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… geht heute an meine Blogleserin Lotti, die mich mit einem Buch aus der kürzlich hier vorgestellten Reihe »Potsdamer Pomologische Geschichten« überrascht hat. Das war eine wunderbare Überraschung! Jetzt freue ich mich, das Büchlein zu lesen, und mir so die Wartezeit, bis die Erdbeeren im Garten reif sind, zu versüßen.

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In meinem engeren Umfeld stirbt gerade jemand. Nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt; nur wenige Jahre älter als ich. Es ist Sterben an einem Gehirntumor. Es ist klar, dass nichts mehr zu machen ist.

»Austherapiert« nennen die Ärzte das. Es gibt Fälle, da sind alle froh, wenn das Wort »austherapiert« endlich ausgesprochen wird. Nicht, weil es eine erfreuliche Nachricht wäre, sondern weil damit nochmal ein ganz anderes Kapitel aufgeschlagen wird. Es kehrt so etwas wie Ruhe ein.

Das klingt widersinning, aber es ist so. Ruhe, weil nicht mehr wie wahnsinnig nach Auswegen, Behandlungsmethoden, Wundermittelchen, etc. etc. gesucht wird. Ruhe, weil einem nicht mehr ständig Entscheidungen abverlangt werden, die man eigentlich gar nicht treffen kann, weil man sich über die volle Tragweite nie im Klaren ist, nicht einmal die Ärzte sind das. Ruhe, weil nicht mehr ständig neue Risiken, Nebenwirkungen, etc. gegeneinander abgewogen werden müssen.
Ruhe, weil ab diesem Punkt klar ist, wo es nun hingeht. Ruhe, weil alle aufhören einen reißenden Fluß, der alles mitreißt, was sich ihm in den Weg stellt, aufhalten zu wollen. Ruhe, weil das Kämpfen ein Ende findet und man sich wieder auf das eigentliche Sein konzentrieren kann.

Es ist, als wäre man eben noch in einem riesigen Wasserwirbel gewesen, der einen herumgeschleudert und es einem unmöglich gemacht hat sich zu orientieren, und plötzlich ist man heraus aus diesem Wasserwirbel und treibt zerschlagen und ermattet in ruhigerem Gewässer. Man weiß, man hat nicht mehr die Kraft, ans rettende Ufer zu schwimmen. Man weiß, es ist niemand mehr da, der einen vor dem Ertrinken retten könnte. Man weiß, man stirbt. Vielleicht im nächsten Moment, vielleicht erst in ein paar Minuten, Stunden, Tagen.

Weil man aber nicht mehr ständig vom dem Wirbel aus Behandlungen, Nebenwirkungen, Entscheidungen, Ängsten, etc. herumgeschleudert wird, sind plötzlich doch kleine Kapazitäten frei. Realisiert man plötzlich, da ist noch ein klitzekleines bisschen Restkraft übrig. Sie reicht gerade dafür aus, den Kopf über Wasser zu halten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und während man dort so treibt, beginnt man wieder zu sehen.

Das Ufer zum Beispiel und die Blumen, die dort blühen. Man dreht sich mühsam auf den Rücken und schaut in den Himmel und sieht die Wolken. Wolken, die man eigentlich sein ganzes Leben lang schon sieht. Aber jetzt erscheint es einem wie die reinste Seligkeit. Einfach nur dahintreiben, in den Himmel schauen, die Wolken angucken, wie sie dahinziehen, unberührt von den Dramen, die sich unter ihnen abspielen. Man beginnt wieder zu sehen. Das Licht der Morgensonne, wie es über die Wand neben dem Krankenbett wandert. Eigentlich so banal, aber jetzt erscheint es einem so schön, dass man das Gefühl hat, es könnte einem das Herz zerspringen vor Freude über diesen Anblick.

Die Wahrnehmung ist auf eine besondere Art und Weise geschärft. Plötzlich nimmt man ganz alltägliche winzige Dinge wahr, die einem vorher vor lauter Aktivität und Kampf gar nicht mehr aufgefallen sind. Kleinste Gesten können einen im tiefsten Herzen rühren. Der Geschmack eines winzigen Bissens Nahrung löst Erinnerungskaskaden aus der Kindheit oder Jugendzeit aus. Kann sein, man bekommt die Erinnerungsfetzen gar nicht mehr alle logisch oder korrekt zueinander sortiert. Kann sein, sie enthalten große Löcher und doch, die Gefühle, die mit den Ereignissen damals verbunden waren, sind alle wieder da.

Für den Kranken selbst reduziert sich alles auf einen kleinen Radius. Er selbst, das Bett, in dem er liegt, das Zimmer in dem das Bett steht, der kleine (oder auch größere) Ausschnitt Aussicht, den er vom Bett aus noch hat, die Tagesroutine, die Pflegeroutine, der Kreis von Menschen, der um ihn ist. Das erscheint wenig und ist doch gleichzeitig viel. So viel, dass es den Kranken anstrengt und müde macht. Aber er muss ja nicht mehr kämpfen. Wenn er müde wird, darf er die Augen schließen und sich ausruhen.

