Privates ·Tagesnotizen 2017

Was schön war diese Woche

Frau am Marktstand von Pieter Aertsen

Vor vielen Jahren, war ich in Waren an der Müritz, um dort einige Tage Urlaub zu machen. Damals ahnte ich nicht im Entferntesten, dass ich einmal ganz in der Nähe wohnen würde. Ich hatte mich damals sehr auf das viele Wasser gefreut und war zunächst richtig enttäuscht, als ich feststellen musste, dass die Müritz komplett zugefroren war. Ich hatte schlicht nicht bedacht, dass es um diese Zeit (Anfang März) noch so kalt sein und alle Gewässer zugefroren sein könnten.

Allerdings legte sich die erste Enttäuschung bald, denn auch die gefrorene Müritz hat ihren ganz eigenen Reiz und ihre Schönheit. Es kommt nicht so oft vor, dass die Müritz komplett zufriert, aber dieses Jahr ist es wieder so.

Davon konnte ich mich bei einem sehr schönen Spaziergang, bei strahlendem Sonnenschein und eiskaltem Ostwind selbst überzeugen.

Das Eis ist sogar ziemlich dick. Die Eisdecke reicht zwischen 7 und 22 Zentimeter tief. Deswegen ist es eigentlich auch verboten auf das Eis hinauszugehen, weil man nie wissen kann, wo die weniger dicken Stellen sich befinden.

Trotzdem sah ich einen einsamen Schlittschuhläufer, der auf der Müritz seine Bahn zog, beschienen von der Sonne, umglitzert vom Eis und umflogen von den aufgeschreckten Möwen. Ich stelle mir das sehr schön vor, wenn man auf so einer riesigen Eisfläche einfach vor sich hinlaufen kann (im Gegensatz zu einer Eishalle, wo man ja dauernd wieder an die Bande kommt). Deswegen beneide ich ja auch die Niederländer, wenn dort die Grachten zugefroren sind und alle auf selbigen mit Schlittschuhen unterwegs sind. Grandios, das kilometerweit tun zu können! Das würde ich gerne auch mal machen.

Faszinierend finde ich immer die Geräusche, die so ein gefrorenes Meer macht. Ein bisschen unheimlich finde ich es aber auch, wie es knackt und knirscht und knistert und stöhnt und dumpf bluppt.

Inzwischen hat man angefangen, die im Hafen liegenden Schiffe, die Bootsstege, Molen und Bootsschuppen freizuschneiden, weil man fürchtet, dass der Eisdruck sonst zu stark wird und sie Schaden nehmen könnten. Doch ja, wir haben einen ziemlich kalten Winter hier dieses Jahr!

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Ich habe aus Gründen schon eine Weile mit einem elektrischen Anspitzer geliebäugelt, konnte mich aber nicht so recht für ein Exemplar entscheiden.

Während ich also noch die Vor- und Nachteile der verschiedenen Anspitzer gegeneinander abwog, hat die weltbeste WG-Genossin (die nicht wusste, dass ich mit solchen Abwägungen beschäftigt war) einen ganz tollen besorgt und mich damit am Valentinstag überrascht.

Wir begehen den Valentinstag hier nämlich auf die nordische Art, bei der sich nicht nur Liebespaare gegenseitig beschenken, sondern auch gute Freunde.

Hach, was hab ich mich gefreut und schon fleißig gespitzt! Allerdings spitzt das Ding so hervorragend, dass nun akute Verletzungsgefahr besteht, wenn man mit den Stiften hantiert. 😉

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Sehr schön war natürlich die »Überwindung des Sockenstricktraumas« über die ich ja Anfang der Woche schon schrieb. Mit dem neuen Paar Socken bin ich diese Woche schon gut vorangekommen. Langsam freue ich mich richtig darauf, noch das ein oder andere Sockenpaar zu stricken.

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Ich habe diese Woche das Bild »Marktfrau am Gemüsestand« (1567) von Pieter Aertsen (1508-1575) gesehen (siehe oben), und anschließend gelernt, dass er als erster Marktszenen, als Vorläufer der reinen Früchtestillleben, malte.

