straßen unter einer alles niederdrückenden Hitze- und Smog-Glocke. Wir besichtigten die Akropolis und andere wichtige Bauwerke und Ruinen in der Stadt und sie zeigte uns ihre Lieblingsrestaurants in der Altstadt. Der Verkehr war schon damals absolut chaotisch und es kam selbst mir als Kind wunderhaft vor, daß trotz dem Chaos und dem ständigen Gehupe auf den Straßen kaum Unfälle geschahen oder zu sehen waren.

Sie ging mit uns auch an einen Strand - wieder zur größten Mittagshitze - und besorgte uns Kindern erstmal Plastiksandalen, denn barfuß konnte man auf dem aufgeheizten Sand keinen Schritt tun. Schön und elegant wie sie war, zog sie die Blicke der Männer schnell auf sich und als ich sie naiv darauf hinwies, daß ihr die Männer hinterherpfiffen, lachte sie nur und kümmerte sich nicht weiter darum.
Jeden Morgen zog ein alter Grieche mit einem Eselkarren durch die Straße und pries die riesigen frischen saftigsüßen Wassermelonen an und jeden Morgen stürzten wir mit der Tante hinaus und kauften ihm einige Exemplare ab, die gleich in mundgerechte Stücke geschnitten und dann im Kühlschrank verstaut wurden. Über den Tag verteilt futterten wir diese Köstlichkeit dann auf. Überhaupt die Küche war der Mittelpunkt dieses kleinen Häuschens. Am alten großen Tisch trafen sich alle und es wurden die nächsten Mahlzeiten vorbereitet, es wurde gekocht, geredet, gelacht, gegessen wieder geredet und wieder gelacht.

Es waren rundum glückliche Wochen damals in diesem Sommer in den 70ern.

Über die Jahre flaute der Kontakt ein wenig ab, ich hörte nur ab und an mal über meine Eltern von ihrem Ergehen. Dann kam der persönliche Kontakt wieder zustande. Wir schrieben uns und telefonierten ab und an mal. Irgendwann starb ihre Mutter hochbetagt und zurück blieben die beiden Schwestern in ihrem Häuschen. Natürlich betrauerten sie die geliebte Mutter, die ebenfalls eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen war aber irgendwie ging ihr Leben auch weiter wie gewohnt.

Dann erkrankte ihre jüngere Schwester und starb vor ungefähr zwei Jahren. Dieser Verlust wog für meine griechische Tante weit schwerer. Plötzlich war nur noch sie übriggeblieben und das Häuschen kam ihr, obwohl es eher klein war, riesig und verlassen vor. Sie begann sich in ihrer Trauer zurückzuziehen. Es ging ihr auch körperlich zunehmend schlechter und schließlich fiel sie in eine tiefe Depression. Es war schwierig sie zu erreichen - an schlechten Tagen ging sie einfach nicht mehr ans Telefon, weil sie sich dann auch von einem Telefongespräch überfordert fühlte. Die »schlechten« Tage nahmen zu und es hieß einige Geduld aufzubringen für all die Versuche sie doch einmal telefonisch zu erreichen.

Wenn ich es dann schaffte, einmal durchzukommen und sie zu erreichen, freute sie sich eigentlich immer riesig und es wurden meist auch ziemlich lange Gespräche. Ich hatte den Eindruck, daß ihr diese menschlichen Kontakte - auch wenn sie »nur« telefonisch waren - gut taten und etwas neue Hoffnung und Lebensmut gaben. Immer wieder lud sie mich ein, sie doch wieder einmal in Athen besuchen zu kommen. Die Planungen für einen solchen Besuch liefen mehrfach an, zerschlugen sich aber am Ende aus verschiedensten Gründen immer wieder.

Bei unserem letzten Telefonat kamen wir noch einmal auf den Sommer in den 70ern zu sprechen und sie erzählte wie sie die gemeinsame Zeit damals erlebt hat. Viele schöne Erinnerungen waren das und wieder einmal versicherten wir uns, einen Besuch bei ihr nicht aus den Augen verlieren zu wollen. Jetzt wo man ja recht günstig auch nach Athen fliegen kann, wäre das vielleicht im kommenden Sommer mal zu realisieren gewesen. Als wir uns verabschiedeten taten wir das mit dem Versprechen, bald wieder miteinander zu telefonieren.

Vor wenigen Tagen erfuhr ich nun von meinen Eltern, daß meine griechische Tante unerwartet bei einem Unglücksfall verstorben ist. Das kleine Häuschen ist in Brand geraten und sie ist, offenbar bei dem Versuch das Haus zu verlassen, gestürzt und nicht mehr auf die Beine gekommen - sie war schon hoch in den 70ern. Nachbarn entdeckten den Qualm des Feuers und alarmierten die Feuerwehr. Nachdem die den Brand gelöscht hatte, fanden sie meine griechische Tante erstickt kurz vor der Ausgangstür.

Es treibt mich um, unter welch grausamen Umständen sie ihr Leben verloren hat und es macht mich traurig, wie einsam sie trotz all ihrer Weltoffenheit und ihrem Interesse an anderen Menschen, am Ende gewesen ist. Daß sie ihr Lachen für das sie früher »berühmt-berüchtigt« war, fast ganz verloren hatte. Es tut mir leid, daß es nun für ein erneutes Wiedersehen zu spät ist und sich die vorherigen Planungen alle zerschlagen haben, so daß wir uns nicht noch einmal persönlich sehen und die Hand reichen konnten.

Den griechischen Sommer in den 70ern werde ich jedenfalls nie vergessen, Athen war und ist in meiner Erinnerung untrennbar mit ihr verbunden und ich werde mich nun endgültig bis ans Ende meiner eigenen Tage fragen, welche Geschichte dahinter steckte, daß es in ihrem Leben nie einen Mann gegeben hat - falls es doch einen gegeben hat, weiß außer diesen Beiden keiner davon.

Ich hoffe, sie hat nun ihren Frieden und auch ihr Lachen wiedergefunden.

mein Beitrag zur Aktion »Blog mir was im Januar« zum Thema »In diesem Sommer …«

4 Gedanken zu „In diesem Sommer …

  1. So eine schöne Geschichte auch mit diesem schrecklichen traurigen Ende. Trotzdem überwiegt aber der Eindruck, dass sie ein Mensch war, der Euch gut tat. Was kann man schöneres über einen Menschen sagen?

  2. Sehr traurige Geschichte, vor allem wenn man bedenkt, sie hätte es schaffen können. Aber immer wieder (traurig) beeindruckend, wie Menschen den Halt verlieren können, wenn Beziehungsgeflechte (Mutter/Schwester) sich auflösen und eine Neuorientierung nicht möglich ist. Jemanden da raus zu holen ist wirklich sehr sehr schwer und in diesem Alter wahrscheinlich fast unmöglich.
    Schön, dass Du diese positive Erinnerung behalten hast, damit lebt sie mit ihrem berühmtberüchtigten Lachen weiter!
    LG Gina

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