Und die, die mit ihm sind, können sich in diesen Momenten nichts Schöneres mehr vorstellen, als genau dort zu sein, wo sie gerade sind, und den schlafenden Kranken anzusehen, vielleicht seine Hand zu halten und geduldig zu warten, bis er wieder ein wenig Kraft gesammelt hat.

Kraft, die Augen noch einmal zu öffnen, Kraft für einen leichten Händedruck, oder wenigstens für ein Flattern der Finger auf der Hand derer, die sie gerade halten. Vielleicht sogar Kraft für ein paar Worte, ein Lachen oder wenigstens ein Flüstern, ein Lächeln. Und wenn die Kraft für all das doch nicht mehr reicht, dann ist das nicht mehr schlimm, dann trägt allein das Wissen um die Anwesenheit der Menschen, die einem im Leben und im Sterben wichtig sind. Es gibt keine Forderungen, keine Erwartungen mehr. Es gibt nur noch Akzeptanz und Dankbarkeit. Dankbarkeit für den mattesten Blick, den leisesten Hauch, das leichteste Zucken eines Fingers.

Scheinbar geschieht fast nichts mehr in den letzten Tagen, Stunden, Minuten, Sekunden und doch sind sie so inhaltsreich. Jede Sekunde ist erfüllt, keine Minute verschwendet. Es sind keine leichten Stunden und Tage, aber sie sind unendlich kostbar. Alle miteinander treiben auf den Horizont zu, und alle wissen, nur einer wird über den Horizont hinaus treiben. Die anderen werden vorher loslassen müssen. Vielleicht erst im allerallerletzten Moment, aber doch loslassen und den Menschen ziehen lassen über den Horizont hinaus.

*Ich bin in diesem Fall nicht selber vor Ort, ich werde nur regelmäßig informiert über den Zustand des Kranken, und den Fortgang der Situation. Ich habe aber schon mehrfach an ähnlichen Sterbelagern gesessen und zusammen mit dem, was mir erzählt wird, habe ich eine Ahnung davon, was sich abspielt. Natürlich beschäftigt mich das Geschehen gedanklich im Moment am meisten. Körperlich bin ich hier, zuhause, aber mit Kopf und Herz bin ich in diesem Hospizzimmer und warte mit den anderen auf den Moment, wo der Kranke über den Horizont hinaustreibt, aus unserem unmittelbaren Blick entschwindet und alle Quälerei, alles Leiden, alle Schmerzen für ihn vorüber sind.

*Nachtrag 24.03.: In der vergangenen Nacht ist er hinter dem Horizont verschwunden. Wir sind sehr traurig aber auch dankbar, dass sein Leiden zuende ist.

*

Ich hab es gestern vor obigem Hintergrund schon getwittert, aber da nicht alle, die hier mitlesen, auch auf Twitter sind, schreibe ich es hier nochmal:

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Obstgalerie - © Liisa

Als ich vergangene Woche auf der Buchmesse herumwanderte, fiel mir ein Stand auf, der wunderschöne Büchlein ausstellt. Schon die Cover die Büchlein zogen mich fast magisch an. Sie zeigten nämlich herrliche alte Illustrationen verschiedener Obstsorten. Es war der Stand des Vacat Verlags. Der veröffentlicht u.a. die Reihe »Potsdamer Pomologische Geschichten«; herausgegeben von Marina Heilmeyer.

Ich glaube, ich habe fast jedes Büchlein dieser Reihe in der Hand gehabt und hineingeblättert. Ich war hin und weg. Am liebsten hätte ich mir die komplette Reihe sofort zugelegt. Man erfährt sehr viel über die jeweiligen Früchte, deren Geschichte und dazu gibt es diverse Rezepte. Alles sehr liebevoll bebildert und illustriert. Ich konnte mich kaum von den schönen Büchlein trennen. Zum Glück gab es am Stand auch einige Postkarten mit den herrlichen Illustrationen. Ich habe mir einige davon mitgenommen und jetzt zuhause meine eigene kleine Galerie damit gebastelt. Die Büchlein sind allesamt auf meine Wunschliste gewandert.

*

Durch die Bücher wurde ich auch wieder daran erinnert, dass ich schon in den vergangenen Jahren mit der Idee schwanger ging, auf unserem Balkon ein bisschen zu gärtnern. Blumen haben wir ja eh immer auf dem Balkon. Ich würde gerne auch ein bisschen Obst, Gemüse und Kräuter dort wachsen lassen.

In der Vergangenheit hab ich hier ja schon darauf hingewiesen, dass meine bisherigen Erfahrungen in Sachen Pflanzen und Garten eher darauf hinweisen, dass ich nicht mit einem grünen Daumen gesegnet bin. Meine Gartenerfahrungen sind höchst rudimentär, was daran liegt, dass wir - als ich ein Kind war - nur etwa ein Jahr überhaupt einen eigenen Garten hatten, und somit auch meine Eltern wenig Gartenerfahrung hatten, in dem einen Jahr auch nicht sammeln, geschweige denn an uns Kinder weitergeben konnten.