Das Original hängt in der Gemäldegalerie in Berlin. Da will ich sowieso bei Gelegenheit mal hin. Musste natürlich gleich an Anke Gröner denken, die hat das Bild bestimmt schon gesehen.

Auf das Bild bin ich gestoßen, als ich mein Buch über die Melonen las. Die finden sich natürlich auch auf dem Bild und zwar gleich mehrere Sorten. Mir gefällt das Bild mit diesem Reichtum an Gemüse und Obst. Kunsthistoriker gehen aber wohl davon aus, dass es keine realistische Abbildung eines damaligen Gemüsestandes ist, sondern eher ein Wunschbild. Trotzdem bildet es einen damaligen Wechsel in der Landwirtschaft ab, nämlich weg von der Selbstversorgung autarker Gruppen, hin zu einer Produktion für die Märkte. So früh hat das schon angefangen!

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Auf meinen Spaziergängen diese Woche habe ich mich immer gefreut über die Vögel, die ich dabei beobachten konnte. Besonders gefreut hat mich, dass ich mehrere Goldammern entdeckt und zum ersten Mal bewusst gesehen und identifiziert habe.

Gefreut habe ich mich über eine recht große Bläßhuhn-Kolonie die ich an der Müritz entdeckte und die lustig über das Eis stakten.

Außerdem habe ich festgestellt, dass ich den Ruf bzw. Gesang der Gimpel sehr mag. Es ist mir jetzt mehrfach gelungen, nachdem ich den Ruf identifiziert hatte, dann auch die Gimpel zu entdecken. Am liebsten würde ich mir jetzt ganz viel Vogelrufe und -gesänge draufschaffen, damit ich besser weiß, wonach ich Ausschau halten kann.

Die Nächte sind hier mittlerweile wieder sehr gefüllt von den Rufen der Kraniche und Wildgänse, die sich, scheint es, in großer Menge auf dem nahegelegenen Malchiner See sammeln. Mal sehen, ob ich da demnächst mal am späten Nachmittag hinwandere und ein bisschen den abendlichen Vogeleinflug beobachten kann.

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Gestricktes ·Kreatives ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Das Ende des Sockenstricktraumas

gestrickte Socken

Es gibt natürlich auch Erfreuliches zu vermelden. Sie erinnern sich vielleicht an meinen Sockenstricktrauma-Blogbeitrag.

Es war ein kluger Einfall, erstmal mit alter Wolle zwei Socken zur Probe bzw. Übung zu stricken. Dadurch war der Druck herausgenommen, dass alles gleich auf Anhieb gelingen müsste, und ich brauchte auch keine Sorge habe, teure Wolle sinnlos zu vernichten. Ich benutzte extra zwei unterschiedliche Wollknäuel, um am Ende nicht schon ein komplettes Paar zu haben, sondern zwei Einzelsocken.

»Learning by doing« erwies sich als gutes Konzept. Ich sah mir viele Videos an, in denen die einzelnen Schritte beim Stricken von Socken mehr oder weniger gut erklärt und vorgeführt wurden, und holte mir Praxistipps von erfahrenen Sockenstrickerinnen.

Es dauerte ziemlich lange, bis ich meine zwei Übungssocken fertig hatte, mehrfach musste ich alles wieder aufribbeln, aber ich lernte viel dabei.

Und dann war ich soweit, Ernst damit zu machen, mein Sockenstricktrauma aus der Kindheit ernsthaft anzugehen. Diesmal mit »guter« Wolle machte ich mich daran, mein erstes »richtiges« Sockenpaar zu stricken.

Die erste Socke brauchte nochmal ziemlich Zeit, die zweite hatte ich binnen 2 1/2 Tagen fertig.

Ich habe also hochoffiziell das Sockenstricktrauma aus meiner Schulzeit überwunden. Für die Welt ein Klacks, für mich ein echter Erfolg über den ich mich sehr freue.

Die nächste Socke ist bereits auf den Nadeln für ein aus dem Umfeld gewünschtes Sockenpaar.

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Literatur & Lyrik ·Nachdenkliches ·Privates ·Tagesnotizen 2017

Was los war und ist

Körperlich erhole ich mich nach der Grippe, die mich niedergestreckt hat, langsam. Seelisch bin ich ziemlich am Boden. Ich kämpfe so gut ich kann dagegen an, aber je älter der Februar wird, desto härter wird es.

Die Tage ging mir der Satz durch den Kopf: »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Diese Traurigkeit, die tief in mir wohnt. Manchmal rollt sie sich zusammen wie ein Tier und schläft eine Weile, bevor sie sich wieder regt und ihre Zähne fletscht.

Ich versuche die Traurigkeit zu zähmen. Schon so lange. Aber sie lässt sich nicht zähmen, nur manchmal etwas zurückdrängen.

Sie fletscht also ihre Zähne, und dann schlägt sie sie in meine Seele und reißt Stücke heraus.

Manchmal habe ich Angst, dass irgendwann einfach nichts mehr von meiner Seele übrig sein wird, was sie herausreißen kann. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und ich schwanke zwischen ohnmächtiger Wut und dem Zorn auf mich selbst.

Dass ich es nicht schaffe, dieses wilde Tier zu zähmen.

Dass ich es nicht in den Griff bekomme, egal was ich versuche und tue.

Dass ich am Ende immer nur, innerlich weinend, am Boden kauere und hoffe, dass wenn das Tier sich endlich zurückzieht, noch ein wenig von meiner Seele übrig ist.

Dass alles was ich tun kann ist, die blutigen Stücke aufzusammeln und notdürftig wieder zusammenzusetzen, mit Verbänden zu umhüllen und zuzusehen, wie die Wundränder sich langsam schließen.

So viele Narben sind schon auf meiner Seele, dass ich mich manchmal wundere, dass sich geschlagene Wunden überhaupt noch schließen können.

Eine Seele ist zart und zugleich unglaublich stark. Eine Seele, die es immer und immer wieder aushält in Stücke gefetzt zu werden, und sich danach immer wieder daran macht die geschlagenen Wunden zu heilen, die muss stark sein.

Und doch, dauert es - so scheint es mir - von Mal zu Mal länger, bis sich die Wunden schließen, bis die Stücke wenigstens lose wieder miteinander verbunden sind.

Dann beschleicht mich die Angst, dass diese Seele es irgendwann nicht mehr schaffen wird, sich selbst wenigstens notdürftig zu heilen. Dass sie einfach zerfetzt und blutend zurückbleibt. Und wenn dann das Tier das nächste Mal erwacht und seine Zähne fletscht und in die Seele schlägt, es einfach nur ein großes blutiges Massaker gibt und nichts mehr übrigbleibt. »Am Ende doch aufgefressen von der Traurigkeit.«

Und mit dem Mut der Verzweiflung stemme ich mich gegen das Tier und schreie ihm lautlos entgegen: Diesmal noch nicht! Das Tier lächelt böse und faucht mich an. Es spielt mit mir, wie eine Katze mit der Maus. Ich zähle die Tage. Bald ist der Februar vorbei und dann der März und dann, dann fällt das Tier in den Frühling-Sommerschlaf, und ich bin erst einmal gerettet.

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Ich lese kaum einen Artikel oder Tweet über T. Ich ertrage die hysterische Aufgeregtheit über jede seiner Gesten und Tweets nicht. Ich will nicht Anteil daran haben, ihm Tag für Tag eine Bedeutung verschaffen, die er nicht verdient.

Ich ertrage es nicht, dass fast alle nur noch über ihn und seine Taten und Untaten sprechen, während sie ihre Rücken denen zukehren, die an den Rändern unseres Kontinents weiter im Meer versinken oder in Lagern mit unhaltbaren Zuständen ausharren.