Erst seit ich hier in Mecklenburg lebe, beginnt sich das langsam zu ändern. Zwei der WG-Mitbewohner sind nämlich recht erfahrene Gärtner, und nachdem ich meine Garten-Fremdelphase hinter mir hatte, habe ich inzwischen das ein oder andere durch Beobachtung, Fragen und aktive Arbeit dazu lernen dürfen. Verglichen mit echten Gärtnern ist das natürlich immer noch eher lächerlich. Es reizt mich aber zunehmend doch, mich der Materie noch mehr anzunähern. Daher die Idee, ein bisschen Gärtnern auf dem Balkon!

Bis jetzt bin ich noch dabei, mich erstmal mehr zu informieren und zum Thema zu recherchieren, aber eigentlich würde ich gerne noch dieses Jahr wenigstens im kleinen Rahmen anfangen, die Idee zu realisieren. Das ist aber für so einen blutigen Neuling wie mich schon der helle Wahnsinn. Es gibt Unmengen an Literatur, Webseiten, Magazinen, Ratschläge, Tipps, Obst- und Gemüsesorten, etc. etc. Kaum habe ich auf eine Frage eine Antwort, tauchen zehn neue Fragen auf.

Alles sehr spannend, aber irgendwie auch etwas beängstigend. Also mich schüchtert es eher etwas ein. »Vermutlich ist es doch alles zu kompliziert, und Du lässt besser die Finger davon!«, flüstert es in mir. »Bei Dir geht wahrscheinlich eh alles gleich wieder ein! Außerdem kostet so ein Gärtchen, selbst wenn nur auf dem Balkon, wieder zusätzliche Zeit, mal ganz abgesehen von dem Geld! Du hast doch genug anderes um die Ohren! Nee, lass das mal lieber!«

ARGH!! Ich halte also dagegen! »So schlimm ist das schon nicht. Ich kann ja klein starten! Wenn nur ein winziges Tomätchen oder »Erdbeerchen« reifen sollte, ist das schon ein Erfolg!! Was heißt hier Erfolg? Es geht nicht um Erfolg. Es geht um den Spaß, die Arbeit, die Freude (zumindest die Pflanzen und Blättchen werden von alleine wachsen!). Außerdem hängt nicht die Ernährung der kompletten WG, geschweige denn der Welt davon ab. Ich kann also vollkommen entspannt einfach loslegen und mich überraschen lassen. Erfahrungen werde ich auf jeden Fall sammeln. Und - ganz wichtig! - bevor ich es nicht ausprobiert habe, wird a) die Idee keine Ruhe geben und weiter in meinem Hinterkopf herumgeistern und b) werde ich nicht mit Sicherheit wissen, ob es nicht doch funktioniert, und ich vielleicht doch wenigstens ein bisschen Talent zum Gärtnern habe.«

Heute habe ich dann einen Züchter und Verkäufer für Obst- und Gemüseraritäten entdeckt, der sogar hier in Mecklenburg ansässig ist. Herrliche Pflanzen und Samen gibt es da zu entdecken. Ich möchte am liebsten gleich einkaufen, aber hey, nicht so schnell mit den jungen Pferden!! Was brauchen die Sorten überhaupt an Sonne, Schatten, Böden, Pflege, sind sie einjährig, zweijährige, ewiglebend und fruchttragend? Wie groß werden die Pflanzen überhaupt? Was, die Maulbeeren werden 3 Meter hoch? Okay, dann wohl eher nicht für den Balkon geeignet. So geht es in einem fort.

Natürlich braucht man zum Gärtnern auch Werkzeuge, Blumenkübel, Schnick und Schnack und da stößt man im großen weiten Internet selbstverständlich ebenfalls auf massenweise schöner Dinge, die man als Junggärtnerin uuuuunbedingt braucht *räusper* …

Zwischendrin komme ich mir dann vor, wie so ein prall gefüllter Luftballon, der eigentlich jeden Moment losfliegen will, und dann sticht jemand mit der Nadel hinein und pffrrrttt …

Das wird also in den nächsten Tagen und Wochen noch spannend hier. Ich bin gespannt, was aus der Idee wird, und ob ich später im Jahr hier »Mini-Balkon-Gärtchen«-Berichte abliefern werde oder doch noch ein Jahr warte … oder zwei … oder …

*

Endlich habe ich jetzt den Film »Shirley - Visions of Reality« von Gustav Deutsch gesehen. Die Story selbst, die Geschichte einer Frau (Shirley) im Amerika der 30er, 40er, 50er und frühen 60er Jahre, hat mich jetzt nicht sonderlich begeistert. Viel interessanter fand ich wie der Film selbst gemacht ist, nämlich indem dreizehn Gemälde des amerikanischen Malers Edward Hopper quasi zum Leben erweckt werden. Wie die Idee im Film umgesetzt wurde, ist schlicht grandios.

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