Auch wir werden später nicht behaupten können, wir hätten nichts gewusst.

Wir haben gewusst. Wir haben zugelassen. Wir haben lieber mit den Fingern auf den großen anderen Kontinent gezeigt, als uns um unseren eigenen Dreck zu kümmern, vor der eigenen Haustür zu kehren.

Wir haben uns gewöhnt an die Meldungen, dass wieder so und so viele jämmerlich ertrunken sind. Wir schütteln den Kopf und stimmen im besten Fall ein Klagelied an über das bedauernswerte Schicksal der Ertrunkenen. Aber am Ende geht uns am Arsch vorbei, denn sonst würden wir in Massen auf die Straßen gehen und dafür demonstrieren, dass es nicht sein kann, dass Menschen auf diese Weise zugrunde gehen. Wir würden unsere Politiker zwingen bessere Lösungen und Wege zu finden und zwar pronto.

Wir regen uns auf über Ts. »America first«, aber wir leben selber nach der Devise »Wir zuerst!«

So lange wir uns aussuchen dürfen, was wir abgeben, oder wie viel Zeit wir einsetzen für die, die unsere Solidarität brauchen (seien es nun Geflüchtete oder auf Solidarität angewiesene Menschen im eigenen Land, von denen es ja reichlich gibt), so lange ist noch alles in Ordnung.

Aber wehe, es geht wirklich an unsere Privilegien, unseren Besitz (materiellen wie immateriellen)! Dann ist es sehr schnell vorbei mit dem Verständnis und der Solidarität!

Wir lügen uns selbst in die Tasche und sonnen uns in unserer angeblichen Großzügigkeit und Weltoffenheit. Wir wollen lieber Hygge.

Die böse komplizierte Welt - von der wir, nur zur Erinnerung, übrigens ein nicht unbeträchtlicher Teil sind - soll bitteschön möglichst draußen bleiben.

»Das Elend da draußen hält doch keiner aus.« »Und was können wir schon tun?« Da konzentrieren wir uns lieber auf uns selbst und machen es uns selbst, und so wir Kinder haben natürlich auch denen, möglichst schön. »Es hilft ja niemandem, wenn wir auch noch Trübsal blasen.« So lauten die Argumente, die ich wieder und wieder höre. »Wir zuerst!«

Es ist zum Verzweifeln mit uns Menschheit!

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Ich denke nach über Scham und welche Rolle Scham in unserer Gesellschaft spielt. Wie sie uns dazu bringt, Rollen zu spielen, uns anzupassen, nur ja nicht aus dem Rahmen zu fallen, nicht anzuecken.

Vielleicht kommen der Hass und das Gehetze daher, dass wir einfach alle gleichschalten wollen. Alles, was irgendwie auffällt, irgendwie »anders« ist, nicht gleich auf den ersten Blick und ohne größere Anstrengung erklärbar ist, wird als bedrohlich und feindlich empfunden und Front dagegen gemacht.

Scham trennt uns voneinander, macht Solidarität unmöglich.

Wir sind lieber Richter, schnell mit einem Urteil bei der Hand.

Wer zugibt sich zu schämen (für sein Aussehen, für seine Biographie, für Ängste oder für was auch immer) wird als schwach angesehen. Bekommt im günstigsten Fall mehr oder minder kluge Ratschläge oder wird verurteilt und ausgespuckt.

Dieser Spruch »alle bekloppt«, ich mag ihn nicht. Ich wundere mich oft, wer ihn benutzt. Das sind eigentlich kluge und durchaus zur Empathie fähige Menschen.

»Ist doch nur spaßig gemeint«! Tatsächlich? Kann ich nicht so sehen.

»Alle bekloppt« - außer mir!

»Alle bekloppt«, beschämt die, die so gelabelt werden.

»Alle bekloppt« trennt mich von den anderen und nicht nur das, es hebt mich über die anderen hinaus. Mein Empfinden für das, was richtig und gut ist, wird zum alleinigen Maßstab erklärt. Meine Erwartungen, wie sich andere zu verhalten haben, wird zum alleinigen Maßstab erklärt.

Es ist ansteckend dieses »alle bekloppt«. Schnell zustimmen, schnell faven, schnell retweeten. Dann bin ich bei denen dabei, die »nicht bekloppt« sind, denn wer mag schon gerne »bekloppt«, also laut Duden »nicht ganz bei Verstand« oder »verrückt« sein? Wer möchte schon - drastischer ausgedrückt - als Idiot dastehen?

Worte beeinflussen unser Denken. Unser Denken beeinflusst unsere Haltungen und Handlungen. Was am Anfang noch »lustig« gemeint gewesen sein mag, kann sich mit der Zeit unmerklich verfestigen und zu einem Ausschlußkritierium werden.

»Alle bekloppt«, mit denen will ich lieber nichts zu tun haben! Dort die »Bekloppten« hier »ich« (und meine Freunde).

Ich bin nicht frei davon hier und da auch zu denken »alle bekloppt«. Mein Finger schwebt manchmal auch über dem »Fav-Button«, wenn jemand einen »alle bekloppt«-Tweet geschrieben hat, und ich reflexhaft zustimme. Wahrscheinlich hab ich sogar den ein oder anderen Tweet, der das unselige »alle bekloppt« enthält, gefavt. Weil ich nicht nachgedacht habe und man so schnell weiterscrollt zu den nächsten Tweets. Ich möchte das aber nicht.

Ich arbeite daran, mir die Zustimmung abzugewöhnen. Ich arbeite daran mich zu lösen von diesem Denken des »alle bekloppt«.

Das Lachen über solche Tweets ist mir schon länger ziemlich vergangen.

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Ich lese Juli Zehs »Unterleuten«. Reichlich spät, aber endlich doch. Sie schreibt über ein fiktives brandenburgisches Dorf, und es könnte auch ein fiktives mecklenburgisches Dorf sein. Ich erkenne vieles wieder. Die Typen, die Konflikte, die Mechanismen.

Vor allem aber bin ich angerührt. Angerührt, wie genau sie beobachtet haben muss, und mit wie viel Empathie sie sich den Figuren in diesem Dorfkosmos nähert, wie sie sie schildert, mit ihren Stärken und Schwächen. Nie verurteilend, sondern mit selten gewordenem Verständnis für Menschen, ihre Biographien und Brüche. Großartig!

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Privates ·Tagesnotizen 2017

Was los war am 28. Januar 2017

Ab heute soll das Wetter schlechter werden, aber gestern war nochmal ein schöner sonniger Tag.

Auf unserem Balkon ist ein gebogener Stab verankert. Der Bogen reicht über die Balkonbrüstung hinaus und am Ende des Bogens hängt das gut besuchte Vogelhäuschen. Die Tischmanieren der Besucher lassen allerdings ziemlich zu wünschen übrig, und so landet ein Teil ihrer Hinterlassenschaften (Sonnenblumenkernspelzen u.ä.) teilweise eben doch auf dem Balkon.

Wenn wir nicht irgendwann knöcheltief durch den Dreck waten wollen, müssen wir also ab und an mal eine Zwischenreinigung einlegen, mal ganz abgesehen davon, dass es auch für die kleinen gefiederten Besucher hygienischer ist.

Diese Reinigungsaktion kann natürlich nicht stattfinden, wenn das Wetter nass ist, also bei Regen oder Schnee, denn das gäbe nur ein riesen Gematsche. Deshalb nutzte ich gestern die Gelegenheit, trug den Staubsauger auf den Balkon hinaus und saugte den kompletten Balkon ab, bevor eventuell Regen kommt.

Währenddessen saßen die Meisen im Walnussbaum und zeterten um die Wette, weil ich die Frechheit besaß auf dem Balkon herumzuturnen und sie damit von ihrer Mahlzeit abhielt. Undankbares Vogelvolk!! Na gut, ich kann es ja verstehen, und deshalb habe ich mich auch sehr beeilt und so schnell es ging das Feld wieder geräumt.

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Auf meinen Spaziergang am Nachmittag nahm ich ein altes Fernglas mit und verlegte mich darauf, Vögel zu entdecken.

Erst hören, dann versuchen zu orten und dann mit dem Fernglas beobachten. Ich war aber wahrscheinlich schon etwas zu spät unterwegs, denn es waren nicht mehr viele Vögel unterwegs.

Ich finde das ungeheuer entspannend, und zu beobachten, wie sie sich verhalten, macht mir richtiggehend Freude.
Wahrscheinlich werde ich jetzt langsam doch etwas wunderlich. Ach was soll’s! Stört mich überhaupt nicht!

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Tatsächlich finde ich es schade, dass ich in meiner Kindheit oder Jugend niemanden um mich herum hatte, der mich schon damals auf die Wunder der Natur hingewiesen hat.
Niemanden, der mir die Natur wenigstens etwas hätte erklären können. Niemanden, der gesagt hätte

»Schau, hier wächst ein Kraut, das heißt soundso und daraus kann man einen Tee gegen Husten brauen«, oder

»aus diesen Gräsern lassen sich die schönsten Kränze binden«, oder

»dieser Pilz heißt soundso und mundet herrlich. Du erkennst ihn daunddaran!«

Es gab niemanden, der mir gezeigt hätte, wo die Rotkehlchen ihre Nester bauen, welche Beeren die Gimpel am liebsten mögen, und was die liebsten Verstecke der Amseln sind.

Ich war umgeben von Menschen, die die Natur eher als »GEFÄHRLICH« darstellten und empfanden.

Was man sich da alles einfangen konnte! Und erst die wilden Tiere! Und überhaupt, die Natur ist grausam!!

»Du hast wilde Brombeeren entdeckt? Die hast Du ja wohl nicht gegessen?? Iss die bloß nicht! Du bekommst den Fuchsbandwurm und dann musst Du steeeeerben!!!1!!«

»Du hast einen Fuchs gesehen? Ach, es war nur ein Eichhörnchen? Egal, ergreife bloß die Flucht, wenn Du wilde Tiere siehst! Die haben alle Tollwut und nix anderes im Sinn, als Dich zu beißen und dann bekommst DU die Tollwut und gehst elendiglich zugrunde!«

Und überhaupt, »in der Natur machst Du Dich dreckig und dann schleppst Du den ganzen Dreck wohlmöglich auch noch nach Hause! Halt Dich am besten fern von der Natur!!«

Sie können mir glauben, es grenzt schon an ein Wunder, dass meine Naturliebe in diesem Umfeld überlebt hat. Ganz ohne Folgen blieb diese Erziehung natürlich nicht.

Manche Warnsätze blieben in mir stecken, nisteten sich irgendwo ein, und noch heute kann es sein, wenn ich irgendwo in der Natur bin, dass diese Sätze plötzlich anfangen sich zu regen und an die Oberfläche meines Bewusstseins zu steigen. Dann hallt es plötzlich warnend in meinem Kopf »Pass auf! Der Fuchs hat bestimmt Schaum vorm Maul, und gleich wird er Jagd auf Dich machen und dann ist es aus mit Dir!«.

Es sind Echos aus einer längst vergangenen Zeit meines Lebens. Ich höre sie, aber ich weiß, sie sind nur Echos.

Ich laufe nicht vor dem Fuchs, der 10 Meter von mir entfernt auf dem Weg steht, davon. Ich nicke ihm stattdessen in stillem Einvernehmen zu und fühle mich seltsam geehrt, dass er mir erlaubt hat, ihn von so nah zu sehen. Dass er nicht gleich davonspringt oder sich von Anfang an verborgen gehalten hat.

Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich finde den Gedanken, irgendwo in der freien Natur zu sterben, gar nicht so furchtbar. Es gibt wesentlich furchtbarere Orte, an denen man sterben kann.

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